Cover Anker Larsen

Der Stein der Weisen

Über Johannes Anker Larsen (1874 - 1957) als Person brauche ich hier eigentlich nicht mehr viel zu schreiben, ist doch in der vorherigen Ausgabe des GOLEM ein ausführlicher Artikel zu Leben und Werk des außergewöhnlichen dänischen Schriftstellers erschienen. Als Zeitgenosse Meyrinks und Crowleys, der theosophischen Bewegungen und des allgemeinen esoterischen Aufschwungs an der Wende vom 19. Jh. zum 20. Jh. war er offensichtlich mit spirituellem Gedankengut (auch des Ostens) bestens vertraut, ein Hintergrund, der auf eine subtile, aber keineswegs marktschreierische Weise in den „Stein der Weisen“ eingeflossen ist, der sicher als eines seiner wichtigsten Werke bezeichnet werden muß. Das Buch ist gelegentlich als „spiritueller Roman“ bezeichnet worden, aber mich hat er an einen Bildungsroman im besten Sinne des Wortes erinnert - er besitzt die Metaphysik Gustav Meyrinks, die einfache stimmungsvolle Atmosphäre Gottfried Kellers, die sonnige Tiefe Hermann Hesses und gleichzeitig die Schicksalskraft und Lebensdüsternis eines Theodor Storms. Die Bildung, die in diesem Roman vermittelt wird, ist daher auch kein alltägliches Wissen, kein Intellektualismus und keine Sophisterei, sondern reine Innerlichkeit. Die Figuren und Protagonisten, die quasi alle - bewußt oder unbewußt - auf der Suche nach dem „Stein der Weisen“ sind, quälen sich in ihrer Sehnsucht nach echter Religio, Rückbindung an eine geistige Welt, die nicht irgendwo und im Jenseits zu suchen, sondern Bestandteil jeder unmittelbaren Erfahrung ist, untrennbar verbunden mit dem so schwer faßbaren Begriff der Seele. Dabei wird schon auf den ersten Seiten klar, daß Larsen damit keine Theologie und tote Moral meint. „Das geistige Leben der Gemeinde war aus der Kirche ausgetreten, war auf den krummen Wegen der Politik in den Reichstag gelangt, hatte Zerstreuung in Versammlungshäusern gefunden, hatte ein bißchen Kunst angegähnt und das Haupt gläubig entblößt vor der Wissenschaft. Ihr himmlisches Verlangen war mit den Toten auf dem Kirchhof begraben. ... Der Kirche gehörten die Leichen, die Herzen der Lebenden dem ‘Fortschritt’.“ Bereits an diesem Satz sieht man, wie unangepaßt Larsens Weltsicht ist - und zwar in jeder nur denkbaren Richtung, auch was das Okkulte angeht. Jens Dahl, eine der Hauptfiguren des Romans, wird gelegentlich in okkulte Erfahrungen verstrickt, begibt sich in astrale Welten und obskure Erfahrungen, aber ohne die nötige innere Einstellung hilft ihm das alles nichts. Solange die Suche an Mühe, Verstand und zwanghaftes Wollen gekettet ist, bleibt sie zum Scheitern verurteilt - ein Umstand, der gerade an Dahls Person bis zur traurigsten Konsequenz vorexerziert wird. Auf eine gewisse Art und Weise möchte Larsen das alte Ideal des Maßes vermitteln, Sammlung statt Zerstreuung, Stille statt Aufruhr und Mitte statt Extremen. Er kultiviert literarisch die buddhistischen Tugenden der Gelassenheit, Ruhe und beobachtenden Distanz. Es erscheint demzufolge logisch, daß man sich diesen maßvollen Zustand an lebendigem Geist nicht erarbeiten oder beschwören kann, sondern daß er einem mehr und mehr zufällt, vorausgesetzt man ist fähig, seine Wahrnehmung zu schulen und Sinne und Sinnlichkeit als Werkzeuge zu benutzen.
Ich möchte und kann die Erzählstränge und Figuren an dieser Stelle dem Leser nicht unterbreiten, um seine direkte Begegnung mit ihnen nicht vorwegzunehmen. Aber es sei soviel gesagt, daß Larsen es versteht, gewisse Erwartungshaltungen zu enttäuschen und sich ständig wiederholende Überraschungen - quasi kleine Erleuchtungen - einzuflechten, die einen innehalten lassen. Obwohl das in christlichen Begriffen gehaltene Ringen um Glauben, Gott und Seeligkeit für den heutigen Leser nicht mehr so aktuell zu sein scheint wie vor 80 Jahren, so gelingt es dem Autor doch zu fesseln und ohne Belehrung zu lehren. Dabei sind seine Romanfiguren keine Gurus und keine Magier, sondern stets einfache Leute, aus dem Leben gegriffen und als Spiegel für unser eigenes tägliches Sein gedacht. Die große Qualität des Romans liegt in seiner Fähigkeit alles zu hinterfragen, ohne von vornherein zu zerstören, selbst die so gängigen Kategorien wie gut und böse. Die Figur des Holger, der aus einer tiefen Güte heraus gerade den Weg des Bösen geht, hat mich in dieser Hinsicht besonders beeindruckt. Das Leben ist halt nicht nur schwarz oder weiß. Lest selbst ...
(FC)

Erschienen im MYM-Verlag Berlin 2003, 2 Bde., 352/327 S.
ISBN 3-9800929-9-2
24,- Euro für beide Bände