oder
Das Eigentliche ist für das Auge unsichtbar
Über den dänischen Schriftsteller Anker Larsen
von Anita Kittler
 
Ein verdrängter Autor?
Vergessen können ist eine wichtige menschliche Fähigkeit; Wichtiges wird von Unwichtigem geschieden. Manchmal vergessen wir aber Wichtiges; dann haben wir nicht verstanden. Und wenn wir doch verstanden haben, dann nennt man das Verdrängung. Wichtige Autoren werden nicht verstanden, wenn die Zeit und der Mensch noch nicht reif sind, oder sie werden verdrängt, wenn sie Unbequemes zu sagen haben. Johann Sebastian Bachs »h-moll-Messe« und die »Kunst der Fuge«, oft gepriesen als die größten musikalischen Kunstwerke aller Zeiten und Völker, wurden zunächst vergessen, weil es erst 200 Jahre später hierfür Aufführungsmöglichkeiten gab.
Der dänische Schriftsteller Johannes Anker Larsen (1874-1957) schrieb seine Bücher in den 20er bis 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, er hatte sogar Erfolg, sein »Stein der Weisen« erhielt einen Literaturpreis und wurde in 10 Sprachen übersetzt, aber verstanden wurde seine Botschaft offenbar nur von wenigen. Seine Protagonisten sind fast ausnahmslos faustische Gottsucher, aber gekauft und gelesen wurde sein Roman von der Mehrzahl wohl wegen verschiedentlicher Beschreibung übersinnlicher Phänomene und einiger bemerkenswerter Szenen in der ›Hexenküche‹ der Astralwelt, die ein Kritiker über Dantes Höllenvisionen stellte. Die geistige Essenz von Larsens Büchern ist zwar spektakulär, jedoch denen nicht erkennbar, die das Spektakuläre im Äußerlichen suchen und denen das Gleichnishafte des Vergänglichen im Goetheschen Sinne nicht wirklich ist. Anker Larsens Bücher scheinen auf den ersten Blick genauso bescheiden, wie er als Mensch war, aber die geistige Fülle seiner Werke und seine unnachahmlichen Beschreibungen inneren Erlebens eröffnen eine Komplexität seiner Weltsicht, die dem Leser, der sich dem zu öffnen bereit ist, einen tiefen Blick in sein eigenstes Innerstes gewährt. Und wer vermag schon dem Angesicht der Medusa standzuhalten? Vielleicht gehört Anker Larsen zu den Schriftstellern, die man lieber verdrängt.
Ein verhinderter Theologe in unbequemer Spagatstellung zwischen Bühne und Schreibtisch
Am 18. September 1874 wurde Johannes Anker Larsen als Sohn eines Seemanns geboren, der 1877 bei einem Schiffsuntergang bei den Faroer-Inseln ertrank. Seine Kindheit und Jugend verbrachte Anker Larsen in der tiefsten Provinz auf der Insel Langeland, dann Abitur und Beginn eines Theologiestudiums in Kopenhagen, aber der Professor für Dogmatik hatte so gründlich über Gottes Eigenschaften doziert, daß Gott selbst hinter ihnen verschwand. Für Larsen bleibt die theologische Fakultät ein dürrer Ort für eine durstige Seele, eine Sandwüste. Das, wonach er sucht, kann er hier nicht finden, er wendet sich nach seinem abgebrochenen Theologiestudium den anderen Weltreligionen zu, hört eine Zeitlang die Vorlesungen bei anderen Fakultäten, in der Hoffnung, eine zu finden, in der er sich heimisch fühlen kann, macht flüchtige Bekanntschaft mit dem Hinduismus, Buddhismus und dem Islam, aber er erreicht nichts weiter, als daß er die Veden und den islamischen Sufismus als eine Art Stammcafés betrachtet, die er zuweilen gerne einmal aufsucht. Eine unerklärliche Sehnsucht zieht ihn zum Theater, einem Ort gesteigerter Wirklichkeit, wie er meint, an dem die Schauspieler jede menschliche Möglichkeit erleben und durchleben, wo eine neue Wirklichkeit erschaffen werden kann und die Menschen sich selbst und all das, was in ihnen ist, verstehen lernen. Ein Ort, an dem er auch die Menschen zum Lachen bringen kann, um nicht selbst weinen zu müssen. Er hospitiert im Theater wie Orpheus im Schattenreich, sammelt seine ersten Theatererfahrungen aus der ›tiefen‹ Perspektive des Souffleurkastens und rechnet später mit der Welt des schönen Scheins gründlich ab. Sein Theaterroman »Ich will, was ich soll« ist eine Hommage und gleichzeitig ein Abgesang auf eine Welt der Illusion, geschrieben von einem Dichter und Schauspieler, dem die Bühne die heilige Göttin und gleichzeitig die Hure war, und die Schauspielerei eine schöne Kunst, ein schweres Handwerk und ein schmutziges Geschäft; auch ein Roman über die Welt als Schein, über das Vergängliche, das hier Ereignis wird, nicht über das Theater als moralische Anstalt im Schiller´schen Sinne, sondern über das Welttheater als unmoralische Anstalt und unser Verhältnis dazu.
Aber für Anker Larsens spirituellen Erkenntnisweg war seine Tätigkeit am Theater immer von großer Bedeutung gewesen, dort, wo der Mensch, der Schauspieler sozusagen berufsmäßig eine Maske aufsetzt, wo die Person (persona lat. = Maske) sich hinter einer anderen verbirgt, zu ihr wird, was wir im alltäglichen Leben allzuoft tun, wenn wir etwas anderes scheinen wollen, statt zu sein, wer wir sind. Geltungssucht, Leidenschaften und Routine führen uns auf einer gut ausgebauten Straße zum eigenen Ich. »Dies ist der breite Weg der Verderbnis, und mal für mal zwingen die Umstände ... auf diesen, und viele, sogar die Besten, finden niemals zurück«.
Larsen beschrieb in einem Interview zu seinem 80. Geburtstag nicht ohne Wehmut, wie ihn die Liebe zum Theater gepackt hatte, wie er beim Dagmartheater in Kopenhagen vorgespielt hatte und prompt engagiert wurde. Ihm war, als habe sich die Tür zu einem Märchen geöffnet. Wenige Tage darauf hatte ihm der Gyldendal-Verlag mitgeteilt, daß seine Novellensammlung »Des Lebens Unerbittlichkeit« angenommen worden sei und gedruckt würde. »Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich Schauspieler oder Dichter werden sollte, und so wurde ich beides. Und so setzte ich ein Bein auf die Bretter und streckte das andere unter den Schreibtisch, und in dieser Stellung - etwas unbequem und unpraktisch - blieb ich mein ganzes Leben stehen.«
Ein Metaphysiker ohne Mystik
Nach verschiedenen Novellensammlungen, den erfolglosen Kurzromanen »Pastor Nemos Heimsuchung«, »Karen Kruse« und zwei Theaterstücken erscheint 1923 Larsens erster umfangreicher Roman »Der Stein der Weisen« bei Gyldendal in Kopenhagen und wird - ganz spektakulär und unverhofft - mit einem hoch dotierten Literaturpreis für den besten dänischen und norwegischen Roman ausgezeichnet. Dieser Roman erscheint in Dänemark im ersten Jahr in vier Auflagen mit 40 000 Exemplaren und wird in kürzester Zeit in zehn Sprachen übersetzt. Mit Joanne K. Rowlings Harry-Potter-Ausgabe hat Larsens Roman aber nicht viel mehr als den Titel gemeinsam. Zwar kämpft auch in Larsens »Stein der Weisen« der Protagonist gegen die immer wieder auf ihn eindringenden dunklen Mächte und läßt sich zum ›Magier‹ ausbilden. Dazu getrieben wird er jedoch aus dem Wunsch, sich von dem ganzen verquälten Intellektualismus einer modernen Zeit zu befreien. Die ernsthafte Fülle der Larsenschen Gedankenwelt und ein gnostisches Gottsuchertum seiner Protagonisten fernab aller etablierten Religionen erinnert in diesem Buch also tatsächlich eher an das ringende Suchen eines Faust, an den Höllenbesucher Vergil oder die Seelenqualen eines Raskolnikow, und Larsens Metaphysik ist letztlich fernab jeder Mystik, obwohl viele ihm dieses Mäntelchen gerne umhängen wollten.
Zur Erklärung dieser Einschätzung muß man sich die Situation zur Entstehungszeit dieses Buches vergegenwärtigen: Die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts waren geprägt von einer Aufbruchstimmung zu neuen Ufern. Abgesehen von den weltlichen Aspekten der ›roaring twenties‹, der Wandervogelbewegung, Reformpädagogik, Frauenemanzipation und Kunsterziehungsbewegung, waren viele neue geistige Strömungen zu verzeichnen, düster-romantische und mystische Schriftsteller wie Richard Dehmel und Gustav Meyrink wurden gelesen, viele spiritistische Bewegungen entstanden, die rosenkreuzerische Bewegung wurde neu belebt, und als Rudolf Steiner sich von den Eskapaden Frau Blavatzkys distanzierte und sich mit seiner anthroposophischen Gesellschaft von den Theosophen trennte, war in geistig-religiös interessierten intellektuellen Kreisen eine heftige Diskussion entbrannt über Metaphysik, Wiedergeburt und Astralreisen. Mitten in dieser Diskussion erschien »Der Stein der Weisen«. Unter anderem gibt es auch ein Kapitel über eine Astralreise des Protagonisten Jens Dahl. Das Publikum erwartete Sensationen und griff schnell nach dem preisgekrönten Werk. Aber der Autor schildert die Erfahrungen Dahls in der Astralsphäre als einen Weg, der zum Scheitern verurteilt ist, und Dahl geht schließlich in einer eigenartigen Mischung aus Selbstmord und Unfall aus dem Leben. Jens Dahl will etwas, und er reizt seine Nerven bis hin zu ekstatischen und visionären Erfahrungen wie die alten Mystiker. Und die Folge davon ist viel Elend. Ekstase und Askese sind Anker Larsen nicht nur fremd, er warnt sogar immer wieder davor. »Der Mensch hoffte dadurch, sich selbst mit einem Ruck in die Ewigkeit emporzupeitschen, doch sowohl die ewigen als auch die zeitlichen Dinge rächten sich an ihm. Trotz ihres himmlischen Rausches waren die ekstatischen Asketen unglücklich. Dann nahmen sie wieder ihre Zuflucht zu der Peitsche, um ihr widerspenstiges Fleisch zu bestrafen, es anzuklagen für die Unempfänglichkeit ihrer Seele und ihres gottverlassenen Zustands, obwohl der Fehler allein in ihrem verwirrten, sich selbst suchenden Geist lag. Sie begehrten die Wunder des Himmels auf dieselbe Weise, wie wir die Schätze der Erde begehren.«
Außerhalb von allem
Larsens »Stein der Weisen« war ein großer Erfolg. Vergleiche mit Tagore, Dante, Dostojewski, Proust und Hamsun rückten den Schriftsteller in das Licht der großen Seelenanalytiker. Doch um sich in der Popularität dauerhaft einzurichten, hatte Anker Larsen sich in zu viele Fettnäpfchen gesetzt, hatte es sich mit allen westlichen Kirchen verdorben, auch den östlichen etablierten Religionsformen, den Theosophen und Mystikern, den Ekstatikern und Asketen, den Visionären und allen Heilslehrern. Seine Religionsphilosophie und sein Glaube stehen häufig so quer zu den eingeübten Vorstellungen von Kirche und Religion, daß er als Nihilist und Atheist bezeichnet und seitens der Kirche teilweise heftig attackiert wurde. Einer seiner engsten Freunde nannte ihn jedoch einen gläubigen Atheisten. Dieser gläubige Atheist taucht in Larsens Werken immer wieder auf als der Kandidat, den nichts besonders angeht, ein anonymer Mensch, der mitten in allem stand und doch mit allem abgerechnet hatte, ohne irgendwie müde davon geworden zu sein; ein Lebensphilosoph der Neutralität, ein Mensch, der in dieser Welt lebt, ohne wirklich Teil an ihr zu haben, ein scharfer Beobachter, der registriert, aber nicht analysiert, der erkennt, aber nicht kritisiert und dadurch jenseits allem Humanismus zu einem wirklichen Helfer wird.
Larsens nächster Roman »Martha und Maria« (1925) wurde noch in 5 Sprachen übersetzt, aber seine weiteren Romane gingen in den Wirrnissen der politischen Ereignisse der 30er und 40er Jahre mehr oder weniger unter. Lediglich sein kleines Werk »Bei offener Tür«, eine Biografie und Beschreibung seiner spirituellen Erfahrungen, erfährt eine Resonanz bei geistigen Menschen, wird im ersten Jahr drei Mal neu aufgelegt und sogar ins Isländische übersetzt.
Anker Larsen widmete sich trotz oder vielleicht wegen aller Vorbehalte wieder seiner alten großen Liebe, dem Theater. Vom Dagmartheater geht er zum Volkstheater, bekommt seine ersten Regieaufträge und wird 1928 Regisseur am Königlichen Theater.
Seine beiden reifsten Werke, »Olsens Torheit« und »Hansen«, schrieb Larsen, als das christliche Europa sich ganz unchristlich gegenseitig an die Gurgel ging bzw. als Mitteleuropa längst wieder nach ganz gewöhnlichem Sauerstoff schnappte und über der Aufarbeitung seines Traumatas vergaß, wieder den Geist zu atmen, der sich in Ansätzen in den 20er Jahren bemerkbar gemacht hatte. »Olsens Torheit« erschien 1941 in Kopenhagen und auf Deutsch 1942 in der Schweiz, »Hansen« im Jahre 1949, ist aber bisher - von einem kurzen Auszug abgesehen - noch nicht ins Deutsche übersetzt worden. Beide Werke wurden nie ein Erfolg.
Kein Erfolgsmensch!
Es ging Anker Larsen auch nie vordergründig darum, ›Erfolg‹ haben zu wollen. Es gehörte geradezu zu seiner Lebensphilosophie, daß die Seele eines Menschen leidet, wenn er nach Erfolg strebt, und daß Erfolg, wenn er sich einstellt, eine große Versuchung ist und nicht selten zur Verflachung führt. Thematisiert hat Larsen dieses Phänomen in »Olsens Torheit«, wo der Protagonist als Maler mit einem einzigen Bild auf einer Ausstellung großen Erfolg hat, dann aber wirklich Gutes nicht mehr zustande bringt, weil er es will, weil er versucht, mit dem Verstand zu sehen, was er zuvor aus dem Herzen heraus gemalt hat. Auch in »Ich will, was ich soll« zeichnet sich für den Protagonisten eine große Karriere als Schauspieler ab. Als dieser sich aber darüber klar wird, daß er seine Seele dafür opfern müßte, ›verzichtet‹ er auf dieses ›Opfer‹ und geht wieder in die Provinz, zurück zu seinem wahren Ich. Larsens Hauptfiguren sind alle keine Karrieristen, seine ›Helden‹ geben sich ganz unheldisch, ihr Heldentum liegt eher im Sinne Lao-Tses in der Selbstüberwindung, der Gabe, eigene Bestrebungen und Wünsche in die Ziele eines großen, übergeordneten Weltenplans einzuordnen, dem »ich will, was ich soll« nachzuspüren und entsprechend zu handeln.
Den gängigen gesellschaftlichen Weltbildern steht Anker Larsen mit distanzierter Skepsis gegenüber. Er hat einfach keine Weltanschauung, wie sein Protagonist Hansen, bzw. er hat etwas gegen alle Weltbilder, was letztlich auf dasselbe hinausläuft. So radikal wie er hat bisher kaum jemand gewagt, den Sinn des Daseins in Frage zu stellen, aber er hat im Gegensatz zu Sartre oder Camus Alternativen zu bieten. Es gibt keinen leeren Raum, wie die Hermetiker sagen, und wenn Anker Larsen dieses oder jenes oder noch mehr aus unserem wohlgeordneten Weltbild ins Absurde verweist, dann kann Neues und Feineres nachströmen, und dieses Neue ist bei Anker Larsen mitunter so revolutionär wie einfach.
»Und dann hörte ich auf zu denken ...
um etwas, das in mir vorzugehen begann, nicht zu stören. Das ist eine Gewohnheit von mir, wenn eine Empfindung von Leben, die zu zart ist, um Berührung durch Gedanken zu ertragen, sich tief in meinem Innern sanft zu erkennen gibt. Ich lasse die Aufmerksamkeit auf dem Gegenstand ruhen, der die Empfindung hervorrief, und lasse das wundervoll neue und ebenso wundervoll bekannte Leben da drinnen seinem eigenen Willen folgen, bis es sich von selbst bereit zeigt, in mein Bewußtsein einzudringen und mir gestattet, darüber nachzudenken.«
Beim Lesen der Bücher Anker Larsens hat der Leser nicht selten den Eindruck, daß sich ihm eine neue Welt des Denkens jenseits des Verstandes eröffnet. Larsens Bücher brauchen nicht gelesen zu werden, sie lesen sich selbst auf eigenartige Weise in den Leser hinein, man trägt sie mit sich herum und sie antworten dann auf Fragen, die man schon lange beantwortet haben wollte; und dann traut man sich allmählich auch, diesen Antworten Glauben zu schenken. Ein Glaube allerdings, der wenig mit intellektualisiertem Verstehen zu tun hat, sondern mehr mit intuitivem Begreifen.
Die Heisenberg´sche Unschärferelation besagt: Je feiner die Schwingung, um so bedeutender der verfälschende Einfluß durch die Messung. Und bei Anker Larsen sind diese Schwingungen sehr fein. Kann man daher Anker Larsens Bücher analysieren, kann man sie dem Verstand unterwerfen, sie einer intellektuellen Kritik unterziehen? In seinem Roman »Olsens Torheit« läßt er in einer etwas surrealistisch anmutenden Passage einen der Gelehrten im Land der Philosophen zu diesem Thema sagen: »Wie ich bereits sagte, ist die Kunst ein recht unwürdiges, aber notwendiges Stadium.« - »Weshalb ist sie notwendig, Ihro Gelehrtheit?« - »Wegen der Kritik, die ja bisweilen wirklichen Glanz über die Erzeugnisse der Künstler wirft. Notwendig ist die Kunst, denn wer sollte kritisieren können, wenn niemand etwas schüfe, das kritisiert werden könnte?« - Das war einleuchtend. Und wenn es richtig war, folgte daraus der Rest von selbst: direkt nach dem Künstlerstand kam die gewöhnliche Kritik. Danach kam die Oberkritik, die die gewöhnliche kritisierte und die wiederum der höheren Kritik unterworfen war; ganz oben thronte die höchste Kritik, die ausschließlich nach Mängeln und Fehlern bei anderen Kritikern suchte. Diese war die feinste Blüte in diesem Teil des geistigen Blumengartens.« Der Kritiker wird selbst zum Künstler, und statt der Bücher ziehen viele die Kommentare der Kritiker darüber vor. Vielleicht sollte man daher statt einer intellektuellen Analyse der Bücher dieses Autors vielmehr seine Aufmerksamkeit auf das richten, was als eigentlich Unsagbares hinter allen Äußerlichkeiten steht und das wundervoll neue und ebenso wundervoll bekannte Leben in sich einströmen lassen.
Doch nicht nur durch seine kritische Einstellung zur Kritik rüttelt Anker Larsen gewaltig an den Fundamenten unserer Kultur und unserer Weltanschauung. Auch die von uns so hoch geschätzten Werte wie Kunst und Intellekt, Wissen und Verstand werden von ihm mit einem augenzwinkernden Lächeln in ihrem ambivalenten Charakter vorgeführt: »Naja, es gibt wohl viele, die ihren Verstand dazu gebrauchen, ihren Nächsten um den Verstand zu bringen«, läßt er Olsens Freund Alberto sagen. Und an anderer Stelle bekommt Olsen von ebendiesem Freund den für seinen weiteren Lebensweg entscheidenden, durchaus ernst gemeinten Hinweis: »Ich kann hören, daß du den Verstand verloren hast, und sehe, daß du das als ein Glück betrachtest. Das muß ja auch eine Erleichterung sein.«
Nicht irdisch ist des Toren Trank noch Speise
Um zu dieser für ihn heilsamen Einsicht zu gelangen, muß der Protagonist in »Olsens Torheit« viele Irrwege und Umwege gehen, die sich in Larsens Lebensgeschichte bereits finden lassen, man denke an das abgebrochene Theologiestudium, an seine Kontakte mit Geheimbünden und die Aneignung okkulter Fähigkeiten. Olsen weiß, daß Nachdenken und Philosophieren ihn auch nicht weiterbringen. »Von Philosophie verstehe ich nicht viel«, läßt Anker Larsen den Atheisten und Zirkusartisten Alberto in »Olsens Torheit« sagen, »und du hast Recht, ich denke nicht mehr als unbedingt notwendig. Aber ich lebe und ich sehe, und ich sehe, daß ein Kind zwei Augen hat. Mit dem einen sieht es die Wirklichkeit, in die es hineingeraten ist, so, wie sie ist, mit dem anderen Auge lernt es zu sehen, wozu diese Wirklichkeit gebraucht werden kann. Wenn es heranwächst, wird es so davon in Beschlag genommen, das Nutzauge zu gebrauchen, daß es vergißt, mit dem Auge zu sehen, das die Dinge auffaßt, wie sie - sagen wir: aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen sind. Sie sind nicht nur dazu da, um von Nutzen zu sein. Sie haben - wie es der Mensch haben müßte - ihr eigenes Dasein und ihren eigenen Zweck. Aber der Erwachsene braucht allein das Nutzauge, und von dem ausgehend, was er sieht, schafft er sich seine einäugige Kultur.«
Sein erstes Auge wieder zu öffnen, bemühte Anker Larsen sich zeitlebens; davon zeugen sein Studium, seine Suche bei anderen Weltreligionen und bei den Theosophen, schließlich seine Studien der Familiendokumente, wie er liebevoll das Tao-te-king, die Upanishaden, die Bhagavadgita, die Dichtung der Sufi, die Reden Jesu, Molinos, Franz von Sales und anderer christlicher Mystiker nennt. Das, was er dann mit dem ersten Auge sah, schien ihm mehr als verkehrt, aber mit dem zweiten meint man ja bekanntlich besser zu sehen.
Die Welt als geschlossene Anstalt
Auch für Larsens Protagonisten Olsen ist alles ganz verkehrt, er selbst am allermeisten, und am wenigsten so, wie er sein soll. Auch Olsen versucht, der Mensch zu werden, der er seiner Natur nach sein soll. Im Prozeß seines Werdens zu diesem ›Sein‹ gerät Olsen in die Welt verschiedener Wirklichkeiten, ins Land der Philosophen, die von allem abstrahieren, in der die Superabstrahenten nur noch sich selbst lieben und die körperliche Liebe von Sklaven verrichten lassen, er gerät in die Welt der verständigen Menschen, Menschen, die alles ›verkehrt‹ machen, sogar auf Händen gehen, weil bei der Anwendung der Vernunft bisher immer das Verkehrte herausgekommen war: »Das Geniale ist immer einfach.«
Schließlich finden wir ihn in der Irrenanstalt, weil er an der Verrücktheit der Welt leidet, die innerhalb der Anstaltsmauern bei weitem nicht so banal ist wie die da draußen. Darüber hinaus leidet er nebenbei so ein bißchen an emotionaler Apathie, so die Diagnose, weil er glaubt, sich manchmal in der Seligkeit zu befinden. Auf Veranlassung des Oberarztes wird Olsen dazu aufgefordert, seine Lebenserinnerungen niederzuschreiben, ein quasi therapeutischer Versuch, um sich von seinen ›Halluzinationen‹ freizuschreiben. Der Leser sieht sich wie in Günter Grass’ »Blechtrommel« mit einem ›unzuverlässigen‹ Erzähler konfrontiert, weiß erst nicht, ob er ihm oder den ›Normalen‹ trauen kann, und erst allmählich geht ihm auf, wer die wahrhaft ›Ver-rückten‹ sind.
Eine farbenfrohe Reihe ›schwankender Gestalten‹ wird vorgeführt, alle vom Unsinn der Welt mehr oder weniger angesteckt und alle auf der Suche nach dem eigenen Selbst. Der klärwojante Spiritist Nielsen, die Zirkusreiterin Grace, die aus Trauer nicht weinen kann, wohl aber aus Freude; der Artist Felipe, der zwischen Askese, Trunksucht und dem ewig Weiblichen pendelt; nicht zuletzt Alberto, der Analphabet, ein Mann ohne Eigenschaften, der sich nirgendwo im Dasein anbringen läßt, weil er eigentlich ein Weiser ist. Er befreit in Olsen einen kleinen lachenden Jubel, der ihn zu seiner wahren Berufung führt, zum Clown in der Manege und zum ›Toren‹ in dieser Welt, und der ihn befähigt, nach und nach sein sozialisiertes Selbst wie die Schalen einer Zwiebel abzulegen, um schließlich der Albergo Internationale mit ihren hermetisch geschlossenen Türen und Fenstern zu entrinnen.
Vivo!
»Olsens Torheit« war Larsens letztes Werk, das auch in andere Sprachen übersetzt wurde. Dann folgte 1946 noch »Hansen«, sein Alterswerk, mit dem er sich von der literarischen und der dialektischen Welt verabschiedete. Es thematisiert den Tod, der nicht wirklich ist, das berühmte »stirb und werde«. Was Larsen hier beschreibt, ruft die Erinnerung an Gustav Meyrink, den Herrn des »Golem« wach, der für seinen Grabstein um die Inschrift »vivo - ich lebe!« bat. Auch Larsens Botschaft kündigt von einem »ewigen Leben«.
»Der, für den das Dasein zum Sein wird, hat nichts mehr mit ›Leben‹ oder ›Tod‹ zu tun. Das ewige Leben ist kein Land auf der anderen Seite des Todes, ein Land, wo die Sonne niemals untergeht, oder wo kein Ende der Jahre abzusehen ist. Das ewige Leben ist ein Zustand in der menschlichen Seele; es ist die tiefste Wirklichkeit des Lebens, die sich in seinem Wesen und vor seinen verwunderten Augen ausbreitet.«
Larsens Bücher sind voller Liebe für die Menschen und die Dinge dieser Welt geschrieben, aber sein Blick war klar und immer auf die Wirklichkeit hinter den Dingen und auch den Menschen gerichtet. Die Welt kann sich für die Menschen schließen, war J. Anker Larsens einfache Botschaft. Und ein andermal sperrangelweit offen stehen. Abhängig davon, mit welchem Blick man ihr begegnet. Es ist dieser Blick, von dem seine Romane handeln, das direkte Erleben der Welt in einem kleinen gedankenlosen Funken. Eine Erinnerung an diese hellsichtigen Zustände während seiner Kindheit ließ Larsen sein ganzes Leben lang ein Sucher sein. Und, wie nicht nur das großartige Schlußkapitel im »Stein der Weisen« zeigt, in dem unnachahmlich der Aufstieg durch die sieben Stufen des Lichts beschrieben wird, auch ein Angekommener.
»Das Dasein ist kein Maya, kein Blendwerk, aber wir sind geblendet, bis unsere Augen sich im Jetzt öffnen, wo Zeitliches und Ewiges zu einer Einheit verschmelzen. Es wird im seienden Jetzt erkannt, es wird im geschehenden Jetzt verwirklicht. Das Ewige heiligt das Zeitliche, das Zeitliche verwirklicht das Ewige.«