Ein Tempel, ein Ort heiligster Stille und Andacht, absoluter körperlicher und geistiger Zügellosigkeit, in dem sich die spirituelle Kraft eines jeden, der ihn bewohnt, manifestieren und multiplizieren kann, um sicher und fest in den Sphären der göttlichen Wahrnehmung wandeln zu können - wohl eines der größten Ziele im Leben eines jeden ‘Magiers’.
Die Reise ging über Neapel, wo er mit seiner Konkubine Ninette Fraux einen Akt der Sexualmagie zum Zweck der schnellen und sicheren Ankunft zelebrierte. Nach der Ankunft auf Sizilien (in Palermo) waren es nur noch wenige Kilometer gen Westen bis zum Ziel.
Das Leben in der Abtei war geprägt von strengen Reglementierungen, einem genau durchgeplanten Tagesablauf, der Gebete, Speisen sowie sexualmagische Rituale (von Crowley in der Tradition des O.T.O. zur Errichtung des Gesetzes Thelema praktiziert) beinhaltete.
Betty May (8), Gast der Abtei kurz nach ihrer Errichtung, war keineswegs begeistert von dem was sie fand. Ein Bauernhaus ohne jegliche sanitäre Einrichtungen, weit außerhalb des kleinen Fischerdörfchens an einem Berghang gelegen. Ein prachtvoller Tempel wurde daraus nie. Berühmtheit erlangte das Haus allein durch die ‘unerhörten Vorgänge’, die sich hinter den Wänden abspielten. Dies verhalf der Abtei auch zu einem mehr oder weniger ‘konservierten’ Zustand, da die großen Touristenströme sie nur minimal tangierten. Kaum ein Besucher weiß um die enorme geisteshistorische Bedeutung jener verkommenen Hütte.
Etwa 80 Jahre, nachdem Sir Alastor de Kerval (9) Sizilien heimsuchte, um in Cefalú ordentlich aufzuräumen, machte ich mich auf den Weg, die Rudimente seines Traumes in Augenschein zu nehmen. Sizilien ist sicherlich einer der touristischen Höhepunkte Italiens, ausgestattet mit faszinierenden Landschaftszügen voller Diversität und Erhabenheit.
Folgt man der Küste im Norden der Insel ca. 60 km in Richtung Westen, so erscheint bald die imposante Felsmasse von Cephaloedium, an deren Fuß sich das Städtchen Cefalú schmiegt. Zahlreiche Bettenburgen bestimmen das Stadtbild, jedoch sind die verschlafene Altstadt und der imposante romanische Dom am Marktplatz eindrucksvolle Zeugen der Vergangenheit, und beim Streifzug durch selbige denkt man, die Zeit sah irgendwann keine Notwendigkeit mehr weiterzuzählen. Crowley selbst hätte jeden Moment in einer der Gassen auftauchen können.
Also führte ich meine Suche in gleißender Sonne weiter, nur wenig schlauer als vorher. Spontan vertraute ich der Aufgeschlossenheit der Sizilianer und beschloß, mich einfach ans Ziel durchzufragen. Hochinteressant dabei waren die unterschiedlichen Reaktionen der Einwohner. Trotz der enormen Kommunikationsschwierigkeiten genügte das Schlagwort ‘Crowley’, und meist wußte mein Gegenüber, wonach ich suchte. Die Abtei hat als ‘Casa di Crowley’ in den Sprachgebrauch Einzug gefunden. Bemerkenswert bei meinen Gesprächen war, daß viele der älteren von mir Befragten entweder vorgaben, mich nicht zu verstehen, oder mich sehr gut verstanden, jedoch meiner Frage auswichen und mit italienischen Schmähungen auf der Zunge davonzogen. Jüngere hingegen gaben mir bereitwillig Auskunft und sagten, sie hätten durch ihre Eltern / Großeltern viel über Crowley erzählt bekommen. Leider mußte ich der fortgeschrittenen Stunde Tribut zollen und konnte keine eingehenderen Gespräche halten, da die Sonne schon enorm tief über dem Meer stand, und ich immer noch nicht wußte, wann meine Suche von Erfolg gekrönt werden sollte, denn genaue Auskunft konnte mir keiner geben.
Nüchtern betrachtet sieht es hier nicht ganz so romantisch verklärt aus. Das Mauerwerk ist von Rissen durchzogen, der Vorplatz bedeckt mit Müll, Unrat und tierischen Ausscheidungen, zwischen den Bodenplatten wuchert das Gras, und die Türen und Fenster sind mit Brettern vernagelt. Der ursprüngliche Zugangsweg ist nur noch zu erahnen und führt geradewegs auf das Fußballstadion zu, das hinter der Abtei neu entstanden ist.
Das Interieur hielt, was die äußere Erscheinung versprach. Alte Möbel und zerstörte sanitäre Einrichtungen, vergilbte Tapeten, Schuttberge von herabgefallenen Dachschindeln finden sich überall im Innern. Doch dessen ungeachtet durchströmt den Besucher ein Gefühl der Erhabenheit, während er über die Steine wandelt, die 80 Jahre vorher Aleister Crowleys Körper getragen haben. Man wünscht sich, die Wände könnten erzählen von den wundersamen Vorgängen, die sich hier zutrugen. Crowley fand eine Möglichkeit, ihnen Leben einzuhauchen.
Bereits kurz nach seiner Ankunft begann er, die Wände mit bunten Farben und magischen Motiven zu verzieren. Im Laufe der Jahre wurden diese hinter mehreren Schichten Tapete und Putz verborgen, und so vor der vollkommenen Zerstörung bewahrt. Eifrige Besucher jedoch machten sich irgendwann daran, die Tapeten zu entfernen, um die Wandverzierungen wieder ans Tageslicht zu bringen. (10) Und tatsächlich kann man heute noch eine Vielzahl unterschiedlichster Motive an den Wänden bewundern.
Dabei sticht besonders der bereits angesprochene nordwestliche Raum hervor: an allen Wänden existieren Malereien aus Crowleys Hand. So findet man eingebettet in ein buntes Wirrwarr eine Art Grabstein, bemalt mit griechischen Buchstaben, Crowley als Das Große Tier ‘To Mega Therion’, sowie seinem Leitmotiv Thelema. Eine Vorahnung seines eigenen Todes? Das Gemälde seines Grabes auf der paradiesisch anmutenden Welt des neuen Äons? Oder stand es für Crowley nicht zur Debatte, seinen eigenen Tod zu diskutieren; er, das Große Tier, sollte ein Sterblicher sein? Nun ja, leider muß ein Großteil der Deutungen spekulativ bleiben, da im Laufe der Jahre die Farben verblaßt sind, der Putz sich gelöst hat oder Besucher einige ‘Souvenirs’ mit nach Hause nehmen wollten.
Diesem Motiv gegenüber sieht man vier Gesichter unterschiedlicher Rasse, mit starrem Blick und wirrem Harr; darüber mit schwarzer Farbe auf rotem Grund die berühmte Stanze:
Im Durchgang zum nächsten Raum glotzt ein riesiger roter Zyklop von der Wand herab, unter ihm ein Neger, der seinen erigierten Penis präsentiert.
Im weiteren Verlauf kann man kaum noch Malereien erkennen. Jedoch schon bei der Betrachtung dieser wenigen Motive kann man sich ein Bild machen vom ursprünglichen Aussehen der Abtei. Man sieht regelrecht Aleister Crowley mit Pinsel und Palette vor den Wänden hocken, schweißnaß, und die Auswüchse seines Geistes an die Wände projizieren.
Die Abtei in einem solchen Zustand zu sehen, ist wahrscheinlich für viele unbegreiflich. Ganz offensichtlich haben die Stadtväter kein Interesse, die Abtei zu renovieren, sie in dieser oder jener Art wieder auferstehen zu lassen, sei es als Pilgerstätte für Thelemiten, oder als Touristeneinrichtung musealer Prägung, bestückt mit Reliquien aus Crowleys Besitz, die noch immer im Rathauskeller von Cefalú oder in Privathand aufbewahrt werden.
Zur weiteren Beschäftigung mit diesem Thema seien folgende Werke empfohlen:
© Hadit 2002
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