Cover Stephen Mace
Die Virtuelle Mechanik der Zauberei

Der Name Stephen Mace besitzt für die moderne Magick einen guten Klang und erstrecht für die Leser des GOLEM, die bereits mehrfach Gelegenheit hatten, Essays von ihm zu genießen. Obwohl man geneigt ist, das vorliegende schmale Heftchen von 45 Seiten mit dem Titel „Die virtuelle Mechanik der Zauberei“ als Buch nicht ernstzunehmen, besteht diese Gefahr für den Inhalt keineswegs! Denn mit zunehmendem Hineinlesen in die sechs Kapitel des Essays steigt eine Faszination auf, die ihresgleichen sucht. Man muß an dieser Stelle einmal deutlich sagen, daß es einen magischen Autor von solcher Dichte und Originalität derzeit in Deutschland (leider) nicht gibt. Die Altmeister schweigen hierzulande oder schreiben beschauliche Lehrbücher mit dem Käse von gestern, der sich immer noch gut verkaufen läßt - und neue Visionäre lassen auf sich warten.
Ich kann Stephen Mace nicht ganz beipflichten, wenn er anfangs schreibt, daß wir „magick-sche Mechanismen nur nach unserem Willen einsetzen können, wenn wir sie verstehen“ - die bisherige Geschichte der Magie spricht dagegen - aber zweifellos gewinnt man durch die Lektüre seiner umfangmäßig kleinen, aber inhaltlich „dicken“ Schrift eine solche Menge an magischem Verständnis dazu, daß dies einer Offenbarung gleicht. Der Autor baut seine Gedankengänge mit Hilfe einer Analogie aus der Quantenmechanik auf. Dies fordert das intellektuelle Vermögen des Lesers heraus (und überforderte das der Übersetzerin, die auf S. 11 Elektronen sich auslöschen und verstärken läßt, obwohl die Phasen der Wellenfunktion gemeint waren). Die quantenphysikalische Erklärung, daß das „Auffüllen latenter Formen“, die „an der Wurzel unserer Welt liegen“, mit Energie zur Schaffung von Realität aus dem Nichts führt, überträgt Mace auf die Mechanismen von Synchronizitäten („Omen“) und die Erfolgsaussichten zauberischer Beschwörungen. Er führt dabei seine Gedanken aus „Adressing Power“ fort und vertieft sie, besonders bezüglich des „Geistmodells“ (Geister als virtuelle Formen, die darauf warten, mit Energie gefüllt zu werden) und der Methodik Austin Osman Spares. Gerade was das tiefere Verständnis Spares angeht, leistet Mace meiner Meinung nach Überragendes und ersetzt gängige Mystifizierungen durch klare Interpretation, die ihre Rechtfertigungen in einer möglichst vollkommenen magischen Praxis sucht. Wer daher „Die virtuelle Mechanik der Zauberei“ gelesen und sich ein individuelles Verständnis der dort entwickelten Zusammenhänge erarbeitet hat, findet eine essentielle Zusammenschau eines jeden möglichen magischen Pfades und alle Werkzeuge, um selbst voranzuschreiten. Das macht unbestreitbar den Wert dieses Buches aus! Doch in der ihm eigenen Art geht der Autor noch weiter und erörtert anhand der gewonnenen Erkenntnisse Fragen der Entwicklung des Universums und des menschlichen Geistes, spekuliert über „Gottes Plan“ und scheut nicht Implikationen philosophischer, sozialer und ethischer Tragweite. Seine Interpretation der Evolution als einer Selbst-Verbesserung der verschiedenen Spezies jenseits zufälliger Mutationen verdient genial genannt zu werden. Trotz aller Abstraktion weist er jedoch darauf hin, daß „Geist selbst keinen Wert hat, weil Geist ohne Materie keine Konsequenzen hat, und Konsequenzen das Flüchtige vom Realen scheiden.“ Das sei all denjenigen ins Stammbuch geschrieben, die diese Welt geringschätzen und meinen, nur in der Flucht aus der vermeintlichen Illusion ihr Heil suchen zu müssen. Lest Leute, lest selbst ...
FC

Erschienen ist das Buch im Bohmeier Verlag 2000
ISBN 389094-325-X
7,90 Euro

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