Cover Akron / Voenix
Dantes Inferno (Comic) Band 5: Die Krebs-Hölle

„Im Tempel der Träume“ ist der Untertitel dieses mittlerweile fünften von 12 Bänden der unkonventionellen Comic-Reihe zu Akrons Psychonautik-Abenteuer „Dantes Inferno“. Unkonventionell ist vielleicht noch etwas untertrieben, denn nicht nur das Thema der Comics unterscheidet sich deutlich vom sonst eher platten Genre, sondern auch dem Leser wird nicht mehr und nicht weniger zugemutet, als seine eingebrannten Denkstrukturen zu verlassen und in andere Bewußtseins-Wirklichkeiten aufzubrechen. In der Krebs-Hölle begegnet der Reisende in den Gefilden der Unterwelt, geführt von seinem Psychopompos Akron, seinen eigenen Träumen, die er nun gezwungen ist, distanziert wahrzunehmen und zu reflektieren. So legt er, stellvertretend für jedes menschliche Wesen, seine scheinbare Vernunft ab und begreift sich als „instinktgebundene Wunschnatur ... in der sich die innersten Urbilder nach Entfaltung sehnen“. Im Licht des Krebs-Herrschers Mond löst sich alles Manifeste und Materielle in Nichts auf und man ist zu einem kreativen Umgang mit seinen Träumen gezwungen, um überhaupt Realität zu erschaffen. Der für Astrologie-Unkundige sicher nicht ganz einfach zu verstehenden Struktur folgend (die Episoden orientieren sich an den Pla-netenaspekten des Krebses), erstehen vor dem inneren Auge Bilder, Mythen und unbewußte Wünsche. Manches davon scheint bekannt zu sein (z.B. wenn der Reisende in der Göttin seines Begehrens seine Mutter wiedererkennt), manches andere aber ist unerwartet und durch die visuelle Aufbereitung sehr wirkungsvoll (z.B. das Bild des karmischen Rades zwischen den Knien der Göttin, auf dem der Reisende geflochten sich selbst und seinen begrenzten Blickwinkel auf sein Leben und die Welt erkennt). Die beschworenen (und durch den Künstler Voenix wirkungsvoll in Szene gesetzten) Bilder müssen zwangsläufig amoralisch, sexuell und „unrein“ sein, denn nur so bekommt der Leser eine Chance, sich seiner eigenen Sehnsüchte und Verdrängungen bewußt zu werden. Aus nie gekannten Abgründen steigen auf einmal Energien ungeahnter Stärke auf ... Zugegebenermaßen ist die Reise von Akron und seinem Begleiter die Selbstbespiegelung einer männlichen Seele und die Kritik mag berechtigt sein, daß hier vorrangig nur ein männliches Auge zu (nicht immer erwünschten) Einsichten gelangen kann, aber latentes patriarchales Denken kann man Akron und Voenix keineswegs vorwerfen, denn die weiblichen Archetypen kommen nicht zu kurz und potentiellen weiblichen Lesern steht es frei, sich aus der Lust der Erkenntnis heraus mit diesen zu identifizieren. Diese dunklen und hellen, schönen und häßlichen, jungen und alten Göttinnen und weiblichen Wesen reiben sich in spannungsvoller Polarität am Bewußtsein und der Erinnerung der männlichen Hauptgestalt. So erzeugt der Comic eine fantastische Vielschichtigkeit, die man vielleicht erst beim zweiten oder dritten Lesen richtig entdecken und würdigen kann. „Wenn einer träumt, so kann ein Übermaß geträumten Träumens ihn erwachen machen; wer sich im Spiegel seines Traums erkennen will, muss in der Person erwachen, die er träumt.“
(FC)

Erschienen ist das Buch im Akron Verlag 2002
ISBN 3-905372-05-3
14,90 Euro

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