Cover Wolfgang Sterneck (Hrsg.)

Erotika

„Singt die Lieder, die man aus Eurem Munde nicht erwartet. Seid unbequem, seid Sand nicht das Öl im Getriebe der Welt...“ Diese Worte von Günter Eich stehen programmatisch für das 1986 von Claus und Wolfgang Sterneck gegründete Projekt KomistA. Unter dem Motto „Kultur und Veränderung“ werden bis heute Tonträger bzw. Bücher fernab des Mainstreams veröffentlicht. Wer den ganzen Eso-Schrott im Sachbuch-Bereich satt hat, der möge mal ein Buch aus Sternecks Programm zur Hand nehmen und sich daran laben - in jeder Hinsicht. Solche Perlen wie „Psybertribe-Visionen“ oder „Psychedelika“ sind hier schon positiv besprochen worden oder unabhängig von der vorliegenden Rezension uneingeschränkt empfehlenswert.
Der neue Titel „Erotika“ scheint schon eindeutig auf den entsprechenden Inhalt zu verweisen, aber da mag sich der Leser nicht an wenigen Stellen etwas überrascht fühlen. Denn ihn erwartet nicht der übliche „Wir schweben alle auf Wolke 7“-Aufguß von einschlägigen psychedelischen Erfahrungsberichten. Vielmehr gibt es einen außerordentlich vielfältigen, an- und erregenden, aber genauso schockierenden Querschnitt durch die wilde und unangepaßte „Sex and Drugs“-Literatur. Größen wie Joyce Carol Oates, Charles Bukowski, Elfriede Jelinek, Timothy Leary, Marilyn Manson, Robert Anton Wilson oder William S. Burroughs stechen als erstes ins Auge, aber darüber hinaus und nicht nur am Rande findet man eine Fülle der interessantesten Texte und Schöpfungen, die einen nicht selten überfallen wie Piranhas und gnadenlos auffressen, sodaß man eine gewisse Energie zur Verarbeitung bereithalten sollte. Das Spektrum der geschilderten Reisen, Abenteuer, Horror-Trips und Delirien läßt keinen Zweifel daran offen, daß die Einnahme psychedelischer Substanzen nicht nur unglaublich bewußtseinserweiternde Erfahrungen vermitteln kann, sondern ebenso die ultimative Vernichtung der eigenen Person. Beeindruckend wird deutlich, daß innerhalb einer wertlosen, sozial zerstörten Gesellschaft Drogen kaum Allheilmittel für irgendwas sein können, sondern die bereits vorhandene Entfremdung, Angst, Verkommenheit, Gewalt und Verwirrung nicht selten bis ins Unermeßliche steigern. Dabei wurde ich oft an Burroughs Unterscheidung zwischen den Morphin-Abkömmlingen (Heroin, Opium, Kokain, Speed, Crack usw.) und den eher natürlichen Substanzen wie Haschisch, Psilocybin, Meskalin usw. erinnert. Die ersteren (+ Alkohol als akzeptierteste Droge) sind suchterzeugend, zerstörerisch und gefährlich, die zweite Klasse (+ vielleicht mit Vorsicht Ectasy) dagegen kann auf durchaus erhebende Art und Weise neue Horizonte (auch im sexuellen Bereich) öffnen und ist maßvoll genossen eher nicht gesundheitsschädigend. Bei den ganz individuellen, obsessiven Schilderungen der unterschiedlichsten Drogenerfahrungen mit oder beim Sex wird dieser Abgrund immer wieder überschritten und das Buch ist damit ein außerordentlich gelungener Mix aus Faszination, Horizonterweiterung und unmißverständlicher Warnung. Alles spricht dabei durch und für sich, ohne irgendwie belehrend zu wirken. Echte Liebe, Wärme, Leidenschaft oder Lust kann halt auch die ausgefeilteste Chemie nicht erzeugen, wenn im Herzen nichts ist.
(Amathaon)

Erschienen im Nachtschatten & KomistA 2004
ISBN 3-03788-121-6
23,00 Euro

Dieses Buch ist hier erhältlich  Hadit Versand


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