Titel

 

1. Zum Künstler: Barnett Newman

"Seine Kunst provozierte von Anfang an. Immer wieder wurden seine Werke zerstört. Im April 1982 zerschlägt ein Mann mit einer Plastikstange Newmans Gemälde ‘Wer hat Angst vor rot, gelb, blau’, im Wert von 2,5 Millionen Mark. Vier Jahre später sticht in Amsterdam ein Lehrer mit einem Messer auf ein Gemälde von Newman ein. 1997, wieder in Amsterdam, wieder ein Bild von Newman aufgeschlitzt von einem Attentäter, zerstört für immer."(1)

B. Newman mit seiner Frau Annalee Barnett Newman wurde am 29. Januar 1905 als Sohn polnisch-jüdischer Immigranten in New York geboren.(2) Schon früh entdeckt Newman seine Leidenschaft für die Malerei. Er studiert die Kunstwerke im Metropolitan Museum of Art und besucht die New Yorker Student Art League. Nach dem erfolgreichen City College Abschluss mit dem Hauptfach Philosophie ist Newman gezwungen, als einfacher Arbeiter in der väterlichen Bekleidungsfabrik zu arbeiten. Erst als die Fabrik im Börsencrash der späten Zwanziger Jahre beinahe einen völligen Zusammenbruch erleidet, gelingt es Newman sich zu distanzieren und sein Kunststudium an der Student Art League wieder aufzunehmen.(3)
Newman ist 54 Jahre alt, als er zum ersten Mal ein Bild verkauft. Bis dahin hatte seine Frau Annalee für den Lebensunterhalt gesorgt, da Newman dreimal durch die Prüfung zum Zeichenlehrer gefallen war.(4) Bereits sechs Jahre darauf, 1965, vertritt er als wichtigster nationaler Künstler die Vereinigten Staaten auf der Bienale in Sao Paulo.(5) In den 70er Jahren erzielt ein einzelnes Bild des Künstlers einen Marktwert von mehreren Millionen Dollar.

Zusammen mit R. Motherwell und M. Rothko begründete Newman 1948 die "für das Selbstverständnis der amerikanischen Malerei wegweisende Schule ‘The Subject of the Artist’"(6). Barnett Newman starb 1970. Heute zählt er zu den wichtigsten Malern des amerikanischen Abstrakten Expressionismus.(7)

 
2. Skulpturbeschreibung: Zim Zum I

Die Skulptur Zim Zum I entwarf Barnett Newmann 1969 für eine Ausstellung des Hakon Open Air Museum in Tokyo.(8) Die geometrische Struktur der Arbeit läßt sich wie folgt beschreiben:

"Drei Quadrate sind zunächst so angeordnet, daß ihre Diagonalen eine durchgehende Linie bilden. Diese Linie trennt die beiden aus je drei Dreiecken bestehenden Hälften, die nun im orthagonalen Raster um die Seitenlänge des Quadrats auseinandergerückt werden. [...] Da alle Scheitelpunkte der Winkel in einer Flucht liegen, ergibt sich [...] eine freie Passage im Zentrum, deren Breite der halben Diagonale der Ausgangsquadrate entspricht."(9)

Der Entwurf wurde in einer Höhe von 244cm (= 8') und einer Plattenbreite von 93cm aus 15mm starkem Cor Ten-Stahl ausgeführt, wobei das Gewicht der beiden Einzelstücke auf 2 Tonnen berechnet ist.(10) Das Verhältnis von Höhe zu Breite berechnete Newman anhand des Goldenen Schnittes (244 – 93 = 151; 244 : 151 = 93).(11)

 
Zim Zum I
Zim Zum I

Bereits in den ersten Skizzen war für Newman das Raumerlebnis zwischen den beiden Elementen das zentrale Motiv der geplanten Skulptur.(12) In der realisierten Version steht vor allem die ständige Richtungsänderung im Vordergrund, die das Durchschreiten des Objekts vom Betrachter verlangt: So ist es zwar möglich, die Skulptur ohne Richtungsänderung zu begehen; aber die linke und rechte Stahlwand kommen einem dabei abwechselnd bedrohlich nahe, während die gegenüberliegende Wand jeweils zurückweicht, ihre Bewegungsrichtung im 90° Winkel umkehrt und wieder in die Mitte zurückgleitet.

"Mit anderen Worten: Bereits der Grundriß macht deutlich, wie das Körperempfinden in der Passage asymmetrisch tangiert wird, bzw. wie die Erfahrung von Nähe und Distanz alterniert."(13)

Für den Titel erwog Barnett Newman drei Möglichkeiten: The Self (Das Selbst), Zim Zum oder The Squeeze (engl. Das Gedränge);(14) er entschloß sich letztendlich für die zweite.

 
3. (Okkulte) Interpretation

Stärker noch als viele von Newmans Gemälden und andere Skulpturen thematisiert Zim Zum I die Selbsterfahrung des Betrachters.(15) Die Skulptur spricht nicht nur die Optik, sondern auch die Motorik des Betrachters an. Durch die regelmäßige geometrische Form und die unbehandelte Struktur des rostigen Stahls begrenzt sie jedoch zugleich die Erfahrungen, die er in ihrem Innern machen kann. Diese Ambivalenz von Ansprache und Einschränkung ist von Newman beabsichtigt:(16) Die Eingebundenheit des Betrachters beim Durchschreiten des Objekts ermöglicht es diesem nicht, sich der Skulptur zu entziehen. Gleichzeitig wirft die Skulptur den Betrachter auf sich selbst zurück. Der Moment der Begegnung fordert die Grenze zwischen Objekt und Subjekt heraus.

Die Struktur von Zim Zum I Es ist diese Prägnanz der Erfahrung, der Rückzug ins Innere, der dem Betrachter beim Begehen der Skulptur widerfährt und der Newman zu der Titeloption The Self bewogen hatte. Trotzdem verwarf er diesen Titel später und wählte einen anderen, scheinbar treffenderen. Warum?

Die Antwort auf diese Frage bildet den entscheidenden Hintergrund zum Verständnis der Skulptur. Obgleich die Selbsterfahrung des Betrachters einen wesentlichen Aspekt des Objekts darstellt, geht dessen Bedeutung doch nicht darin auf. Jenseits der persönlichen Erfahrung verweisen die gefalteten Stahlwände auf eine weitere Sinnebene:

Denn "[...] die Zickzackwände wollen nicht um ihrer selbst willen wahrgenommen werden, sie stellen in abstrakter Konfiguration etwas dar, was sie selbst de facto nicht sind – ein Zeichen."(17)

Die Struktur des Objekts entwickelte sich aus der Reflexion Newmans über das Quadrat, das doppelte Quadrat, das dreifache Rechteck und die Zahl Zwölf.(18) Sie stellt kein originäres Konzept dar, daß der Künstler für die Skulptur entwarf. In leichter Abwandlung hatte Newman die gleiche Struktur bereits für die Gestaltung einer Synagoge verwandt:

"Hier in dieser Synagoge sitzt jeder Mann allein und abgesondert in den Unterständen und wartet auf seinen Einsatz, nicht um eine Bühne zu besteigen, sondern um hinaus auf das Feld zu treten, wo er, unter der Spannung dieses ‘Zim-Zum’, welches das Licht und die Welt erschuf, vor der Torah und Seinem Namen das umfassende Gefühl für seine eigene Persönlichkeit erfahren kann."(19)

Der Begriff Zimzum entstammt der kabbalistischen Lehre des ‚Löwen’ Rabbi Isaac Luria Ashkenasi (à1534 - V1572) und bedeutet wörtlich übersetzt ‘Konzentration’ oder ‘Kontraktion’.(20) Es handelt sich dabei um eine "der erstaunlichsten und weitest reichenden mystischen Ideen, die in der Kabbala je gedacht worden sind."(21) Sie basiert auf der Vorstellung, daß die verschiedenen erschaffenen Welten nicht innerhalb, sondern außerhalb Gottes existieren.(22) Zu Anbeginn der Schöpfung zog sich – nach Lurias Lehre - das En-Sof, das unendliche Licht, in sich selbst zusammen und ließ ein Vakuum von der Form eines gewaltigen, leeren Raums entstehen. Den Prozeß dieser göttlichen "Selbstverschränkung"(23) bezeichnet Luria mit dem Begriff Zimzum. In die Leere dieses Nicht-Seins (Tehiru) senkte das En-Sof einen schöpferischen Lichtstrahl, der die Gestalt und die verschiedenen Energien des Lebensbaumes annahm. Auf diese Weise begann sich die Dunkelheit des Abyss mit Leben zu erfüllen und der Schöpfungsplan nahm seinen Lauf.(24)

Verknüpft man die kabbalistische Vorstellung des Zimzum mit der realen Erfahrung, die die Skulptur Newmans im Betrachter bewirkt, so wird deren okkulter Gehalt offenbar. Das Durchschreiten der metallenen Wände konfrontiert den Betrachter mit seiner eigenen physischen Begrenzt- und Beschränktheit. Das Gefühl der Isolation und des Ge-trennt-Seins, auf das die Skulptur ‘Zim-Zum’ abzielt und zu dessen einzigem Zweck sie konstruiert wurde, ist die persönliche Übersetzung des lurianischen Schöpfungsbeginns durch den Künstler: Der Mensch, wie auch die Welt, die ihn umgibt, befindet sich in einem begrenzten Raum, aus dem Gott sich zurückgezogen hat - er existiert im "Exil".(25)

In seiner Skulptur schafft Newman somit einen Raum, der den potentiellen Zugang zu einer geistigen Begegnung enthält, ohne dieser Möglichkeit vorauszugreifen. Die Skulptur Zim Zum I ist deutlicher als viele andere Werke des Künstlers ein Durchgang, eine Tür zu einer inneren Erfahrung, "[..] aber ob sich dieses Dunkel als Quellpunkt eines Offenbarungsgeschehens erweisen kann, dafür kann der Künstler nicht garantieren, ja, das braucht ihn nicht einmal zu interessieren."(26)

Vor diesem Hintergrund faßt Barnett Newman den Sinn und das Anliegen der modernen Kunst zusammen, wie sie durch ihn geprägt und vertreten wurde:

"Die Imagination [des modernen Malers, Anm. d. Verf.] versucht, in die metaphysischen Geheimnisse zu dringen. In diesem Sinne verkörpert seine Kunst das Erhabene. Es ist eine religiöse Kunst, die durch Symbole die grundlegenden Wahrheiten des Lebens erfassen will, das im Wesentlichen eine Tragödie ist."(27)

 
B. Newman 'Canto XV' (1946)         B. Newman 'Yellow Painting'

* * *

(In der nächsten Ausgabe: Das Tor zum Abyss: Anish Kapoor)

Anmerkungen:
1 URL: http://www.br-online.de/kultur-szene/capricci/report/thema021124_5.html; abgerufen am 27.04.03 [Zurück]
2 Strick, J.; The Sublime is now: The Early Work of Barnett Newman; Pace Wildenstein; o.A. 1994; o.A. [Zurück]
3 Ebenda [Zurück]
4 URL: http://www.br-online.de/kultur-szene/capricci/report/thema021124_5.html; abgerufen am 27.04.03 [Zurück]
5 Strick, J.; The Sublime is now: The Early Work of Barnett Newman; Pace Wildenstein; o.A. 1994; o.A. [Zurück]
6 URL: http://hosting.zkm.de/kbb/ausstell/bn_aus_ku30.html; abgerufen am 27.04.03 [Zurück]
7 URL:http://hosting.zkm.de/kbb/ausstell/bn_aus_ku30.html; abgerufen am 27.04.03 [Zurück]
8 Zweite, A.; Barnett Newman: Bilder, Skulpturen, Graphik; Katalog zur Ausstellung der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen 1997; S.305 [Zurück]
9 Zweite, A.; S.308 [Zurück]
10 Zweite, A.; S.310/314 - Nach Newmans Skizzen wurde 1981 posthum die Skulptur Zim Zum II angefertigt, die in ihrer Struktur völlig identisch mit Zim Zum I ist; lediglich die Maße unterscheiden sich: Die Gesamtlänge beträgt 607cm, die Höhe 366cm und die Plattenstärke 19mm.(Zweite, A.; S.322 ) [Zurück]
11 Zweite, A.; S.316 [Zurück]
12 Zweite, A.; S.305 [Zurück]
13 Zweite, A.; S.308 [Zurück]
14 Zweite, A.; S.310 [Zurück]
15 Zweite, A.; S.310 [Zurück]
16 Zweite, A.; S.314 [Zurück]
17 Zweite, A.; S.315 [Zurück]
18 Zweite, A.; S.314 [Zurück]
19 Aus einer Notiz von Barnett Newman zu seinem Synagogen-Entwurf - zitiert nach: Newman, B.; Schriften und Interviews (1925–1970); Berlin 1997; S.262 [Zurück]
20 zu Luria und seinem Zimzum Konzept vgl.: Scholem, G.; Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen; Suhrkamp Verlag; Frankfurt a.M. 1996 (1957); S.285-290 [Zurück]
21 Scholem, G.; Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen; Suhrkamp Verlag; Frankfurt a.M. 1996 (1957); S.285 [Zurück]
22 Dieses Konzept stellt Lurias Antwort auf jenes theologische Problem dar, das heute unter dem Terminus ‚Theodizee-Frage’ diskutiert wird: Der Zim-Zum Prozeß begründet auf philosophisch gewagte und viel diskutierte Weise die Existenz des Leides in der Welt. Denn wie könnte das menschliche Leid bestehen und theologisch begründet werden, wenn sich die Welt des Menschen innerhalb Gottes befände? [Zurück]
23 Scholem, G.; S.286 [Zurück]
24 Scholem, G.; S.287ff [Zurück]
25 "Man ist versucht, dieses Zurückgehen Gottes auf sein eigenes Sein mit Ausdrücken wie ‘Exil’ oder ‘’Verbannung’ seiner selbst aus seiner Allmacht in noch tiefere Abgeschiedenheit zu interpretieren. So aufgefaßt wäre die Idee des Zimzum das tiefste Symbol des Exils, das gedacht werden könnte, sogar noch tiefer als der ‘Bruch der Gefäße’." (Scholem, G.; S.286/287) [Zurück]
26 Hoff, J.; Amare tuum est videre tuum - Gottesbild und Spiritualität zwischen Tradition und Fremdheitserfahrung; Vorlesungsreihe anläßlich der Salzburger Hochschulwochen am 3. und 4. August 2001;URL: www.uni-tuebingen.de/funda/Gottesbild_Salzburg.html; abgerufen am 27.04.03 [Zurück]
27 Barnett Newman, 1945 – zitiert nach:URL: http://hosting.zkm.de/kbb/ausstell/bn_aus_ku30.html; abgerufen am 27.04.03 [Zurück]

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