SCHÖPFUNG AUS DEM LEHM

Der Golem in Geschichte, Mythos und Magie
von Frank Cebulla

Teil 3 (erschienen im GOLEM Ausgabe 3 Imbolc 2001)


"Deshalb muß eine höhere Kultur dem Menschen ein Doppelgehirn geben, einmal um Wissenschaft, sodann um Nicht-Wissenschaft zu empfinden: Im einen Bereich liegt die Kraftquelle, im anderen der Regulator."
Friedrich Nietzsche

"Nach R. Jeremija ben Eleasar bildete Gott in der Stunde, wo er den ersten Menschen erschuf, ihn als Androgynos,
wie es heißt ‘Mann und Weib erschuf er sie!"
Rabba, Midrasch Beresch


In den ersten beiden Teilen dieser Artikelserie habe ich versucht, einen zusammenhängenden und zusammenfassenden Einblick in die magische Materie der Golem-Sage zu geben und ihren tiefgründigen, okkult-kabbalistischen Hintergrund zu beleuchten. Doch ein wirklicher Mythos zeichnet sich dadurch aus, daß eine klare Deutung seines Inhalts und Fundaments nicht nur nicht möglich erscheint, sondern auch wenig hilfreich. Gerade im Gegensatz dazu werden im Laufe der Bearbeitung eines mythischen Themas eine ganze Reihe von vorher verborgenen Ebenen offenbar, die den Blick in neue, genauso aufregende Gefilde weiterlenken. In dem Sinne bietet dieser dritte und letzte Teil eine eher lose Zusammenstellung von Ideen, Verknüpfungen, Assoziationen und Wissens-Bausteinen zum Golem-Thema, die einen offenen Horizont zurücklassen und Möglichkeiten für eigene weiterführende Gedanken und Forschungen bieten sollen.

1. Zusätzliche kabbalistische Details:

Beginnen wir mit einigen ergänzenden kabbalistischen Informationen, die dem Stoff, aus dem die Golem-Überlieferung gewebt ist, noch sehr nahe liegen. Das Wort ‘Golem’ wird im Hebräischen GLM, mlg geschrieben[1]. Ein Grundaxiom der Kabbala besteht darin, auf den inneren, okkulten Zusammenhang von Worten zu verweisen, die den gleichen Zahlenwert besitzen. Da im Hebräischen Buchstaben immer auch gleich Zahlen sind, erhält man den Zahlenwert durch einfaches Bilden der Quersumme:

m + l + g = mlg
40 + 30 + 3 = 73

Worte mit dem gleichen Zahlenwert wie Golem (73) sind z.B. Belial, der Buchstabe Gimel ausgeschrieben lmg, vollbringen, unedel, Sichel und die Sephira Chockmah hmkc[2]. Für den ersten Blick scheint dieser "semantische Salat" keinerlei Bedeutung zu besitzen, doch schauen wir kurz zurück: Die Rabbis weisen darauf hin, daß das Werk der Golem-Magie in reinem Chockmah-Bewußtsein vollbracht werden muß. Während der Magier selbst ohne Sünde (edel) sein soll, knetet er den unedlen (geistlosen) Körper des Golem mit dem Lehm von Mutter Erde und Wasser. Der fertige Golem ist dem Willen des Magiers unterworfen und kann durch diesen wieder dem Tod anheimfallen (Sichel). Außerdem hat der Buchstabe Gimel g den Zahlenwert 3 und verweist damit auf die 3. Sephira im kabbalistischen Lebensbaum Binah, die Mutter und auf den dritten Tarottrumpf (II Die Hohepriesterin). Gimel ist im Lebensbaum dem Pfad zwischen Tiphareth und Kether zugeordnet, die Verbindung des Höheren Selbstes mit der schöpferischen Quelle des Universums. Oder anders ausgedrückt: Durch die Verbindung des Magiers mit seinem Höheren Selbst vermag er zur Fähigkeit der göttlichen Schöpferkraft aufzusteigen. Gimel g findet sich im Wort Golem selbst (GLM), dazu noch Mem m (= Wasser) und Lamed l (= Ochsentreibstock). Im Sepher Jezira, dem Buch der Schöpfung, wird Chockmah direkt dem Element Wasser zugeordnet. Vor unseren Augen entsteht damit eines jener merkwürdigen symbolischen Netze, wie sie die Kabbala so oft offenbart.
Der Golem ist vorerst nichts weiter als Wasser (m) und Erde (= Malkuth = 10 = 7 + 3 = 73 = mlg), wird aber durch das magische Feuer[3] des Magiers mit luftigem Geist (a = 1) belebt. Fügen wir zur 73 noch diesen Luftanteil (1) hinzu, ergibt sich 74 (7 + 4 = 11). Mit 74 korrespondieren solche Worte wie Führer, Oberhaupt, Wellenschlag, Wissen, der Buchstabe Lamed ausgeschrieben dml, Geschlecht, Beute, Menstruation, Zeugnis, Ewigkeit u.a. Wir finden hier auch den dritten Buchstaben von mlg, das Lamed l. Seine Bedeutung ‘Ochsentreibstock’ verweist auf Ideen wie Gehen, Antrieb, Willen, Geführtwerden, Verbindung zum Ochsen (Aleph), sexuelle Metaphern, Fruchtbarkeit usw.
Das Wort ‘Golem’ mit den ausgeschriebenen Buchstaben zusammengesetzt

mym (90) + dml (74) + lmg (73)

ergibt 237. Dieser Zahl ist Rahael, der Engel der 3 der Kelche zugeordnet. Die Tarotkarte trägt den Namen 'Fülle' und symbolisiert Zeugung und Fruchtbarkeit aus den Wassern der Empfängnis. "Wir sind gehende und sprechende Pfützen …"[4] Mem (Wasser) verkörpert selbst dieses Konzept, indem es (in seiner ausgeschriebenen Form mym) neben dem m für Wasser auch den Buchstaben Jod y, ein Symbol für das Spermatozoon, enthält (mym).
PfadeSehen wir uns die Pfade im Lebensbaum an, die mit den drei Buchstaben von GLM, mlg zusammenhängen, erkennen wir einen ununterbrochenen Pfad von Hod, der 8. Sephira, über Geburah und Tiphareth hinauf zu Kether, der Krone (siehe Abb.). Es handelt sich um eine Transzendierung des Verstandes (Hod) durch die feurigen (und weiblichen) Qualitäten der 5. Sephira Geburah (Furcht, Strenge) hin zu Tiphareth, der Sephira des Höheren Selbstes (oder Heiligen Schutzengels), das den direkten Draht zum Höchsten bereit hält (Pfad Gimel zu Kether). Der am Anfang des Abschnitts erwähnte Belial (Zahlenwert 73) ist der Dämonenkönig von Hod!
Hod (8) + Geburah (5) + Tiphareth (6) + Kether (1) = 20
20 ist die Zahl des (ausgeschriebenen) Buchstabens Jod, dvy, dem Vater im Tetragrammaton und - wie bereits bemerkt - ein (hieroglyphisches) Spermatozoon. Auch hier findet man also sehr deutlich den Bezug zu Schöpfung, Zeugung etc. Mit der Zahl 20 korrespondiert auch das hebräische hyh, das ‘da sein’, ‘existieren’, ‘ins Dasein gesetzt werden’ bedeutet!
Die Summe der Tarottrümpfe, die diesen Pfaden zugeordnet sind, beträgt
Der Gehängte (XII) + Ausgleich (VIII) + Die Hohepriesterin (II) = 22
Die Zahl 22 ist ein Symbol der Magie des Doppelgängers und der mystischen Vereinigung mit ihm. Vereinigung ist im Hebräischen dcy und hat den Zahlenwert 22!

2. Die Heilige Hochzeit

Die Tatsache, daß der Golem aus jungfräulicher Erde gemacht wird, deutet auch den mythisch weit verbreiteten Komplex der Heiligen Hochzeit (hieros gamos) mit der Erde an, wie sie in vielen Kulturen und religiösen Schöpfungsgeschichten berichtet wird. Auch die alten Kabbalisten faßten den Genesis-Vers (1, 24): "Die Erde bringe lebende Seele hervor" durchaus wörtlich auf, indem sie die Erde als Ur-Wesen betrachteten und sich eine Hochzeit zwischen ihr und Elohim, dem Schöpfergott, dachten. Aus dieser Vermählung entsprang Adam, dessen Name ja mit Adama, Erde, verwandt ist.
Häretische jüdische Gnostiker sahen dieses Erdwesen als Schlange an und nannten sie Edem[5]. Die Hochzeit zwischen Gott und Erde spielte auch in der spanischen Kabbala eine bedeutende Rolle, vor allem aber in jenen jüdischen Kulturbereichen, wo die Golemsage auch verbreitet war. Eine Verbindung zwischen beiden Vorstellungen scheint naheliegend. Meiner Meinung nach ist es sehr gut denkbar, daß darin sehr alte heidnische, vielleicht sogar schon neolithische Ideen der sexuellen Verbindung zwischen Göttin und Gott als Ur-Akt jeglicher Schöpfung wiederkehren. Gershom Scholem weist in seiner Arbeit über den Golem darauf hin, daß in diesen gnostisch-kabbalistischen Theorien der Geist Adams, ruach, kein von oben eingeblasenes Pneuma ist, sondern "eine der Erde innewohnende vitale Potenz."[6]
Dies zeigt wiederum, wie weit einzelne kabbalistische Schulen von der orthodoxen jüdischen Lehrmeinung entfernt waren. Bekannt - z.B. auch in keltischen Mythen - ist die Tatsache, daß die Heilige Hochzeit oft stellvertretend von Menschen (meistens Priestern und Priesterinnen) vollzogen wurde, beispielsweise als Hochzeit des jeweils herrschenden Königs mit seinem Land (der Erde!)[7].
Der Eindruck, daß die Erschaffung eines Golems als eine ähnliche Verbindung angesehen wurde, ist nicht von der Hand zu weisen. Der Golem-Schöpfer trat dann als ein magischer König in eine quasi-sexuelle Beziehung zur Erde ein und zeugte mit ihr ein neues Geschöpf, den Golem! Die Elementarkräfte, die den Golem zu einer vitalen Gestalt werden ließen, entstammten dann direkt der Erde, während der Magier mit dem Einhauchen nur noch eine Art Geist einfließen ließ, der den Golem zu einem menschenähnlichen und verständigen Wesen machte[8]. In den jüdisch-kabbalistischen Quellen gibt es keinen Hinweis darauf, daß das Golem-Ritual wirklich sexualmagische Formen angenommen hat, z.B. indem der Magier sein eigenes Sperma zur "Befruchtung" der "jungfräulichen" Erde verwendete. Dieser Gedanke mutet sehr weit hergeholt an, ist es aber kaum, denn in einem naheliegenden Bereich der mittelalterlichen Magie fand er weite Verbreitung - der alchemistischen Erschaffung eines Homunculus!
HomunculusHomunculi heißen bei Paracelsus vor allem die puppenähnlichen Figuren aus Wachs, Lehm oder Pech, die ganz im Sinne der heute mehr aus dem Voodoo bekannten Techniken beim Schadenszauber verwendet wurden. Auch sie sind mit Golems vergleichbar, d.h. rohe unbelebte Formen, die mit Hilfe magischer Methoden in ein energetisches Abbild desjenigen verwandelt werden, der aus der Ferne manipuliert werden soll. Zu einer eigenständigen Lebensform dieser Figuren kommt es dabei allerdings nicht. Doch bietet Paracelsus allen Ernstes auch ein Rezept oder eine Methode an, einen Homunculus als künstlichen Menschen aus der Retorte herzustellen:
"Wie aber solches zugehe und geschehen mag, ist nun sein Proceß also: nämlich daß das sperma eines Manns im verschlossenen Cucurbiten per se mit der höchsten Putrefaction[9], ventre equino, auf vierzig Tag putreficiert werde, oder so lang, bis es lebendig werde und sich bewege und rege, was leicht zu bemerken ist. Nach dieser Zeit wird es einem Menschen einigermaßen gleich sehen, doch durchsichtig, ohn ein Corpus. Wenn es nun nach diesem täglich gar weislich mit dem arcano sanguinis humani[10] gespeist und bis auf vierzig Wochen ernährt wird, und in steter gleicher Wärme ventris equini erhalten, wird ein recht lebendig menschlich Kind daraus, mit allen Gliedmaßen wie ein ander Kind, das von einem Weibe geboren wird, doch viel kleiner. Das selbige nennen wir ein homunculum, und es soll hernach nit anders als ein ander Kind mit großem Fleiß und Sorg auferzogen werden ..."[11]
Nachfolgende Adepten, wie z.B. Johannes Praetorius, probierten offenbar die Paracelsische Vorschrift aus, scheiterten und verdammten alles als baren Unsinn. Doch so einfach ist es wiederum nicht, wenn man bedenkt, daß die Alchemie nicht einfach nur äußeres „chymisches" Arbeiten bedeutet, sondern vielmehr ein inneres Durchlaufen eines geistigen und spirituellen Reifeprozesses. Paracelsus war ein sorgfältig arbeitender Mann mit nachgewiesenermaßen großen Fähigkeiten und man sollte nicht von vornherein denken, daß er nicht wußte, wovon er schrieb. Schließlich gibt das Wort Alchemie selbst einen Hinweis auf die Kräfte, mit denen auch gearbeitet wurde - Al-Schem: der Name Gottes!
Goethe hat das Homunculus-Rezept in seinem zweiten Teil des „Faust" aufgegriffen und in der berühmten Laboratoriumsszene mit dem Famulus Wagner ausgestaltet[12].
Im Gegensatz zu den historischen Berichten zum Golem muß der Homunculus zwingend in einem (abgeschlossenen) Gefäß erzeugt werden. Da Sperma verwendet wird, kann man regelrecht von der Nachbildung einer natürlichen Schwangerschaft in einer künstlich-mechanischen Umgebung sprechen, eine recht wahnwitzige Idee, wie sie von manchem modernen Frankenstein in der Tat immer noch geträumt wird. Es gibt jedoch einen seltenen, bei Scholem dokumentierten Bericht, der lange vor Paracelsus auch in kabbalistischen Kreisen die Verwendung eines "künstlichen Uterus" bezeugt. Ein gewisser Girondi aus Barcelona spricht dort in einem Talmud-Kommentar von den "Gelehrten in Deutschland, die fast tagtäglich mit Dingen der Dämonologie zu tun haben. Sie bestehen darauf, daß dies [das heißt: solche Herstellung eines Menschen] gerade in einem Gefäß geschehen muß."[13] Ein recht ähnliches Verfahren wendet noch ein berühmter Magier der Neuzeit, Austin Osman Spare, an, indem er einer Urne mit einem Talisman oder einer entsprechenden Sigil darin sein Sperma hinzufügt, sie verschließt und bei Nacht an einem Kreuzweg vergräbt.[14] Auch hier soll die Prozedur gewissermaßen ein astrales Wesen in der Erde erschaffen (zeugen), das dann für die gewünschte Realitätsbeeinflussung sorgt.

3. Lebende Statuen

In der jüdischen Kultur gab es immer eine merkwürdige, ambivalente Haltung zu Kultbildern, Götter- oder anderen Statuen, Bildnissen etc. Die Vorschriften der Thora verboten es den Juden von jeher, sich ein "Abbild" ihrer Gottesvorstellung anzufertigen; bei den heidnischen Völkern im "Gelobten Land" jedoch war dies gängige Praxis. In der jüdischen Tradition bildete sich hier und da die Anschauung heraus, diese Kultstatuen seien soetwas wie belebte Golems. Die Frage, die sich aus dieser Idee heraus stellte, war, durch welche Kraft die polytheistischen "Götzenbilder" belebt wurden.
Im Talmud wird von Gechazi berichtet, "er hätte dem Stierbild des Jerobeam, von dem im Buch der Könige (I, 12:28) die Rede ist, einen Gottesnamen in den Mund geschnitten, worauf das Bild die ersten Worte des Dekalogs gesprochen hätte: Ich bin dein Gott, und: Du sollst keinen anderen haben." [15]
Aus dieser und ähnlichen Geschichten resultiert die eine Position, daß selbst die heidnischen Kultobjekte ihre heilige Kraft aus dem Namen des Einen bezogen. Andere waren diametral entgegengesetzt dazu der Meinung, daß teuflische Mächte, insbesondere Satan selbst, Samael oder Lilith für die Belebung der fremden Götter zuständig waren. Diese Zwiespältigkeit tritt auch bei der Einschätzung der Sachlage des berühmten Goldenen Kalbes zutage, dem die israelitische Gemeinde bei Abwesenheit von Moses in kürzester Zeit verfiel. Außerhalb des Judentums erfreuten sich Mythen und Legenden von belebten oder sprechenden Statuen einer ausgesprochenen Beliebtheit. Die Geschichte des Königs und Bildhauers Pygmalion, der sich in eine seiner Statuen verliebte, die schließlich von Aphrodite belebt wurde, gehört sicher zu den bekanntesten.
Noch aus der Antike heraus und bis weit ins europäische Mittelalter hinein gehören Berichte von künstlichen Menschen, Automaten, sprechenden Bildern und Köpfen zum festen Bestandteil von Aberglauben, Volksreligion, -dichtung und -sagen[16]. Viele dieser überlieferten Geschichten ranken sich auch um recht berühmte legendäre oder gar historische Persönlichkeiten wie den Zauberer Vergilius[17], um Faustus oder den großen Albertus Magnus, dem man nachsagte, nach 30 Jahren magischer Arbeit ein künstliches Mädchen geschaffen zu haben, das ihm ein unvorsichtiger Schüler schließlich zerstörte[18]. Aus dem heutigen Blickwinkel einer Gesellschaft, in der Roboter, Computer und Automaten zum täglichen Leben gehören, erscheint dieser obskure Vorstellungskomplex des Mittelalters wie eine gigantische kollektiv-prophetische Vorwegnahme späterer technischer Entwicklungen.[19]
Aufgrund des Umfangs dieses speziellen Themas kann ich nur auf die offensichtliche Verwandtschaft und Nähe zum Golem-Thema und entsprechende Literatur verweisen.[20]

4. Zombies und lebende Tote

Aus den "technisch-magischen" Berichten über Golem-Schöpfungen sticht einer hervor, in dem der fertig geknetete Golem zuerst (ganz wie Spares "befruchtete" Urne) in der Erde vergraben wird, aus der er dann mittels magischer Beschwörungen und Rezitationen als lebendiges Wesen ersteht.[21]
Schon aus dem 11. Jh. stammen Legenden um die kabbalistischen Mystiker Aharon aus Bagdad und den Rabbi Chananel, in denen Tote auftreten, die mit Hilfe des bekannten Golem-Verfahrens (Gottes-Name auf Pergament unter die Zunge oder ins Fleisch eingenäht) ins Leben zurückkehren. Beide Schilderungen lassen die ursprünglichen Golems zu regelrechten Zombies werden, Tote, die mit "schwarzer" Zauberei aus ihren Gräbern zurückgeholt werden. Ganz wie Golems gehorchen auch Zombies ihrem Schöpfer, erledigen Aufträge oder lästige Arbeiten, sind aber ansonsten ohne eigenständigen Geist und handeln automatisch.

5. Der Doppelgänger/Die androgyne Vision

Zum Thema des Golems als mystischen Doppelgänger des Menschen ist bereits im ersten Teil der Artikelserie einiges geschrieben worden. Auch in der herkömmlichen Literatur ist das Motiv des Doppelgängers rege aufgegriffen worden[22]. Häufig ist das Erscheinen des Doppelgängers für den jeweiligen Menschen ein beunruhigendes, erschreckendes oder initiatorisches Ereignis. Gelegentlich tritt der Doppelgänger auch als warnendes, führendes oder begleitendes Wesen auf, sodaß man Parallelen zum Konzept des Heiligen Schutzengels zu ziehen geneigt ist. In Meyrinks Roman "Der Golem" beginnt sich das Leben des Haupt-Protagonisten dadurch zu ändern, daß er durch Verwechslung einen fremden Hut aufsetzt. Der Hut trägt die Initiale "I", was als Initiation oder Ibbus (d.h. befruchtete Seele) gedeutet wurde. Der Roman endet in einer androgynen Vision, in der eine mystische Hochzeit mit dem weiblichen Seelenteil beschrieben wird. Dies deutet darauf hin, daß Meyrink den alchemistischen Komplex der Heiligen Hochzeit sehr wohl mit seinen Gedanken zum Wirken des Doppelgängers/Schutzengels zu verbinden wußte. Die wiedergeborene, initiierte Seele vermählt sich mit dem vorher abgetrennten Geist und bildet den "vervollständigten Menschen", von dem auch Crowley schreibt. In diesem Sinne stellt sich die Entdeckung oder "Belebung" des eigenen Golems als Verschmelzung von männlichen und weiblichen Persönlichkeitsanteilen dar, so wie sie nicht zuletzt in der Psychologie C. G. Jungs zutage tritt. Dabei dürfte es mit der Zeit zu einer synkretistischen Vermischung verschiedener Ideen (Golem, Doppelgänger, Anima, Schatten, Schutzengel, Dämonen usw.) gekommen sein, wie sie besonders für den Okkultismus neuerer Prägung typisch ist. Die Beziehung zum eigenen Schatten als Doppelgänger-Beziehung zu sehen, verweist auch noch einmal auf jenen dunklen Gesellen, der schon Faustus auf seiner Lebensreise begleitete: Mephisto oder Luzifer - jener unruhige Geist, der den Menschen zu einem individualistischen Weg zu mehr Erkenntnis und Erfahrung antreibt und die Bearbeitung der dunklen und tiefen Aspekte des menschlichen Wesens nicht unbeachtet lassen möchte. In Meyrinks "Golem" wird die Hauptfigur, jener Athanasius Pernath, durch den geheimnisvollen jüdischen Mystiker Hillel durch seine persönliche "Golem-Krise" geführt. In einer hebräischen Übertragung des Namens Hillel erhält man llyh mit dem Zahlwert 75. Eine der Korrespondenzen zu 75 ist Luzifer und Morgenstern!
Gleich welche Deutung oder Vorstellung nun jeder in Betrachtung des Golem-Phänomens favorisiert, bleibt doch niemandem dieser persönliche, in letzter Konsequenz einsame Weg erspart, der (zumindest in unserem gewöhnlichen Bewußtsein) mit der Geburt in diese Welt begann und - ja wohin führt? Unsere Realität, im Grunde genommen jedoch nur die Sichtweise, die wir dieser Realität gegenüber einnehmen, bleibt auf eine gewisse, unzerstörbare Weise mit Dualismen verbunden. Vielleicht tritt uns in der Golem-Schöpfung und im Motiv des Doppelgängers eine Möglichkeit zur Transzendierung dieser Dualismen entgegen, ein Weg, der von der strengen Trennung von Bewußtsein und Höherem Selbst wegführt - hin zu Verbindung, Kommunikation, Erkenntnis, Vervollkommnung ganz im Sinne der Forderung des Neuen Äons: Homo est Deus!

"Als Gott das erste Lehmmodell eines Menschen schuf, malte er die Augen darauf, die Lippen und das Geschlecht. Dann malte er den Namen jedes Menschen darauf, damit ihn sein Besitzer niemals vergessen sollte. Wenn Gott seine Schöpfung gefiel, erweckte er das bemalte Lehmmodell zum Leben, indem er seinen eigenen Namen darauf schrieb."
Japanischer Text aus dem Film "Die Bettlektüre" von Peter Greenaway

In seiner autobiographischen Arbeit "Die Verwandlung des Blutes" schreibt Meyrink: "Sechsunddreißig Jahre sind es her, daß ich jene vermummte, geheimnisvolle Gestalt hinter den Kulissen des Lebens zum ersten Mal ahnte. Sie gab mir stumme Zeichen, die ich lang, lang nicht verstand; ich war noch zu jung, um zu erfassen, was mir die Gestalt sagen wollte. Das Spiel der Komödianten auf der Bühne nahm mich noch zu sehr gefangen."
Zit. nach F. Smit, Gustav Meyrink

Ende

***

Walpurgisnacht
Paul Struck, Triptychon der klassischen Walpurgisnacht, Faust II
v. J.W.Goethe, 1975/76, linker Außenflügel

Anmerkungen:
[1] Zu beachten ist, daß im Hebräischen keine Vokale geschrieben werden. Die Schriftrichtung ist von rechts nach links! [Zurück]
[2] Siehe A. Crowley, Sepher Sephiroth. In: A. Crowley, Liber 777 und andere kabbalistische Schriften, Kersken-Canbaz-Verlag, Bergen, ab S. 279 [Zurück]
[3] dva, AVD, das magische Feuer von Licht, Leben und Liebe ergibt 11. Für den luftigen Geist kann a, Aleph, stehen (Zahlenwert 1). Aleph bedeutet Ochse und verkörpert schöpferische Lebenskraft und ist im Tarot dem Narr (0) zugeordnet. -> 10 + 1 = 11, die Zahl der Magie. [Zurück]
[4] Fred Hageneder, Geist der Bäume, Saarbrücken 1998, S. 32 [Zurück]
[5] Das Wort Edem ist eine Zusammenziehung aus Adama, Erde und Eden! [Zurück]
[6] Gershom Scholem, Die Vorstellung vom Golem in ihren tellurischen und magischen Beziehungen, in: Zur Kabbala und ihrer Symbolik, Frankfurt/M. 1992, S. 216 [Zurück]
[7] Eine schöne Prosa-Beschreibung einer solchen Hochzeit findet sich in dem Roman „Die Nebel von Avalon" von M. Zimmer-Bradley. [Zurück]
[8] Die kabbalistischen Texte sprechen von chijjuth, Vitalität oder Lebenskraft und neschamah, Seele. [Zurück]
[9] "Fäulnis", bei steter Wärme und Feuchtigkeit „faulen" lassen [Zurück]
[10] gemeint ist menschliches Blut [Zurück]
[11] Aus: Paracelsus, De generatione rerum naturalium In: Künstliche Menschen, hrsg. Von Klaus Völker, 1. Bd., München 1971 [Zurück]
[12] In dieser Szene spricht der hinzugekommene Mephistopheles folgende denkwürdige Sätze:
Wer lange lebt, hat viel erfahren.
Nichts Neues kann für ihn auf dieser Welt geschehn.
Ich habe schon in meinen Wanderjahren Kristallisiertes Menschenvolk gesehen. [Zurück]
[13] Scholem, S. 252 [Zurück]
[14] Grant berichtet davon in seiner "Wiederbelebung der Magick" (Rita Ruther Verlag) [Zurück]
[15] Scholem, S. 236 [Zurück]
[16] Siehe auch Homer, Ilias XVIII 417-420; Lucian, Der Lügenfreund, Kap. 55 u.v.a. Goethes belebter Besen des Zauberlehrlings ist von diesen weit verbreiteten Vorstellungen nur ein später Abklatsch. [Zurück]
[17] K. L. Roth, Über den Zauberer Vergilius, Pfeiffers Germania, Bd. 4, S. 257-298 [18] Joachim Sighart, Albertus Magnus, 1857, S. 71f [Zurück]
[19] ... oder ein kollektives Gedächtnis, eine Wiedererinnerung an Errungenschaften uralter, vergan-gener Hochkulturen? [Zurück]
[20] Völker, Klaus (Hg.): Künstliche Menschen. Dichtungen & Dokumente über Golems, Homunculi, Androiden und lebende Statuen, 2 Bände, Herrsching, Pawlak TB, München 1971, Reihe: Bibliothec Dracula [Zurück]
[21] sog. Handschrift des Pseudo-Saadia im British Museum, nach Scholem, S. 241 [Zurück]
[22] Z.B. in Hans Ludwig Held, Das Gespenst des Golem, München 1927. Eine bekannte Doppelgänger-Geschichte ist z.B. "William Wilson" von E. A. Poe [Zurück]

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