Ortrud Schubart-Stumpfe
Der Kampf mit dem Drachen
Begegnung mit einer Elementarkraft im Spiegel der Kulturen
Zu den großen religiösen und mythologischen Archetypen zählt ohne jeden Zweifel die Gestalt des Drachens, die in beinahe jeder Glaubensrichtung und jeder mythologischen Tradition vorzufinden ist. So unterschiedlich wie die Glaubensrichtungen selbst sind, so variiert auch die Interpretation des Drachens, der mit mannigfaltiger Bedeutung und Intention in den mythologischen Texten auftritt: Da ist der Bewahrer der alten Tradition, der Hüter der Kultplätze, die kraftvolle Symbolisierung der pulsierenden Natur, der Lebenskraft selbst. Und auf der anderen Seite die dämonische Gestalt des Zerstörers, der nach der Seele des Menschen trachtet und als bewußter Gegenpart in einer dualistischen Weltanschauung agiert.
Die zahlreichsten Deutungen jedoch finden sich in der Grauzone zwischen diesen Extremen; in einem Bereich, der uns dazu auffordert, dem Drachen selbst zu begegnen und seinen Sinngehalt zu erfahren und nicht zu erlesen. Um der Gestalt des Drachens näher zu kommen, hat Ortrud Schubart-Stumpfe verschiedene Drachenmythen und Deutungen aus den unterschiedlichsten Tradition gesammelt und in einem kleinen Büchlein zusammengeführt. Wir begegnen hier dem Drachen in Mesopotamien, im alten Testament, in der griechischen Mythologie, in den Volksmärchen, in den nordischen Sagen etc. Einzelne Motive, wie die symbolische Bedrohung durch den Drachen, die Überwindung des Selbst durch das Töten der geflügelten Schlange oder der Drache als Bewahrer werden herausgearbeitet und erörtert. Unterlegt sind die Texte mit liebevoll ausgesuchtem Bildmaterial aus den unterschiedlichsten Epochen, welche das Auge zu verzaubern wissen. Die Übersicht der Drachenmythen ist kurz und bündig, geistvoll und mit Sympathie nacherzählt, leicht gefärbt durch das Licht der Antroposophie, wo es dem Leser selbst überlassen werden muß, ob er dies als Vor- oder Nachteil deuten mag. Die Aufgabe, dem geneigten Leser den Mythos des Drachens nahezubringen, wird mit Bravour erfüllt, wenn der Umfang des Buches auch mit knapp 64 Seiten eher bescheiden aussehen mag. Wichtig ist jedoch die Nähe zur drakonischen Urgestalt, die durch die gelungene Kombination von Text und Bild ermöglicht wird: Der Atem des Drachens ist spürbar und somit sei dieses Buch all jenen empfohlen, die der alten Schlange erneut die Pforten öffnen möchten.
T. Lückewerth