Cover Daniel Junker

Gott in uns!

Die Germanische Glaubens-Gemeinschaft

Der Untertitel „Ein Beitrag zur Geschichte völkischer Religiosität in der Weimarer Republik“ zeigt das grundlegende Thema, für das der Autor seine Magisterarbeit an der geschichtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Hamburg zugrundelegt. Es ist ihm von vornherein zu danken, daß er sich einem Gebiet zugewandt hat, das zwar auf der einen Seite sicher interessant und spektakulär genug ist, um auch weitere Forschungen zu rechtfertigen, auf der anderen Seite aber so wenig der gegenwärtigen Political Correctness entspricht, die nur allzu gern das „Völkische“ an sich und am Germanentum ausgerichtete Religiosität sowieso mit Neonazismus und rechter Radikalität in eine Suppe rühren will. Anhand des Beispiels der Geschichte der Germanischen Glaubensgemeinschaft (GGG) setzt Junker bei einer Begriffsbestimmung an und versucht dann im recht unübersichtlichen Feld von Jungkonservativen, Nationalrevolutionären, Neugermanen, Bündischen, Deutschgläubigen, Ariosophen, Landvolkbewegung und Völkisch-Religiösen Bewegungen zu sondieren. Wer dabei glaubt, bei den reinen Vorläufern des Dritten Reiches zu verbleiben, geht völlig fehl - beginnen doch die entsprechenden Entwicklungen schon am Ende des 19. Jh.. Ab diesem Zeitpunkt setzt eine wahre Flut von germanisierenden und an völkisch-nichtchristlichen Traditionen ausgerichteten Neugründungen ein. Für mich war dabei besonders auch die allgemeine (und heute so merkwürdig anmutende) Diskussion dieser Zeit um Rasse, Rassenseele und Rassenreinheit interessant - beileibe keine Erfindung des Nationalsozialismus, sondern zu dieser Zeit anscheinend sogar international weit verbreitet und beliebt. Wer glaubt, an dieser Stelle gleich ideologischen Blödsinn herumschreien zu müssen, möge sich vergegenwärtigen, daß noch die Amerikaner im 2. Weltkrieg mit einer rassegetrennten Armee gegen Deutschland kämpften ...
Während Ludwig Fahrenkrog, der Begründer der GGG noch 1908 verkündete: „Wir wissen, daß unser Weg nur dem Selbstdenker, dem Freien ... offensteht ... Wir künden nicht die Wahrheit; wir künden aber: Auf zur Wahrheit! ... Ist dieser Weg aber nicht auch die Straße aller Nationen, aller Rassen, aller Menschen, die frei wurden? ... Wir haben erkannt: alle Menschen sind Brüder und nicht nur alle Menschen.“ (S. 44) - so war diese offene und spirituell freie Einstellung 30 Jahre später allgemeinem Rassenhaß und der eigenen pathetischen Selbstüberschätzung gewichen. Eine überaus obskure Entwicklung, wenn man bedenkt, daß eine weitere Ikone der germanischen Renaissance, Dr. Ernst Wachler, als Künder eines Glaubens „an das Deutschtum, das Germanentum (und) das Ariertum“ trotz seines unermüdlichen Engagements Schwierigkeiten wegen seiner jüdischen Abstammung bekam.
Die Distanz zum in dieser Zeit noch mächtigen Christentum, die die wichtigsten völkischen Gemeinschaften dieser Zeit pflegten, geht dabei recht verschiedene Wege - von der radikalen Ablehnung über eine vorsichtige Umdeutung bis hin zum gänzlich arischen Christus. Zwischen 1917 und 1933 waren weit über 3 Millionen Menschen aus den etablierten Kirchen ausgetreten. Es gelingt Daniel Junker sehr überzeugend zu zeigen, daß die Gemeinschaften germanischer Prägung gegenüber diesem mächtigen Potential völlig versagten. Nie gelang es, über ein paar Hundert Anhänger hinauszukommen. Während die aufkommende nationalsozialistische Bewegung am effektivsten Hebel ansetzte und sich auf die unzufriedene Arbeiterschaft konzentrierte, philosophierten in Vereinen, Bünden und Gesellschaften der „Völkischen“ nur wenige Lehrer, Künstler und Schriftsteller vor sich hin, ohne recht zu begreifen, was um sie herum eigentlich passierte. Diese Fehleinschätzung setzte sich mit der Machtübernahme Hitlers fort, glaubte man doch, mit Hilfe des Nationalsozialismus die Kirche beerben und eine allgemeine neue Volksreligion auf der Basis eines vermeintlichen Germanenerbes etablieren zu können. Doch der neue selbstherrliche und vereinheitlichte Staat hatte nicht das geringste Interesse an den Schwarmgeistern und pathetischen Herausgebern unzähliger Pamphlete, Zeitschriften und Blättchen. Selbst das Versammlungsverbot für viele dieser Gruppierungen oder das Verbot für die GGG, das seit 30 Jahren benutzte Hakenkreuz als Symbol weiter zu verwenden, änderte etwas an dieser Blauäugigkeit. Damit waren diese Bewegungen zum Scheitern verurteilt und in diesem Zusammenhang wäre die Frage nach dem Reichskonkordat Hitlers mit Rom und das ganz am Christentum ausgerichtete Reichsschulgesetz einer näheren Betrachtung wert gewesen. Offensichtlich war das Dritte Reich an einer ganz dem Staat verpflichteten Variante eines spezifisch deutschen Christentums interessiert - niemals aber an einem germanischen Heidentum (trotz der Verwendung entsprechender Symbolik). Im doch recht kurzen Kapitel zum Verhältnis der GGG zum Nationalsozialismus kommt Junker am Anfang zur Einschätzung, daß die „Völkischen ... den Nationalsozialismus maßgeblich geprägt“ (S. 93) hatten, widerruft das am Ende jedoch mit der Feststellung, daß es der GGG wie anderen völkisch-religiösen Gruppierungen nicht gelungen war, Einfluß zu nehmen oder den Staat zu prägen, ja von diesem regelrecht kaltgestellt wurden. Diese recht widersprüchliche Einschätzung ist nicht so richtig nachzuvollziehen. Auch der im Schlußwort behauptete Anspruch des Autors, die religiöse Weihepraxis der GGG „ausführlich“ beschrieben zu haben, ist eher übertrieben.
Trotz dieser Bedenken bleibt Daniel Junkers Schrift ein äußerst wichtiger und interessanter Beitrag zu einer immer noch recht unbekannten historischen Phase heidnischer Religiosität in Deutschland mit allen ihren Licht- und Schattenseiten.
(FC)

Erschienen im Verlag Daniel Junker Hamburg 2002
ISBN 3-8311-3380-8
10,00 Euro