Tolly Burkan
Spiritualität extrem
Das Unmögliche machen
Eigentlich bin ich nicht der Richtige, um Bestseller von amerikanischen Seminar-Gurus zu rezensieren, aber manchmal kommen Bücher zu einem wie unerwartete Freunde, die mehr als nur Guten Tag zu sagen haben und man ist überrascht und etwas peinlich berührt, wie viel sie über einen selbst wissen. Tolly Burkan ist nicht irgendwer, sondern der Begründer der amerikanischen Feuerlauf-Bewegung. Er hält sehr erfolgreiche Firmenseminare bei Microsoft und Coca-Cola ab (keine Empfehlung in meinen Augen), reicht in seinen Gruppen schon mal einen Eimer Hundescheiße herum (sehr wohl eine Empfehlung in meinen Augen) und läßt die Leute nach der „Neuprogrammierung“ an Spielautomaten Jackpots knacken.
Das Cover von „Spiritualität extrem“ vermittelt einen etwas falschen Eindruck von Visionssuche und Wüstenretreat, aber Burkan vermittelt in seinem Buch keine exotische Zurückgezogenheit, sondern eine Wende zu mehr persönlichem Glück, Stärke, Wachheit und positivem Lebensgefühl inmitten unserer manchmal recht anstrengenden Alltäglichkeit. Wenn man hier und da von allzu platten Erfolgsslogans absieht, hat mir seine Herangehensweise sehr gefallen und geholfen, verschiedene Dinge in meinem eigenen Leben unter einem anderen Blickwinkel zu sehen. Nicht alle Methoden, die er empfiehlt, sind so spektakulär wie Laufen über glühende Kohlen oder Glasscherben, Fallschirmspringen, Baden in Dung-Gruben, Zerbrechen von Pfeilen am Hals u.ä. Oft sind es einfache Übungen des Um- und Neudenkens, des sich Besinnens auf eine positive Haltung gegenüber Veränderungen gleich welcher Art, in dem man sie als Chance für Wachstum begreift. Er kombiniert damit die Bewußtseinserweiterung durch schamanisch inspirierte Techniken mit den Erkenntnissen der modernen Psychologie. Dabei ist sein recht auffälliges Beharren auf dem bösen „ruchlosen Ego“ als ständig zu bekämpfenden Feind meiner Meinung nach ein ziemliches Manko, denn erstens ist das „Ego“ nichts weiter als ein fragwürdiges Modell der Psychoanalyse und zweitens lautet ein Kapitel des Buches „Liebe deine Feinde“. Leider ist diese unproduktive Abneigung gegen das, was uns zu unverwechselbaren Persönlichkeiten macht, in der spirituellen Szene weit verbreitet. Ich muß sagen, daß ich Burkans Buch trotzdem sehr sympathisch finde. Es hält einem auf unverwechselbare Art und Weise die eigenen Ängste vor Augen und die Grenzen und Beschränkungen, die es gilt auf dem Weg der eigenen Entwicklung hinauszuschieben und jeden Tag neu zu definieren. Da der Autor den Leser in jeder Zeile persönlich anspricht, fordert er nicht nur zum Lesen auf, sondern vielmehr zur Umsetzung in die eigene Wirklichkeit. Eindringliche und wichtige Sätze wie „Du bist kein Opfer.“ oder „Schmerzlicher ist es nicht zu wachsen.“ ermutigen, bauen auf, motivieren im besten Sinne des Wortes, d.h. bringen wieder in Bewegung, richten auf, was sich vielleicht unter dem Staub des Alltags und unter dem Druck einer entfremdeten Existenz zu beugen begonnen hatte.
Wer verständlicherweise hin und wieder das Gefühl hat, vor den Wirr- und Hindernissen des Lebens kapitulieren zu müssen, dem sei dieses Büchlein wärmstens empfohlen. Es vermittelt kein naives positives Denken, sondern eine persönliche Lebenshaltung, die ansteckt und die es vermag aus einem Gefühl der persönlichen Schwäche herauszufinden.
(FC)