Cover Edred Thorsson

Die neun Tore von Midgard

Es gibt vermutlich keinen am Thema Runen und Runenmagie ernsthaft Interessierten, dem man den Namen Edred Thorsson näher erläutern muß. Seine immer wieder gesuchten Klassiker „Handbuch der Runenmagie“ und „Runenkunde“ gelten als unbestritten kompetent und vereinen eine faszinierende Vielfalt an Informationen und praktischen Anleitungen zum Umgang mit dem germanisch tradierten 24er-Futhark unserer alteuropäischen Vorfahren. Seit Jahren hatte man von Thorsson hierzulande nichts mehr gehört, umso mehr durfte man also auf diese Neuerscheinung aus seiner Feder gespannt sein. „Die neun Tore ...“ entsprechend dem nordischen Weltenbaum sind ein sorgfältig strukturierter und systematischer Arbeitsweg für Adepten der magischen Runologie, den der Autor in Form eines Arbeits- und Handbuches ursprünglich für die Mitglieder der von ihm gegründeten Rune Gild niederlegte. Das damit keine Geheimniskrämerei getrieben wird - wie so oft bei okkulten Gruppierungen - spricht schon mal für ihn, denn jeder kann sich mit diesem Buch in den Händen auf den Weg durch die Tore machen und dabei auf die Kenntnisse und Erfahrungen von Vorgängern zurückgreifen, die diesen Pfad mit ihrer eigenen Energie bereits belebt haben. Das Motto Reyn til Rúna (Suche die Mysterien) ist dabei nicht beliebig zu verstehen, denn im Mittelpunkt des Buches steht der Lehrplan der Gilde, der dem Suchenden einen genauen Tagesplan auf der festen Grundlage der Tradition vorschreibt und dabei religiöse Verehrung der alten Götter und magische Übungen zu einer Art Exerzitium vereint. Gemäß seiner eigenen akademischen Bildung legt Thorsson sehr viel Wert auf nachweisbare Quellen und damit auf eine verifizierbare Tradition für alles, was an Techniken und Wissen in diesem Buch angeführt wird. Vermutlich gibt es kaum jemanden, der auf diese Art und Weise tiefer in die Überlieferung eingetaucht ist als Thorsson und manche seiner Erkenntnisse sind recht überraschend, z.B. wenn er historische Belege und Beispiele für runische Handstellungen (Höndstödur) anführt. Der Autor setzt oft voraus, daß die Quellen auch dem Leser leicht zur Verfügung stehen, was insbesondere hier nicht in jedem Fall so einfach möglich ist. Man hätte sich daher an manchen Stellen etwas mehr Hintergrundmaterial direkt im Buch gewünscht. Natürlich findet man eine Fülle von verwertbarer Runenpraxis: Anrufungen, Galdr, Seidr, Stödhur, Reisen, Meditationen, Selbst-Analysen und -Formungen u.v.m. Alles in allem scheint jedoch der aktuelle Edred Thorsson nicht mehr ganz so gewohnt beweglich und undogmatisch zu sein - die Bedeutung von Struktur, Hierarchie und Tradition und ihre Beziehung zur Rune Gild ist an jeder Stelle des Buches unübersehbar. Der freie Runenzauberer wird daher hier und da lächelnd und leicht abwehrend die Hände heben, aber er wird trotzdem den Fundus zu schätzen wissen, der ihm hier geboten wird - etwas altmeisterlich vielleicht, aber nichtsdestotrotz wohl unübertroffen.
(FC)

Erschienen im Arun Verlag 2004
ISBN 3-935581-59-9
18,00 Euro

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