Thomas Karlsson
Kabbalah, Qliphoth und die Goetische Magie
Es gibt Veröffentlichungen, die sind allein aufgrund ihres gewählten Themas einzigartig und damit für den Suchenden und Studenten der magischen Künste wertvoll und unersetzlich. Ein solches Buch liegt in der noch neuen und beachtenswerten Edition Roter Drache vor und verdient die unbedingte Beachtung eines an Kabbalah und dunkler Magie interessierten Lesepublikums.
Seitdem Magier wie Levi, Bardon, Mathers oder Crowley und Orden wie der berühmte Golden Dawn sich der hebräischen Geheimlehre angenommen und sie in ein abendländisch-okkultes System der Bewußtseinserweiterung transformiert haben, ist die Kabbalah aus der westlichen Esoterik nicht mehr wegzudenken. Ganz im Sinne einer weitverbreiteten christlichen Verbrämung wurde dabei jedoch der „lichten Seite“ des kabbalistischen Lebensbaumes die volle Aufmerksamkeit zuteil, während die Sphären des „Bösen“ fast automatisch der Verdrängung anheimfielen. Außer nichtssagendem Geraune und vieldeutigen Warnungen kann man daher kaum etwas Nützliches finden, wenn es um die Schattenwelten der Kabbala und ihre dämonischen Bewohner geht. Thomas Karlsson, Mitbegründer des schwedischen Ordens Dragon Rouge und philosophisch und religionswissenschaftlich hoch gebildet, greift in seinem Buch auf eine Reihe höchst bemerkenswerter Quellen zurück, um mit dieser für den magischen Adepten unbefriedigenden Situation endlich aufzuräumen. Sein Buch ist in zwei große Abschnitte eingeteilt. Der erste und umfangreichste widmet sich ausführlich der Kabbala, der dunklen Seite des Baumes, dem Problem des Bösen in der kabbalistischen Tradition und den zehn Qliphoth (manchmal in der Literatur auch Kellipoth geschrieben) als den „verfluchten Hüllen“ und den 22 Tunneln, die sie miteinander verbinden. Die vorgestellte kabbalistische Kosmologie schildert den Fall Edens und die Rolle Luzifers, der Schein-Sephira Daath und der Sitra Ahra als einer Art Hölle. Karlsson schreibt interessant und inspirierend und schnell findet man sich leidenschaftlich in dunkle Mysterien und geheime Überlieferungen vertieft. Dieser erste Abschnitt wird mit der Schilderung von konkreten Ritualarbeiten beendet, die sich der qliphotischen Invokationen und der beispielhaften Wanderung durch einen qliphotischen Tunnel widmen und wohl aus der reichhaltigen magischen Praxis von Dragon Rouge stammen. Besonders die Schilderung der einzelnen Qliphoth muß noch gesondert hervorgehoben werden, denn der Leser sucht woan-ders vergeblich nach gleich wertvollem Wissen. Der Autor besitzt zudem ein großes Einfühlungsvermögen und philosophisches Gespür, das bei einem so delikaten Thema nicht Gefahr läuft, in die Falle der Moral zu tappen, sondern ganz im Gegenteil versucht, die dualistischen Polarisierungen von Gut und Böse durch eine relativistische und quasi erleuchtete Sichtweise zu ersetzen. Man darf nicht vergessen, daß hier Ängste, verdrängte Emotionen und Tabus für ein vertieftes Verständnis die größten Hindernisse darstellen, die erst einmal durchdrungen werden wollen. So wird z.B. Gamaliel (die dunkle Seite von Yesod) als die Sphäre der verbotenen (insbesondere sexuellen) Träume vorgestellt, der auch dunkle Göttinnen wie Hel, Hekate oder Persephone und phallische Gottheiten zugeordnet sind. Durch die Tabuisierung spielen hier auch Aspekte wie Blut, Tod und dämonische Liebe eine Rolle. Für den Magier ist es jedoch eminent wichtig, diese Träume nicht abzulehnen, sondern im Gegenteil zu erforschen und zu bereisen. Wer die christliche Verteufelung der Sexualität überwinden will, muß sich mit Gamaliel auseinandersetzen, die in diesem Zusammenhang zwar aus der Sicht der traditionellen Moral „böse“ sein mag, aber unabdingbar für die persönliche Befreiung.
Was mir nicht ganz klar geworden ist, warum Karlsson von den elf Königen von Edom spricht (m.E. sind damit eigentlich die Fürsten oder Herzöge von Edom gemeint, die den elf Hörnern des chthonischen Drachens entsprechen, die Könige dagegen sind seine acht Köpfe), die den Qliphoth zuzuordnen sind, aber es dann bei zehn Qliphoth beläßt. Anscheinend gibt es hier unterschiedliche Meinungen, was das dunkle Gegenstück von Daath betrifft ...
Der zweite Abschnitt widmet sich der Goetischen Magie, der Beschwörung der Goetischen Dämonen und einigen mittelalterlicher Zauberbüchern wie dem Lemegeton und dem Grimoirum Verum, deren Sigillen und Dämonenattribute für Evokationen im Buch vollständig enthalten sind und für praktische Versuche zur Verfügung stehen. Ich persönlich habe mit der mittelalterlichen Dämonologie so meine Schwierigkeiten, insbesondere dann, wenn man beispielsweise hinter vermeintlich schrecklichen Dämonen wie Belial, Bael und Beelzebub nicht das Offensichtliche, nämlich den von jüdisch-christlicher Seite verteufelten und verdrängten Gott Baal, sieht. Für Anael, Astoreth, Balam, Azazel, Ose, Vual und viele andere Dämonen läßt sich gleiches sagen. Meiner Meinung nach wäre es hier sinn- und kraftvoller, diese uralten Gottheiten von ihrem Zwangsdeckmäntelchen zu befreien und nicht mehr vom Standpunkt eines mittelalterlichen Christen zu sehen. Dies trifft insbesondere dann zu, wenn es beim Zaubern um einen Wust von verdrängten Komplexen wie Begehren, Schuld, Sehnsucht und destruktiven Emotionen geht. In einem solchen Augenblick neigt die Goetia dazu, in die berüchtigte „niedere Magie“ abzugleiten, die sie vielleicht ursprünglich gar nicht war und wo fromme christliche Bürger zitternd die „Sünde“ begehen, Reichtum, Sex, Schaden (für den bösen Nachbarn) und versunkene Schätze herbeizaubern zu wollen. Die Grenze zwischen wahrhaftigen geistigen Kräften und illusorischen Hirngespinsten ist hier dünn. Ich weiß nicht, was Dragon Rouge zu diesem Thema zu sagen oder zu lehren hat, aber m.E. hätte den dämonologischen Kapiteln ein bißchen mehr Diskussion und Spekulation im Sinne einer moderneren Herangehensweise gutgetan. Aber das ist natürlich eine Frage des eigenen Standpunkts und Geschmacks.
Um ein Fazit zu formulieren: Wenn man sich auf magischem Wege dem komplizierten und dunklen Bereich der Qliphoth (und zwar theoretisch als auch praktisch) nähern will, kommt man um Karlssons spannendes Buch nicht herum, das die derzeit dichteste Fülle von Informationen zu diesem Thema in deutscher Sprache - seriös und empfehlenswert aufgearbeitet - zu bieten hat!
(FC)