Interview mit Michael Moynihan
Musiker, Schriftsteller, Verleger und Mit-Autor des Buches "Lords of Chaos"
 
Das Interview wurde per E-Mail geführt.
Die Fragen stellten Silke Ecks und Frank Cebulla.
Die Übersetzung ins Amerikanische und wieder zurück besorgte dankenswerter Weise Silke Ecks.
F: "Lords of Chaos" ist ein vornehmlich dokumentarisches Buch, das sich mit Wertungen und Beurteilungen zurückhält. Wie stehst Du selber eigentlich zum Satanismus? Oder anders gefragt: Was hat Dich bewogen, ein solches Buch zu machen?
A: Es ist richtig, daß wir es allgemein vermieden haben, Bewertungen und Urteile vorzunehmen oder moralistische Meinungen über die Themen, die wir im Buch vorlegen, abzugeben. Der Leser oder die Leserin kann dies für sich selber tun – sie brauchen uns nicht dazu, daß wir das für sie tun.
Einige Aspekte des Satanismus sind interessant, andere hingegen nicht. Meine Beziehung zum Satanismus kam dadurch zustande, daß ich bei einigen Gelegenheiten Anton LaVey traf und in der Folge in gelegentlichem Kontakt mit einer sehr kleinen Anzahl von Personen stehe, die in der einen oder anderen Weise mit Satanismus zu tun haben. Als ich LaVey vor fast 15 Jahren kennenlernte, erfreute es uns, miteinander zu sprechen, und er schien meinen Ausblick auf die Dinge zu schätzen, so daß er mich am Ende der Nacht fragte, ob er mir eine Mitgliedskarte überreichen dürfe. Ich habe mich mit ihm nicht in der Absicht, seiner Kirche beizutreten, getroffen, aber da er mir dies geben wollte, gab es keinen Grund, abzulehnen. Ungeachtet dessen, daß ich nicht mit allem übereinstimme, was LaVey getan oder gesagt hat, war er doch eine unleugbar charismatische Persönlichkeit, der die Welt unter seinen eigenen Bedingungen anging und buchstäblich seine eigene Realität schuf. Solch eine ikonoklastische (Anm.: bilderstürmerische) Persönlichkeit ist selten in diesen Zeiten der von außen aufgezwungenen Meinungen und Massen-Gehirnwäsche durch die Medien, Schule und allgegenwärtiger kapitalistischer Reklame.
Jedoch sollte ich Folgendes klarstellen: Der Umstand, daß jemand bekennt, ein "Satanist" zu sein, bedeutet für mich nur sehr wenig, noch würde ich dem irgendeinen besonderen Wert beimessen. Ich betrachte mich selber im Allgemeinen nicht als Satanist, aus dem einfachen Grunde, daß ich nicht an die Existenz Satans glaube. Es ist verständlich, daß und in welcher Weise der Symbolismus von Satan – als ein Gegenspieler der homogenisierten Konsens-Mentalitäten – eine romantische Anziehung auf manche Leute ausübt und insbesondere auf Jugendliche.
Zu dem Buch kam es auf folgende Weise: in den frühen 90ern schrieb ich gelegentlich Artikel für örtliche Musikzeitschriften, und diese handelten oft von extremen Formen von Musik als apokalyptische Barometer sozialen Verfalls. Die Ereignisse, die in Norwegen hervorbrachen, waren sofort ein offensichtliches Thema für eine Untersuchung. Ursprünglich wollte ich ein Kapitel darüber für eine Anthologie mit dem Titel "Apocalypse Rock", die der US-Verlag Feral House geplant hatte, schreiben. Aber je mehr ich mich mit dem Thema befaßte, desto deutlicher wurde es, daß ein ganzes Buch die einzige Weise wäre, um das Phänomen angemessen zu erforschen. Um das Thema auf eine umfassende Art anzugehen, arbeitete ich mit einem jungen norwegischen Journalisten namens Didrik Søderlind zusammen, der viele wichtige Beiträge zu dem Buch lieferte.
F: Du bist selbst Musiker und Künstler und Bandleader der Gruppe "Blood Axis". Kannst Du für die weniger musikalisch orientierten Leser des "GOLEM" kurz beschreiben, welche Musik Du machst und welchen musikalischen und inhaltlichen Anspruch Du mit Deiner eigenen Musik verbindest?
A: Blood Axis begann Ende der 80er Jahre. Davor hatte ich mit härterer elektronischer Musik zu tun, wollte mich aber in eine Richtung bewegen, die weniger atonal und auch weniger leicht klassifizierbar ist. Dies allerdings macht es natürlich ein wenig schwierig, den ersten Teil Deiner Frage zu beantworten!
Über die Jahre hinweg haben wir alles Mögliche gemacht, von atmosphärischen Stücken, denen orchestrale Bandschleifen zugrunde liegen zu Interpretationen von Bach-Chorälen, desorientierende psychedelische Stücke, Akustiksongs, die auf traditionellen Volksliedern beruhen, mantra-artige spirituelle Invokationen und vieles andere. Die Themen der Musik schlossen archaische religiöse Rituale, nietzscheanische Verse, Trauerklagen, Oden an den Absinth u.a. ein. Wie Du siehst, ist eine einfache oder "allumfassende" Beschreibung unmöglich.
Die Absicht dahinter ist, Musik zu schaffen, die Dinge verkörpert und vermittelt, die uns auf einer gefühlsmäßigen, physischen oder spirituellen Ebene stark berühren. Der gesamte Prozeß ist eine Übung der Willenskraft, wie jeder kreative Akt. Wir suchen mit voller Absicht Herausforderungen, um diese zu überwinden.
Es hat verschiedene Mitglieder gegeben, aber zur Zeit besteht Blood Axis aus mir und Annabel Lee (die auch Musik unter dem Namen Alraune komponiert), dazu der Studiotechniker Robert Ferbrache, der wie ein drittes Bandmitglied ist. Das letzte Projekt, das wir vollendeten, war ein Album, das ganz dem Absinth gewidmet war und in Zusammenarbeit mit dem ausgezeichneten französischen Projekt Les Joyaux de la Princesse entstand. Jetzt arbeiten wir an den letzten Feinheiten, um ein neues Blood Axis-Studioalbum mit dem Titel "Ultimacy" fertigzustellen. Aber wir haben nichts mit dem Rest der Musikindustrie zu tun, also arbeiten wir langsam und gemäß unserer eigenen Zeitplanung.
F: Der in "Lords of Chaos" verwendete Satanismus-Begriff wird an keiner Stelle des Buches wirklich näher definiert, sondern ähnelt eher der Version von Sektenbeauftragten und Boulevard-Zeitungen. Ist das ein Zugeständnis an den Geschmack einer Leserschaft, die über Randgruppen hinausgeht? Schließlich existiert doch auch innerhalb des Satanismus ein weites Spektrum von Philosophien und Standpunkten, die sich keineswegs nur mit den jahrzehntealten Banalitäten eines LaVey abdecken lassen ...
A: Das Buch wurde für ein allgemeines Publikum geschrieben, nicht, um nur von Randgruppen gelesen zu werden. Zu sagen, daß unser Ansatz in irgendeiner Weise dem von Boulevardzeitungen ähnelt, ist absurd. Tatsächlich belegen wir, daß es sehr wohl die sensationalistischen Revolverblätter gewesen sein können (die den aus der Luft gegriffenen und reißerischen Geschichten fundamentalistischer Christen Öffentlichkeit verschafften), die dazu beitrugen, viele der sogenannten Satanisten in Norwegen und anderswo dazu zu inspirieren, so zu handeln, wie sie es taten.
"Lords of Chaos" hat aus verschiedenen Gründen sehr wenig mit den Mainstream-Medien gemein. Wie erwähnt, sehen wir davon ab, moralistische Urteile über die Themen des Buches abzugeben. Obwohl die gewöhnlichen Medien eine Fassade der "Objektivität" aufrechterhalten, ist faktisch fast jede Nachricht von darunterliegenden moralischen Positionen durchdrungen, die darauf abzielen, die Meinung des Lesers in eine gewisse Richtung zu bewegen. Wir lassen die Leser für sich selber denken. Selbst die intellektuelleren Zeitungen Norwegens druckten kaum je eine durchdachte Analyse des Kirchenbrandstiftungs-Phänomens (und wir haben die Autoren dieser Artikel in "Lords of Chaos" ausführlich befragt und außerdem einen dieser Artikel als einen Anhang aufgenommen).
Es ist wahr, es gibt viele verschiedene Perspektiven innerhalb einer Subkultur wie dem Satanismus, aber unser Buch war keine akademische Untersuchung der satanistischen Subkultur. Es war die Chronik eines bestimmten Trends, der in Skandinavien zur vollsten Blüte kam, wo junge Musiker und Teenager tatsächlich als Teil ihrer – meist ungeformten – "satanischen Philosophie" Verbrechen begingen. Im Zuge der Dokumentation dieser Dinge schlossen wir auch Kommentare einer Anzahl von Leuten außerhalb dieser Jugend-Subkultur ein, um einen weiteren Blickwinkel zu bieten.
LaVey ist weitenteils verantwortlich, den Satanismus in die allgemeine Populärkultur hineingetragen zu haben, und daher war es sehr wichtig, ihn für das Buch zu interviewen. Ob Du seine Ansichten für "banal" oder nicht hältst, geht am Kern der Sache vorbei.
F: Der unbedarfte Bürger, der sich "Lords of Chaos" und die teilweise doch erschreckenden Perspektiven der geschilderten Jugendkultur zu Gemüte führt, wird wahrscheinlich automatisch nach mehr Rechtsstaatlichkeit, höheren Strafen, aktiverer Polizei usw. rufen. Für alle Leute, die aus einer gesellschaftlichen Subkultur heraus agieren, ist dieser "bürgerliche" Weg dagegen kaum tragbar. Ich frage Dich daher, welche Alternativen Du siehst, eine stetige Verstärkung der Gewalttendenzen - nicht nur in der Black Metal Szene sondern allgemein in den verschiedenen Jugendkulturen - zu verhindern?
A: Es ist zu bezweifeln, daß der Inhalt von "Lords of Chaos" jemals als eine Rechtfertigung irgendwelcher neuer Gesetze oder polizeistaatlicher Maßnahmen benutzt werden wird. Ein so geartetes Szenario scheint einer sehr viel zerstörerischeren Sorte sich auf dem Kriegspfad befindender monotheistischer Fundamentalisten zu bedürfen – muslimischer Selbstmord-Bombenattentäter zum Beispiel.
Weithin dienen verschiedene Subkulturen bereits als eine Art "Druckventil" zum Herauslassen antisozialer Tendenzen, und in den meisten Fällen genügt dies, um jegliche extreme Gewalt zu verbreiten. Aber Black Metal war ein besonderer Fall – und das ist, was wir in jenem Buch zu dokumentieren suchten.
Im Allgemeinen ist es so, daß nur sehr wenig getan werden kann, um eine Zunahme solcher Formen von Ausbrüchen zu verhindern. Sie sind Symptome einer grundsätzlichen Reaktion gegen eine moderne Welt, die ziellos und dekadent geworden ist. Sollten die heutigen Gesellschaften der westlichen Welt sich nicht in radikaler Weise ändern, werden diese Dinge sich weiterhin manifestieren.
Es gibt an dem Niederbrennen historischer Stabkirchen auch nicht im Entferntesten irgend etwas zu verteidigen. Es ist kindisch und nihilistisch und zeigt eine arrogante Verachtung traditioneller Kunst und Kultur. Es ist nicht so verschieden von den Handlungen verschiedener kommunistischer "Kulturrevolutionen", bei denen viele herrliche Stücke des Handwerks und der Kunst der Vergangenheit gefühllos zerstört wurden, weil man glaubte, daß sie "bourgeoise Dekadenz" oder irgend etwas in der Art verkörpern würden. Diese Art Taten scheinen dem Ressentiment zu entspringen, wie Nietzsche es nennen würde, und sind das Werk jener, die schwach an Geist und Seele sind.
F: Ist die auffällige Synthese oder gar Symbiose von Politik, Esoterik, Musik, radikaler Gesellschaftskritik und Gewalt der Anfang einer grundsätzlich anarchischen Gesellschaftsordnung der Zukunft?
A: Nein, weil sie viel zu inkohärent ist, um sich zu irgendeiner Form von "sozialer Ordnung" zu entwickeln. Sie ist eine naive, destruktive Reaktion gegen die gegenwärtige Ordnung, und nur sehr selten beinhaltet sie irgendwelche Formen sozial konstruktiver, kreativer Handlungen, die den Rahmen einer funktionierenden Gesellschaft tragen würden.
F: Denkst Du, daß diese Inkohärenz und Destruktivität zu einer Welt führt, die am Ende vollkommen ins Chaos stürzt, in der selbst der Kapitalismus seinen Zugriff auf die Dinge verliert – eine technoide Welt, wie W. Gibson sie in seiner Cyberpunk-Trilogie beschreibt oder eine wie in den Matrix-Filmen dargestellt – oder vielleicht eine Welt des globalen Bürgerkriegs oder Terrorismus?
A: Die Destruktivität ist schlicht ein Anzeichen dafür, daß nicht jede/r das gegenwärtige sozialisierte, bourgeoise, säkulare, kapitalistische Programm befriedigend oder erfüllend findet. Betreffs der Inkohärenz: diese ist nicht erstaunlich, da die meisten der Täter Teenager waren, somit also Leute, die noch in dem Prozeß stecken, ihre eigene Persönlichkeit zu entdecken und zu verstehen. Zudem ist in einer modernen Welt, die weithin sinnlos, ziellos und verwirrend ist, zu erwarten, daß Rebellionen gegen diese auch ähnliche Qualitäten haben werden – nach allem kamen diese Rebellionen nicht von ungefähr. Da ich weder die Romane von William Gibson gelesen noch die Matrix-Filme gesehen habe, ist es schwierig, Vergleiche mit solchen Bildern anzustellen. (Obwohl diese Visionen der "technoiden" Zukunft, nach dem, was ich über sie gehört habe, dystopisch und deprimierend erscheinen und nichts, auf das man sich freuen könnte!)
Wir sind schon gut auf dem Weg zu einer durch und durch kontrollierten Welt, nicht nur im physischen, sondern auch auf geistigem Gebiet. Diese Entwicklung ist nicht das Werk von "Faschisten" oder "Nazis" sondern vielmehr von Leuten, die für sich in Anspruch nehmen würden, "Freiheit" (liberty) und "demokratische Prinzipien" zu repräsentieren. Diese Kontrolle der Gedanken und Meinungen wird immer um des "Schutzes" (safety) und der "Sicherheit" (security) der Bürger willen unternommen, um ihre "Freiheit" (freedom) zu schützen. Jede leidenschaftliche Kritik oder Opposition gegen das gegenwärtige System wird somit verdächtig oder wird als irgendwie mit „Terrorismus“ verbündet gebrandmarkt. Und Terrorismus ist schlecht fürs Geschäft.
Letztlich ist die einzige erreichbare "Freiheit", die bestärkt wird, jene, einzukaufen (freedom to shop) und die einzigen persönlichen Wahlmöglichkeiten, die getroffen werden dürfen, sind jene zwischen den Produkten, die man kauft.
F: Gibt es Deiner Meinung nach "richtige" und "falsche" jugendliche Subversivkulturen und wie würdest Du diese beschreiben?
A: Fast alle Subkulturen sind rebellisch, oft bis hin zu Klischees. Ein Teil davon ist bloß die normale Reaktion der Jugend gegen die Älteren. Durch diesen Prozeß testen sie Grenzen und werden unabhängige Erwachsene.
Aber es scheint auch etwas noch nie Dagewesenes vorzugehen. Es ist sinnlos, dies "richtig" oder "falsch" zu nennen, aber es ist "richtig" oder "korrekt" in dem Sinne, daß es aus einem Grund geschieht und nicht etwa das isolierte Produkt von Irresein oder Wahnsinn ist. Die meisten der Jungen in der Black-Metal-Szene, die die schlimmsten Verbrechen verübten, waren tatsächlich gut angepaßte, intelligente und freundliche Jugendliche – in vieler Hinsicht über dem Durchschnitt. Sie waren weder mißbrauchte Kinder noch die Dorfidioten.
F: Ich persönlich finde, daß die kritikwürdigen gesellschaftlichen Phänomene (etwa die sinnentleerte zwangsvereinheitlichte Massenkultur des globalisierenden Kapitalismus), die ohne Zweifel auch Ursachen der extremen und radikalisierten Entwicklungen in der Black Metal Szene sind, im Buch etwas zu kurz kommen. War Euch als Autoren dieser Zusammenhang zu politisch?
A: In der Tat mag es größere abstrakte politische Faktoren (Globalisierung, fortgeschrittene Stadien des Kapitalismus etc.) geben, die eine Rolle in der Gleichung spielen, aber keiner der Jugendlichen, über die wir schreiben, hat je irgendwelche Gedanken zu diesen Themen ausgesprochen. Die Gründe ihres Handelns waren ganz allgemein viel gefühlsmäßiger. Daher also vermieden wir jegliche großartigen politischen Erklärungen für ihr Verhalten. Dies zu tun, hätte bedeutet, in die Falle des typischen akademischen Intellektuellen zu tappen. Solche Kommentare sind hauptsächlich von Interesse als Lektüre für andere akademische Intellektuelle, aber die fraglichen Subjekte würden vermutlich sehr wenig von sich selbst in einer solchen Interpretation wiedererkennen.
F: Viele weltanschauliche und spirituelle Standpunkte der "Herren des Chaos" greifen auf das vorchristliche, vor allem nordische Heidentum zurück. Ist das nicht auch ein karmisches Erbe der gewaltsamen Christianisierung Europas, das heute brutal aus dem Unbewußten hervorbricht?
A: Seit vielen Jahren gibt es eine wachsende Reaktion gegen das Christentum und ein dazu parallel laufendes Bedürfnis bei vielen Menschen, eine andere Perspektive zu finden, aus der man die Welt betrachten kann. Diese Tendenzen waren bereits zur Zeit der Renaissance sichtbar, als die heidnischen Reiche des alten Griechenland und Roms ein ansprechenderes Modell wurden gegenüber der Klaustrophobie des spätmittelalterlichen Christentums. Die letzten fünf Jahrhunderte hindurch gab es viele andere Beispiele dieser allgemeinen Tendenz. Black Metal ist nur ein kleiner Fall – wiewohl ein ungewöhnlicher und extremer – dieser Art in der Gegenwart.
F: Welche Chancen und welche Risiken sind mit einer Rückbesinnung auf heidnische Werte und heidnische Spiritualität verbunden? Wie stehst Du persönlich zu den alten Göttern?
A: Eine Rückbesinnung auf heidnische Werte ist letzten Endes eine persönliche Sache. Wiewohl es vieles von Wert in den alten Weisen des Denkens und Tuns gibt, darf man nie vergessen, daß wir heute in einer sehr verschiedenen Welt leben. Daher ist es nicht möglich oder auch nur wünschenswert, sich gänzlich entsprechend älterer Wege zu verhalten, ohne in einen gewaltsamen Konflikt mit moderner Lebensauffassung zu geraten. Der beste Weg wäre, sich alter Traditionen bewußt und ihrer eingedenk zu bleiben, und darum zu kämpfen, ihre edelsten Qualitäten zu verwirklichen. Die alten Traditionen und alten Götter scheinen viel mehr in Einklang mit unserer wahren Natur zu sein als z.B. die monotheistische Art und Weise, das Universum zu betrachten. Aber ich kümmere mich nicht darum, mich selber als irgend etwas zu beschreiben, da Ein-Wort-Beschreibungen wirklich nicht viel enthüllen oder erklären.
F: Ein großer Teil des Buches beschäftigt sich mit den offenbar zunehmenden Verbindungen der Black Metal Szene mit rechtsnationalen oder neofaschistischen Organisationen und Gruppierungen und dabei ist ein warnender Unterton nicht zu überlesen. Andererseits wird Dir selbst als Person immer wieder die Zugehörigkeit zur rechten Szene vorgeworfen - vor kurzem in einem Artikel der deutschen Tageszeitung TAZ, in dem Du als "Verleger faschistischer Lektüre" und "bekennender Holocaust-Leugner" bezeichnet wirst. Wie paßt das zusammen?
A: Sollte diese Frage vielleicht besser den Beschuldigern gestellt werden? Diese Leute haben eine Strategie, eindimensionale Karikaturen zusammenzurühren, um diese dann leichter zu Propagandazwecken attackieren zu können. Dualistische Hirne bevorzugen einfache Schubladen in der Art von "gut" gegen "böse" – sei es nun in einem moralistischen oder politischen Sinne, das ist das Gleiche. Mit solchen Karikaturen fechten sie allerdings oft gegen Windmühlen, à la Don Quichote.
Die "faschistische Lektüre" bezieht sich möglicherweise auf ein paar Bücher von Julius Evola, die ich für die englische Ausgabe bearbeitete. Eines von diesen ist über spirituelle/okkulte Doktrinen und Techniken und das andere handelt von der transzendenten Auffassung vom Staat. Das letztere Buch ist den Ideen Platos und der antiken Welt zutiefst verpflichtet. (Anm.: M. Moynihan meint hier "Menschen inmitten von Ruinen" von Julius Evola.) Vielleicht waren die antiken Philosophen auch Faschisten? Dies Buch kann wohl kaum Propaganda für den Faschismus genannt werden. Es wurde zusammen mit einem sehr respektablen Verlag herausgegeben, der auf esoterische Titel spezialisiert ist und bereits acht weitere Titel von Evola auf Englisch veröffentlicht hat. In diesem Lichte – ist der jüdische Gentleman, dem die Firma gehört, ebenfalls ein Faschist?
Im Moment ediere und gebe ich ein Buch von dem erotischen Künstler Hans Bellmer heraus, der recht bekannt dafür ist, ein Gegner der Nationalsozialisten gewesen zu sein. Ich könnte Dir zahllose andere Beispiele geben, aber natürlich wirst Du diese Art Fakten von den meisten Journalisten niemals erwähnt finden, weil es leichter ist, ein eindimensionales und erregendes Bild ohne sie zu malen.
Betreffs des Holocaust - jeder, der behauptet hat, ich sei eine Art Ideologe bei diesem Thema ist in der Tat selber ein Leugner. Diese Ente ist wieder so eine Art Windmühle, die von Leuten errichtet wurde, die selber viel, viel ideologischer in ihrer Denkungsart sind, als ich es im Traum je sein könnte. Wer also erzählt der Öffentlichkeit Lügen – ich, oder jene, die ganz bewußt mich als etwas beschreiben (oder für ihre Zuhörerschaft "interpretieren"), das ich nicht bin? Hier ist ein interessanter Umstand: mitunter handeln Journalisten verantwortlich und treten mit mir in Kontakt, treffen sich persönlich mit mir und entscheiden selber, was ich wirklich bin und was ich wirklich denke. Niemals fuhr einer dieser Journalisten danach damit fort, mich mit derselben Sorte Schlagworte und Etiketten zu beschreiben, wie es meine Angreifer tun.
Die Wahrheit ist, daß beide Extreme dieses einen Themas – jene, die alles im Licht des Holocaust betrachten, ebenso wie die Revisionisten, die über jedes noch so kleine Detail diskutieren und es in Frage stellen wollen – dazu tendieren, langweilige Monomanen zu sein. Keine der Weltsichten, die von diesen Haltungen gespeist werden, ist im Geringsten erhellend; und obwohl sie oberflächlich betrachtet einander entgegengesetzt sind, haben sie tatsächlich ziemlich viel gemeinsam. Sie füttern auch gegenseitig ihr Ansehen.
Man muß kein Historiker sein, um zu erkennen, daß der größte Teil der menschlichen Geschichte von einem endlosen Strom verblendeten Verhaltens der einen oder anderen Art gekennzeichnet ist, verübt von Anhängern jeder möglichen politischen Überzeugung. Keine bestimmte Gruppe, Religion oder politische Partei hat ein Monopol auf die Verübung von Untaten.
F: Im Internet existiert eine Flut von meistens aus dem linken politischen Spektrum kommenden Schriften, die Dich ohne Umschweife als "politischen Überzeugungstäter" und "Nazi" bezeichnen. Gleichzeitig habe ich gelesen, daß Du in den USA das "Grüne Buch" von Muammar al-Gaddafi verlegst. Auch das erscheint mir als eine höchst ungewöhnliche Dissonanz. Was verbindet Dich denn mit dem libyschen Erzfeind Deines Heimatlandes?
A: "Überzeugungstäter" ist eine perverse Beschreibung, da ich Politik generell verabscheue und nie in meinem ganzen Leben Mitglied irgendeiner politischen Gruppierung gewesen bin. Mein Werk ist nicht das Ergebnis einer politischen Plattform oder eines politischen Programms, dafür ist es viel zu breitgefächert. Folgerichtig würden, wenn man es in seiner Gänze und allein von einem politischen Standpunkt untersuchte, unmittelbar viele Inkonsistenzen und Widersprüche offenbar werden. Um es vermeiden zu können, sich mit diesem Umstand auseinanderzusetzen, müssen die ideologie-betriebenen Aktivisten, die aus mir eine Zielscheibe machen wollen, ganze Bereiche absichtlich ignorieren und vorgeben, daß diese nicht existieren. Willkürlich auswählend bündeln sie ihre Aufmerksamkeit auf und extrapolieren aus ein paar Dingen, während sie jede Diskussion über den Rest vermeiden.
Die Realität ist niemals schwarz oder weiß. Menschliche Wesen sind komplexe Geschöpfe, die fast immer einen Graubereich bewohnen. Mein Werk anerkennt und reflektiert bewußt diese Doppeldeutigkeit. Ist dies nicht ein ehrlicherer Ansatz, als sich einfach ganz auf die eine oder andere Seite einer dualistischen Gleichung zu stellen?
Vor zehn Jahren verkaufte ich Exemplare des Grünen Buches von Qadhafi, gab es aber nicht selber heraus. Da zu jener Zeit die Regierung und die Medien ihn zu einer Schreckensgestalt von epischen Ausmaßen machten, schien es um so wichtiger, zu lesen, was er tatsächlich zu sagen hatte, und das Grüne Buch war eine grundlegende Abhandlung seiner Philosophie (die sozialistisch und anti-rassistisch ist).
Wenn man sich für etwas interessiert, ist der beste Weg nicht, Kommentare anderer Leute darüber zu hören oder zu lesen, sondern eher "ad fontes", d.h. "an die Quelle" zu gehen. Dies ist immer erhellend. Es zwingt einen, zu eigenen Schlußfolgerungen zu kommen, anstatt bloß solche von anderen zu absorbieren. Es ist eine aktive Haltung, keine passive. Ob man letzten Endes mit der Quelle übereinstimmt oder nicht, ist irrelevant. Außerdem ist es wichtig, sich einen gesunden Skeptizismus gegenüber dem bourgeoisen Status Quo und anderer Leute Ansichten zu bewahren.
F: In einem Interview hast Du einmal gesagt, daß der einzig gangbare Weg, Veränderungen zu erreichen, darin besteht, die Zersetzungsprozesse der gegenwärtigen Gesellschaft noch voranzutreiben (frei zitiert). Das würde doch den Intentionen jener Black Metal Musiker sehr nahe kommen oder?
A: Die Prozesse des Zerfalls bedürfen keiner Verstärkung – sie haben aus sich selbst heraus genug Schwung. Einige der Protagonisten des Black Metal drückten sehr naive und unrealistische Ideen über die Bekämpfung des Christentums, die Zerstörung der Gesellschaft usw. aus. Keine Ansammlung beunruhigter, verwirrter Teenager wird jemals so eine Sache vollbringen.
Das Problem mit den politischen Denkern und Aktiven von Heute (und vergangener Jahrhunderte), sei es der Rechten oder der Linken, ist, daß alle ihre Verortungen durchdrungen sind von Strömungen politischen Romantizismus und Träumen ihrer eigenen Utopien (Utopien, die immer die Isolation und Entfernung jeglicher Gegner, die das Programm behindern könnten, beinhalten). Diese Haltungen gründen sich in einem linearen Bild von Geschichte, und obwohl sie behaupten mögen, "weltlich" zu sein, folgen sie im Wesentlichen demselben monotheistischen Paradigma, in welchem die "wahren Gläubigen" mit Erlösung und Paradies belohnt werden, während die Nichtanhänger oder Ungläubigen zerstört oder zur Hölle geschickt werden.
Im Gegensatz dazu ist eine traditionale Sicht der Zeit zyklisch. Da wir jetzt offensichtlich in einer abwärtsgerichteten, degenerativen Phase des Zyklus sind, sind alle diese großartigen soziopolitischen Pläne dem Versagen anheimgegeben. Somit wäre es eine Dummheit und Zeitverschwendung, irgendeinen davon, egal welchen, zu unterstützen. Der einzige edle Pfad ist es, sich auf persönlicher Ebene ethisch zu verhalten, seiner seinem eigenen innersten Wesen treu zu bleiben, zu erhalten, was des Erhaltens wert ist und den Rest durch sein eigenes sterbendes Gewicht zusammenbrechen zu lassen. Es ist hilfreich, die Einwirkung, die die Außenwelt auf das eigene Bewußtsein hat, zu minimieren – und dies beinhaltet den Einfluß der Medien, des Wirtschaftssystems, der Reklame und unzähliger weiterer Ablenkungen. Dies heißt nicht, sich wie ein Eremit in eine Höhle zurückzuziehen, doch bedeutet es, mit einer gewissen aktiven Wachsamkeit zu leben.
F: Was ist Dein Utopia und siehst Du irgendwelche Möglichkeiten, ihr jemals nahezukommen? Wie?
A: Meine einzige Utopie liegt innerhalb meiner selbst und meiner eigenen Persönlichkeit, daher ist es in Begriffen persönlicher Souveränität definiert ("Selbstherrlichkeit" im alten Sinne des Wortes, nicht in dem modernen, abwertenden Sinn). Es ist nicht notwendig, die äußere Welt nach einer solchen Utopie abzusuchen, da man bereits in ihrer Mitte ist. Sie existiert bereits; die Aufgabe ist es, sie zu erkennen und sich mit ihr zu identifizieren. Dies zu tun ist eine Grundvoraussetzung für jegliche ehrenhafte Interaktion mit anderen.
F: Du hast ein Buch gemacht mit Übersetzungen von Versen Wiligut-Weisthors ins Englische (was m.E. keine leichte Aufgabe gewesen sein kann), zusammen mit Kadmon, einem Musiker-Autor-Okkultisten (richtig?) aus Österreich. Was war das Ziel dieser Arbeit? Wo liegt Dein Interesse an Wiliguts Tradition? Betrachtest Du diese mehr aus dem Blickwinkel eines Künstlers/ Musikers oder aus einer magischen oder magisch-praktischen Richtung? Oder in welcher Weise?
A: Die einzigen Schriften Wiliguts, die ich jemals übersetzt habe (zusammen mit Gerhard/ Kadmon und Markus Wolff), waren eine Reihe heidnischer Gedichte von ihm, die "Gotos=Kalanda" heißen. Diese Gedichte, die sehr romantisch und schön sind und eine Art Natur-Mystizismus zeigen, wurden später von Gerhard für seine Gruppe Allerseelen vertont. Vor einigen Jahren habe ich auch ein Buch mit Wiliguts okkulten Schriften mit dem Titel "The Secret King" mitherausgegeben. Diese wurden von Dr. Stephen Flowers übersetzt.
Wiligut ist aus vielen Gründen eine faszinierende Erscheinung, aber besonders, weil er die einzige Person in einer Position von einiger Wichtigkeit im Dritten Reich war, die man zurecht einen "Okkultisten" nennen könnte. Die meisten Bücher über "Nazi-Okkultismus" sind voller Unsinn, daher war es ein lohnendes Projekt, "an die Quelle" zu gehen und die Wahrheit an der Sache zu entdecken, zu sehen, was er selbst geschrieben hat. Ich glaube, die meisten Menschen wären überrascht, zu sehen, wie seltsam und esoterisch Wiliguts Schriften eigentlich sind. Es gibt dort auch eine Einführung von Dr. Flowers, in der er einen Blick auf Wiliguts Biographie und Geschichte wirft und eine kurze gelehrte Abhandlung über den Stil und Inhalt der Schriften vorlegt.
F: Betrachtest Du Dich selbst als Künstler? Oder als eine religiöse Person mit Bezug bzw. Verwurzelung in Traditionen? Welchen magi(ck)schen Theorien fühlst Du Dich, wenn überhaupt, verbunden und welche Formen der Praxis entwickelst Du aus ihnen? Was ist gewissermaßen Dein "Yoga"? Oder folgst Du dem mystischen Pfad?
A: Wenn Musik und das Schreiben beides Zweige der Künste sind, ja, dann bin ich ein Künstler. Aber ich bin auch jemand, der sich spiritueller und kultureller Traditionen bewußt ist, und oftmals prägt dieses Bewußtsein das, was ich schaffe, zusammen mit zahllosen anderen Einflüssen. In einer echten traditionalen Gesellschaft gibt es keine Kluft zwischen den Künsten und allen andern Aspekten des Lebens – sie alle spiegeln ein gemeinsames Zentrum wider. Im modernen Westen (und in vielen anderen Teilen der Welt) hat das Leben nicht länger diesen Zusammenhalt. Alles ist fragmentiert.
Das Leben selber ist magisch, und man muß keine abstrakten Theorien entwerfen, um dies zu beschreiben oder zu erklären – Du bist Dir dessen entweder bewußt, oder Du bist es nicht. Eine Existenz, die ganz und gar auf Intellektualismus oder ausschließlich auf Betrachtung und Mystizismus beruht, scheint unpassend für die meisten Menschen, die ihre Wurzeln im Westen haben. Der vollständigste Yoga – oder "göttliche Einheit" – wäre dann, sich aktiv an der Welt zu beteiligen, dies aber eingedenk und in Erfüllung des Geistes zu tun.
F: Was ist Deine Ansicht von Ariosophie im Allgemeinen?
A: Dies ist ein gewaltiges Gebiet, das niemals angemessen aus einer unvoreingenommenen historischen Perspektive studiert worden ist. Es wäre daher ziemlich zwecklos, viele Verallgemeinerungen darüber vorzunehmen. Das Feld der Ariosophie reicht weit vom Neuheidentum über theosophische Ansätze bis zu häretischen Zweigen des Christentums. In vieler Hinsicht war sie ein jahrhundertealter deutscher Vorläufer des gegenwärtigen "New Age"-Phänomens.
F: Was ist Deine Ansicht von ererbter oder genetischer Erinnerung – eine Vorstellung, die man sogar in einigen britischen Krimis finden kann, ohne daß sie da jemand als verrückt oder faschistisch bezeichnen würde?
A: Es scheint einen mysteriösen "metagenetischen" Faktor zu geben, der hier eine Rolle spielt. Im Gegensatz zu Wissenschaftlern habe ich allerdings kein Interesse daran, ihn zu quantifizieren oder zu "demystifizieren". Ich würde es vorziehen, wenn es mehr Geheimnisse in der Welt gäbe, nicht weniger ...
F: Was ist Deine Ansicht zu Reinkarnation? Welches, wenn überhaupt eines der vielen verschiedenen Konzepte von Reinkarnation erscheint Dir wahrscheinlich?
A: Julius Evola macht eine interessante Bemerkung in einem seiner frühen Essays für die "Gruppe von UR". Damit diese reinkarnieren kann, muß es zunächst eine einmalige und entwickelte Seele, die gegenwärtig ist, geben. Im Falle des durchschnittlichen "Massenmenschen" oder Bürgers in den gesichtslosen, atomisierten Gesellschaften der Gegenwart gibt es oft nichts dergleichen, das existiert. Wenn also Reinkarnation vorkommt, könnte dies nur unter sehr spezifischen Umständen und in einmaligen Fällen geschehen.
F: Könnten Deiner Meinung nach gewisse Formen der Institutionalisierung wichtig sein, damit die Welt funktioniert? Welche? Ist Dir die Idee einer Kirche, d.h. institutionalisierten Religion, angenehm? (Entschuldige, dies ist eine Suggestivfrage, aber ich denke, das übergehst Du mit Leichtigkeit.) Wie könnte eine Alternative aussehen?
A: Institutionalisierte Religion führt oft zu Schwierigkeiten. Dennoch sind menschliche Wesen angeborenermaßen religiös (die Spezies sollte homo religiosus genannt werden, wie jemand anmerkte), also wird sich das in der einen oder anderen Weise manifestieren (und viele säkuläre moderne Ideologien funktionieren wie Ersatzreligionen). Ich respektiere jede Religion auf der individuellen Ebene (Anm.: i. Orig. on the household level, s.u.) oder der Ebene, wo einige einander nahestehende Individuen gemeinsame Bezüge und Werte teilen, d.h. ein gemeinsames Schicksal. Welche Religion sie wählen, ist letztendlich ihre eigene Sache – das heißt, genau SO LANGE, bis sie anfangen, andere Leute zu bekehren. Diese arrogante Besessenheit, andere zu konvertieren und zu untergraben, ist einer der häßlichsten menschlichen Züge.
Wir verstanden den Begriff ‘household level’ hier nicht wirklich und fragten nach, was in diesem Zusammenhang gemeint sei: die kleinste Gruppierung der Gesellschaft, ungefähr dasselbe wie "Individuum", "Familie", oder in etwa "gewöhnlich, alltäglich", also "Alltag":
Ich meine mit "Haushalt" die kleinste zugrundeliegende Einheit der Gesellschaft. Dies schließt also natürlich das Individuum ein, aber auch jene, die ihm am nächsten stehen (wie Ehefrau/mann, Kinder, engste Freunde und vielleicht die Eltern). Ich spiele in gewisser Weise auf das alte indo-europäische System von Familie/ Verwandtschaft an, in dem eine Familie selbst ihren eigenen "Haushaltsgöttern" Respekt erwies, die nach ihrem Gefühl ihre Schutzgottheiten waren. Man kann dies in den meisten Zweigen indo-europäischer Spiritualität finden, sei es im alten Rom, wo jedes Haus einen Schrein für den "Lar", den Hausgott, hatte; oder auch in der nordeuropäischen Welt, wo man mitunter einem bestimmten Gott besondere Treue erwies – und oft wurde diese Verbundenheit von Generation zu Generation weitergegeben. Diese Ebene der Spiritualität ist auch mit der Vorstellung vom "Herd" verbunden, der der Brennpunkt der Energie im Hause war ...
F: Folgst Du irgendeiner magischen Praxis?
Ich weiß, daß Blood Axis die Musik zu einigen sehr schönen heidnischen Veranstaltungen in der Wildnis Nordamerikas beitrug, aber ich habe nicht wirklich eine Vorstellung davon, was da geschieht ...
A: Wir haben Konzerte als Teil einer Anzahl von heidnischen Zusammenkünften gegeben und das ist ein passender Rahmen für unsere Musik. Um mehr zu erfahren, müßtest Du wirklich an so einem Treffen teilnehmen... Was persönliche Praktiken betrifft, erfüllen meine Glaubenssätze alles, was ich tue, selbst bei den allerweltlichsten Verrichtungen.
F: Was bedeutet das Wort Glaube(nssatz) für Dich? Das Wort Glauben scheint diskreditiert ... (s.u.) Würdest Du Dich selbst als etwas bezeichnen – wie Wuotanist, Odinist, Irmine, Kelte, Erulier oder ...? Was prägt oder vielmehr bestimmt die Glaubenssätze, die Dein Leben durchdringen?
A: Das Bedürfnis, sich selbst als etwas zu benennen, scheint ein Anzeichen von Schwäche darzustellen – aber ungeachtet dessen scheinen sich die meisten Leute sehr viel wohler zu fühlen, wenn sie ein Namensschild an etwas machen und es mithilfedessen in einer vereinfachten Kategorie ablegen können.
Weltanschauung ist ein angemessener Begriff. Glaubenssätze oder Philosophien haben nur Bedeutung, wenn sie die Qualität einer Lebensphilosophie annehmen, in der Art, wie Nietzsche davon sprach. Aber diese Weltanschauung muß in irgendeiner Weise aus der eigenen tiefsten Persönlichkeit emanieren und mit dieser verflochten sein. Daher ist sie nicht etwas, das mit Leichtigkeit anderen umrissen oder vorgetragen werden kann – noch hätte es einen rechten Sinn, das zu tun.
F: Der Begriff Glaube als "Handlungsbegriff" ist oft diskreditiert worden, mit Dogmen verknüpft usw. A. O. Spare verleitete das zu der Aussage: "Glaube ist Furcht vor dem eigenen Fassungsvermögen." Das ist offensichtlich nicht das, was Du mit dem Begriff verbindest?
A: Vielleicht wäre das Wort "Wahrheit" passender, in dem Sinne, in dem Stirner von "Meine Wahrheit ist die Wahrheit" sprach – damit sind persönliche Wahrheiten gemeint, geboren aus innerer Erfahrung, wie sie vom Absoluten Individuum verstanden werden. Diese Wahrheiten können sowohl den Bereich der Materie wie den des Geistes betreffen. Es gibt für mich keinen Grund, universelle Wahrheiten zu postulieren (die Welt ist bereits voll von arroganten Personen, die Dir beglückt anbieten werden, dies für Dich zu tun), obwohl diese sicherlich existieren.
F: Ebenso scheint dies für das Wort Heide (Heathen, Pagan) zu gelten, das häufig mit einer unrealistischen und sentimentalen Haltung gegenüber der Vergangenheit verbunden ist, der Sehnsucht, sich zurückzuwenden zum Leben, wie es vor Jahrhunderten war. Dennoch scheint es kein besseres Wort für das zu geben, was dieser Begriff bedeutet?
A: Die Begriffe "Pagan" und "Heathen" wurden ursprünglich in sehr allgemeiner Weise benutzt. Sie bedeuteten nicht ein bestimmtes Glaubenssystem oder eine Religion, sondern bezogen sich schlicht auf jene, die sich außerhalb der mehr städtischen (d.h. modernistischen) und/oder monotheistischen Strömung befand. Und in diesem Sinne können sie heute noch gültig verwendet werden.
F: Was denkst Du von Aleister Crowley und seinem Werk? Es gibt unzählige Inkarnationen von ihm, wenn man deren Behauptungen glaubt...
A: In vieler Hinsicht erscheinen Crowleys Handlungen und Leben interessanter als viele seiner Lehren, die mit freimaurerischem Drum und Dran ausgeschmückt sind und überladen mit den anachronistischen Überbleibseln der viktorianischen Ära.
Ich habe mehr als eine Person getroffen, die in Anspruch nahm, "Reinkarnation" von ihm zu sein, also waren sie wohl entweder schlicht verblendet, oder aber Crowley zeugte eine ganze Reihe "Mondkinder" in seinen letzten Tagen. Irgendwie halte ich die erste Erklärung für wahrscheinlicher.
Gewiß hatte Crowley interessante Ideen und eine kreative Person kann guten Gebrauch von ihnen machen. Jedoch hat er, in seinem Verlangen, eine Alternative zu dem lähmenden Christentum seiner Zeit zu finden, reichlich Gebrauch gemacht von ägyptischer Ikonografie (die damals in Folge der archäologischen Entdeckungen usw. an Bekanntheit gewann und besser verstanden wurde). Aber warum sollten Europäer ein magisches System annehmen, das, in all seinen ikonografischen Feinheiten, so wenig mit ihrer eigenen Vergangenheit zu tun hat?
F: Zu dem wunderschönen Sampler "Saturn Gnosis" von Turbund Sturmwerk hast Du ein großartiges Stück zusammen mit Stephen Flowers beigetragen, er singt/ spricht das Gedicht "Der gefallene Engel" von Gregor A. Gregorius. Was ist Deine Beziehung zu Thorsson-Flowers? Arbeitest Du mit ihm an weiteren Projekten?
A: Ich achte Flowers’ Werk und wir haben in den letzten Jahren bei verschiedenen Projekten zusammengearbeitet, wie dem Wiligut-Buch und dem "Gefallene Engel"-Stück. Es ist wahrscheinlich, daß wir in Zukunft an weiteren Dingen zusammenarbeiten werden, vielleicht an Büchern.
F: Kennst Du das Werk Peryt Shous oder Friedrich Hielschers (1)? Falls ja, ist es wichtig für Dich? In welcher Weise?
A: Manfred Lenz, der auch an dem Wiligut-Buch, das wir veröffentlicht haben, mitgearbeitet hat, hat vor kurzem eine interessante Neuausgabe von Shous esoterischen Schriften über die Edda zusammengestellt. Kürzlich habe ich an einer Übersetzung eines wichtigen Artikels über Hielscher von Dr. Peter Bahn gearbeitet, der in der zweiten Ausgabe der US-Zeitschrift "TYR" erscheinen wird. Hielscher ist eine weitere Figur, die in zahllosen Büchern über das "Okkulte Reich" vollkommen falsch dargestellt worden ist, die meist ein Fantasiebild mit wenig oder keiner Verbindung zur Realität vorbringen. Dr. Bahns sorgfältige Arbeit ist ein willkommenes Gegengift zu all den Falschheiten und schamlosen Fehldarstellungen.
Wir bedanken uns herzlich für dieses ausgesprochen interessante Interview und wünschen Dir auch im Namen unserer Leser viel Kraft und Erfolg auf Deinen persönlichen Pfaden!
 
Anmerkungen:
(1) A.d.Ü.: Friedrich Hielscher (1902-1990), Jurist und Reichstheoretiker, Gründer der Unabhängigen Freikirche (UFK), einer nichtchristlichen Glaubensgemeinschaft, wurde von Pauwels/Bergier in "Aufbruch ins dritte Jahrtausend" und in deren Folge von anderen in absurder Wei-se zu einer Art Überguru und Beichtvater der SS-Spitze stilisiert (gesammelt nachzulesen bei Carmin in "Das Schwarze Reich". Freund so gegensätzlicher Persönlichkeiten wie Ernst Jünger, Theodor Heuß und Martin Buber, geistige Nähe zu Nietzsche und Eriugena.
Widerstandstätigkeit während der NS-Zeit, nach dem Attentat auf Hitler monatelang in Gestapo-Haft.
Bücher: u.a. Diss. "Die Selbstherrlichkeit" (1930), "Das Reich" (1931), "50 Jahre unter Deutschen"(Rowohlt 1954). Essay "Innerlichkeit und Staatskunst" (1926).
Dr. P. Bahn hat eine bislang unveröffentlichte Biografie Hielschers verfaßt. Auch gibt es von ihm und H. Gehring ein Buch "Der Vril-Mythos", Omega 1997. [Zurück]
Bilder in diesem Artikel:
Bild 1: Michael Moynihan, Vermont 2003 (Photo by Carl Abrahamsson © 2003)
Bild 2: Annabel Lee und Michael Moynihan, Vermont 2003 (Photo by Carl Abrahamsson © 2003)
Bild 3: Cover des 1999 Blood Axis Album Blót: Sacrifice in Sweden (Detail aus "Midvinterblot" Wandmalerei by Carl Larsson)
Bild 4: Blood Axis live in Sintra, Portugal, 1999 (Photo by Karen Taylor)
Bild 5: Michael Moynihan in Uppsala, Schweden (Photo by Annabel Lee)
Kontakt per E-Mail:
Michael Moynihan dominion@pshift.com