Cover Marco Pasi

Aleister Crowley und die Versuchung der Politik

Man kann wirklich nicht behaupten, daß Leben und Werk einer so schillernden Persönlichkeit wie Aleister Crowley in den Jahrzehnten nach seinem Tod wenig Beachtung hervorgerufen hätte. Doch ist es schon etwas verwunderlich, daß dieses Interesse von esoterischen und zunehmend auch akademischen Autoren bis zum heutigen Tag ungebrochen anhält, ja in den letzten Jahren (etwa ab 2000) auffallend zunimmt – mit vornehmlich biographischen Arbeiten, beispielsweise von Lawrence Sutin, Roger Hutchinson, Martin Booth, Richard Kaczynski und Christian Bouchet. Einige davon sind noch nicht ins Deutsche übersetzt worden und im Großen und Ganzen kann man vielleicht behaupten, daß dabei nur wenig Neues zu den grundlegenden und bekannteren Arbeiten, beispiels-weise von John Symonds und Ralph Tegt-meier, hinzugekommen ist.
Auf bemerkenswert neue Wege hat sich dagegen Marco Pasi mit seinem Werk „Aleister Crowley und die Versuchung der Politik“ begeben, daß gerade brandneu im öster-reichischen Ares Verlag erschienen ist. Pasi, Jahrgang 1968, glänzte in den vergangenen Jahren bereits mit akademischen Arbeiten zum Thema Crowley und promovierte 2004 mit einer Dissertation, die die okkultistischen Strömungen in England zwischen 1875 und 1947 zum Gegenstand hatte. Heute lehrt er als Assistenzprofessor am Lehrstuhl für die Geschichte der Hermetischen Philosophie an der Universität Amsterdam und bietet somit den besten Leumund für eine seriöse und ausgewogene Behandlung seines sensiblen Themas, das sich den vielfältigen politischen Ambitionen und Verflechtungen Aleister Crowleys widmet und damit eine mehr oder weniger gravierende Leerstelle in der Crowley-Forschung füllen soll. Man kann vorwegnehmen, daß ihm dies mehr als nur gelungen ist, bietet doch sein Buch eine Menge von sorgfältig recherchierten Fakten und Dokumenten, die es zu einer spannenden und fesselnden Lektüre machen.
Das Buch ist uneingeschränkt all jenen zu empfehlen, die sich einen fundierten, detailreichen und inspirierenden Überblick über die Strömungen und Aktivitäten im Grenzbereich zwischen Okkultismus und Politik besonders in der Zeit der beiden Weltkriege verschaffen wollen, wobei Aleister Crowley natürlich den Fokus der Untersuchung bildet. Spätestens seit seinem Studienaufenthalt in Cambridge hatte sich Crowley endgültig aus dem frommen Mief seines bürgerlichen Elternhauses gelöst und wendete sich mit forschen Schritten nicht nur okkulten Studien und magischen Ritualen zu, sondern entwickelte ebenso ein beständiges politisches Interesse. Als leidenschaftlicher Dichter und junger Magier mit ausgesprochen romantischer Veranlagung fühlte er sich als junger Mann von den auflebenden legitimistischen Bewegungen Europas angezogen, die in recht farbenfroh-reaktionärer Prägung bestimmte monarchische Linien wieder zurück auf den Thron bringen wollten, beispiels-weise die Jakobiten in England oder die Carlisten in Spanien. In die (zum Scheitern verurteilten) Umsturzvorbereitungen der letzteren soll Crowley sogar tatkräftig eingebunden gewesen sein. Pasi gelingt es mit großer Überzeugungskraft die Widersprüch-lichkeit im Wesen Crowleys darzustellen, der auf der einen Seite alle moralischen Bedenken über Bord warf, zum bekennenden Antichristen avancierte und die unbedingte Freiheit des Individuums einforderte, andererseits aber mit einem großen finanziellen Vermögen ausgestattet sich in elitären, aristokratischen und konservativen Ideen sonnte.
„Mein reaktionärer Konservatismus geriet mit meinem Antikatholizismus in Widerstreit. Eine Versöhnung wurde vermittels dessen bewirkt, was man die Keltische Kirche nannte.“ schrieb er und wandelte sich fortan zu einem glühenden Kämpfer für das Recht Irlands auf die Unabhängigkeit – eine Haltung, die es ihm erlaubte, auf oft recht theatralische Weise das viktorianische England herauszufordern und sich selbst als Iren zu präsentieren, der er selbstredend nicht war.
Während des Ersten Weltkrieges weilte Crowley in Amerika und fiel durch extrem deutschfreundliche Propaganda-Artikel in den Zeitschriften The Fatherland und The International des Deutschamerikaners Georg Sylvester Viereck auf, die ihn regelmäßig in Rechtfertigungsschwierigkeiten brachten, ja im Grunde zum Verräter stempelten. Der Autor widmet dieser Affäre eine genaue Untersuchung, auch der Selbstverteidigung Crowleys, in dieser Zeit mit dem britischen Geheimdienst in Verbindung gestanden und in täuschender Absicht gehandelt zu haben. Dazu werden neue Dokumente angeführt, die – wie Pasi richtig bemerkt – die Unaufrichtigkeit Crowleys in dieser Sache nicht ausräumen können.
Nachdem Crowley 1904 das bekannte Buch des Gesetzes als eine Art Offenbarung niedergeschrieben hatte und in den Folgejahren ein unbeirrbares Sendungsbewußtsein für die neue Religion von Thelema entwickelte, bekam sein politisches Denken einen auffallend pragmatischen Zug. Verschwörungstheoretiker und klerikale Kreise wollten (und wollen) den „Satanisten“ gern in der Nähe des Dritten Reiches verortet sehen, ein recht oberflächliches Fehlurteil, daß gelegentlich kuriose Blüten treibt – etwa wenn der respektable René Guénon behauptet, Crowley hätte seinen Selbstmord in Portugal nur deshalb vorgetäuscht, um unerkannt in Berlin als Berater Hitlers zu fungieren. Marco Pasi zeigt dagegen auf, daß Crowley lediglich an zwei für ihn wesentlichen Dingen interessiert war: an der kompromißlosen Bekämpfung des Christentums und an der gesellschaftlich relevanten Verbreitung von Thelema. Da sowohl der deutsche Nationalsozialismus als auch der italienische Faschismus neue, radikale politische Strömungen waren und in ihrer Anfangsphase antiklerikal agierten (scheinbar jedenfalls), zogen sie die Hoffnungen Crowleys auf sich, Thelema genau dort politisch verankern zu können. Wieder-um allerdings ein Irrtum, den Crowley spä-testens nach seiner Ausweisung aus Italien, die Mussolini höchst persönlich verfügt hatte, schmerzlich erkennen mußte (bemerkenswert auch, wie Crowley letztendlich Hitler einschätzte, aber es soll hier nicht zu viel verraten werden). Dabei ist besonders interessant, daß Crowley offenbar seine Fühler sogar bis nach Moskau ausstreckte, um selbst die sowjetischen Kommunisten für das Neue Zeitalter von Thelema zu begeistern. Wie Marco Pasi treffend feststellt, sollten all diese totalitären Systeme nicht Thelema integrieren, sondern möglichst selbst in Thelema integriert werden, als gesellschaftliche Trägerstruktur für Crowleys weitreichende Pläne. Soviel zum offenbar unerschöpflichen Selbstbewußtsein des großen Meisters.
An vielen Stellen des Buches wird deutlich, daß Crowley alle ihm möglichen Verbindungen und persönlichen Bekanntschaften nutzte, um als selbsternannter „Weltlehrer“ mit Thelema eine möglichst breite Masse zu erreichen. Obwohl er selbst von einem „aristokratischen Kommunismus“ sprach und gern in elitären Kategorien dachte, war das Gesetz „Tu was du willst ...“ für jeden da, denn „Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern.“ Aufgrund der im Buch zur Verfügung gestellten Dokumente kann man jedoch der Einschätzung des Autors folgen, daß das Große Tier trotz seiner ambitionierten und phantasievollen Bemühungen wenig erfolgreich war und die großen politischen Lenker, Demagogen und Verschwörer nur wenig oder gar nicht (oder auf andere Weise als er dachte) von ihm Notiz nahmen, selbst wenn er sich – wie im Falle der Geheimdienste – oft regelrecht anbiederte. Selbst ein so erstaunlicher Umstand, daß zum Beispiel der prominente Ian Fleming (der Autor der James-Bond-Romane) als Mitglied des britischen Geheimdienstes vorschlug, Crowley als okkulten Kenner zum Verhör von Rudolf Heß nach dessen England-Flug hinzuzuziehen (ein Ansinnen, das nicht in die Tat umgesetzt wurde), kann über diese tragische Seite in Crowleys Leben nicht hinwegtäuschen.
Ein weiteres Kapitel widmet sich der persönlichen Verbindung zwischen Crowley und dem berühmten portugiesischen Dichter Fernando Pessoa, der ebenfalls eigentümliche politische Vorstellungen besaß. Aber es führt natürlich zu weit, in dieser Rezension all die weitreichenden Zusammenhänge und Verflechtungen auch nur andeuten zu wollen, die sich um die Person Crowleys ranken und auf die eine oder andere Weise in Pasis Werk aufgegriffen werden. Beeindruckend wirken die vielfältigen kulturellen, politischen und okkultistischen Kontakte des Großen Tieres zu oft sehr bekannten, einflußreichen oder umtriebigen Namen seiner Epoche. Hier breitet sich vor den Augen des Lesers ein schillerndes, ja geradezu romanhaftes Bild einer Zeit aus, in der anarchistische, umstürzlerische, verschrobene, radikale und die unterschiedlichsten esoterischen Strömungen im Geheimen oder ganz offen nach Verwirklichung drängten. Zudem fällt dabei auf, daß jenseits aller Politik nicht selten Männer zusammenfanden, die alle eins einte: die Vorliebe für homo- oder bisexuelle Neigungen. Dieses regelrechte Netzwerk unter gesellschaftlichen Bedingungen, die bestimmte sexuelle Ausrichtungen kriminalisierten, verfolgten oder zumindest öffentlich ächteten, wäre sicher eine eigene Untersuchung wert.
Hervorhebenswert ist noch das abschließende Kapitel „Gegeninitiation und Verschwörung“ mit seiner Konzentration einerseits auf die herkömmlichen Theorien über die jüdische und freimaurerische Weltverschwörung und andererseits auf die Traditionalisten Julius Evola und René Guénon (immer je-weils im „crowleyschen“ Zusammenhang gesehen), wobei man hier als Leser bedauert, schon am Ende des Buches angekommen zu sein und gern noch etwas tiefer eingetaucht wäre. Obendrein kommt man nicht umhin, dem Autor Beifall für eine seiner Schlußfolgerungen zu zollen: „Heute scheint die Gleichung rechts = irrational = Esoterik kaum noch angemessen, um die Untersuchung der Beziehungen zwischen Politik und Esoterik mit dem nötigen Weitblick anzugehen. Das Beispiel Crowleys zeigt dies ganz deutlich.“ Obwohl Pasis Buch in Stil und Aufmachung eine akademische Veröffentlichung ist, bleibt es durchweg gut und spannend lesbar und bietet dem anspruchsvoll an Crowley Interessierten darüber hinaus einen reichhaltigen Anmerkungs- und Quellenapparat. Allen fremdsprachigen Auszügen und Zitaten wurde eine deutsche Übersetzung beigegeben, was ein zusätzliches Lob für die herausragende verlegerische und lektorielle Arbeit verdient. Man muß vielleicht abschließend betonen, daß „Aleister Crowley und die Versuchung der Politik“ keine von leichter Hand fabrizierte Einstiegslektüre zum Thema ist, eine gewisse Kenntnis der Biographie und des Schaffens von Crowley sollte man schon mitbringen, um keine größeren Verständnishürden überwinden zu müssen.
(FC)

Erschienen in der Edition Ananael 2005
ISBN 3-901134-21-2
28,- Euro


© Hadit 2006
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