Catrin Wildgrube
Die Welt der Hexen
Hexenbücher überschwemmen derzeit den Buchmarkt, vom absolut plattesten Mist angefangen bis zu ungewöhnlichen und erstaunlichen Titeln. Beim Reinlesen in „Die Welt der Hexen“ merkt man schnell, daß Catrin Wildgrubes Büchlein zum anspruchsvolleren Bereich dieses Spektrums gehört.
Die Autorin, die sich auch als Hexe Bjarka im Internet präsentiert, gehört zur Germanischen Glaubensgemeinschaft und nimmt, wenn ich das richtig verstanden habe, als „Lagkona“ dort eine leitende Position ein. Entsprechend ihrer religiösen Zugehörigkeit unterscheidet sich ihr Blick auf Geschichte, Hintergrund und Praxis des Hexentums etwas von anderen weit verbreiteten Auffassungen, etwa im Wicca. So spielt eine mehr oder weniger wahrscheinliche Ur-Religion der Großen Göttin oder eines gehörnten Gottes kaum eine Rolle, vielmehr der Volksglauben, die Sitten und Bräuche unserer heidnischen, speziell germanischen Vorfahren. Innerhalb dieses Kulturkreises treten Hexen als heil- und zauberkundige Frauen auf, die auch noch unter vielen anderen Namen bekannt waren: Galsterweiber, Druden, Sudfrauen (seidkona), Völvas (Stabträgerinnen) usw. Jenseits von christlichem Hexenwahn oder moderner (profitabler) Verklärung waren sie offenbar schon in den heidnischen Zeiten verehrt und gefürchtet, weil sie ihre magischen Kräfte zum Wohle oder gleichermaßen zum Schaden einsetzen konnten.
Die Autorin vermittelt sehr interessante Zusammenhänge zur germanischen Überlieferung der Wilden Jagd, als deren Anführer ja Wotan gilt. Besonders im Alpenland wurden die nachtfahrenden Hexen oft als Wuotisen bezeichnet. Zum Gefolge der Wilden Jagd gehörte auch die Holde, Holle, Bertha oder Berchta, die christliche Autoren schon früh mit der antiken Diana verglichen. Es wäre auch einmal lohnenswert, einen eventuellen Zusammenhang der Hagedissen oder Wuotisen mit den Disen, weiblichen göttlichen Wesen der nordischen Mythologie, genauer zu untersuchen, was die Autorin an dieser Stelle leider versäumt. Immerhin finden sich in Deutschland auch etliche Disen- oder Deesenberge, auf denen man sich „Hexensabbate“ als heidnische Urkulte gut ausmalen kann.
Die typisch mittelalterliche Vorstellung des Hexentums als Teufelswerk, -pakt oder -kult scheint dagegen nichts Ursprüngliches gewesen zu sein, sondern in Zusammenhang mit der christlichen „Verteufelung“ der alten Götter zu stehen. Den ebenso beliebten und bekannten Hexenritt berichteten schon nordische Sagas, wo er Gandreid hieß, ein Begriff, der auch bei Edred Thorsson erwähnt wird. Der Gandr ist der (Zauber)Stab und Galdr die Magie, die mit und durch ihn gewirkt wird. Aus Galdr entwickelte sich das erwähnte Galstern, von dem ebenso unser deutsches Gellen herrührt. Sehr schöne und interessante Berührungspunkte, die Catrin Wildgrube da herausgefunden oder zusammengetragen hat. Munter geht es weiter mit Kapiteln über Hexenfeste, Erdmutterkulte, Hexenkräuter und Pflanzenwissen, den magischen Mond, die Kunst des Siedens (Seidr) und vieles mehr. Mit seinen knapp 100 Seiten ist „Die Welt der Hexen“ eine beeindruckende Fundgrube an überliefertem Wissen.
Der Satz „Hexe sein bedeutet, die ursprüngliche Naturreligion und Naturmagie der eigenen Vorfahren zu leben.“ könnte ein gutes Motto von Catrin Wildgrubes Herangehensweise sein.
Das Buch schließt leider mit einer überflüssigen Abfuhr an das moderne Wicca, das als „neue Glaubensform“ im Gegensatz zum „echten alten Hexentum“ gesehen wird. Damit hat sich über die Hintertür der altbekannte Streit um die alleinseligmachende „Wahrheit“, die „wahre Tradition“ und ähnliche Floskeln wieder eingeschlichen. Sehr bedauerlich. Die Schriften von Margaret Murray, die Gerald Gardner stark beeinflußten, bezeichnet die Autorin in diesem Zusammenhang als „wissenschaftlich unhaltbar“. Dies entbehrt nicht einer gewissen Lächerlichkeit, wenn man bedenkt, was wohl die akademische Wissenschaft zum vorliegenden Buch zu sagen hätte. Die Unterschiede zur Ablehnung von Murray wären wohl eher gering. Wer weiß darüber hinaus schon, ob nicht vor Zehntausenden von Jahren tatsächlich ein Urkult der Großen Göttin und des Gehörnten existierte, der seine archetypischen Bilder bis in die heutige Zeit hinein sendet. Es hängt mir zum Halse raus, daß jeder so tut, als wäre er selbst dabei gewesen. In diesem Zusammenhang sollte man sich immer die weisen Worte des Semantikers Alfred Korzybski vergegenwärtigen: Wenn jemand sagt, daß es so ist, dann ist es nicht so. Das die Autorin Crowleys Lehren (eine weitere Inspirationsquelle Gardners) als Vermischung von „ägyptischen Mythen mit der Bibelreligion“ bezeichnet, ist eine weitere unverzeihliche Oberflächlichkeit, die letztlich nur zeigt, daß sie sich nie ernsthaft mit Crowley befaßt hat. Aber genug gemeckert, es sollte trotzdem klar geworden sein, daß „Die Welt der Hexen“ ein empfehlenswertes Buch ist und vieles zu bieten hat, was im gegenwärtigen Hexen-Hype einfach zu kurz kommt.
(FC)