Obwohl Magie und Religion in der Vergangenheit oft eng miteinander verknüpft waren und sich gegenseitig ausgiebig an Ideen und Techniken beliehen haben, argumentieren viele zeitgenössische Magier, daß die Magie allein eine komplett eigenständige Disziplin bilden kann und sollte. Einige würden soweit gehen und behaupten, daß wenn all die wunderbaren Phänomene einer Religion als magische/ parapsychologische Ereignisse gedeutet würden, anstatt sie den Handlungen der verschiedenen Götter und Dämonen zuzuschreiben, sich die Religion dann auf ein rein subjektives psychologisches Phänomen reduziert. Wir würden sogar behaupten wollen, daß die Naturwissenschaft ein Studium solcher magischen Erscheinungsformen darstellt, die am verläßlichen Ende des möglichen Spektrums stehen und Religion lediglich eine Kompensation für deren Mißerfolge ist. Diejenigen, die es können, zaubern, jene, die es nicht können, beten, wie der Chaosmagier sagt.
Wie also sieht ein rein magisches Paradigma aus?
Nun, um all die magischen Phänomene zu modellieren, braucht man nur drei Dinge.
Moderne westliche Magier verdanken die meisten ihrer Modelle von mentalen Mechanismen der Magie dem englischen Magier Austin Osman Spare. Er machte das Grundprinzip deutlich, das hinter den empirischen Prozeduren steckt, die die Magier immer gebrauchten. Die nicht bewußten oder unterbewußten Teile des Geistes besitzen weit größere parapsychologische Effektivität als die bewußten Teile. Folglich muß man die nichtbewußten Teile überlisten und in Aktion versetzen, indem man die bewußten Teile mit einer Analogie oder einem Symbol von dem, was man erreichen will, belegt, vorzugsweise in einem Stadium der Ekstase oder einer tranceartigen Bewegungslosigkeit. Auf diese Weise denkt man nicht an das (eigentliche) Ziel, da man seine abstrakte Darstellung betrachtet. Man konzentriert sich vollkommen auf das Symbol und läßt das mächtigere Unterbewußte das Geschäft erledigen. Wenn man sich nicht bewußt erinnert, was das Bild darstellte, dann arbeitet der Geist eben geschickter. All die offensichtlich irrationalen und in sämtlichen alten Büchern der Magie und Zauberei hochgeschätzten Prozeduren sind angewiesen auf das Prinzip der Zerstreuung des Bewußtseins mit einer unbestimmten analogen Darstellung des Wunsches, welches bewirkt, daß das langsamere und emotionalere Unterbewußtsein die Information für Zauber oder Weissagung entwirft oder erhält.
Das meiste der alten Symbolik hat jedoch heute wenig Bedeutung; man kann nun einfach seinen Wunsch aufschreiben, die Buchstaben in eine nichtssagende Sigille verschlüsseln und sich dann in Raserei oder in Trance versetzen, während man sich darauf konzentriert, vorzugsweise nachdem man vergessen hat, wozu man sie herstellte. Als eine Hilfe zum Vergessen macht man eine gewisse Anzahl von Sigillen und lädt sie (erst) am Ende der Woche auf.
Die meisten Magier an der Grenze der okkulten Metaphysik bevorzugen eher die Arbeit mit einem Paradigma des multiplen Selbstes statt die neo-religiöse Hypothese von objektiv selbständigen geistigen Wesen oder Wesenheiten zu benutzen. Wenn man ein ‚synthetisches’ Wesen, einen Gott oder Dämon beschwören oder invozieren kann und bekommt genauso gute Ergebnisse wie von einem angeblich ‚realen’ Wesen, dann wird die Versuchung überwältigend, all diese sogenannten realen Wesen als synthetisch zu betrachten. Die Menschen haben schon immer Götter in ihrem eigenen Geiste erschaffen und sogar die meist oberflächliche historische Forschung offenbart die synkretistische Natur aller Gottheiten.
Folglich erscheinen innerhalb des Paradigmas eines multiplen Selbstes alle Götter, Dämonen, dienstbare Geister usw. als verschiedene extreme Zustände des Geistes, die ein Magier anstreben kann, um sich Zugang zu speziellen Absichten zu verschaffen. Die meisten Leute haben sich selbst zu bestimmten Zeitpunkten ihres Lebens praktisch besessen erlebt, zumindest von Liebe, Lust oder Wut und sich in einem Verhalten ungewöhnlicher Art wiedergefunden. Magier erforschen solche Bereiche des Geistes absichtlich, um zu sehen, was für seltsame Fähigkeiten dort schlummern. Ungeachtet der Behauptungen der konventionellen Psychologie und der post-monotheistischen Kultur besitzen wir alle ein multiples Selbst. Nur die selektive Amnesie unterscheidet zwischen seinen klinisch-pathologischen und normalen Erscheinungsformen.
Jedoch bieten wir Platz auf dieser Seite für jene, die über die grundlegenden Theorien, die Metaphysik und die Physik der Magie diskutieren möchten, einschließlich der Ideen und Gleichungen, die wir in unserem zweiten und dritten Buch vorgestellt haben. Ramsey Dukes beobachtete, vielleicht etwas traurig, daß die Naturwissenschaft perfekte Methoden und unvollkommene Theorien voraussetzt, während die Magie so oft perfekte Theorien und unvollkommene Methoden kennt. Damit meinte er, die Naturwissenschaft setzt voraus, daß jeder ausgebildete Wissenschaftler ein spezifisches Experiment durchführen kann und die Ergebnisse können die Theorie modifizieren, aber die Magie gibt oftmals perfekte Theorien vor, deren Fehler in der Praxis lediglich die mangelnde spirituelle Kraft des Ausübenden oder anderen undefinierbaren Unsinn bestätigen. Sicherlich sollten wir heute solche mittelalterlichen Ideen aufgeben und die Magie mit einem scharfen Verstand erforschen, wenn wir unser Universum und uns selbst als Ganzes verstehen wollen.
Die Ideen, die in diesem Artikel präsentiert werden, stellen eine ziemlich orthodoxe Sicht der Chaosmagie dar, obgleich nicht alle Chaosmagier die Ansicht des Autors bezüglich der parapsychologischen Theorie teilen.
© Hadit 2003
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