Cover Krasimira Stojanowa

Wanga. Das Phänomen

Die Bulgarin Krasimira Stojanowa berichtet in ihrem Buch „Wanga. Das Phänomen“ vom Leben ihrer Tante, der Seherin von Petritsch. Ein nahezu sagenhaftes Leben, das 1911 beginnt mit der Geburt Wangelias als Tochter eines armen Bauern. Der erste Schicksalsschlag, der Tod der Mutter, läßt nicht lange auf sich warten, und auch die Stiefmutter bleibt Wanga und ihren Stiefgeschwistern nicht lange erhalten, sodaß Wanga schon bald die Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister übernimmt.
Als Wanga 12 Jahre alt ist, schlägt das Schicksal erneut zu, in Form eines heftigen Sturms, der Wanga durch die Lüfte wirbelt. Man findet sie vergraben unter Schutt, mit verdreckten Augen. Als Folge dieses Unglücks erblindet sie, wird dadurch jedoch paradoxerweise zur Seherin, zu einer Art weiblicher Tiresias.
Gleich zu Beginn des Buches listet Stojanowa einige weltgeschichtlich bedeutsame Prophezeiungen Wangas auf, die bereits eingetroffen sind, u.a. den Beginn des zweiten Weltkriegs, die politischen Ereignisse in Prag 1968 und den Krieg in Syrien. Doch Wanga prophezeite nicht nur Großereignisse, sie stand den Menschen mit Rat und Tat zur Seite, heilte, spendete Trost. Kein Wunder also, daß sich zu ihrer Beerdigung im Jahre 1996 Tausende von Menschen einfinden, um ihr die letzte Ehre zu erweisen, darunter auch namhafte Politiker und Künstler.
In einem Interview aus dem Jahre 1984 erzählte Wanga von den Mächten, denen sie ihre hellseherischen Fähigkeiten verdankte: Seit fünf Jahren sehe ich sie. Sie sind durchsichtig und sehen aus, als würde ein Mensch sein Ebenbild im Wasser betrachten. Sie tragen Kleider, die Rüstungen gleichen und wie Schuppen eines Fisches glänzen. Meist sind es ältere Männer, eher Greise. Mir scheint, es gibt auch Frauen unter ihnen. Ihre Haare ähneln Algen. Sie sind weich wie Entendaunen und umkränzen ihren Kopf wie ein Heiligenschein. [...] – es handelt sich hier nach Aussage Wangas um Außerirdische vom Planeten "Wamfin". Zu diesen Außerirdischen treten andere Erscheinungen hinzu, die nur die blinde Wanga sehen kann, z.B. Jesus, der beschrieben wird wie ein riesiger Feuerball, und eine mythische Gestalt in Form eines Reiters aus längst vergangenen Zeiten; von all den Toten, die mit Wanga reden, ganz zu schweigen. So verbinden sich viele Bilder zu einem Sammelsurium aus alten und neuen Mythen, das doch etwas seltsam anmutet und den Zweiflern unter uns neue Nahrung gibt.
Nichtsdestotrotz kann wohl nicht geleugnet werden, daß Wanga eine charismatische Persönlichkeit gewesen sein muß, die vielen Menschen geholfen hat und das auf die unterschiedlichste Art und Weise. Manchen sagte sie die Zukunft voraus, so einer Frau, deren Tochter im Alter von drei Jahren verschwunden war. Wanga teilte ihr mit, daß ihre Tochter noch am Leben sei. Zigeuner hätten sie im Jahrmarktgetümmel entführt und die Mutter würde sie eines Tages zufällig wiederfinden. Tatsächlich hörte die Frau 22 Jahre später ein Gespräch im Zugabteil, in dem zwei Frauen von einer Zigeunerin erzählten, die gar nicht wie ein Zigeunerin aussehen würde, und als sich die Mutter dann zur erwähnten Zigeunerfamilie begab, fand sie dort ihr lange vermißtes Kind wieder.
Viele Male half Wanga, Verschwundene und auch die Leichen Ertrunkener oder Verunglückter zu finden. Sie übermittelte Angehörigen Botschaften von Verstorbenen, wie dem mißtrauischen Vater, dem der tote Sohn ausrichten läßt, daß sein Kollege unschuldig ist an seinem tödlichen Unfall – er war von einem Gerüst gestürzt.
Manche der geschilderten Schicksale haben sehr bildhaften Charakter. Beispielsweise wird von zwei alten Eheleuten erzählt, die Wanga aufsuchten, um sich Rat bezüglich ihrer Krankheiten zu holen. Wanga fragte den alten Mann, warum er überall, wohin er auch ginge, ein dickes Seil hinter sich herziehe. Er konnte es ihr nicht sagen, seine Frau jedoch erinnerte sich schließlich daran, daß er vor langer Zeit einmal zwei Kinder, die Melonen gestohlen hatten, mit einem Seil gefesselt und richtig durchgeprügelt hatte. Woraufhin Wan-ga ausrief, daß er sich für diese Tat werde verantworten müssen.
Sie empfahl diesen zwei Eheleuten Heilkräuter gegen ihre Krankheiten. Doch Heilkräuter waren nicht die einzigen Mittel, über die Wanga verfügte. Seltsam anmutende Rituale mußten mitunter durchgeführt werden, um die Ratsuchenden zu heilen. Einem Mann, der sich beim Trockenlegen eines sumpfigen Feldes sein Knie an einem rostigen Nagel aufgeschrammt hatte, riet Wanga, auf die entzündete Wunde die Haut eines Frosches aus dem betreffenden Sumpf zu legen. Was im-mer man davon halten mag – anscheinend hat es geholfen. Manchmal empfahl Wanga auch ganz einfach nur einen bestimmten Arzt.
Für die Seherin Wanga resultierten Krankheiten aus der Wirkung des die Kranken umgebenden Umfeldes, der Beziehung zu ihrer Familie und der Vergehen ihrer Ahnen. Und so kann man ihren Ansatz als einen ganzheitlichen betrachten, in dem christlicher Glaube und eine ethische Einstellung allem Leben gegenüber eine bedeutende Rolle spielten. Im Bewußtsein ihres gesunden Menschenverstandes und ihrer spirituellen Fähigkeiten schien Wanga nicht ein einziges Mal zu wanken. Sie sprach deutlich aus, was sie für wahr hielt und das konnte für die Betreffenden mitunter hart ausfallen.
Die vielen Augenzeugenberichte im Buch erzählen von Menschen und ihren oft anrührenden Schicksalen, die nahezu mythischen Charakter besitzen, und Wangas Seherinnengabe zeichnet sich aus durch eine phantastische Bilderwelt und klare Ethik. Das ist es, was mich als Skeptikerin an diesem Buch gefesselt hat. Auch die Geschichte von dem Ausflug zu einer Stelle in den Bergen, die Wanga ihrer Nichte bezeichnet und an der sich Unheimliches ereignet, ist sehr spannend erzählt. Selbst Stojanowas archäologisch historischen Spekulationen, die sich auf die Aussagen ihrer hellsehenden Tante gründen, kann ich noch folgen. Hinzu kommt, daß der schlichte Stil des Geschriebenen Vertrauen schafft, weil er auf reißerische Behauptungen verzichtet. Etwas zu abenteuerlich wird es mir jedoch, wenn Krasimira Stojanowa beginnt, von Wangas Prophezeiungen über die ferne Zukunft zu erzählen. Danach soll der zukünftige Mensch aus Wasserstoff, Silizium und Elektrizität bestehen, durchsichtig sein und wie Glühwürmchen leuchten. Es ist freilich tröstlich, daß die Menschen Generationen nach uns ein herrliches Leben führen werden, nichtsdestotrotz streikt hier meine Vorstellungskraft.
Science-fiction-Autoren jedoch können in diesem Buch eine Quelle der Inspiration entdecken und auch den Fans von Däniken, den Anhängern Bert Hellingers, gläubigen Christen, GrenzwissenschaftlerInnen und EsoterikerInnen sei hiermit dieses Buch empfohlen.
(Claudia Mair)

Erschienen im Ennsthaler Verlag, Steyr 2004
ISBN 3-85068-618-3
21,40 Euro