1. Zum Künstler: Anish Kapoor
„Die Skulptur entsteht, in dem man etwas fortnimmt,
wohingegen das Bild durch hinzufügen entsteht.”
Michelangelo
„Ich bin ein Maler, der ein Bildhauer ist.”
A.Kapoor(1)
Der 1954 im indischen Bombay geborene Jude Anish Kapoor lebt seit den frühen 1970er Jahren in London, wo er die Chelsea School of Art besuchte. Er wurde sowohl mit dem Premio Duemila Preis der 44. Biennale von Venedig (1990) als auch 1991 mit dem Turner Preis ausgezeichnet. Seine Arbeiten sind weltweit ausgestellt worden, so z. B. auf der Documenta IX in Kassel, und befinden sich in zahlreichen privaten und staatlichen Sammlungen, u.a. in der Londoner Tate Collection, im New Yorker Museum of Modern Art, im Madrider Centro de Arte Reina Sofia und im Amsterdamer Stedelijk Museum. Als dritter Künstler - nach Louise Bourgois, 2000, und Juan Muòoz, 2001 - bekam er 2002 den Auftrag, in der riesigen, 155 m langen, 23 m breiten und 35 m hohen Turbinenhalle des Tate Modern eine Installation aufzubauen.(2)
Neben dem Numinosen, das seine Skulpturen umgibt, ist besonders Kapoors Vielfalt in der Gestaltung der von ihm bevorzugten Materialen auffallend. So finden sich unter seinen berühmten Arbeiten ebenso gepulverte Pigment-Skulpturen, bearbeitete Steinquader wie auch gewaltig überdimensionierte, fleischartige PVC-Membranen. Die für Kapoor charakteristischen Gebilde sind nicht so sehr Skulpturen denn physisch gewordene sinnliche Ereignisse.
Der rote Faden in seinem Werk ist der Versuch, den Blick des Betrachters nach Innen zu wenden. Dies versucht Kapoor vor allem durch die Überschreitung von Grenzen zu erreichen.(3)
2. Objektbeschreibung: Descent into Limbo
Der Titel des Objekts Descent into Limbo bedeutet Abstieg in die Vorhölle. Es besteht aus nichts als einem weißen, sechs Meter breiten, kubischen Raum. Decke, Boden und Wände des Raumes, der speziell zu diesem Zweck angefertigt wurde, sind völlig weiß gestrichen und leer.
Wenn man den Raum betritt, ist alles, was sich darin befindet, ein Loch im Boden. Das Loch besitzt einen Durchmesser von ungefähr anderthalb Metern und ist derart angefertigt, daß der Rand deutlich von der scharfen, kreisrunden Außenkante abfällt.
Das Innere des Lochs ist mit einem tief-dunklen Blau ausgemalt. Die Farbe wurde von Kapoor eigens für dieses Objekt gestaltet, und vermittelt unwillkürlich den Eindruck, als wäre „das Loch mit Dunkelheit gefüllt”(4).
3. (Okkulte) Interpretation
Die merkwürdige Sogwirkung, die vom Loch im Boden des Objekts Descent into Limbo auf die Betrachter ausgeht, beschreibt Kapoor in einem Radiointerview wie folgt:
„Die Menschen, die den Raum betraten, bekamen es mit der Angst zu tun. Es war erschreckend: Sie standen am Rand eines Abgrundes, der den Eindruck machte, als reiche er bis zum Mittelpunkt der Erde. Die Bedeutung dieses Werkes liegt für mich darin, daß die Dunkelheit, die die Betrachter in dem Loch antrafen, uns allen bekannt ist – sie ist dunkler als die Nacht. Wir tragen diese Dunkelheit in uns und wir kennen sie. Sie ist etwas, mit dem ich gearbeitet habe, etwas, dessen wir uns alle bewußt sind, und das wir dennoch nicht benennen oder einordnen können.”
Im Zentrum der Kunst Kapoors stehen die Begegnung, das Erlebnis und der Moment der Erhabenheit. Der Unterschied zwischen Begriff und Wirkung der Schönheit und jenem der Erhabenheit ist vergleichbar mit dem zwischen der astrologischen Venus und Sonne. Während die Schönheit das Prinzip der Ästhetik verkörpert, stellt die Sonne das Prinzip der Sublimation(5) dar. Das Erhaben definiert sich nach Thiersch gerade dadurch, daß es „durch seine Stärke und Größe das Gemüt des Wahrnehmenden erhebt und nötigt, zu seiner Aufnahme und Bewältigung sich gleichsam auszudehnen und zu erweitern.”(6)
Im Gegensatz zur niederen oder konkret-ästhetischen Ebene, auf der Erhabenes und Schönes durchaus Unterschiedliches umfassen können, decken sich die Begriffe auf der transzendenten Wirkungsebene: hier entsprechen beide einem inneren Fissions-Erlebnis.
Folgende Tafel gibt einen Einblick in die Dialektik von Schönem und Erhabenem:
Dort, wo das geheime Wissen in den Werken Botticellis und anderer Renaissance-Künstler den Weg zur Einweihung in Gestalt der Schönheit ebnet, übernimmt diese Aufgabe bei Kapoor die Ausschließlichkeit des Erlebnisses. Was der Schlüssel zur traditionellen Kunst ist, steht dem Verständnis von Kappors Werk entgegen: die geistig-symbolische Interpretation.
Das widersprüchliche Verhältnis Kapoors zur klassisch-symbolistischen Kunst wird besonders anschaulich, wenn man den Hintergrund seines Objekts Descent into Limbo betrachtet. Wie der Künstler selbst betont, stammt die Inspiration zu diesem Objekt von dem Kupferstich Abstieg in die Vorhölle von Andrea Mantegna (*1431 - +1506).(7)
Mantegnas Werk kann stellvertretend für die reife Renaissancekunst in Oberitalien gelesen werden.(8) Sein Name ist der Hermetik, insbesondere der Tarotforschung vor allem durch das berühmte Tarocchi del Mantegna überliefert, als dessen Schöpfer er lange Zeit galt.(9) Seine Gemälde werden durch den symbolistischen Gebrauch von Architektur- und Ornamentformen geprägt und stellen „ausgeklügelte und klassizierende Allegorien”(10) dar.
Der Abstieg in die Vorhölle: Wie die gleichlautenden Titel der Werke illustrieren, haben sich zwei Künstler aus verschiedenen Jahrhunderten dem gleichen Thema angenommen. In beiden Werken geht es um eine Bewegung ins Innere der Erde, in die Dunkelheit und das Verborgene. Und in beiden Fällen – in dem Renaissancestich wie in der modernen, begehbaren Skulptur – steht die Konfrontation mit den Ängsten im Vordergrund.
In Mantegnas Stich nehmen diese Ängste die Gestalt von drei Dämonen an, die aus den aufgebrochenen Toren zur Vorhölle stürmen und mit dem Klang ihrer Hörner Qual und Schrecken verbreiten. 400 Jahre später arbeitet ein Künstler mit der gleichen Quelle der Inspiration. Anstatt die Angst in eine Form gerinnen zu lassen und ihr auf diese Weise Gestalt zu verleihen, entscheidet er sich für den umgekehrten Weg: er läßt das Namenlose in seiner Ungreifbarkeit bestehen; wie einen Rahmen formt er einen Raum um die Angst, ohne sie selbst einzugrenzen oder zu gestalten: In dem Loch voller Dunkelheit konfrontiert er den Betrachter mit seinen eigenen Schatten, mit den Dämonen, die er in sich fühlt und doch auch in diesem Moment der Begegnung nicht zu Gesicht, in einer greifbaren Form zu fassen bekommt.
Descent into Limbo bringt wie kein anderes Werk Kapoors das bedrohliche Spiel mit Anwesenheit und Abwesenheit, Sein und Nicht-Sein, dem Geheimnisvollen und dem Profanen zum Ausdruck. Indem sich Kapoor einerseits an den Themen der klassischen Kunst orientiert, sich andererseits aber von jeder traditionellen Bildsprache löst, ja, das Bild im klassischen Sinne nicht einmal zum Tragen kommen läßt, erreicht er das, worum es jeder spirituellen Kunst – heute wie vor Hunderten von Jahren – geht: Den Betrachter in Schweigen und Staunen zu versetzen.
Nicht nur mit dem Ziel seiner Kunst überbrückt Kapoor etliche Jahrhunderte. Auch seine künstlerische Haltung entstammt keineswegs der Moderne, sondern ist der Kunstgeschichte aus den Zeiten vor der Renaissance vertraut: Es ist die Bedeutung der Kunst jenseits der eigenen Biographie. Das Objekt des Schaffens wird weniger als Ausdruck oder Speicher der eigenen Persönlichkeit genutzt, denn als ein Medium für eine Kraft und Erfahrung, die sich an eine tiefere Ebene des menschlichen Daseins richtet. Zugleich ist es unvermeidlich, daß jedes Kunstwerk auch die Handschrift seines Schöpfers trägt. Anish Kapoor beschreibt dieses Verhältnis in einem Radiointerview mit dem BBC Journalisten Joan Bakewell folgendermaßen:
„Anish Kappor: ‘Die persönliche Psyche ist in jedem Fall der Anfang eines jeden Kunstwerkes – aber möglicherweise nicht dessen Ende. Es ist die Idee, daß sich im Prozeß des Schaffens, den wir eine künstlerische Tätigkeit nennen, ein fundamentaler Wandel vollzieht, der zu etwas völlig anderem führt. Zu etwas Nicht-Personalem.’
Joan Bakewell: ‘Zu etwas Spirituellem?’
Anish Kapoor: ‘Dieses Wort steckt voller Schwierigkeiten; aber ja – zu etwas Spirituellem. [...] Daher bemühe ich mich um eine nicht-autobiographische Kunst. Eine Kunst, die einen Zustand – wenn Sie so wollen – abstrakter Gewißheit erreicht, der sich dem einfachen Betrachter, dem Uneingeweihten ebenso öffnet wie dem Eingeweihten.’”(11)
Es ist die Abwesenheit des Symbolischen, die für Kapoors Werke charakteristisch ist und seine Kunst Uneingeweihten ebenso wie Eingeweihten zugänglich macht. Zugleich ist das auch der spezifisch moderne Aspekt seines Werkes: das Fehlen aller symbolischen Elemente wäre für die östliche wie westliche Kunst der vergangenen Jahrhunderte undenkbar gewesen. Kapoors Kunstwerke machen weder Gebrauch von Symbolen, noch sind sie welche; sie sind Türen, die den Betrachter an Orte des Geheimnisses führen.
Wie der Betrachter diese Türen öffnen kann, deutet Kapoor in dem bereits zitierten Interview an:
„Joan Bakewell: ‘Das Erhabene treibt sie also zu etwas an, das jenseits der individuellen Persönlichkeit liegt. Und es tut dies auf eine Weise, die man zwar nicht definieren kann, die jedoch Mut verlangt, um sie zu verfolgen.’
Anish Kapoor: ‘Ja. Und das ist der Grund, warum ich der Meinung bin, daß Kunst zu betrachten ebenso schwierig ist, wie sie zu schaffen. Und daß man sich bilden muß, um überhaupt sehen zu können. Es verlangt Mut, diesen Sprung zu tun – sich dieses Träumen zu erlauben – diesen Unglauben abzulegen – und sich zu verlieben.’
Joan Bakewell: ‘Anish Kapoor, vielen Dank.’”
Anmerkungen:
1A. Kapoor in einem Interview mit Douglas Maxwell für Art Monthly im Mai,1990 (URL:http://www.arteallarte.org/aap/english/1997/kapoor.html;abgerufen am 30.05.03)[Zurück]
2 vgl. URL:http://www.uusakowska.gmxhome.de/kapoor.htm; abgerufen am 30.05.03[Zurück]
3 „I think part of my so-called project is the whole notion of looking towards the interior in a sense, the eyes turned inwards. This implies all kinds of things about the meeting if you like of interior and exterior, of the mysterious and the profane. Of the mundane and the beyond in some way or the other.“ (Kapoor in einem BBC Radiointerview mit Joan Bakewell (URL:http://www.bbc.co.uk/radio3/playlists/kapoor.shtml; abgerufen am 15.04.03) [Zurück]
4 A. Kapoor in einem Interview mit Joan Bakewell für BBC Radio 3; 2000 (URL:http://www.bbc.co.uk/radio3/playlists/kapoor.shtml; abgerufen am 30.05.03) [Zurück]
5 Hier: „Das Sublimieren: auf eine höhere Ebene erheben; ins Erhabene steigern; verfeinern.“ (URL:http://wwwhomes.uni-bielefeld.de/mberghof/jandl/lexikon/s/sublim/lxsub_df.htm; abgerufen am 12.06.03) [Zurück]
6 URL:http://gutenberg.spiegel.de/fechner/vaestht2/vaesth32.htm; abgerufen am 30.05.03 [Zurück]
7 A. Kapoor in einem Interview mit Joan Bakewell für BBC Radio 3; 2000 (URL:http://www.bbc.co.uk/radio3/playlists/kapoor.shtml; abgerufen am 30.05.03) [Zurück]
8 Olbrich, H. (Hrsg.); Lexikon der Kunst, Bd. 4; Deutscher Taschenbuch Verlag; München 1996 (1992); S.527 [Zurück]
9 „Der Mantegna Tarot wurde auch als Carte di Baldini bezeichnet. Benannt ist dieses Deck nach dem venezianischen Maler Andrea Mantegna, dem es lange Zeit zugeschrieben wurde. Inzwischen geht man allerdings davon aus, daß die Karten nicht von ihm selbst gemalt wurden. Das Original der Karten soll ungefähr um 1460 - 1470 erstellt worden sein, möglicherweise in Ferrara. Damit gehört es zu den ältesten Tarots der Welt.“ (vgl. URL:http://www.tarotwelten.de/kurz5.htm; abgerufen am 30.05.03) [Zurück]
10 Olbrich, H. (Hrsg.); Lexikon der Kunst, Bd.4; Deutscher Taschenbuch Verlag; München 1996 (1992); S.527 [Zurück]
11 A.Kapoor in einem Interview mit Joan Bakewell für BBC Radio 3; 2000 (URL:http://www.bbc.co.uk/radio3/playlists/kapoor.shtml; abgerufen am 30.05.03) [Zurück]
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