Cover Ulla Janascheck und C. M. Skade´

Göttinnenzyklus

Vielleicht sollte dieses Orakel-Set nicht von einem Mann rezensiert werden, da es sich mehr oder weniger ausschließlich an Frauen richtet, aber da es nun einmal in meine Hände geraten ist, möchte ich versuchen, mich in seine Kraft einzufühlen.
Gemeinsam mit Cambra Maria Skadé als Zeichnerin hat Ulla Janaschek ein archetypisches Kartenspiel der ganz besonderen Art entwickelt. Auf dem astrologischen Tierkreissystem mit seinen Planeten, Zeichen und Häusern basierend, ist eine weibliche Synthese entstanden, die Ausdrucksformen der Göttinnen aus verschiedenen Kulturräumen beinhaltet (die Planeten), Künste der weisen Frauen vorstellt (die Zeichen) und ihre Wirkstätten beschreibt (die Häuser). Da die Autorin in der Einleitung selbst auf den ursprünglichen 13-Monde-Kalender einer möglicherweise matriarchalen Zeit verweist, erscheint die Reduzierung ihres Systems auf die gewöhnliche 12er-Struktur der bekannten westlichen Astrologie etwas inkonsequent. Zudem wird in einem Kunstgriff noch Vesta bemüht, um die 11 „Planeten“ ebenfalls zur Zwölferzahl zu komplettieren. Diesen Planeten werden nicht unbedingt ganz spezielle Göttinnen zugeordnet, sondern eher bildreiche Archetypen, zu denen bestimmte Kulturen auch Beispiele liefern. In der Schilderung dieser Archetypen liegt meiner Meinung nach die Stärke des Begleitbuchs und damit des Orakelspiels. Frau wird eingeladen, diese Bilder in sich selbst zu entdecken, zu intensivieren und für eigene Erfahrungen und Problemlösungen zu nutzen. Ich frage mich allerdings, aus welchem Grund die weiblichen Kräfte und Tiefen immer so sanft, gleichmütig, leise und zurückhaltend daherkommen müssen, selbst bei so elementar gewaltigen Göttinnen wie Kali, Ishtar oder Maat. Wer sich schon einmal mythologisch mit Göttinnen wie Ishtar, Astarte oder Anat befaßt hat, wird leicht bemerken, daß hier genauso vulkanische Kraft, exzessive Sexualität, Zerstörungswut, ja Brutalität ihren Ausdruck finden wie in den männlichen Domänen des Pantheons. Von diesen sicherlich beunruhigenden Aspekten ist im „Göttinnenzyklus“ nur wenig zu spüren. Wenn ich z.B. als Vorschlag für eine rituelle Initiation in der Wildnis lese: „Gehe einen Tag lang in die Natur, konzentriere dich dabei auf deine innere Stärke und suche nach Gegenständen, Steinen, Federn, Pflanzen u.ä. ...“, dann frage ich mich, ob hier nicht die Wildnis mit dem Stadtpark verwechselt und die Göttin der Wildnis in ein gezähmtes Zootier verwandelt wurde. Ähnliches gilt für die Begegnung mit dem Männlichen und der Sexualität, die von ganz wenigen, ganz sachten Ausnahmen abgesehen, völlig ausgeblendet werden. „Denn die Schöpfung ist männlich und weiblich zugleich, ein Prozess, der sich aus einer ewigwährenden Vereinigung ergibt.“ Vielleicht mag es immer noch wichtig sein, sich als göttliche Frau von verschiedenen Aspekten des Männlichen abzugrenzen, doch wenn über diese Abgrenzung hinaus nichts entwickelt wird, bleibt eine Leere, die dem Geist der Vereinigung nicht Rechnung trägt. In diesem Sinne gefallen mir die kreativen Ansätze von Feministinnen wie Sabine Lichtenfels besser. So nutzt das Orakelspiel meiner Meinung nach nicht die Gelegenheit, auch Männer in den Tempel der Göttin zu führen, um sich an die unerschöpflichen Kraftquellen des Weiblichen anzuschließen, sie zu verehren und die eigene Inspiration zu nähren. Aber vielleicht verlange ich da zu viel, weil ich aus meiner eigenen männlichen Perspektive schreibe. Das Buch wird von einem Kapitel beschlossen, in dem Spielvarianten und Legemethoden vorgestellt werden. Im Allgemeinen sind astrologische Vorkenntnisse schon mitzubringen, da nur weniges Hintergrundwissen (z.B. zu Häusern) vermittelt wird. Befragt frau den „Göttinnenzyklus“, werden Antworten auf drei Deutungsebenen vorgeschlagen. Diese Antworten richten sich vor allem an psychologischen und spirituellen Aspekten des Lebens aus und sind relativ allgemein gehalten.
Das gesamte Set ist in der gewohnt professionellen Art und dem sehr angenehmen Design des Arun Verlags produziert und die künstlerische Gestaltung der (unvermeidlich runden) Karten hat mich sehr angesprochen, weil sie weniger die abstrakte Symbolik, als vielmehr fließende, tiefgehende, fast archaische und an Höhlenmalereien erinnernde Bilder mit intensiven Farben und imagina-tiven Strukturen in den Vordergrund stellt.
Das Set besteht aus 36 Karten mit 108 Deutungsmöglichkeiten und einem Buch.
(FC)

Erschienen im Arun Verlag 2003
ISBN 3-935581-35-1
34,95 Euro

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