Romero E. Sotes
Das Praxisbuch Abrasch
Es passiert nicht selten, daß Methoden der Bewußtseinserweiterung wie Meditation und Chakrenarbeit denjenigen suspekt sind, die sich auf einem magischen oder okkulten Weg befinden. Umgekehrt wollen die Jünger der östlichen Philosophien und Religionen oft nichts von westlicher Magie und Psychonautik wissen, die ihnen als zu obskur und „schwarz“ gilt. In der zur Verfügung stehenden Literatur spiegelt sich dieser Antagonismus ebenso wider: Entweder man findet Bücher östlicher Gurus über Meditation oder Bücher über Astralreisen, magische Trancearbeit u.ä.
Das vorliegende Buch ist meiner Meinung nach mit dem sinnvollen Anspruch geschrieben worden, zwischen beiden Fronten zu vermitteln und eine – wie ich meine gelungene – Synthese anzubieten. Immerhin verbirgt sich hinter dem „esoterischen“ Pseudonym des Autors jemand – soviel darf man vielleicht verraten –, der ebenso Texte zu sethianischer und satanischer Philosophie und Magie veröffentlicht.
Das Buch hat den großen Vorteil, nicht nur im Titel ein Praxisbuch zu sein, sondern auf jeder Seite Meditationen, Visualisationen, Methoden, Techniken, Anregungen und Übungen anzubieten. Die dahinter steckende Intention zeigt sich in folgendem Zitat: „Erst, wenn wir uns als größtenteils durch unbewusste Impulse und äußere Manipulation fremdgesteuerte Roboter erkennen, haben wir die Chance, uns selbst zu programmieren und frei zu werden.“ Damit ist klar, daß der Autor keine alte oder neue Religion verkaufen will oder Anhängerschaft in einer neuen oder alten Sekte fordert, sondern die durch beständiges Praktizieren von Bewußtseinserweiterung geförderte freie Selbst-Bestimmung des Menschen bestärken möchte.
Die praktischen Übungen werden leicht und locker, manchmal für meinen Geschmack etwas zu bemüht lustig, vorgestellt und regen sofort zu eigenen Experimenten an. Darunter findet man Altbekanntes wie Tattva-Reisen genauso wie Neuschöpfungen mit komplexen Visualisationen oder anspruchsvoller energetischer Körperarbeit. In der Fülle des Materials muß man nicht alles brav durcharbeiten, sondern kann aus dem Vollen schöpfen, ausprobieren, Vorlieben erkennen oder sich einfach inspirieren lassen. Die empfohlene Vorgehensweise ist erfrischend undogmatisch, was das Buch von jenen umfangreichen Yoga-Schinken abhebt, die jeden Atemzug bis zum letzten Millimeter Körperhaltung vorschreiben und Erfolg so hoch hängen, daß jeder Anfänger nach kurzer Zeit entmutigt aufgibt.
Was der Suchende nun konkret in „Abrasch“ vorfindet, kann aufgrund der Vielfalt nur kurz angerissen werden: Grundlagen zu Atmung und Meditation, Mantra und Yantra, Asana und Konzentration, kabbalistische Energiearbeit, Reisen in die Sephiroth des Lebensbaumes, Elemente und Tattvas, Bhakti, der Abstieg der Ishtar in die Unterwelt, alles in Form von Übungen, Übungen, Übungen. Auf der folgenden Seite kann man sich mit Erlaubnis des Autors selbst ein Bild von einer solchen Übung direkt aus dem Buch machen.
Der Begriff Abrasch bezeichnet übrigens die verschiedensten Farbnuancen und Abweichungen, die beim Knüpfen eines Orientteppichs entstehen, zum einen weil das traditionelle Garn ausgegangen ist und durch neues ersetzt werden muß, zum anderen weil Vollkommenheit nicht erreicht werden kann und Abweichungen die Originalität und Einzigartigkeit jedes Teppichs ausmachen. In diesem Sinne ist der Titel auch Programm für den Inhalt des „Praxisbuchs“.
Theoretische Beschreibungen oder Erörterungen wird man in diesem Buch vergebens suchen. Auch keine spezielle Weltanschauung oder Hypothesen warum etwas gerade so funktioniert und nicht anders. Der Schwerpunkt liegt an jeder Stelle des Buches auf der Möglichkeit eine spezielle Erfahrung zu machen. Die Wertung, Einordnung und Nutzung dieser Erfahrung wird dem Leser überlassen. Vielleicht ist das Buch gerade deswegen gut für Menschen, die am Anfang eines/ihres Weges stehen und große Lust haben, drauflos zu experimentieren, ohne sich um die Konklusionen eines bestimmten Paradigmas Sorgen machen zu müssen.
Dem Buch ist überdies eine CD beigelegt, die speziell für die beschriebenen Meditationen komponierte Stücke von insg. über einer Stunde Länge bereithält.
(FC)