Cover Raven Kaldera & Tannin Schwartzstein

urban primitive

Heidentum in der Großstadt

Schauen moderne Heiden und Hexen aus ihrem Domizil ins Freie, so werden sie vermutlich nur in den seltensten Fällen einen alten Eichenhain sehen, um den die Raben kreisen, eine Quelle plätschern hören oder den Duft von Blumenwiesen genießen. Die Betonwand gegenüber, der Lärm des Autoverkehrs, Gestank und Dreck belehren uns schnell und ohne Zweifel eines Besseren: wir sind in der Stadt. Bleibt also nur die Resignation, die Betrübnis über das apokalyptische Endzeitalter und der Alkohol? Keineswegs! Das Autorenpaar dieses Buches kann sehr sympathisch und überzeugend demonstrieren, daß schamanische Energie erst so richtig in Fahrt kommt, wenn sie sich durch harte oder provozierende Lebensumstände herausgefordert fühlt. Ich habe dieses Buch mit großem Wohlwollen gelesen und finde die unkomplizierte und originelle Art, mit der die beiden um Möglichkeiten ringen, auch in einer Großstadt als Magier, Hexe, Zauberin oder einfach als spiritueller Mensch zu leben und zu überleben, sehr erfrischend.
Dabei ist dem undogmatischen Erfindungsreichtum keine Grenze gesetzt. Das Buch beginnt mit einfachen und grundlegenden Techniken der Initiation, der Verteidigung und des Schutzes, der inneren und äußeren Reinigung und bezieht nach und nach die modernen Reliquien und Tempel einer städtischen Umgebung mit ein: die eigene Wohnung, die geheimen heiligen Plätze der Stadt und ihre Geister, der dunkle Untergrund, der Schrottplatz, das Auto, Ahnen, Totems, Tiere und Fetische. Es ist sehr schön, wie authentisch und ungekünstelt das Ganze bleibt. Man merkt schnell, daß die Autoren wissen, von was sie schreiben und nicht vom glänzenden Schreibtisch über die „Primitiven“ der Vorstädte fabulieren, sondern selbst so gelebt und gearbeitet haben. Dabei ist ihnen Geldmangel und Armut nicht fremd und skurril, sondern eher vertraut - ein Thema, um das sich viele heutige Bücher schamvoll herumdrücken. Wer die heiligen Totemtiere der Stadt überblättert - Ratte, Schabe, wilde Katze, Krähe, Silberfischchen, Motten usw. - wird sowieso schnell merken, daß dieses Buch kein Selbsthilfe-Schwachsinn für angehende Manager oder American-Beauty-Hausfrauen ist. Auch die Absätze „Denke jenseits deiner Tradition“ und „Denke, bevor du redest“ sind bemerkenswert. Darüber hinaus gibt es noch anderes zu finden, vom Schutzzauber für Kinder bis zum Cyber-space, die Fülle ist ziemlich beachtlich. Richtig gestört hat mich an manchen Stellen eigentlich nur der überflüssige Drang der Autoren, die magische Praxis so zu erklären, daß sie auch vom letzten Deppen verstanden wird. Auch die heute so populäre Vorgehensweise, mit umständlichen Vorsichtsmaßnahmen etwaige Unsicherheiten und rechtliche Risiken auszuschalten, scheint mir zu einem waschechten „urban primitive“-Ritus nicht so recht zu passen. Das Thema Blut oder Blutopfer ist dafür ein gutes Beispiel, wo sogar empfohlen wird, die verwendeten Materialien in der Mikrowelle zu sterilisieren, meine Güte ...wo hatten die sibirischen oder indianischen Schamanen nur ihre Mikrowelle? An diesen Stellen ist der Text nach meinem Geschmack einfach nicht wild und rabiat genug, sondern kehrt brav in den Schoß der gesellschaftlichen Erwartungen und Konventionen zurück. Aber das mag auch jeder anders sehen.
Das Buch ist sehr schön mit exclusiven Radierungen von Willi Tomes illustriert und wirkt überhaupt ingesamt sehr ansprechend und empfehlenswert.
(FC)

Erschienen im Arun Verlag 2003
ISBN 3-935581-39-4
18,00 Euro

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