Braucht unsere Gesellschaft Magie?

von Ramsey Dukes

Deutsche Übersetzung von Sphyrna Mokarran

 

In den 1950er Jahren eröffnete C. P. Snow(1) eine wichtige Debatte, als er eine Trennung zwischen „zwei Kulturen“ vorschlug, nämlich Wissenschaft und Kunst.
Für eine Weile bezog jedermann Stellung – oder sein Platz wurde ihm zugewiesen – auf einer der beiden Seiten dieses binären Modells unserer Gesellschaft. Es wurde zum Beispiel behauptet, klassische Bildung sei durchtränkt von der Tradition der Künste(2) und könne darum kein gutes Fundament für eine zunehmend technologisch orientierte Gesellschaft sein. Kinder würden zu dem Glauben verführt, die Ingenieurwissenschaften seien den Künsten unterlegen – ein wichtiges Thema für den phantasielosen Typ der fürchtete, in die Hinterzimmer der Unternehmen verbannt zu werden, während Jobs im Management an brillante, extrovertierte Studenten der Kunst gingen.
C. P. Snow wollte der Wissenschaft gegenüber der Kunst Anerkennung als eine gleichwertige und ausbalancierende Kulturform verschaffen – es sollte weder eine unterlegene Kulturform sein, noch ein neuer Barbarismus, der die Existenz der Kunst bedrohte. Es war vielleicht ein Zeichen der Zeit – der materialistischen 1950er – daß er sich nur auf Kunst und Wissenschaft konzentrierte und der Religion nicht das Recht zugestand, eine eigene Kultur zu sein.
Moralische Debatten jüngeren Datums haben Religion und Wissenschaft als die beiden signifikanten kulturellen Parameter erwählt – die Kunst wird in diesen Debatten gerne übersehen, da die Leute vergessen, daß das Studium der Literatur ein anderer Ansatz ist, unsere moralische Empfindsamkeit zu definieren und zu erforschen. Kürzlich habe ich sogar eine Diskussion angehört, die von drei kulturellen Strömungen ausging – Kunst, Wissenschaft und Religion. Aber der fehlende Begriff in all diesen Debatten war Magie.
In SSOTBME schlug ich vor, daß der sicherste Weg, die menschliche Kultur zu kartographieren, die Verwendung eines Kompasses mit vier Richtungen ist: Kunst, Wissenschaft, Religion und Magie. Ich wies darauf hin, daß ein Ignorieren oder Verleugnen der Magie ein wenig dem Leugnen der Existenz eines Lochs in der Straße gleicht – es vergrößert nur die Chance hineinzufallen.
Tatsächlich wird Magie in diesen Debatten durchaus angeführt, aber eher im Sinne von „Blödsinn“ oder „Aberglaube“. In der heutigen „Start the Week“-Diskussion auf BBC4(3) sprach sich eine Frau für die Rückkehr zu etablierten Re-ligionen aus, da sie glaubte sonst bestünde die Gefahr, dem Aberglauben vergangener Zeiten wieder anheimzufallen. Sie zog Parallelen zwischen Opferungen von Königen im Altertum und der Art und Weise, wie Clinton von der Presse verstümmelt wurde bei seinem Amtsabtritt. Der Moderator entgegnete, von vielen Menschen in Großbritannien werde die Rückkehr zur Religion selbst als eine Art Rückkehr zum Aberglauben längst vergessener Zeiten gesehen.
Es gab auch einen historischen Kontext, in dem Magie in Religion und Wissenschaft mit eingeschlossen wurde – die Anthroposophie. Ich erhielt beim Lesen von Frazers Goldenem Zweig(4) den Eindruck, daß es am Anfang menschlicher Kulturen dieses primitive Etwas gab, was sich Magie nannte. Es entwickelte sich zur Religion weiter und machte schließlich den Weg für die Aufklärung und damit für die Wissenschaft frei. Ein anderer Vorschlag ist der, daß Magie sich in zwei Richtungen entwickelte – als spirituelles System entwickelte es sich zur Religion, als Technologie entwickelte es sich zur Wissenschaft.
In beiden Modellen hat die Magie ihren Platz, der liegt aber eher in der Vergangenheit als in der Gegenwart, neben Wissenschaft und Religion. Und diesmal ist die Kunst aus dem Schema entfallen. Die vielleicht radikalste Behauptung in SSOTBME besagt, daß Magie, anstatt der Vorläufer der Wissenschaft zu sein, ihr Erbe ist. Ich widmete ein Kapitel der Darstellung von Beispielen, in denen Wissenschaft der Magie eher den Weg bereitet hat, als dies umgekehrt der Fall ist – angefangen mit der Wiederauferstehung des Okkultismus in den 60er Jahren, der dem Materialismus der 1950er folgte, davor der Fin-De-Siecle-Okkultismus, der auf die viktorianische Wissenschaft folgte, bis zurück zum dunklen Mittelalter, dem Nachfolger des Rationalismus der Klassischen Epoche. In meinem Schema wird diese Evolution jedoch nicht als linearer Fortschritt beschrieben, sondern als zyklisches Phänomen, in dem Magie dazu tendiert, sich in Richtung Kunst zu entwickeln, Kunst entwickelt sich Richtung Religion, Religion in Richtung Wissenschaft und Wissenschaft in Richtung Magie. Dann beginnt der Kreis von neuem.
Weil dies eine so radikale Idee ist, werde ich sie in dem Essay „Führt Wissenschaft zur Magie oder umgekehrt?“(5) separat behandeln. Die Kernaussage dieses vorliegenden Textes ist einfach die, daß die angesprochenen Analysen unserer Kultur unpassend sind, denn sie lassen die Rolle der Magie aus. Einerseits verführt dies dazu, alle spirituellen Impulse unter den Teppich der Kunst zu kehren, andererseits ist es falsch darauf zu bestehen, die Suche nach einem Sinn führe unweigerlich zu Gott. Wir leben in einer wissenschaftlichen Zeit, und die wird uns sehr wahrscheinlich in eine Zeit der Magie führen. Ich sehe das weder als eine unerwartete Umkehrung noch als einen Rückfall. Wir brauchen wirklich ein Verständnis von Magie um uns überhaupt zu verdeutlichen, was gerade um uns herum geschieht.

Anmerkungen:
1 Charles Percy Snow (1905 bis 1980), englischer Wissenschaftler und Romanautor, wurde bekannt durch sein Konzept der „Two Cultures“ (zwei Kulturen), welches er in seinem Werk „The Two Cultures and the Scientific Revolution“ im Jahre 1959 darlegte. Hauptthese ist, daß eine fehlende Kommunikation zwischen der Naturwissenschaft und den humanistischen Wissenschaften die Lösung von globalen Problemen verhindert (A.d.Ü.).[Zurück]
2 Mit dem Begriff „Kunst“ oder „Künsten“ wird im Folgenden die klassische Bildung beschrieben (die „sieben freien Künste“), die über Malerei und Literatur hinausgeht und der naturwissenschaftlichen Bildung, im Folgenden als „Wissenschaft“ bezeichnet, gegenübersteht. Die Vereinfachung der Begriffe rührt von dem in Ramsey Dukes Hauptwerk „SSOTBME“ entwickelten Konzept eines gesellschaftlichen Kompasses her, der die Gesellschaft in die „Richtungen“ Wissenschaft, Kunst, Religion und Magie aufteilt (A.d.Ü.).[Zurück]
3 „Start the Week“ ist eine Radiosendung auf BBC 4, derzeit montags morgens um 9.00 Uhr ausgestrahlt. Die Themen der Diskussionen konzentrieren sich auf Politik, Geschichte, Kunst und Wissenschaft (A.d.Ü.).[Zurück]
4 James George Frazer, „The Golden Bough“, erstmals 1907 bis 1915 in zwölf Bänden erschienen, in einer verkürzten, zweibändigen Fassung 1922 in London, analysiert umfassend die Zusammenhänge zwischen Religion und Magie verschiedener Kulturen. Frazer gilt als Mitbegründer der Religionsanthroposophie (A.d.Ü.).[Zurück]
5 Dieser Text erscheint in der nächsten Ausgabe des GOLEM (Nr. 19).[Zurück]

Bild: © 2004 by Daniel Runge


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