Titel

Eine Frau war überzeugt davon, sie hätte sich vor 12 000 Jahren geweigert, den Herrscher von Atlantis zu heiraten. Zur Strafe sei sie deshalb dem Bösen, in Gestalt des Katzenkönigs, ausgeliefert worden, von dem sie zwei Männer befreit hätten. Aus Wut darüber ließ der Katzenkönig dann Atlantis untergehen. Daraufhin hätten sich die Männer und die Frau geschworen, der Menschheit immer dann beizustehen, wenn ihr Gefahr drohe. Ihre Eingriffe seien auch stets erfolgreich gewesen, so als Maria und Josef, Johannes der Täufer, Graf Salentin, Papst Pius III. usw.. Im Jahre 1986 drohte neues Unheil von dem Katzenkönig, der im sauerländischen Möhnesee und einem nahegelegenen Friedhof sein Versteck hatte. Jede Nacht versuchten sie ihn zu besänftigen durch allerlei Opfer und Rituale und das Durchschwimmen des Sees bei Mitternacht. Schließlich offenbarte der Erzengel Michael, daß nur ein Menschenopfer den Katzenkönig beschwichtigen könne. Die Frau müsse von dem Freund ihres Verlobten, einem Polizeimeister, getötet werden. Am 30. Juli ersticht dieser die Verlobte des anderen.(Nach einem Artikel aus "Die Zeit", 23.9. 1988)

Ornament Eine andere Frau, die offensichtlich einen bewußteren Umgang mit ihrer Sexualität pflegte, hatte um 1752 durch ihre Fürsprache erreicht, daß zwei gebildete, leicht dekadente französische philosophes der Fuchtel des kirchlichen Zensors entzogen wurden und ihre Arbeit fortsetzen konnten. Bei der Frau handelte es sich um die Königin der Hetären, Madame de Pompadour, und bei den jungen Herren um Denis Diderot und Jean d'Alembert, und ihre Arbeit war keine geringere als die Encyclopedie, die Bibel der Aufklärung. Nur eine historische Anekdote und dialektische Ironie, daß wesentlich zur Verbreitung des hellen appollinischen Geistes der aufgeklärten Vernunft das dunkle dionysisch-Sinnenhafte der wollüstigen Natur beigetragen hat, die eigentlich deren Verhängnis sein soll?

Doch der Geist der Aufklärung entspringt nicht zuletzt einem Gefühl: dem Gefühl der Empörung über die Ungerechtigkeit der von Gott geschaffenen Welt, deren heftigster und leidenschaftlichster Ankläger Voltaire wurde, einer der Autoren der Encyclopedie und unbestritten der intellektuelle Heros des achtzehnten Jahrhunderts. Diese von Voltaire angeprangerte und zynisch geschilderte Ungerechtigkeit gründet in der Legitimationsinstanz des mittelalterlichen Denkens und Handelns, der christlichen Lehre und ihrer auf sie errichteten, den Engelssphären nachempfundenen, feudalen Hierarchie der Macht- und Besitzverhältnisse. Logisch, daß diese sich gegen eine Absetzung wehrte, doch der Triumphzug der menschlichen Vernunft war nicht aufzuhalten. Sie hatte sich schon in der Renaissance und in Luthers Thesen angekündigt und in Bacon und Locke ihre Stimme in die westliche Welt getragen.
Spätestens mit der Encyclopedie, die während fünfzehn Jahren in mehreren Bänden erschien, war der Weg in die Aufklärung unumkehrbar. Jetzt mußte sie nur noch politisch umgesetzt und manifestiert werden. Die Vernunft war nicht zimperlich, sie hat sich ihr politisches Mandat mit Mengen von Blut erworben. Die französische Revolution war der Anfang, der Rest ist Geschichte. Spätestens mit dem Fall der Mauer und der baldigen Inbesitznahme des Irak und des Iran (geschrieben im Januar 2003) hat die Aufklärung die ganze Welt erobert und sich in ihrer Aufgabe erschöpft. Denn "die Krise der Gegenwart ist die Krise der Vernunft". (Rehfus, Die Vernunft frißt ihre Kinder, Hamburg, 1990)

Darüber, daß das Zeitalter der Vernunft, die sich vorgenommen hatte, den Menschen aus seiner Abhängigkeit von der Natur und deren chthonischen, mythischen und magischen Mächten, kurz des Aberglaubens und der Barbarei zu befreien, in Auschwitz und Hiroshima mündete und mehr destruktives Potential der Menschheit freigesetzt hat als je eine andere Grundlage menschlichen Denkens und Handelns, hat sich die aufgeklärte Welt bis heute nicht erholt, und wird es wohl auch nicht mehr: das Zeitalter der Aufklärung liegt in den letzten Atemzügen. Sein schwindsüchtiges Röcheln dröhnt durch den aufgedrehten Verstärker als Elektrobeat, zu dem ausgelassen getanzt wird. Der Untergang wird gefeiert. Glorreicher ging eine Kultur nie unter.

Ist das Kulturpessimismus? Nein. Das Ende einer Kultur ist weder besser noch schlechter als ihr Beginn oder ihr Höhepunkt. Am Ende eines langen Tages verwischt der Anfang ... Dämmerung der Spätmoderne. Die Probleme, die zukünftig bewältigt werden müssen, verlangen einfach eine anderen Ansatz der Bewältigung, einen, der noch nicht gefunden, entwickelt, formuliert worden ist. Wir leben in spannenden Zeiten.

Der Abgang der Aufklärung ist unvermeidlich, er liegt in ihrer reflexiven Natur begründet. Sie hat tabula rasa mit den alten Lehrsätzen gemacht und sich rücksichtslos gegen sich selbst gewendet und noch den letzten Rest ihres eigenen Selbstbewußtseins ausgehaucht. (vgl. Horckheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung, Frankfurt a.M., 1969)

I.Kant Aufklärung ist nach den berühmten Worten Kants "... der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit". Unmündigkeit definiert er als "... das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen". Das Ringen der Aufklärung ist das Ringen um die Autonomie des Subjekts. Dieses, unentwickelt in seiner jeder Distanz ermangelnden symbiotischen Identifikation mit den Mächten der Natur, denen es ausgeliefert ist, hat nichts zur Konstituierung eines eigenen Ich außer den wenigen Mitteln, die es von der Furcht befreien sollen: Aberglauben, rituelle Handlungen und Opfergaben, durch die es das Unbekannte, das es zu verschlingen, aufzusaugen droht, zu besänftigen versucht. Das Unbekannte der Natur ist das Ungenannte, das Ungeschiedene, das sich jeder Bemächtigung des erkennenden Verstandes entzieht: die mythische Welt. Die erste Stufe der Differenzierung war daher die Benennung der Dinge, dem Namenlosen Namen zu geben. Elementarkräfte werden unterschieden: Feuer, Wasser, Erde, Luft. Diese werden später zu Göttern, einer schon hoch differenzierten Einheit von Spezialkräften für verschiedene Belange, mit denen man durch Opferhandlungen in Dialog und kalkulierten Handel treten konnte. Doch noch immer galten diese als objektive äußere Mächte, die das Subjekt jederzeit nach Lust und Laune zermalmen konnten.
Sokrates wagte es, lieber seinem eigenen Daimon zu folgen und seinen Verstand in sophistischen Dialogen mit Menschen statt Göttern zu schärfen. Platon schließlich formulierte die Götter zu Ideen, extrahierte und abstrahierte das Numinose zum Logos, der Einheit des Begriffs. Die Aufklärung der Menschheit vollzog sich in rasantem Tempo: seit dem Verfassen der Odyssee des Homer bis zu Platons Universalia vergingen knapp 400 Jahre. In dieser lächerlich kurzen Zeitspanne wurden die Grundlagen der westlichen Kultur geschaffen: Vernunft, Philosophie, Politik, und mit Aristoteles die Grundlagen der Naturwissenschaft. Wie war das möglich?
Zwei wesentliche Ursachen für diese Explosion der Intelligenz und Kulturproduktion: die Polis Athen hatte nicht auch nur das geringste hegemoniale Machtstreben, sondern sorgte lediglich dafür, daß sie unbelästigt ihrer Arbeit und ihrem Selbsterhalt nachgehen konnte. Sie richtete ihre Energien nicht nach außen, um sich auszudehnen und auszubreiten, sondern konnte alle Kraft nach innen und auf die Entwicklung der Verstandeskräfte und des menschlichen Geistes wenden. Die Denker Athens hatten eine Heimat – eine Schutzzone für die Entfaltung ihres Selbst. Heimat in sich selbst zu finden ist gleichbedeutend mit dem Ringen um Autonomie. Die andere Ursache ist politisch höchst unkorrekt: das Ganze war eine Männersache und den Frauen wurde nicht gestattet, dazwischen zu reden oder sich einzumischen. Mann ließ sich nicht von Frau aufhalten. Der Zorn der Frauen darüber ist unsterblich geworden in der Gestalt der Frau des Sokrates, die zum Begriff gewordene Xanthippe.

Wie wir bisher gesehen haben, praktizierten die Hellenen ganz offensichtlich lupenreines Yoga. Und wie wir alle wissen, ging das nicht lange gut. Wer sich nicht ausdehnt, wird geschluckt. Zuerst von den Persern, dann von dem Makedoniern und schließlich von den Römern. Als deren Weltreich an internen Spaltungen zu zerfallen drohte, kam man auf die glorreiche Idee, die innere Einheit durch ein Dekret zu erlassen: die christliche Lehre wurde zur erst offiziellen, dann verbindlichen Staatsreligion und mit ihr der Grundstein gelegt für ein Selbst- und Wertverständnis, das allen Strebungen und Idealen der frühen hellenistischen Aufklärung feindlich gesonnen war. Die Menschen klein zu halten durch Bindung an den Glauben, fern halten von Wissen und Verstrickung in tiefe menschliche Urängste solidierte die sakralen und säkularen Machtverhältnisse für verflucht lange 1500 Jahre.
Des Teufels erster Durchbruch war die Druckerpresse, und Luther erkannte schneller als alle anderen, was die Zeichen der Zeit waren und übersetzte die Bibel ins Deutsche. Mehr ideelles Kapital hat wohl nie ein Mensch aus einer Erfindung geschlagen. Die dem päpstlichen Rom abtrünnigen Angelsachsen, die früher als alle anderen den Geist der Freiheit atmeten, waren schließlich die ersten, die jene Beobachtungen machten und niederschrieben, die nicht nur die Wurzeln der Aufklärung bilden, sondern uns endlich zum Thema dieses Exkurses führen.

John Locke Wir wollen Francis Bacon, nach Voltaire der "Vater der experimentellen Philosophie" nicht ungewürdigt und vergessen lassen, doch werden gleich zu jenem Mann übergehen, mit dem nach langer Dunkelheit wieder die Sonne über dem geistigen Europa morgendämmerte. John Locke, ein Freund Isaac Newtons, lebte von 1632 bis 1704 und hat nichts geringeres getan als in zwei Gebieten des menschlichen Lebens Revolutionen einzuleiten. Zum einen ist er der ideelle Vater der parlamentarischen Demokratie mit ihren Grundzügen der Gewaltenteilung und der Menschenrechte und damit wesentlich verantwortlich für die Glorious Revolution in England, die Unabhängigkeitserklärung der Vereinten Staaten von Amerika und die französische Revolution. Zum anderen ist Locke der Entdecker der Instanz des Beobachters im menschlichen Geist als dem wesentlichen Agens eines dauerhaften, individuellen Subjekts. Während die im menschlichen Geist auf- und abtauchenden Ideen ein Prozeß ständigen Wechsels bedeuten, muß jene Instanz, die diese beobachtet, eine dauerhafte sein, wenn sie als Einheit wahrgenommen werden will. Der Beobachter des Inhaltes des Geistes darf sich also nicht mit diesen identifizieren. Diese kommen und gehen, der Beobachter bleibt. Die Identität oder Einheit des Subjekts entsteht also aus diesem inneren Zusammenhang zwischen Beobachtung und den Gegenständen der Beobachtung, zwischen Dauer des Einen und Wechsel des Anderen. Folglich beschreibt Locke die Zeit als den Stoff, aus dem das Subjekt seine Identität gewinnt. Das Dauerhafte, Beständige einer Identität liegt damit im Subjekt gegründet. Man muß diese Erkenntnis vor dem Hintergrund betrachten, daß das einzig Dauerhafte, das die Menschen des europäischen Mittelalters sich bis dahin vorzustellen wagten, das einer nur durch den Tod zugänglichen Ewigkeit im Jenseitigen, Göttlichen war. Das Diesseits war Leid und Wechsel, wie Buddha es unsterblich formulierte, nichts Beständiges, nichts, auf dem ein Individuum kraft seines Geistes eine vom Wechsel unabhängige Identität hätte entwickeln können. Mit John Locke spätestens beginnt die Aufklärung: das Subjekt ist fähig, ohne göttliche, äußere Lenkung (wie die Scholastik es noch formuliert hatte) sich seines Verstandes zu bedienen und so die Identität eines eigenen Selbst zu gewinnen. Das Mittel, um diese identische Einheit zu organisieren, ist das der Reflexion. Die Reflexion stellt ein individuelles Vermögen dar, kein göttlicher, unveränderlicher Plan. Mit dem auf sich selbst gerichteten Denken gewinnt das Subjekt eine unverkennbare eigene Struktur, die es von allen anderen unterscheidet und kraft dessen es sich selbst erkennt und fühlt. Welch ungeheure Befreiung nach den Jahrhunderten der ständigen Furcht muß das für die Menschen damals bedeutet haben! Die Kraft, die im Gedanken der Aufklärung steckte, war so enorm, daß sie binnen kurzer Zeit die Welt dramatisch veränderte. Eine ähnliche Kraft schlägt sich auch Bahn, wenn im fortgeschrittenen Yoga das Subjekt den Strom oder die Prozession der Ideen, aus denen es seine Subjektivität nährt, zum Stillstand bringt und dabei seine Einheit bewahrt, ... aber wir greifen vor.

Das Wesen der Aufklärung ist die Emanzipation des Subjekts, die Autonomie des Selbst, sein Heraustreten aus der Ohnmacht gegenüber objektiven Mächten. Das reflexive Vermögen hat dem Menschen seine Freiheit wieder gegeben und richtet sich nun gegen alle Tendenzen, die es bedrohen. Der befreite Sklave mißtraut dem alten Herrn, das abgestillte Kind schreit im Zorn auf seine Mutter. Alles, was nicht Vernunft ist, bedroht die Souveränität des Subjekts. Im Selbstverständnis der aufgeklärten Vernunft wird alles zur Gefahr der Freiheit, was nicht auf Reflexion gegründet ist. Nicht nur unterhöhlt die Vernunft den Glauben und bewirkt damit den Sturz der christlichen Indoktrination. Die Stabilität der Identität des Subjekts will vollendete Sicherheit, die Instabilität der noch immer vorhandenen objektiven Mächte ist ihm ein Dorn im Auge, erinnert an die Knechtschaft, wird zum ideologischen Feind. Die durch Reflexion und deren fortschreitende Sublimierung gewonnene Distanz zu den Objekten der äußeren Welt, wie sie in der Mathematisierung der Wissenschaften am deutlichsten in Erscheinung tritt, ist der Rohstoff, aus dem das Subjekt seine zunehmende Macht über das Objekt gewinnt. Analog dazu sehe man auch die Maximierung des Distanzaufbaus durch die fortschreitende Reichweite der Waffen, wie überhaupt alle Technologien ins entfernteste Äußere und entlegenste Innere (Medizin) vordringen.(vgl. Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft, Zweiter Band, Frankfurt a.M., 1983) Die Vielfältigkeit der Erscheinungen sowie die den objektiven Wesen immanente Natur, deren Sein an sich zudem von der Erkenntnistheorie (Hume, Kant) als unerkennbar erkannt wird, verhindert jedoch den Totalzugriff des Subjekts. Die Distanz zum Objekt ist Grundlage der Abstraktion. Sie gründet in der Distanz zum Gegenständlichen, zur Natur; die Industrialisierung und Technisierung der Lebenswelt des Menschen im Zuge der Aufklärung ist nur ein Indiz dafür.

Die Naturwissenschaft und die Kulturrevolution der Aufklärung gehen Hand in Hand. Die Reduktion der Objekte auf abstrakte Größen, meßbare Quantitäten, macht sie geeignet zur Katalogisierung, zur Zuordnung in Kategorien, als verzifferte Einheiten in rational schlüssig geschlossene Systeme, deren innere Einheit eine Extrapolation der Einheit des Subjekts in die äußere Welt darstellt. Das Wissen um die Einheit des Systems erhöht die Macht über das Objekt. Macht und Erkenntnis werden schließlich synonym, was Nietzsche seiner aufgeklärten Gegenwart in aller Deutlichkeit vor Augen hielt, die das nicht verkraften konnte. Alles nicht verzifferte, eingeordnete, in Begriffe gefaßte, in Namen gebannte, kurzum alles, was nicht durch Begrifflichkeiten der subjektiven Vernunft erschlossen und beherrscht werden kann, was seine eigene Entelechie nicht dem vom Denken vorgegebenen Duktus fügt, wird sinnlos, unvernünftig, und in Folge nichtig. Daher das Programm der Aufklärung: "die Entzauberung der Welt". (Horckheimer/ Adorno, Ebenda)
Subjekt und Objekt Die Objekte, deren Eigencharakter die Einheit des Systems behindert, aus dem allein das Subjekt sich die Welt zu eigen machen kann, werden unabhängig ihrer besonderen Qualitäten alle durch eine konformistische Distanz des Subjekts zu ihnen gleichgemacht. Die amorphe Bewegung der Objektwelt, mithin der Natur wird zu einer fixen Größe, der gegenüber sich das Subjekt in Sicherheit wiegen und der gegenüber sich der Mensch als Ebenbild der unsichtbaren Macht erheben kann.

Wie wir sehen: Die Aufklärung verwirklicht bis in alle Einzelheiten die Vision der Magie, sich zum "Antlitz Gottes" zu erheben. Doch die Gleichmachung, Egalisierung der Objekte führt zur Gleichmachung und Egalisierung auch der Subjekte, und darin verwirklicht die Aufklärung einen Grundgedanken der Mystik, mit dem wesentlichen Unterschied, daß sie dies nicht in einem, sondern in allen Individuen vollzieht. Die Vernunft nennt das Geschichte.

Die "Dialektik der Aufklärung", wie sie Horckheimer und Adorno in ihrem gleichnamigen epochalen Klassiker der kritischen Philosophie dargelegt haben, sieht indes in der Magie eben jene Frühform der Bemächtigung der Welt durch den Menschen, die zu überwinden die Aufklärung angetreten ist. Ihre Vorstellung von Magie ist jene der meisten aufgeklärten Denker und Vernünftigen und beschränkt sich auf primitive Formen des Animismus und der sympathetischen Magie. Für sie ist Magie identisch mit Mimesis, der Nachahmung und Ähnlichmachung äußerer Kräfte. Der Magier wechselt die Masken wie im Tragödientheater der Antike, hat keine Identität und ist von den Erscheinungen getrieben. Er ist also fremdbestimmt von den Objekten, zu denen er keine fortschreitende Distanz entwickelt und gar nicht entwickeln kann, da ihm das reflexive Vermögen der Vernunft abgeht. Die Einschätzung der Magie als eine primitive Form der Überlebenstechnologie, die weder abstraktes Denken, Objektbewältigung, Identität des Selbst noch Sublimierung der Verstandeskräfte kennt, ist in fast allen akademischen Disziplinen gang und gäbe. Seit Freud gilt sie zudem als der Inbegriff infantilen Denkens. Theodor W. Adornos viel zitierte, aber selten gelesene "Thesen gegen den Okkultismus" (in Minima Moralia, Frankfurt a.M., 1951) scheinen wirklich alles zu sein, was die akademische Fakultät zu einem Gebiet zu sagen hat, daß in der Geschichte der Menschheit nachweislich zahlreiche Impulse und Innovationen zu deren Fortschritt und Wohlstand beigetragen hat, ganz zu schweigen von jenen Errungenschaften, Einsichten und Entwicklungen der Magie, die sich mit dem Inneren des Menschen beschäftigen, seinem Selbst, seinen Erkenntnisorganen und- mitteln, die Francis Bacon und John Locke nicht unbekannt waren, aber die ich hier nicht anfangen werde aufzulisten, da unser Thema ein anderes ist.

Die Magie (jene der vom Neuplatonismus und der hermetischen und jüdischen Tradition geprägten Renaissance-Gelehrten: Lullus, della Mirandola, Giorgi, Reuchlin, Agrippa, John Dee etc.) hat, im Gegensatz zur Aufklärung, nie die Grenze des Individuums überschritten. Sie bewältigt alle Schritte der Ichwerdung im Tempel des eigenen Geistes und das Feuer, das sie dort entzündet, mag den Magier vernichten. Der Magie aber ist eine Anmaßung wie Hiroshima fremd. Wo sie ihren eigenen Bereich verläßt, verliert sie ihre Wirkung, ihre Macht. Diese entfaltet sich nur im Subjekt, welches in der Mitte des Kreises stehend jeden einzelnen taktischen Schritt der Aufklärung in sich vollzieht, wobei es der Geisteskraft der Projektion vor der Reflexion den Vorzug gibt. Es definiert sich durch einen symbolischen Kreis als eine Identität, die sich von den Objekten unterscheidet. Es benennt die Objekte, bannt ihren Einfluß, kartographiert sie, macht sich mit ihnen vertraut, übt Herrschaft über sie und durch sie aus. In einer gewissen Weise kommuniziert der Magier auch mit ihnen, was der funktionalen Wirklichkeit einer reflexiven Tätigkeit der Vernunft in mancher Hinsicht entspricht. Er formt sein subjektives Universum zu einer Einheit, die nicht durch äußere Wirkungen bedroht wird, erhebt sich, erweitert sich, dehnt sich aus, richtet sich schließlich zu seiner vollen Größe auf und übersteigt die Peripherie aller Erscheinungen, um der unsichtbaren Macht, dem Namenlosen, aus dessen Substanz er selbst besteht, ins Antlitz zu schauen - und wankt nicht. Dann nimmt er seine Erfahrung mit und schmiert seinem Kind die Stullen für die Schule.
Die Magie ist ein Instrument, dessen Anwendung erlernt werden muß. Wer sich weigert, diese zu erlernen, bleibt ihr fern und wirft nur seine eigene Unwissenheit wie einen dunklen Schleier über sie, der sie schließlich ganz verdeckt. Verärgert, daß man nichts mit ihr anfangen konnte, gerät sie aus dem Gesichtskreis – und aus dieser Negation erhält sie ihre Kraft zur Bestätigung des vernünftigen Subjekts. "Ein Mikroskop mag noch so perfekt sein, in der Hand von Wilden ist es nutzlos." (Aleister Crowley, Buch Vier, Teil III, Einleitung) Hinzufügen könnte man: Zum Totschlagen hat noch jedes Objekt getaugt.

Die Ignoranz der westlichen Intellektuellen den Erkenntnissen östlicher Philosophien wie dem Yoga gegenüber kann nur durch verletzte Eitelkeit oder durch kluge Selbstbeschränkung erklärt werden. Was die Empiriker und Erkenntnistheoretiker der Aufklärung über die Bedingungen der menschlichen Erkenntnis entdeckt und in ihrer eigenen Sprache beschrieben haben, ist in vielen östlichen, vor allem indischen Philosophien schon Jahrhunderte zuvor in deren Sprache akribisch ausformuliert worden. Die Erkenntnisse Lockes, Humes oder Kants sind in vielen Teilen der Vedanta-Philosophie der Upanishaden überliefert. Der wesentliche Unterschied zwischen ihnen ist ein ausschließlich praktischer: sie ziehen verschiedene Schlüsse aus der gleichen Erkenntnis. Die Stillmachung des Objekts, der Natur, die Grundlage ist für die Autonomie des Selbst, vollzieht der Yogi in ausschließlich inneren Übungen. Auch diese entzünden das atomare Feuer, an dem kein Mensch, außer der Yogi selbst, bzw. dessen illusionäre Hüllen, verglüht. Die Tradition der Aufklärung indes setzt allein auf Reflexion, die letztlich nur der Bestätigung des Subjekts, bzw. dessen Einheit gilt.
Von der gleichen Ausgangsbasis ausgehend, setzt die mystische Tradition dagegen auf Meditation. Die verschiedenen Wege, die der Westen und der Osten genommen haben, unterscheiden sich nicht durch ihre Befähigung zur Erkenntnis, sondern durch ihren Umgang mit den der Erkenntnis zugrunde liegenden Bedingungen. Die Aufklärung wollte die Welt retten, indem sie sie zu einem einzigen wiedererkennbaren Objekt macht, und wer wollte bestreiten, daß es ihr gelungen wäre? Die aufgeklärte Vernunft uniformiert die Welt, der Yogi indes lediglich seinen Mind.
Der Yogi macht nicht alle Objekte zu einem, sondern nimmt sich irgend eines und beginnt, es durch Konzentration zu dem einen einzigen Objekt zu machen, dem gegenüber das Subjekt sich sublimiert. Der Yogi will nicht die Welt befreien, sondern nur sich selbst. Da reicht halt irgend ein Objekt.

Erklärt diese zynische Haltung erschöpfend den Unterschied zwischen Mystik und aufgeklärter Vernunft? Nein, diesem liegt eine unterschiedliche Auffassung über die Substanz, aus der Subjekt und Objekt bestehen, zu Grunde.
Die aufgeklärte Vernunft emanzipierte und definierte sich aus dem Gegensatz zur Blindheit des Glaubens der christlichen Lehre, die das Selbst- und Weltverständnis der Menschen über Jahrhunderte geprägt hatte. Die Vernunft als Widersacher der repressiven Gewalt der Unvernunft des Glaubens konnte sich nie wirklich mit dem Numinosen versöhnen. Die metaphysische Lücke versuchten unter anderem Kant und vor allem Hegel zu schließen, der den Weltgeist sich in der Weltgeschichte manifestieren sah. Die mechanistischen Wurzeln des aufgeklärten Denkens bei Descartes, die durch den Triumphzug der Naturwissenschaften, allen voran der Physik, untermauert wurden, prägten den Charakter der Aufklärung als methodische Ab- und Vermessung nicht nur des äußeren, sondern auch des inneren Lebens. Die Triebtheorie Freuds ist nicht zuletzt eine Umsetzung physikalischer Theorie in Vorgänge der Seele. Aber die Aufklärung als kollektives Weltgeist-Yoga schritt in ihrer Sublimierung fort und fand schließlich erst in der Relativitätstheorie, dann in der Quantentheorie ein akzeptables Modell, in welchem Raum und Zeit, sowie Geist und Materie ihre tief verankerten, rigiden mechanistischen Positionen bewegen durften. Diese Hinwendung zu einer Versöhnung des Unsichtbaren mit dem Sichtbaren, des Meßbaren mit dem Unmeßbaren, der Zahl mit der Qualität, des Geistes mit dem Körper und der Natur hat die wissenschaftliche Provenienz befähigt, ihren Geist den nicht minder wissenschaftlichen Modellen des Ostens zu öffnen, wohl erkennend, daß diese nie unter jenem Schisma zu leiden hatten, denen die Entwicklung der Vernunft in der westlichen Zivilisation ausgesetzt war.

Die aufgeklärte Vernunft verwirklicht sich in der Geschichte, der mystische Geist tritt aus der Geschichte aus. Für letzteren sind Erkennender und Erkanntes aus dem gleichen Stoff gewoben, und alle Dinge "bloße Namen" dessen, daß mal das Eine, mal das Nichts verkörpert. Das metaphysische Umfeld des Yogi ist nicht gebrochen wie jenes des abendländischen Intellektuellen (das Kant und Hegel versuchten zusammenzuflicken), er hat eine Heimat, die auch für den Schöpfer des letzten großen philosophischen Systems des Abendlands, Martin Heidegger, letztlich das Ziel und der Gipfel der aufgeklärten Philosophie bedeutet. Daher macht der Yogi als Subjekt nicht die Welt zu seinem Objekt, sondern zieht sich von dieser zurück und sammelt alle Kräfte auf das eine, um aus allen Begrenzungen der menschlichen Erkenntnis, einschließlich Zeit, Raum und Geschichte, herauszutreten. Die Vernunft will eingehen in die Geschichte, und sie steht kurz davor.

Für diesen unterschiedlichen Umgang des Subjekts mit dem Objekt in der abend- und morgenländischen Geisteskultur sollte dieser Exkurs den Leser sensibilisieren, da wir uns nun den mentalen Praktiken des Yoga zuwenden werden.

Derweil trinkt unser Magier seinen Nachmittagstee ...

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(Ein Auszug aus "Das Erbe des Tieres - Grundlagen der Mystik in A. Crowleys Buch Vier")

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