LESERREAKTIONEN und -BRIEFE
Golem Ausgabe Nr. 5


Sehr geehrtes Redaktions Team,
sehr geehrter Herr Cebulla,
habe soeben Ihren Artikel "Baal - eine mythologisch-kabbalistische Reminiszenz" gelesen, und möchte Ihnen auf diesem Wege ein großes Lob für Ihren hervorragenden Artikel zukommen lassen.
Sehr gründlich recherchiert - wie ja eigentlich alle Ihrer bisherigen Artikel - und sehr aufschlußreich.
In der Hoffnung, daß nicht nur Magieinteressierte ihn lesen mögen und ihre Schlüsse daraus ziehen.
mit lieben Grüßen
Agrippa.·.


Hi Frank, hallo Gundel!
Mich freut im Übrigen sehr, zu sehen, daß Eure Ernsthaftigkeit bei der Vermittlung von Hintergrund-Informationen und der Zusammenstellung unterschiedlicher Sichtungen der Materie auch die neue Ausgabe prägt! Macht weiter so!
Sebastian


Golem Nr. 4 / Das Graue Buch
Der Artikel ist sehr interessant. Was das Kapitel Sex betrifft, so steht dort zu lesen: "Dementsprechend wird vom Moment der Geburt an auf jedermann Druck ausgeübt, damit sie ihre Freisetzung von und Freude an dieser Kraft begrenzen."
Dem kann ich nur voll zustimmen. Schon im Elternhaus wurde mir eingetrichtert (der Onkel war Pfarrer), daß ein nackter Körper das bösartigste und sündhafteste ist, was es auf der Welt gibt. In der Pupertät aufkeimende Gedanken an das andere Geschlecht mußten allwöchentlich zutiefst zerknirscht im Beichtstuhl kundgetan werden, um der ewigen Höllenstrafe zu entgehen. Damals gab es noch Prügelstrafe. Und gerade die geistlichen Herren (katholische Pfarrer) haben sich in deren Ausübung besonders hervorgetan. Ich frage mich, woher der Name Frohbotschaft kommt. Ich habe Christentum immer nur als Drohbotschaft erlebt.
Ich habe mir gedacht, da muß es doch auch noch etwas anderes geben. So kam ich zur Esoterik und Magie.
Mit freunlichen Grüßen
Hans Raab


hallo frank,
irgendwie stieß ich im netz auf euer magazin der golem... und auf deinen artikel über baal, den ich gerade durchgelesen habe. ich war posotiv überrascht, denn selten findet man in solch einem umfeld (und damit meine ich, was sich so grob gesagt im mystisch-magisch-neuheidnischen bereich, auch und gerade in berührung mit bestimmten jugendsubkulturen, herumtreibt) eine so tiefgehende und wissenschaftliche herangehensweise, samt vernünftiger und sehr ausführlicher quellenarbeit. die ersten 2 abschnitte des textes fand ich sehr interessant zu lesen, da ich selber mich mit diesem kulturkreis eigentlich wenig beschäftige, es jedoch ein thema tangiert, an dem ich vor kurzem gearbeitet habe (drachenmythen). im 3. abschnitt sind mir jedoch einige punkte aufgefallen, auf die ich kurz kritisch eingehen möchte, und zwar betreffen sie deine linguistische arbeit. mir fällt oft auf, daß viele leute zu meinen scheinen, linguistik bestehe darin, irgendwelche wörter wahllos zusammenzuklauben und zu vergleichen, frei nach dem motto "paßt schon", ohne berücksichtigung von chronologie, sprachfamilien und bestätigten wissenschaftlichen erkenntnissen. natürlich heißt es dann gleich immer: "die konservative wissenschaft toleriert bloß keine abweichenden erkenntnisse", aber selbst wenn man nach revolutionären erkenntnissen forscht, sollte man wissenschaftlich sauber arbeiten... ähem, daß bezieht sich in dieser ganzen schärfe jetzt nicht auf deinen text, es fällt mir bloß oft auf, und deshalb reagiere ich wohl etwas empfindlich darauf. bei dir waren es bloß einige punkte, die mir "quergingen".
mit den nordischen götternamen sollte z.b. man vorsichtig sein, da bekanntermaßen die edda im mittelalter von einem christen zusammengedichtet wurde, der es als exzentrisches hobby betrachtete, fragmente alter skaldendichtung zu sammeln und mit viel leim aus christlichem und antik-philosophischen gedankengut zusammenzukitten.
kein wunder, daß dann auf einmal in der angeblichen (und im grunde noch sehr wenig erforschten und herausgefilterten) nordischen tradition so viele parallelen zu östlichen mythen und symbolen zu finden sind... eine keltische sprache - du erwähnst nicht mal welche - ohne irgendwelche zwischenschritte mit den semitischen zu vergleichen ist auch höchst fragwürdig...
die keltischen sprachen nehmen in der indogermanischen familie eine sonderstellung ein, da sie einerseits viele sehr alte indogermanische merkmale konservierten, andererseits als westliche sprachen dieser familie gerade in der morphologie viele einflüsse aus den vorindogermanischen sprachen nordwesteuropas aufsogen.
man ist sich heute auch einig, daß es nicht "die" megalithkultur gibt, sondern (ähnlich wie bei tierarten an weit entfernten punkten der erde, die unabhängig voneinander ein ähnliches äußeres entwickelten) eben verschiedene megalithkulturen, in denen die steine ganz ganz unterschiedliche funktionen hatten, die man keinesfalls alle über einen kamm scheren, geschweige denn auf das "phallische" reduzieren kann.
die nord- und westeuropäischen megalithkonzepte kamen aus spanien in einer nachgewiesenen wanderbewegung nach mitteleuropa und über den seeweg nach irland und schottland. sie sind die kulturellen produkte der erwähnten vorindogermanischen bevölkerung, die mit dem zweistromland überhaupt nix zu tun hatte ("ursprung jeglicher zivilisation"? oh oh oh, bißchen vorsicht, das wird heute kein wissenschaftler, konservativ oder revolutionär, mehr so ausdrücken) und die balten, tja... das ist eine relativ neuzeitliche und von keinem der so bezeichneten völker ursprünglich selbst verwendete namensgebung. die pruzzischen, litauischen und lettischen stämme hatten verschiedenste eigenbezeichnungen und wurden zusammenfassend in den ältesten quellen mit einem latinisierten begriff bezeichnet, der mir gerade nicht einfällt, aber gar nichts mit balten zu tun hat, es war ein ganz anderes wort.
dann fällt mir gerade noch wieder deine aussage "In dieser Danu (Anu, Anna) kann man ohne Schwierigkeiten Anat wiedererkennen." auf - doch, ich habe da schwierigkeiten, weil mir wieder die linguistische kette fehlt. mit dem kabbalistischen kenne ich mich nicht so aus, deshalb sage ich dazu nichts. bloß die runen gehen mir da auch quer, ich beschäftige mich seit jahren mit runen, und sträube mich immer gegen ihre kabbalistische vereinnahmung, da sie aus einer völlig anderen ecke kommen.
zu dem äonischen zeugs zitiere ich mal einen netten menschen, der meine eigenen gedanken in klasse worte gefaßt hat:
"Fifth Aeon? Hail Eris! - Did I miss the previous four? Who labelled them? What gave them the right? - There are no Aeons; the only constant is change. Human evolution (biological, cultural, spiritual, etc.) is too interesting, varied, and strange to try to categorize into four (or any number) of "Aeons". This Aeonic crap is bullshit made up by people who like to feel they are on the verge of something great----invaribaly, Aeonists always say that we are on the border of two Aeons, moving from the old into the new. Their proof is the radical changes taking place in the world. But here's the real kicker: The world is always undergoing radical change. Duh."
tja, nun hoffe ich, daß ich dich mit meiner kritik nicht verärgert habe oder so etwas, denn grundsätzlich hatte ich wirklich einen positiven eindruck von deiner arbeit. hättest du übrigens für den golem interesse an dem oben erwähnten drachen-mythentext?
rabengrüße,
claudia mona

* * *

Liebe Claudia,
erstmal vielen Dank für Dein ausführliches Feedback zum Baal-Text. Ich möchte so darauf antworten, daß vielleicht eine Klärung eventueller Mißverständnisse bzw. Eine fruchtbringende Diskussion offener Fragen möglich wird. Am Anfang ist mir wichtig zu betonen, daß ich trotz einigermaßen seriöser Herangehensweise an das Thema keine objektive Wahrheit ("Das IST so und nicht anders ...) dafür in Anspruch nehme. Vielmehr geht es um eine gemischte Zusammenstellung von historischen Fakten, mythologischem Material, eigenen Gedanken, kabbalistischen Spekulationen u. drgl., einzig und allein mit dem Ziel, Ausgangs-, Ansatz- und Diskussionspunkte für die eigene magische Persön-lichkeitsentwicklung des Lesers zur Verfügung zu stellen. Daher möchte ich nicht zu den vielen Autoren gezählt werden, die immer so tun, als wären sie selbst dabei gewesen und die Relativität ihrer eigenen Sichtweise nicht wahrnehmen können ...
Zur "linguistischen" Herangehensweise im Text: Vermutlich würde tatsächlich ein akademischer Etymologe die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und nicht müde werden, die "wissenschaftliche", "gesicherte", "bewiesene" usw. Version zu propagieren. Aber das, was ich im Text (und in einigen anderen Artikeln, die ich geschrieben habe) diffus als Ursprache oder Ursilbenlehre bezeichne, verwendet zwar gelegentlich etymologische Erkenntnisse (d.h. im Sinne des Wortursprungs oder der Wortherkunft), ist aber keine Etymologie und daher (so leid es mir tut) vermutlich völlig unwissenschaftlich :-)
Es würde eines eigenen Artikels bedürfen, um zu erläutern, was ich unter diesem Ursprachen-Begriff verstehe. Meines Wissens haben in der Neuzeit nur die Ariosophen (deren Arbeiten aufgrund ihrer ideologischen Nähe zum Dritten Reich unaussprechbar geworden sind) und Arnold von Keyserling einen ähnlichen Angang mit Ursilben, Runen etc. gewählt. Da ich mich lange Zeit und immer wieder mit der hebräischen Kabbala befaßt habe, ist diese Art der Zusammenstellung von Informationen für mich vorrangig eine kabbalistische, auch wenn es nicht um hebräische Sprache, sondern in diesem Fall um einen kulturübergreifenden Sprachvergleich geht. Wichtig ist mir, daß es sich dabei um eine Art spekulative Denkmethode handelt, die dann als funktionierend gelten kann, wenn sie fruchtbringende Ergebnisse zeitigt. Ich hoffe eigentlich in meinem Artikel demonstriert zu haben, daß es solche, teilweise recht überraschenden Ergebnisse in der Tat gibt (z.B. im Nebeneinander des kelt. Belenos, des germanischen Baldr und des kanaanitischen Baal). Dabei ist für mich die offensichtliche Problematik eines wissenschaftlichen Sprachvergleichs zwischen einer keltischen, einer germanischen und einer semitischen Sprache - ehrlich gesagt - nebensächlich.
Nebenbei erwähnt, findet man in etymologischen Standardwerken (z.B. Pfeifer) auch den Rückgriff auf indoeuropäische Ursilben, die es in dieser Form nie gegeben hat (selbst wenn man sie noch so oft gesichert "rekonstruiert"), sondern nur eine offensichtlich einigermaßen stimmige Arbeitshypothese darstellen. Die häufig so genannten wissenschaftlichen "Beweise" hängen in der Regel von einem genau bestimmten Begriffs-, Bedingungs- und Definitionskatalog ab (der meistens verschwiegen wird) und können daher auch nur Gültigkeit innerhalb dieses spezifizierten Bereichs beanspruchen. Da Dir die Runen am Herzen liegen (mir auch!), möchte ich Dir mal ein Beispiel aus meinem persönlichen Erleben erzählen.
Vor einigen Jahren besuchte ich einen Vortrag des designierten akademischen Runen-Experten Deutschlands Prof. Dr. D. (seinen Namen verschweigen wir an dieser Stelle lieber :-) von der Uni Göttingen.
Nach ungefähr dem halben Vortrag wurde mir klar, daß dieser hochgebildete, absolut seriöse und rhetorisch perfekte Mann über alles mögliche redete, nur nicht über Runen! Woran lag das?
Die Antwort war ganz einfach. Der Runen-Professor sprach über Runen als spätgermanische Buchstaben, so wie heute in der Schule Buchstaben lediglich als Bestandteile von Worten gesehen werden. Da die Verwendung von Runen als übliche Schrift nicht älter als ca. 1000 Jahre ist (Fund der Fibel von Meldorf 50 u.Z.), fallen alle Zeichen, die älter sind, nicht in seine Definition und sind ergo per definitionem auch keine Runen.
Auch die Nachfrage eines alten Mannes aus dem Auditorium, ob er denn keine Verbindung zu neolithischen oder wenigstens megalithischen Zeichen sähe, änderte daran nichts.
So wurden die runischen Schriftzeichen auf den Rentierknochen von Rochebertier (ca. 30000 Jahre alt) und die runischen Funde im frz. Glozel (möglicherweise noch älter) unter den Teppich gekehrt, weil sie keine Buchstaben im Sinne einer heutigen wissenschaftlichen Definition sind. So verstand dieser Wissenschaftler selbstverständlich ebenfalls nichts von den magischen, mythologischen, hieroglyphischen usw. Aspekten der Runen. Auch hier wieder aus einem ganz einfachen Grund: Da das wissenschaftlich-materialistisch-rationale Weltbild Magie als irrationalen Aberglauben ablehnt, kann es damit auch nur auf zweierlei Weise umgehen: es als primitive Denkstufe primitiver Vorzeitmenschen abtun oder - ignorieren. So viel zum Thema Wissenschaft. Ich habe selbst eine Naturwissenschaft studiert und könnte noch mehr zu diesem Thema erzählen ...
Vielleicht kennst Du auch die Bücher von Paul Feyerabend, der Sinn und Unsinn von Wissenschaft meiner Meinung nach ausreichend dargestellt hat ...
Die Verwendung des Wortes "Megalithkultur" implizierte im Artikel nicht ein homogenes, kulturell einheitliches Volk, sondern lediglich die Tatsache, daß es in einer historisch gesehen recht engen Zeitspanne überall in Europa, Nordafrika (teilweise sogar Zentralafrika), Nahen Osten usw. das Verlangen gegeben hat, auf eine tatsächlich sehr komplexe Weise (Siehe dazu z.B. das Buch "Das Gedächtnis der Erde" von Paul Devereux) megalithische Bauten zu errichten. Diese Bauten waren natürlich beileibe nicht immer "phallisch".
Im Text erwähne ich lediglich den Baal-Peor, der in einer für meine Begriffe "phallischen" Konstellation verehrt wurde (was für einen Fruchtbarkeitsgott nicht einmal besonders merkwürdig ist).
Ebenso bin ich selbstverständlich nicht unbedingt der Meinung, daß das Zweistromland die Wiege der menschlichen Zivilisation ist (im Text nenne ich das eine "Schulweisheit"). Das ist also einfach ein Mißverständnis.
Ich denke, daß wir sehr wenig über die wirklichen Zusammenhänge in diesen unvorstellbar alten Zeiten wissen und zu diesem Nichtwissen auch stehen sollten (Stonehenge ist viel älter als die Pyramiden und trotzdem ist der Gedanke von primitiv-zotteligen Affenmenschen im Europa der "Steinzeit" nicht aus unserem Hirn zu kriegen!). Von Atlantis, Lemuria, Mu und den Außerirdischen :-) ganz zu schweigen.
Bezüglich der Balten gebe ich Dir gern Recht. Es war nur eine Assoziation, die ich da hatte; es gibt wohl bis jetzt keine ernsthaften Anhaltspunkte für einen eventuellen Baal-Kult.
Warum die nordisch-germanischen Götternamen unsicher sein sollen, ist mir nicht ganz klar. Sicher, vielleicht einige Lautverschiebungen, Vokal-Austausch o.ä., aber im Großen und Ganzen ist die Konsistenz mythologischen Materials über erhebliche Zeiträume hinweg immer sehr beachtlich.
Die Gegenüberstellung Baldur/Nanna - Baal/Anat finde ich persönlich auch etymologisch stimmig (siehe auch die Bedeutungs- und Übersetzungsübereinstimmung zwischen Baldur und Baal), zumal meines Wissens die Tuatha de Danaan auch aus dem Vorderen Orient nach Europa (und schließlich nach Irland) eingewandert sein sollen.
Zum "äonischen Zeugs" habe ich vor, demnächst einen ausführlichen Artikel zu schreiben, der vermutlich wohl sogar Deiner Haltung zu diesem Thema gar nicht so fern sein dürfte. Da können wir ja unsere Diskussion fortsetzen ...
Liebe Grüße an Dich
Frank
Redaktion DER GOLEM

 
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