
Barnett Newman wurde am 29. Januar 1905 als Sohn polnisch-jüdischer Immigranten in New York geboren.(2) Schon früh entdeckt Newman seine Leidenschaft für die Malerei. Er studiert die Kunstwerke im Metropolitan Museum of Art und besucht die New Yorker Student Art League. Nach dem erfolgreichen City College Abschluss mit dem Hauptfach Philosophie ist Newman gezwungen, als einfacher Arbeiter in der väterlichen Bekleidungsfabrik zu arbeiten. Erst als die Fabrik im Börsencrash der späten Zwanziger Jahre beinahe einen völligen Zusammenbruch erleidet, gelingt es Newman sich zu distanzieren und sein Kunststudium an der Student Art League wieder aufzunehmen.(3) 
Es ist diese Prägnanz der Erfahrung, der Rückzug ins Innere, der dem Betrachter beim Begehen der Skulptur widerfährt und der Newman zu der Titeloption The Self bewogen hatte. Trotzdem verwarf er diesen Titel später und wählte einen anderen, scheinbar treffenderen. Warum?
Die Antwort auf diese Frage bildet den entscheidenden Hintergrund zum Verständnis der Skulptur. Obgleich die Selbsterfahrung des Betrachters einen wesentlichen Aspekt des Objekts darstellt, geht dessen Bedeutung doch nicht darin auf. Jenseits der persönlichen Erfahrung verweisen die gefalteten Stahlwände auf eine weitere Sinnebene:
Denn "[...] die Zickzackwände wollen nicht um ihrer selbst willen wahrgenommen werden, sie stellen in abstrakter Konfiguration etwas dar, was sie selbst de facto nicht sind – ein Zeichen."(17)
Die Struktur des Objekts entwickelte sich aus der Reflexion Newmans über das Quadrat, das doppelte Quadrat, das dreifache Rechteck und die Zahl Zwölf.(18) Sie stellt kein originäres Konzept dar, daß der Künstler für die Skulptur entwarf. In leichter Abwandlung hatte Newman die gleiche Struktur bereits für die Gestaltung einer Synagoge verwandt:
"Hier in dieser Synagoge sitzt jeder Mann allein und abgesondert in den Unterständen und wartet auf seinen Einsatz, nicht um eine Bühne zu besteigen, sondern um hinaus auf das Feld zu treten, wo er, unter der Spannung dieses ‘Zim-Zum’, welches das Licht und die Welt erschuf, vor der Torah und Seinem Namen das umfassende Gefühl für seine eigene Persönlichkeit erfahren kann."(19)
Der Begriff Zimzum entstammt der kabbalistischen Lehre des ‚Löwen’ Rabbi Isaac Luria Ashkenasi (à1534 - V1572) und bedeutet wörtlich übersetzt ‘Konzentration’ oder ‘Kontraktion’.(20) Es handelt sich dabei um eine "der erstaunlichsten und weitest reichenden mystischen Ideen, die in der Kabbala je gedacht worden sind."(21) Sie basiert auf der Vorstellung, daß die verschiedenen erschaffenen Welten nicht innerhalb, sondern außerhalb Gottes existieren.(22) Zu Anbeginn der Schöpfung zog sich – nach Lurias Lehre - das En-Sof, das unendliche Licht, in sich selbst zusammen und ließ ein Vakuum von der Form eines gewaltigen, leeren Raums entstehen. Den Prozeß dieser göttlichen "Selbstverschränkung"(23) bezeichnet Luria mit dem Begriff Zimzum. In die Leere dieses Nicht-Seins (Tehiru) senkte das En-Sof einen schöpferischen Lichtstrahl, der die Gestalt und die verschiedenen Energien des Lebensbaumes annahm. Auf diese Weise begann sich die Dunkelheit des Abyss mit Leben zu erfüllen und der Schöpfungsplan nahm seinen Lauf.(24)
Verknüpft man die kabbalistische Vorstellung des Zimzum mit der realen Erfahrung, die die Skulptur Newmans im Betrachter bewirkt, so wird deren okkulter Gehalt offenbar. Das Durchschreiten der metallenen Wände konfrontiert den Betrachter mit seiner eigenen physischen Begrenzt- und Beschränktheit. Das Gefühl der Isolation und des Ge-trennt-Seins, auf das die Skulptur ‘Zim-Zum’ abzielt und zu dessen einzigem Zweck sie konstruiert wurde, ist die persönliche Übersetzung des lurianischen Schöpfungsbeginns durch den Künstler: Der Mensch, wie auch die Welt, die ihn umgibt, befindet sich in einem begrenzten Raum, aus dem Gott sich zurückgezogen hat - er existiert im "Exil".(25)
In seiner Skulptur schafft Newman somit einen Raum, der den potentiellen Zugang zu einer geistigen Begegnung enthält, ohne dieser Möglichkeit vorauszugreifen. Die Skulptur Zim Zum I ist deutlicher als viele andere Werke des Künstlers ein Durchgang, eine Tür zu einer inneren Erfahrung, "[..] aber ob sich dieses Dunkel als Quellpunkt eines Offenbarungsgeschehens erweisen kann, dafür kann der Künstler nicht garantieren, ja, das braucht ihn nicht einmal zu interessieren."(26)
Vor diesem Hintergrund faßt Barnett Newman den Sinn und das Anliegen der modernen Kunst zusammen, wie sie durch ihn geprägt und vertreten wurde:
"Die Imagination [des modernen Malers, Anm. d. Verf.] versucht, in die metaphysischen Geheimnisse zu dringen. In diesem Sinne verkörpert seine Kunst das Erhabene. Es ist eine religiöse Kunst, die durch Symbole die grundlegenden Wahrheiten des Lebens erfassen will, das im Wesentlichen eine Tragödie ist."(27)
 
        
© Hadit 2004
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