Unter der unbewußten oder tatsächlichen Tarnkappe des frommen Werkes und der Gottesfurcht waren die alten rabbinischen Magier - zwar sicher in unterschiedlichen Abstufungen - offensichtliche Ketzer, die sich auf eine Stufe mit Gott stellten und gleich ihm fähig waren (oder sein wollten), aus Lehm ein Wesen zu formen und mit Hilfe des Lebensodems und kabbalistischer Formeln zu beleben. Diese Anschauung dürfte aus dem ersten Teil dieses Artikels klar geworden sein und erscheint zudem in einem noch viel krasseren Licht, wenn man sich vergegenwärtigt, daß in der Thora, dem Heiligen Gesetz des Judentums, an dem kein sprichwörtliches Jota geändert werden darf, jedwede Art von Orakel, Wahrsagerei, Beschwörung oder gar Zauberei bei schlichter Todesstrafe (!) verboten ist. „Wenn ein Mann oder eine Frau Geister beschwören oder Zeichen deuten kann, so sollen sie des Todes sterben; man soll sie steinigen; ihre Blutschuld komme über sie" (Lev. 20,27)[4]. Für die Talmudisten als Vertreter des jüdischen Gesetzes begann der Aberglaube dort, wo die herrschende Religion aufhörte[5]. Interessanterweise nannten die Talmud-Lehrer den magischen „Aberglauben" oft „die Sitten des Emori". Mit Emori waren die Amoriter gemeint, einer der sieben kanaanitischen Stämme, die durch die israelitische Einwanderung ins „Gelobte Land" vertrieben, letztendlich ausgelöscht wurden. Nach der Ursilbenlehre kann man diese Amoriter auch als A-Mor-i = Unsterbliche verstehen[6], gewissermaßen als Spezialisten der magischen Gottwerdung des Menschen!
Etwas völlig anderes ist es, wenn wir auf die Anweisungen der alten Kabbalisten selbst und damit auf die Verwendung des heiligen hebräischen Alphabetes mit seinen 22 Buchstaben zurückgreifen. In fast allen alten Hochkulturen besitzt die Benutzung der jeweiligen Alphabete etwas unbestreitbar Magisches. „Am Anfang war das Wort"[9], heißt es und so sind die Bestandteile des Wortes, die Buchstaben, ebenfalls von göttlicher Schöpferkraft erfüllt[10]. „Die Buchstaben des Alphabets, um wieviel mehr noch die des Gottesnamens oder gar die der ganzen Tora, die ja das Instrument Gottes bei der Schöpfung war, haben geheime, magische Gewalt."[11]| y | = | 2. Sephira Chokmah | = | Wasser | = | m | = | rechte Säule im Baum des Lebens |
| h | = | 3. Sephira Binah | = | Feuer | = | w | = | linke Säule |
| v | = | 4. - 9. Sephira | = | Luft | = | a | = | mittlere Säule |

Das Singen der Buchstaben soll möglichst schnell und ohne Absetzen praktiziert werden. Wenn man es schaffen sollte, etwa zwei Aussprachen pro Sekunde zu intonieren (ziemlich schnell), benötigt man nach meiner Berechnung ca. 30 Stunden ununterbrochenen Intonierens, um den Golem zu vollenden! Dabei versteht es sich von selbst, daß man die Tore der Matrizen möglichst auswendig können und nicht ablesen sollte. Ein gigantischer Akt!
Vergegenwärtigt man sich noch einmal in Ruhe, was in diesem Ritual stattfindet, so ist klar, daß es sich im eigentlichen Sinne um eine durch mantrisches Singen höchster Komplexität induzierte magische Trance handelt. Es wundert daher nicht, daß sich die Vertreter der ekstatischen Kabbala, allen voran der berühmte Abu Abulafia, für diese „Übung" interessierten. Sie sahen die Golemmagie ausdrücklich nicht als materiellen Vorgang, sondern als imaginären, meditativen Schöpfungsakt, der der Prüfung der Fähigkeiten des kabbalistischen Adepten diente und selbst den fähigsten Meistern alles abverlangte. Damit wäre der Golem ein astral geschaffenes Wesen und Abulafia verspottete folgerichtig all diejenigen als „närrisch", die glaubten, mit Hilfe des Sepher Jezira Kälber, Hirsche[27] oder gar Menschen machen zu können. Ein aus Lehm geformter Körper hätte dann maximal als Konzentrationshilfe dienen können. Auf der anderen Seite läßt sogar ein so moderner Autor wie Kaplan durchblicken, daß materielle, aus Lehm geschaffene Golems zwar selten, nichtsdestotrotz aber existierten und produziert damit das Geheimnis von neuem. Die Künste des Sepher Jezira werden von den Kabbalisten auf den Stammvater Abraham zurückgeführt, denn im Text heißt es: „Und er [Abraham] band die 22 Buchstaben der Thora an seine Zunge ... Er zeichnete sie in Wasser. Er flammte sie mit Feuer. Er erregte sie mit Geist ... usw." (6:7). Abraham schien sehr erfolgreich mit seiner Magie gewesen zu sein. Im Vers 5 der Genesis (1. Moses) heißt es, daß Abraham und Sara „die Seelen, die sie in Haran gemacht hatten" mit auf ihre Wanderung gen Westen nahmen![28]
1. Zeile: 10
2. Zeile: 15
3. Zeile: 21
4. Zeile: 26
= 72 !
Doch ist zu beachten, daß hier die 72 nicht die Anzahl der Buchstaben, sondern den sich als Summe ergebenden Zahlwert darstellt.