Geza von Neményi
Heilige RunenDie Kette neuveröffentlichter Runenbücher reißt nicht ab, doch ist das meiste zu diesem Thema nach wie vor auf einem sehr profanen Niveau angesiedelt, das kaum über die Tatsache hinausgeht, Runen als Orakel zu werfen und zu deuten. Eine wirklich erstaunliche Ausnahme im Taschenbuch möchte ich hier vorstellen: "Heilige Runen". Der Autor Géza von Neményi, bekannt durch sein Buch "Heidnische Naturreligion" und die Aktivitäten innerhalb der Germanischen Glaubensgemeinschaft, stellt darin ein umfassendes Bild der Runosophie vor. Durch das sorgfältige Zusammentragen wertvollen Quellenmaterials, der Runenlieder, Inschriften, Ritzungen und Überlieferungen steht dem Interessierten ein Fundus für eigenes Forschen und Suchen zur Verfügung, der seinesgleichen sucht. Da von Neményi grundsätzlich vom Hintergrund eines religiösen Glaubens als Basis der nordisch-germanischen Tradition ausgeht, wird man keine modernen Weiterentwicklungen oder Spekulationen finden, sondern immer den Schwerpunkt auf die historischen Gegebenheiten und überlieferten Mythen gelegt sehen. Wenngleich das manchem vielleicht zu konservativ erscheint, sehe ich das jedoch im Falle dieses Buches als Vorteil an: nur von einem zuverlässigen Wissen aus kann man fortschreiten. Dabei begeht der Autor den Göttern sei Dank nicht den Fehler des anderen Extrems, sich ausschließlich an die akademische Seite zu halten und kritisiert berechtigterweise die gängigen Entstehungstheorien der Runenreihen und deren ausschließliche Betrachtung als Schriftzeichen. Ganz im Gegensatz dazu sind den Zauberrunen und -formeln ein ganzes sehr wertvolles Kapitel gewidmet und auch die dargestellten Verbindungen zwischen Runen und Jahreskreis suchen ihresgleichen. Dabei kommen keineswegs die bekannteren Aspekte der Runen, beispielsweise Körperstellungen, das Runenwerfen und die Verbindung zur Edda zu kurz. Natürlich ist jeder Rune ein eigener Abschnitt gewidmet. Sehr inspirierend wirkt dabei die häufige Einbeziehung von Märchen, Volksglauben, Bräuchen und Sprachkunde. Dabei merkt man, daß der Autor ein wirklich Kundiger ist und aus überdurchschnittlich reichhaltigen und gelebten Kenntnissen schöpfen kann. "Heilige Runen" wird nicht nur als opulentes Quellenwerk weiterhin Bedeutung und Bestand haben, sondern sei all denjenigen wärmstens empfohlen, die mehr als nur ein oberflächliches Interesse für die "Zauberzeichen des Nordens" hegen.
(FC)