Tier in Assoziation gebracht werden. In unseren Breiten ist der Werwolf – der Wolfsmensch – ein bekanntes Beispiel dieser Tiermenschen. Ein weniger bekanntes aber etwas besser dokumentiertes ist eine Kriegerklasse, die der Berserker: Auf den bereits zur damaligen Zeit alten Viereckschanzen tanzten sich die Krieger in eine Bärentrance und wurden so in rasende Ekstase versetzt. Sie stürmten gegen die Römer, nackt und bemalt, und waren eine lange Zeit schwer zu besiegen. Sie kannten weder Angst noch Schmerz und wüteten unter den Reihen der Gegner.
Bei einigen wenigen afrikanischen Stämmen, wie zum Beispiel den Buschmännern, ist es für sämtliche Stammesmitglieder nichts ungewöhnliches, in tiefe Trancezustände zu verfallen. Mir selbst ist der Elefantenklan ein Begriff: Die Menschen dieses Klans haben die Tiertrance so stark verinnerlicht, das sie in der Lage sind, große Baumstämme, die viele hundert Kilogramm wiegen, mit wenigen Trägern, die sich in der Elefantentrance befinden, zu transportieren. Etwas das für gewöhnliche Menschen unmöglich ist, wohl aber nicht für Elefanten.
In schamanischen Kulturen ist es ein bekanntes Phänomen, daß Schamanen in der Gestalt ihres Totems die Welten bereisen, die Welt der Geister und die Welt der alltäglichen Ereignisse. Es ist weltweit belegbar, daß Tiere eine besondere Rolle in den Riten der Schamanen spielen. Sie sind die Verbündeten des Schamanen und beschützen ihn auf seinen Reisen. In den letzten Jahrzehnten hat eine Revitalisierung des alten schamanischen Wissens in Europa und der westlichen Kultur begonnen, die immer noch nicht abgeschlossen ist. So finden sich auch in unseren Städten und immer mehr auch wieder in den Dörfern Menschen, die den schamanischen Weg für sich gehen. In den traditionellen Kulturen kann an den Schamanengewändern häufig erkannt werden, welche Tiere für den jeweiligen Schamanen von Bedeutung sind.
Zum Repertoire der Schamanisten und der Schamanen gehört auch der Tiertanz. Für das Exerzitium ist es sehr wichtig, nicht nur in der Theorie über die Methodik der Tierinvokation Bescheid zu wissen. Im Gegensatz zu Gottesinvokationen oder Besessenheiten von den Loas(2), oder anderen Vorfahren und Wesenheiten, kennen Tiere keine Namen, sie besitzen keine menschliche Sprache und wenig bis überhaupt keine Ähnlichkeit in ihrer Denkweise.
Für Menschen, die sich für diese Form der Besessenheit interessieren, bisher aber ‚nur‘ magische Invokationen durchgeführt haben, hier einige Ratschläge, die zur Induktion der Tiertrance hilfreich sein können. Eine Tiertrance hervorzurufen erfordert entweder einen freien Kopf, der nicht mit Erwartungshaltungen und allerlei magischen Regelwerk verstopft ist – einen
kindlichen Ansatz, also – oder einen schamanischen Hintergrund des Praktizierenden. Im letzteren Falle ist die Sache einfacher zu bewerkstelligen, weil bereits mit Tiergeistern und mit den Krafttieren gearbeitet wird, durch die schamanische Reise ist ein Kontakt mit diesen Tiergeistern möglich (wobei Tiere sich in der nicht-alltäglichen Wirklichkeit durchaus mit Sprache verständlich machen können). Je mehr über das Tier bekannt ist, desto besser. Tierlaute, allgemeines Verhalten, welche Feinde hat es, wo lebt es, wie alt wird es – eben alles, was es über das Tier zu wissen gibt. Die eigentliche Invokation erfolgt in der Regel unter musikalischer Begleitung (das kann heute mit Konservenmusik bewerkstelligt werden: es eignen sich afrikanische Trommelstücke, die möglichst lang sind, am besten ohne normales ‚Programm‘ der Musik). In einer Techno-Disco läßt sich die Tiertrance genauso gut induzieren, wie mit einer Trommel und Schellen an den Füßen unter freiem Himmel oder in den eigenen vier Wänden. Die Räumlichkeiten sollten so gewählt werden, das nicht allzuviel zu Bruch gehen kann. Den teuren Kelch auf dem Altar also besser wegräumen – Tiere legen keinen Wert auf diese Dinge. Eher ist es angebracht, Teile von dem zu invozierenden Tier anzulegen (also ein Fell, Federn oder ähnliches).
Der schwierigere Teil ist es, sich so zu verhalten, wie sich das Tier eben verhält. Ein Adler beispielsweise schlägt mit den Flügeln und schreit, wie es für Adler eben typisch ist. Er reißt Beutetiere und putzt auch einmal sein Gefieder. Je natürlicher die Imitation des Tieres ist, desto eher funktioniert die tatsächliche Tranceinduktion und die Besessenheit. Es kann durchaus einige Zeit dauern, bis die Fähigkeit soweit vervollkommnet ist, daß es nur noch einige Sekunden Zeit benötigt, einen ausgewählten Tiergeist durch diese Methode zu invozieren. Ein klassisches Element der Invokation verstärkt diese Technik noch: Die Imagination von sich selbst als Tier, oder als Tierhybriden(3). Wie die eher haarigen Zeitgenossen unserer Tierwelt an uns aussehen, läßt sich einfach feststellen: einfach in einen Spiegel starren, bis der Rückkopplungseffekt eintritt und sich das Aussehen im Spiegel verändert. Natürlich kann mit dieser Starrtechnik noch vieles mehr bewirkt werden, hier genügt es jedoch als Beispiel, falls Schwierigkeiten mit dieser Art der Imagination auftreten. Sobald der Tiergeist in den Körper fährt, beginnt das Geschehen eine Eigendynamik zu entwickeln, wie es bei Besessenheits-Ritualen üblich ist. Das bedeutet, daß bei diesem Exerzitium entweder jemand in der Nähe ist, der sich mit solchen Dingen auskennt, und gegebenenfalls eingreift, wenn die Trance vollständig außer Kontrolle gerät. Oder der Invozierende ist mit solchen Arbeiten in seiner magischen/schamanischen Praxis seit langem vertraut.
Wie stark sich das Tier manifestieren kann, hängt von mehreren Faktoren ab. Einerseits davon, inwieweit der Praktizierende sich selbst gehen lassen kann, alle Kontrollen fahren lassen kann um dem Tier die maximale Freiheit zu geben. Eine konsequente Arbeit mit einem Tiergeist kann sich über Monate erstrecken, oder Jahre. Je intensiver und je konsequenter die Arbeit ist, desto tiefer ist die Bindung an den speziellen Tiergeist und desto stärker die sich manifestierenden tierischen Kräfte.
Die Kräfte, die in uns manifestiert werden können, sind natürlich verschieden und bei jedem Tier andere. Austin Spare benutzte für seine Sigil-lenmagie unter anderem den Satz: „This is my wish to obtain the strength of a tiger“?(4) – was auf den Tiger als Sinnbild der Stärke hinweist, auch auf eine gewisse Eleganz bei der Anwendung derselben.
Immerhin wählte Spare für sein Beispiel nicht einen Elefanten. Um Klarheit über die einzelnen Kräfte zu erhalten, auch über die eventuellen Nachteile, die eine solche Invokationsarbeit mit sich führen kann, ist es am besten, das jeweilige Tier so gut es eben möglich ist, kennenzulernen. Dazu sind alle Mittel recht: ein Tierlexi-kon, Zoobesuche, Internetrecherchen usw. usf.
Das atavistische Exerzitium geht von der biologischen Prämisse aus, daß wir Menschen ursprünglich vom Tier abstammen. Die Embryologie zeigt uns anschaulich, wie von einem Einzeller aus sich langsam über alle möglichen Entwicklungsstadien der fertige Mensch ausbildet. In den neun Monaten der Schwangerschaft, in der der Embryo sich zu einem kleinen Menschen entwickelt, ist die gesamte Evolutionsgeschichte des Menschen komprimiert ablesbar. Voraussetzung für das Exerzitium ist, daß der Praktizierende bereits intensive Erfahrungen mit dieser Form der invokativen Magie besitzt. Ohne diese Voraussetzung ist dieses Exerzitium nicht besonders effektiv. Es macht Sinn, das Exerzitium auf die eigenen Bedürfnisse abzustimmen. Es geht nicht darum, möglichst buchstabengetreu irgendeine Anweisung zu befolgen, sondern sich seinen eigenen Weg hinunter in die Tiefen unserer Wurzeln zu finden.
Je weiter zurück wir in der Entwicklungsgeschichte gehen, desto interessanter und außergewöhnlicher werden die dort anzutreffenden Fähigkeiten der Tiere. Vögel, die sich irgendwann von unserer Entwicklung entfernt haben, besitzen die Fähigkeit des Fluges – die auch Insekten beherrschen. Pflanzen, die noch früher eine eigene Richtung eingeschlagen haben, benutzen die Photosynthese – die klassische Lichtnahrung. Die Bakterie und der Einzeller haben z.B. die Fähigkeit der Unsterblichkeit als Hauptkennzeichen: Nach Ablauf einer Zeitspanne teilt sich das Bakterium oder der Einzeller – zwei identische Individuen entstehen, es gibt keine Eltern.
Die Vorbereitungsarbeiten für das atavistische Exerzitium sind – je nachdem wieviele Stationen gemacht werden sollen – mehr oder weniger zeitintensiv. Die kürzeste Form des Exerzitiums besteht aus einer einzigen Tierart, die invoziert werden soll. Die längste Form besitzt keine Beschränkungen. Einerseits muß klar sein, welche Tiere aus welchem Grunde heraus invoziert werden sollen, und andererseits sollte auch die zeitliche Abfolge geregelt sein. Als Faustregel: je weiter zurück der Atavismus liegt, desto später wird er in der Reihenfolge auftauchen. Es können unbekannte Brückentiere invoziert werden, und selbstverständlich alle ausgestorbenen Tierarten.
Steht die Reihenfolge und die Anzahl der Tiere fest, die invoziert werden sollen, liegt es an den äußerlichen Begebenheiten und der Motivation des Praktizierenden, das Exerzitium nach seinen eigenen Regeln durchzuführen. Der Zeitrahmen sollte begrenzt sein, und die Invokationen regelmäßig durchgeführt werden. Alles zwischen einem Tag und einem Jahr macht Sinn. Eine magische Abgrenzung zur Alltäglichkeit bleibt dem Geschmack des Einzelnen überlassen – sie sollte jedoch effizient sein. Die Invokationen werden am besten unter freiem Himmel durchgeführt. Die einzelnen Tieratavismen werden in der festgelegten Reihenfolge invoziert – mit Pausen zwischen den einzelnen Atavismen. Der Urschleim, die Ursuppe ist der Mittelpunkt des Exerzitiums. Im Urschleim sind alle Potentiale des Lebens vorhanden, und wir können von dort aus beliebige Äste des Evolutionsbaumes erklettern um bisher ungekanntes zu erfahren.
Zweck dieses Exerzitiums ist es, sich einerseits der evolutionären Abläufe und Kräfte bewußt zu werden, die verborgenen Fähigkeiten zu entdecken und diese bewußt und kontrolliert einzusetzen, den persönlichen Horizont durch radikal andere Sichtweisen zu erweitern. Andererseits wird durch dieses Exerzitium die Verbundenheit mit der uns umgebenden Natur deutlich veranschaulicht und in dem Praktizierenden verkörpert. Inwieweit die Effekte reversibel sind, hängt stark von der Intensität der Arbeiten ab und auch von der Intention des Praktizierenden.
Einige Auswirkungen, die ich persönlich kenne: Die Tierwelt in der Wirklichkeit reagiert auf manifeste Tieratavismen mit ihren üblichen Programmen. Es stellen sich Vor- und Nachteile der einzelnen Tierarten zunächst auf subtile Art und Weise ein, dann jedoch auch auf deutlichere Weise. Die eigene Aura verändert sich, je nach Tierart, stärker oder weniger stark und nimmt Eigenheiten der Tierart an. Innerhalb hellsichtiger, magischer oder schamanischer Arbeiten erscheint der (feinstoffliche) Körper des Praktizierenden nach einiger Zeit nicht mehr menschlich, sondern entweder in Hybridformen, mit tierischen Attributen, oder als tatsächlicher Vertreter der Tierart – im letzteren Falle jedoch immer irgendwie außergewöhnlich. Castaneda nannte das Montagepunktverschiebung. Die Tiermagie des Exerzitiums führt vor Augen, wieviel der überlieferten Mythen den Tatsachen entsprechen (können). Es macht eine Menge Spaß, diese Arbeiten durchzuführen und lockert das kopflastige Denken etwas auf – vor allem beim Erlernen des Tiertanzes.
© Hadit 2003
Equinox WebSite - Golem WebSite - Support