Als Gustav Meyrinks Roman "Der Golem" 1915 erscheint, unterläuft der Druckerei ein dem ersten Anschein nach verhängnisvoller Fehler: Statt der geplanten 2000 Exemplare laufen 20000 Bücher aus der Presse, die zehnfache Menge und für den damaligen Buchmarkt eine stattliche Auflage. Doch das Unglaubliche geschieht mit Leichtigkeit; die gesamte Auflage ist in kürzester Zeit verkauft! "Es verdrießt mich nämlich, daß, seit Deutschland ‘liest’, Kunstwerke im Winkel sterben, während ein beliebiger Alpendreck mit Ekstase gefressen wird"4, hatte Meyrink einmal in der ihm eigenen bissigen Art geurteilt, aber allein der Erfolg seines eigenen Buches "Der Golem" relativiert diese Aussage nicht unerheblich. Zwischen 1915 und 1922 wird das Buch mehr als 165000 mal verkauft, eine für diese Zeit geradezu gigantische Zahl! Meyrink selbst avanciert zum Bestseller-Autor. "Der Golem" wandert sogar in preiswerter Sonderausgabe als Frontliteratur in die Schützengräben des I. Weltkrieges.
Begeisterung. Wer möchte schon mit einem stummen, ungefügen Arbeitsknecht in Beziehung treten, dessen tumber Geist allein auf Gehorsam und Kraftausübung, gelegentlich gar auf blinde Aggression und Zerstörung ausgerichtet scheint? Welche tiefen Schichten der Seele werden durch dieses Bild angerührt, welche Dämonen geweckt? Kann man vielleicht gar von archetypischen Quellen sprechen? Um darauf Antworten zu finden, müssen wir weiter zurückgreifen, das Golem-Motiv genauer untersuchen und seine weitreichenden Querverbindungen zu anderen philosophischen, mystischen und magischen Phänomenen aufzeigen.
In den alten mystischen Spekulationen wird auch immer wieder darauf hingewiesen, daß Adams erste Frau nicht aus seiner Rippe, sondern ebenfalls aus Erde geformt und belebt wurde. Es handelt sich um Lilith, die aufgrund ihres Unabhängigkeitsdranges und ihrem Begehren, beim Geschlechtsakt mit Adam eine Position über ihm einzunehmen, aus dem religiösen Verständnis der jüdischen Patriarchen verstoßen und dämonisiert wurde.
Die Gottwerdung des Menschen als wiederkehrendes Thema zieht sich durch die Jahrhunderte wie ein roter Faden. Es scheint klar zu sein, daß eine solche Magie noch älter als die ältesten jüdischen Quellen ist und wie selbst Gershom Scholem zugeben muß, bei den magischen Traditionen der "Zauberer und Magier Ägyptens" oder in noch früheren Zeitaltern zu suchen ist. Vielleicht ist es überflüssig an dieser Stelle zu erwähnen, daß es sich bei diesem Vorstellungskomplex der Gottwerdung des Menschen weder um platten Atheismus noch um materialistische Selbstüberhebung handelt. Es geht vielmehr um die vollständige und vollkommene Freiheit und Selbstregierung des Menschen und seine Fähigkeit, endlich alle fremdbestimmten Kontrollen und Manipulationen abzustreifen, um zu dem zu werden, was die alten Initiationsmysterien der Antike genauso wie die Alchemisten des Mittelalters ankündigten: ein König in seinem eigenen Reich! Dieses Königtum ist gleichbedeutend mit der Crowleyschen Lehre von Thelema, in der der Mensch seinen Wahren Willen entdecken und leben muß, um zu seiner göttlichen Essenz zu finden. Einige moderne magische Strömungen (insbesondere z.B. der Temple of Set oder der Typhonian O.T.O. Kenneth Grants) assoziieren dieses Konzept mit der ägyptischen Gottheit Seth, dessen Name unzweifelhaft mit den späteren mythologischen "Outsidern" Shaitan oder Satan verwandt ist14. Die ägyptischen Priester legten viel Wert auf die Verbindung Seths mit dem Sirius oder Sothis und auf die Tatsache, daß dieser Himmelskörper ein Doppelstern-System ist. So wird auch der Golem unter Meyrinks Ausarbeitung und Vertiefung des Themas ein mystischer Doppelgänger des Menschen. Meyrink war sein ganzes Leben lang besessen von der Idee des Höheren Selbstes als eine Art Doppelgänger und schrieb auch eigene Erfahrungen mit dem "Vermummten", dem "Lotsen mit der Tarnkappe vor dem Gesicht", dem "unsichtbaren Gärtner" nieder. In "Telefonverbindung mit dem Traumland"15 schreibt Meyrink: "Ich? Wer bin ich? Antwort: ‘Du bist nicht der, der da herumläuft, vom Tagesbewußtsein im Netz der Wirkungen, und nicht der Ursachen, eingefangen! Du bist ein willensunfreier Schatten, der sich zu seinem Unheil einbildet, er sei der geheimnisvolle, der ‘Vermummte’, der den Schatten wirft.’" Genau wie in Meyrinks Roman ist das normale Leben des Menschen ein Panoptikum der Angst, ein Tagtraum voll "... Entsetzen, das sich aus sich selbst gebiert", die "...lähmende Schrecknis des unfaßbaren Nicht-Etwas, das keine Form hat und unserem Denken die Grenzen zerfrißt".