Im ersten Essay dieser Serie(1) wurde darauf hingewiesen, daß
· Diskussionen über kulturelle Vielfalt – Wissenschaft gegen Religion, Kunst etc. – ohne die Anerkennung der Magie unvollständig sind
· Magie in diesen Diskussionen ausgelassen wird, weil man sie als einen primitiver Vorläufer der Wissenschaft abstempelt – als etwas aus historischer und anthropologischer Sicht Interessantes, aber nicht relevant für das moderne Denken
· solche Ignoranz gegenüber der Natur der Magie zu ungeordnetem Denken führt und Tendenzen ausbildet, magische Praktiken im Namen von Religion, Wissenschaft oder Kunst anzuwenden.
In diesem Essay erforsche ich die kontroverse Sichtweise, wie ich sie in SSOTBME dargestellt habe, nämlich daß in der Praxis die Magie tendenziell auf die Wissenschaft folgt und ihr nicht vorausgeht. Nicht im Sinne einer linearen Sequenz, die Magie der Wissenschaft überlegen machen würde, vielmehr in Form eines endlosen Kreislaufs, in dem Magie zu Kunst wird, Kunst zu Religion, Religion zu Wissenschaft.
Als Beispiele, in denen Magie auf Wissenschaft folgt, verweise ich auf das 1960er "Revival" des Okkulten nach der Technologiebegeisterung und den Wundern der Wissenschaft in den 1950er Jahren. Dies steht in Konflikt zu der alten Auffassung, daß der gebildete Verstand, der ein gewisses Verständnis oder eine gewisse Akzeptanz für die Wissenschaft besitzt, keinen Bedarf mehr für die Magie hat. Dennoch geschah das Gleiche am Ende des 19ten Jahrhunderts – dort gab es eine Periode allgemeiner Faszination und verstärkter Ausbildung im Bereich der Wissenschaft, gefolgt von der Widergeburt eines allgemeinen okkulten Interesses.
Diese zwei Beispiele sind ziemlich oberflächlich – sie geben eher Modeerscheinungen und den Hunger auf Neues wieder als irgendeine tiefgründige philosophische Veränderung. Einfach ausgedrückt könnte man sagen, daß nach fünfzehn Jahren, in denen man den Menschen erzählte, die Wissenschaft habe auf alle Fragen eine Antwort, die Öffentlichkeit beginnt unbequeme Fragen zu stellen, um zu erfahren, ob es noch "etwas anderes" im Universum gibt.
Ein eher erstzunehmendes Beispiel war der Übergang von der Rationalität des Altertums in das "Dunkle Mittelalter" – als zum Beispiel die arabische Metallurgie mystisch und obskur verhüllt wurde und sich zur Alchemie entwickelte. In SSOTBME behaupte ich, ein ähnlicher Übergang zeichne sich gerade wieder ab – und gebe verschiedene Beispiele:
· Die Ungeduld der Öffentlichkeit mit den langsamen Fortschritten der Wissenschaft führt zu der Forderung von Verboten jener Substanzen, die mit Gesundheitsrisiken in Beziehung gebracht werden. Dieser Gedankengang ist sympathetische Magie – es handelt sich nicht um Wissenschaft, solange keine kausale Verbindung etabliert ist.
· Die praktische Reaktion auf die Softwareprobleme von Anwendern ist immer öfter die Vermeidung von Umständen und Situationen, die ein Problem verursachen (bug warning), als eine Analyse und Abänderung des überkomplexen Programmcodes.
· Es liegt kommerzieller und politischer Druck auf Wissenschaftlern, Informationen nicht öffentlich zugänglich zu machen – und dies mindert einen von der Wissenschaft benötigten, globalen Konsensus in wissenschaftlichen Fragen. Daher auch die Geschichten der "verrückten Wissenschaft" hinter dem Eisernen Vorhang oder die Streitigkeiten zwischen Ärzten und der Ernährungsindustrie.
Ich versuche nicht, den Übergang von Wissenschaft zu Magie kausal zu erklären, vielmehr versuche ich, verschiedene Beispiele oder "Threads" aufzuzeigen. Zum Beispiel daß Religion, wenn sie etabliert ist, eine gemeinsame Sprache und ein stabiles, kulturelles Imperium schaffen kann, in dem ideale Bedingungen für das Wachstum der Wissenschaft vorzufinden sind. Wissenschaft hingegen, wenn etabliert, erschafft neue Technologien und schnellen Wandel, der den Körper der Wahrheit, den die Wissenschaft so dringend braucht, fragmentiert und so einen guten Nährboden für Magie bereitstellt.
Ein anderes "Thread" ist die tendenzielle Entwicklung der Religion von der Vielgötterei zu der Verehrung eines einzelnen Gottes – Monotheismus. Das aber führt zu der Dualität von "Gott" einerseits und der "realen Welt" andererseits, und die Kultur wird in ihrer Entwicklung dieses Problem lösen, indem sie die Materie selbst an die erste Stelle wählt. In diesem Sinne ist Wissenschaft der ultimative Monotheismus am Ende der religiösen Evolution.
Anstatt mich durch weitere "Threads" zu arbeiten, wie es in SSOTMBE geschehen ist, werde ich nur eines für dieses Essay näher betrachten. Es ist der Prozeß des Reduktionismus, der so effektiv im scheinbaren ‚Sieg’ der Wissenschaft über die Religion ist.
Das Hauptargument des Reduktionismus widerlegt nicht wirklich die Existenz Gottes, es macht Gott einfach unwichtig. Für jedes „Wunder der Natur“ oder jede "ekstatische Erkenntnis", die von der Religion vorgebracht wird, antwortet die Wissenschaft mit einer Erklärung, die auf physikalischen Gesetzen basiert. Die Tatsache, daß eine Elektrode im Hirn eine mystische Erfahrung simulieren kann, beweist aus logischer Sicht genauso wenig, daß mystische Erfahrungen nur Schaltungen im Hirn sind wie Kunstleder die Nichtexistenz von Kühen beweist, aber es bietet der mentalen Grundhaltung, einfachere oder verallgemeinernde Erklärungen zu wählen, einen sehr einfachen Weg an. Warum an Gott glauben, wenn wir nicht müssen? Der Punkt ist aber, daß das Argument des Reduktionismus ein gewisses Maß an Bewegungsenergie in der menschlichen Kultur besitzt. Nachdem er unzählige Reduktionen der spirituellen Welt in simple materielle Modelle mitangehört hat, geht der menschliche Verstand einen Schritt weiter und erkennt, daß er alleine mit Hilfe dieser Modelle oder Erklärungen überleben kann. Er braucht die materielle Welt nicht. "Gebt mir nur Information, ich brauche keine Materie."
Eine detaillierte Fassung dieses Arguments wird in "Words Made Flesh"(2) detailliert erläutert. Wenn die Wissenschaft nach einer "Theorie von Allem" strebt, könnte diese Theorie in einem Informationsprozessor modelliert werden und würde ein virtuelles Universum erschaffen, welches aus sich selbst heraus Leben und bewußte Existenzen entwickelt würde. Wenn es dies nicht tut, deutet das darauf hin, daß die "Theorie von Allem" nicht vollständig ist.
Wenn die Möglichkeit der Existenz von virtuellen Universen, die so komplex und abgeschlossen wie unseres sind, erst einmal akzeptiert wird, ist es schwierig, diese zwei Formen von Universen in unserem Verstand auseinander zu halten – die aus Materie gestalteten und die, die ihren Bewohnern nur so erscheinen, als wären sie aus Materie erschaffen. Es wird einfacher zu glauben, daß auch wir in einer virtuellen Realität oder einer Informationsstruktur leben. Die Paradoxa, die von der Hochenergie-Physik aufgedeckt wurden, fangen an wie das zu klingen, was man von Wissenschaftlern einer virtuellen Realität erwarten könnte, die versuchen, die Bausteine ihrer Realität aufzudecken.
Aber solch ein Universum wäre magisch in dem Sinne, daß alles darin durch ‚unsichtbare’ Links und Fäden verbunden ist. In einem realen, materiellen Universum hat der Wissenschafter das Recht zum Magier zu sagen: "Du mußt mir beweisen, daß die Position der Planeten, oder das Legemuster deiner Tarotkarten, irgendeinen Einfluß auf weltliche Vorkommnisse hat." – denn kein signifikanter, kausaler Link ist ersichtlich. In einem Universum der Information ist die Sache aber anders herum, denn Zufall, Rechtwinkligkeit und Unabhängigkeit sind hier sehr kostspielig – nun obliegt es dem Wissenschaftler zu erklären, warum jedes Mischen des Tarot von einem unabhängigen Satz Gleichungen generiert werden soll, die in keiner Verbindung stehen zu Gleichungen, die andere weltliche Vorkommnisse generieren.
Dieses Beispiel eines Wandels von Religion zu Wissenschaft und die darauffolgende Evolution hin zur Magie mag sehr ‚modern’ klingen wegen der Terminologie, die ich benutzt habe. Ich kann es aber auch durch persönliche Erfahrung erklären.
Als ich das mittlere Alter erreichte, bemerkte ich, daß Uranus in seine Geburtsposition kam – für gewöhnlich ein Zeichen, daß der Mann eine wichtige Zeit der "Midlife-Crisis" erleidet und sich in eine Frau verliebt, die halb so alt ist wie er selbst. Natürlich war ich auch gerade frisch geschieden – die Bühne war bereit.
Glücklicherweise war ich ja gewarnt, auf der Hut, also nicht empfänglich für so eine Dummheit. Aber ich traf diese junge Frau und fühlte: ich hatte den Freund für das Leben gefunden. Ich wollte wirklich Freundschaft – also war ich entschlossen, mich nicht zu verlieben und so alles zu verderben. Aber die ganze Beziehung war durchzogen von den merkwürdigsten, bedeutsamsten Zufällen – und führte zu einer Eruption von Erinnerungen vergangener Leben, spontaner Einsichten etc., etc. – ich würde es wirklich genießen, euch mit Details zu langweilen ...
Der Punkt ist, daß ich auf zwei Ebenen lebte. Auf einer war ich ein Schauspieler in einem faszinierenden menschlichen Drama, welches sich über mehrere Leben erstreckte, auf einer anderen war ich ein dummer alter Mann, der den Reizen einer jüngeren Frau erlag. Das Interessante aber ist: mein ‚wissenschaftliches’ Verständnis dieses ‚Zusammenbruchs’ schaffte es nicht, das Drama zu bannen.
Es ist eine Sache, faszinierende Erfahrungen zu machen, wenn man betrunken oder in Ekstase ist, aber eine ganz andere Sache, sie immer noch zu haben, wenn sie unter dem Mikroskop für eine klare, rationale Analyse bereit liegen. An diesem Punkt würde der Wissenschaftler sagen: "Ja, das ist die Natur psychotischer Erfahrungen: sie nimmt einen vollkommen ein, so daß sich die Sinneseindrücke absolut klar und selbstverständlich anfühlen."
Aber hier verläßt mich die Wissenschaft. Denn ich habe zwei Versionen meiner Erfahrung, zwischen denen auch keine noch so genaue, rationale Betrachtung der Dinge eine Entscheidung treffen kann. In einem bin ich ein lächerlicher alter Mann, im anderen ein Held in einem kosmischen Drama. Warum also nicht die wählen, die für mich den größten Nutzen bringt?
In der Magie geht es um das Zeug, was man am eigenen Leib erfährt – Erklärungen sind nebensächlich. Wir mögen sie, denn sie können den Wert der Erfahrung oder des Erfahrenden erhöhen. Wenn sie keinen Mehrwert bringen, bleibt man einfach bei der Erfahrung. Ein Zaubertrick kann viel schöner sein, wenn man nicht weiß, wie er gemacht wird. Wissenschaft – die Gott bannte, als sie sagte: "Schaut euch diese Fakten an" und dann alternative Erklärungen lieferte – muß nun entdecken, daß die Leute damit zufrieden sind, einfach die Fakten zu erleben und ihre eigenen Schlußfolgerungen zu ziehen.
Die Wissenschaft hat uns so nah an unsere ‚wahre Welt’ gebracht, daß ihre eigenen Erklärungen anfangen, wie theologische Dogmen zu klingen. Wir bewegen uns auf die Magie zu und der Zyklus wiederholt sich.
Anm. d.Ü.: 1 Ramsey Dukes: Braucht unsere Gesellschaft Magie? in: Der Golem Nr.18, S.15f.[Zurück] 2 Ramsey Dukes: Words Made Flesh, zu beziehen (wie alle seine Bücher) über www.occultebooks.com. Der Autor verweist im englischen Original direkt im Text auf die Bezugsquellen seiner Bücher. Da diese Quellen teilweise nicht mehr existent sind, wurden sie aus dem Essay genommen und in dieser Fußnote stellvertretend erwähnt.[Zurück]