Holger Kalweit
Naturtherapie
„Naturtherapie“ ist ein wunderbares Zitat von D.H. Lawrence (dem Autor der „Lady Chatterley“) beigegeben, das den Geist dieses Buches sehr schön zu beschreiben vermag:
„Wenn wir wieder in die Wälder gehen, werden wir zittern vor Kälte und Furcht. Doch wir werden Dinge erleben, so daß wir uns selbst nicht mehr kennen; kühles wahres Leben wird sich auf uns stürzen und Leidenschaft wird unseren Körper mit Kraft erfüllen. Mit neuer Kraft werden wir aufstampfen, und alles Alte wird abfallen. Wir werden lachen, und Gesetze werden sich kräuseln wie verbranntes Papier.“
Holger Kalweit ist Psychologe und Therapeut – und gesteht sich gleichzeitig die größten Schwierigkeiten mit diesem recht modernen Selbstbild ein. Aus jeder Zeile ist zu spüren, daß es ihn hinwegzieht vom schicken Herumwerkeln am „Sozialbaukasten Mensch“, dem Ego-Salat zwischen Therapeut und Therapiertem, den unbefriedigenden Theorien, Methoden, Sitzungen und Diskursen. Seinem Buch ist zu entnehmen, daß er als Alternative schon seit Jahrzehnten den Weg der Visionssuche, des Retreats, der unmittelbaren Naturerfahrung, der schamanischen Initiation und der reinigenden Einsamkeit gewählt hat – „zurückgezogen aus dem Heilberuf der Allesheiler“. „Menschsein erschöpft sich nicht im Menschen, da beginnt es.“ Es beginnt da, wo sich der Mensch wieder auf sein Eingebundensein in das natürliche Universum des unmittelbaren lebendigen Seins besinnt.
Der Autor gibt dem Leser kein Sachbuch über Selbsterfahrungskurse an die Hand, vielmehr wird man recht unmittelbar und brachial mit einer Art persönlichem Tagebuch und inneren Aufzeichnung konfrontiert, die an Deutlichkeit, Poesie, Seelenfieber, Depression und Rausch, klarem Blick, Erfolg und Versagen, Distanzlosigkeit, schamanischer Spiritualität, Mystik und natürlicher Magie nichts zu wünschen übrig läßt.
„Natur ist stärker als Erziehung“; sie nimmt keinerlei Rücksicht auf Ängste, Begierden, Krämpfe, Schmerzen, erstrecht nicht auf die vermeintliche Größe jeglichen Wissens, auf das Menschen gewöhnlich so stolz sind und das unter der Wüstensonne, im kalten Eis, auf rauhem Geröll, in Moor und Sumpf, an einsamen Seen und in dunklen Höhlen hinwegschmilzt und einer Reise ins Unbekannte und doch Vertraute Platz macht, die uns zu heilen und zu heiligen vermag.
„Das Leben ist nicht das, was Großstadtmenschen fühlen.“ Immer wieder stößt man auf Sätze wie diesen – unmittelbar, provokativ und initiatorisch, aber keineswegs leeres rhetorisches Geplänkel, sondern jedes Wort getragen von wirklicher Erfahrung, mitnichten gelehrt von Gurus, Lehrern und Psychoklempnern, sondern von uralten Bäumen, Wasserfällen, Steinklippen, Berggipfeln und Nachtgeistern.
„Freunde mir fehlen eure Weisheitslehren nicht.“ Darin liegt wirklich etwas Befreiendes, etwas was man nur selten findet, noch seltener in einem Buch. Vielleicht liegt da eine gewisse Tragik in Holger Kalweits Buch. Man spürt auf jeder Seite Authentizität, aber das Nichtdarstellbare, das Nichtaussprechbare, das Letztendliche liegt jenseits der Sprache und kann im Grunde genommen allein mit deren Hilfe nicht vermittelt werden. Mich hat an vielen Stellen das Buch persönlich sehr berührt, weil aus ihm der Schmerz des Menschseins und die unendliche Sehnsucht des Menschen nach Ganzheit und Heilsein spricht. Holger Kalweit ist ohne jeden Zweifel ein inspirierter Schreiber.
Wirklich gestört haben mich nur zweierlei Dinge: die etwas narzißtisch wirkende Selbst-Enthüllung des Autors in manchen Fotos, weil die Optik des Fotografen der Intimität der gemachten Erfahrung widerspricht. Vor allem aber das der aus der Psychologie geflüchtete Psychologe Holger Kalweit letztendlich doch wieder das Systemlose in ein System – die „Naturtherapie“ – bannen will. So werde ich wohl nicht zum Therapeuten Holger Kalweit kommen, um mich den „Gesetzen“ der „Naturtherapie“ auszuliefern. Ich werde mich aber sehr gern von seinen Initiationsreisen inspirieren lassen zu eigenen Wanderungen ins Dunkel, in die Unmittelbarkeit des Lebens, in die Kraft der Natur und die Magie des eigenen Blutes. Das macht die Stärke dieses Buches aus, das ich so und nicht anders den Lesern dieser Zeitschrift ans Herz legen möchte.
„Wir selbst sind Maschine geworden. Wir wurden in eine Maschinenkultur bereits hineingeboren, gesteuert von den Maschinengehirnen unserer Eltern und Vorfahren. Nun sollen wir wieder Antimaschine werden...“
(FC)