Interview mit Michael Moynihan
Musiker, Schriftsteller, Verleger und Mit-Autor des Buches "Lords of Chaos"

 

Das Interview wurde per E-Mail geführt.
Die Fragen stellten Silke Ecks und Frank Cebulla.
Die Übersetzung ins Amerikanische und wieder zurück besorgte dankenswerter Weise Silke Ecks.


F: "Lords of Chaos" ist ein vornehmlich dokumentarisches Buch, das sich mit Wertungen und Beurteilungen zurückhält. Wie stehst Du selber eigentlich zum Satanismus? Oder anders gefragt: Was hat Dich bewogen, ein solches Buch zu machen?

Michael Moynihan, Vermont 2003 F: Du bist selbst Musiker und Künstler und Bandleader der Gruppe "Blood Axis". Kannst Du für die weniger musikalisch orientierten Leser des "GOLEM" kurz beschreiben, welche Musik Du machst und welchen musikalischen und inhaltlichen Anspruch Du mit Deiner eigenen Musik verbindest?

F: Der in "Lords of Chaos" verwendete Satanismus-Begriff wird an keiner Stelle des Buches wirklich näher definiert, sondern ähnelt eher der Version von Sektenbeauftragten und Boulevard-Zeitungen. Ist das ein Zugeständnis an den Geschmack einer Leserschaft, die über Randgruppen hinausgeht? Schließlich existiert doch auch innerhalb des Satanismus ein weites Spektrum von Philosophien und Standpunkten, die sich keineswegs nur mit den jahrzehntealten Banalitäten eines LaVey abdecken lassen ...

F: Der unbedarfte Bürger, der sich "Lords of Chaos" und die teilweise doch erschreckenden Perspektiven der geschilderten Jugendkultur zu Gemüte führt, wird wahrscheinlich automatisch nach mehr Rechtsstaatlichkeit, höheren Strafen, aktiverer Polizei usw. rufen. Für alle Leute, die aus einer gesellschaftlichen Subkultur heraus agieren, ist dieser "bürgerliche" Weg dagegen kaum tragbar. Ich frage Dich daher, welche Alternativen Du siehst, eine stetige Verstärkung der Gewalttendenzen - nicht nur in der Black Metal Szene sondern allgemein in den verschiedenen Jugendkulturen - zu verhindern?

F: Ist die auffällige Synthese oder gar Symbiose von Politik, Esoterik, Musik, radikaler Gesellschaftskritik und Gewalt der Anfang einer grundsätzlich anarchischen Gesellschaftsordnung der Zukunft?

F: Denkst Du, daß diese Inkohärenz und Destruktivität zu einer Welt führt, die am Ende vollkommen ins Chaos stürzt, in der selbst der Kapitalismus seinen Zugriff auf die Dinge verliert – eine technoide Welt, wie W. Gibson sie in seiner Cyberpunk-Trilogie beschreibt oder eine wie in den Matrix-Filmen dargestellt – oder vielleicht eine Welt des globalen Bürgerkriegs oder Terrorismus?

F: Gibt es Deiner Meinung nach "richtige" und "falsche" jugendliche Subversivkulturen und wie würdest Du diese beschreiben?

F: Ich persönlich finde, daß die kritikwürdigen gesellschaftlichen Phänomene (etwa die sinnentleerte zwangsvereinheitlichte Massenkultur des globalisierenden Kapitalismus), die ohne Zweifel auch Ursachen der extremen und radikalisierten Entwicklungen in der Black Metal Szene sind, im Buch etwas zu kurz kommen. War Euch als Autoren dieser Zusammenhang zu politisch?

F: Viele weltanschauliche und spirituelle Standpunkte der "Herren des Chaos" greifen auf das vorchristliche, vor allem nordische Heidentum zurück. Ist das nicht auch ein karmisches Erbe der gewaltsamen Christianisierung Europas, das heute brutal aus dem Unbewußten hervorbricht?

F: Welche Chancen und welche Risiken sind mit einer Rückbesinnung auf heidnische Werte und heidnische Spiritualität verbunden? Wie stehst Du persönlich zu den alten Göttern?

Annabel Lee und Michael Moynihan, Vermont 2003

F: Ein großer Teil des Buches beschäftigt sich mit den offenbar zunehmenden Verbindungen der Black Metal Szene mit rechtsnationalen oder neofaschistischen Organisationen und Gruppierungen und dabei ist ein warnender Unterton nicht zu überlesen. Andererseits wird Dir selbst als Person immer wieder die Zugehörigkeit zur rechten Szene vorgeworfen - vor kurzem in einem Artikel der deutschen Tageszeitung TAZ, in dem Du als "Verleger faschistischer Lektüre" und "bekennender Holocaust-Leugner" bezeichnet wirst. Wie paßt das zusammen?

F: Im Internet existiert eine Flut von meistens aus dem linken politischen Spektrum kommenden Schriften, die Dich ohne Umschweife als "politischen Überzeugungstäter" und "Nazi" bezeichnen. Gleichzeitig habe ich gelesen, daß Du in den USA das "Grüne Buch" von Muammar al-Gaddafi verlegst. Auch das erscheint mir als eine höchst ungewöhnliche Dissonanz. Was verbindet Dich denn mit dem libyschen Erzfeind Deines Heimatlandes?

F: In einem Interview hast Du einmal gesagt, daß der einzig gangbare Weg, Veränderungen zu erreichen, darin besteht, die Zersetzungsprozesse der gegenwärtigen Gesellschaft noch voranzutreiben (frei zitiert). Das würde doch den Intentionen jener Black Metal Musiker sehr nahe kommen oder?

Cover des 1999 Blood Axis Album Blót:  Sacrifice in Sweden

F: Was ist Dein Utopia und siehst Du irgendwelche Möglichkeiten, ihr jemals nahezukommen? Wie?

F: Du hast ein Buch gemacht mit Übersetzungen von Versen Wiligut-Weisthors ins Englische (was m.E. keine leichte Aufgabe gewesen sein kann), zusammen mit Kadmon, einem Musiker-Autor-Okkultisten (richtig?) aus Österreich. Was war das Ziel dieser Arbeit? Wo liegt Dein Interesse an Wiliguts Tradition? Betrachtest Du diese mehr aus dem Blickwinkel eines Künstlers/ Musikers oder aus einer magischen oder magisch-praktischen Richtung? Oder in welcher Weise?

F: Betrachtest Du Dich selbst als Künstler? Oder als eine religiöse Person mit Bezug bzw. Verwurzelung in Traditionen? Welchen magi(ck)schen Theorien fühlst Du Dich, wenn überhaupt, verbunden und welche Formen der Praxis entwickelst Du aus ihnen? Was ist gewissermaßen Dein "Yoga"? Oder folgst Du dem mystischen Pfad?

F: Was ist Deine Ansicht von Ariosophie im Allgemeinen?

F: Was ist Deine Ansicht von ererbter oder genetischer Erinnerung – eine Vorstellung, die man sogar in einigen britischen Krimis finden kann, ohne daß sie da jemand als verrückt oder faschistisch bezeichnen würde?

F: Was ist Deine Ansicht zu Reinkarnation? Welches, wenn überhaupt eines der vielen verschiedenen Konzepte von Reinkarnation erscheint Dir wahrscheinlich?

F: Könnten Deiner Meinung nach gewisse Formen der Institutionalisierung wichtig sein, damit die Welt funktioniert? Welche? Ist Dir die Idee einer Kirche, d.h. institutionalisierten Religion, angenehm? (Entschuldige, dies ist eine Suggestivfrage, aber ich denke, das übergehst Du mit Leichtigkeit.) Wie könnte eine Alternative aussehen?

Wir verstanden den Begriff ‘household level’ hier nicht wirklich und fragten nach, was in diesem Zusammenhang gemeint sei: die kleinste Gruppierung der Gesellschaft, ungefähr dasselbe wie "Individuum", "Familie", oder in etwa "gewöhnlich, alltäglich", also "Alltag":

F: Folgst Du irgendeiner magischen Praxis?
Ich weiß, daß Blood Axis die Musik zu einigen sehr schönen heidnischen Veranstaltungen in der Wildnis Nordamerikas beitrug, aber ich habe nicht wirklich eine Vorstellung davon, was da geschieht ...

Blood Axis live in Sintra, Portugal, 1999

F: Was bedeutet das Wort Glaube(nssatz) für Dich? Das Wort Glauben scheint diskreditiert ... (s.u.) Würdest Du Dich selbst als etwas bezeichnen – wie Wuotanist, Odinist, Irmine, Kelte, Erulier oder ...? Was prägt oder vielmehr bestimmt die Glaubenssätze, die Dein Leben durchdringen?

F: Der Begriff Glaube als "Handlungsbegriff" ist oft diskreditiert worden, mit Dogmen verknüpft usw. A. O. Spare verleitete das zu der Aussage: "Glaube ist Furcht vor dem eigenen Fassungsvermögen." Das ist offensichtlich nicht das, was Du mit dem Begriff verbindest?

F: Ebenso scheint dies für das Wort Heide (Heathen, Pagan) zu gelten, das häufig mit einer unrealistischen und sentimentalen Haltung gegenüber der Vergangenheit verbunden ist, der Sehnsucht, sich zurückzuwenden zum Leben, wie es vor Jahrhunderten war. Dennoch scheint es kein besseres Wort für das zu geben, was dieser Begriff bedeutet?

F: Was denkst Du von Aleister Crowley und seinem Werk? Es gibt unzählige Inkarnationen von ihm, wenn man deren Behauptungen glaubt...

F: Zu dem wunderschönen Sampler "Saturn Gnosis" von Turbund Sturmwerk hast Du ein großartiges Stück zusammen mit Stephen Flowers beigetragen, er singt/ spricht das Gedicht "Der gefallene Engel" von Gregor A. Gregorius. Was ist Deine Beziehung zu Thorsson-Flowers? Arbeitest Du mit ihm an weiteren Projekten?

F: Kennst Du das Werk Peryt Shous oder Friedrich Hielschers (1)? Falls ja, ist es wichtig für Dich? In welcher Weise?

Michael Moynihan in Uppsala, Schweden

Wir bedanken uns herzlich für dieses ausgesprochen interessante Interview und wünschen Dir auch im Namen unserer Leser viel Kraft und Erfolg auf Deinen persönlichen Pfaden!

 

Anmerkungen:
(1) A.d.Ü.: Friedrich Hielscher (1902-1990), Jurist und Reichstheoretiker, Gründer der Unabhängigen Freikirche (UFK), einer nichtchristlichen Glaubensgemeinschaft, wurde von Pauwels/Bergier in "Aufbruch ins dritte Jahrtausend" und in deren Folge von anderen in absurder Wei-se zu einer Art Überguru und Beichtvater der SS-Spitze stilisiert (gesammelt nachzulesen bei Carmin in "Das Schwarze Reich". Freund so gegensätzlicher Persönlichkeiten wie Ernst Jünger, Theodor Heuß und Martin Buber, geistige Nähe zu Nietzsche und Eriugena.
Widerstandstätigkeit während der NS-Zeit, nach dem Attentat auf Hitler monatelang in Gestapo-Haft.
Bücher: u.a. Diss. "Die Selbstherrlichkeit" (1930), "Das Reich" (1931), "50 Jahre unter Deutschen"(Rowohlt 1954). Essay "Innerlichkeit und Staatskunst" (1926).
Dr. P. Bahn hat eine bislang unveröffentlichte Biografie Hielschers verfaßt. Auch gibt es von ihm und H. Gehring ein Buch "Der Vril-Mythos", Omega 1997. [Zurück]

Bilder in diesem Artikel:
Bild 1: Michael Moynihan, Vermont 2003 (Photo by Carl Abrahamsson © 2003)
Bild 2: Annabel Lee und Michael Moynihan, Vermont 2003 (Photo by Carl Abrahamsson © 2003)
Bild 3: Cover des 1999 Blood Axis Album Blót: Sacrifice in Sweden (Detail aus "Midvinterblot" Wandmalerei by Carl Larsson)
Bild 4: Blood Axis live in Sintra, Portugal, 1999 (Photo by Karen Taylor)
Bild 5: Michael Moynihan in Uppsala, Schweden (Photo by Annabel Lee)

Kontakt per E-Mail:
Michael Moynihan dominion@pshift.com


© Hadit 2003
Equinox WebSite - Golem WebSite - Support