Cover Julius Evola
Die hermetische Tradition

Ein sehr umständlicher Titel, der es aber – um salopp zu sprechen – in sich hat. Das vorliegende Werk des Italieners ist, ohne Einschränkungen, eine wahre Schatztruhe für alle ‚Söhne des Hermes‘. Wenn auch der Autor selbst recht umstritten ist, was seine politische, zuweilen ziemlich konservative Haltung angeht, legt er hier eine Arbeit vor, die ihm einen Ehrenplatz im Parnassus der Esoterik sichert. Durch seine Arbeiten mit der ‚Gruppe von UR‘, die auch im Ansata-Verlag erschienen, in magischen Kreisen durchaus bekannt, liefert er hier eine durch eine unglaubliche Anzahl von Zitaten fundierte Einführung in eine lange gehütete Symbolsprache.
Eines vorweg: Evola besitzt nicht nur einen ekklektischen Einblick in die Eigenarten der Hermetik, die er mit der Alchimie gleichsetzt (“Für Julius Evola (1898-1974) war die Alchimie nicht – wie in der allgemein üblichen Auffassung – ein einzelner Spezialbereich, der sich ausschließlich mit Metallen und ihren Korrespondenzen im Menschen beschäftigte, sondern ein umfassendes, physisches und metaphysisches Gesamtsystem, das die Kosmologie ebenso in sich schloß wie die Anthropologie (im Sinne eines Gesamtwissens vom Menschen in körperlicher, seelischer und geistiger Beziehung). Alles, was Natur und Übernatur, findet sich nach ihm darin. Daher auch die Gleichsetzung von Alchimie und Hermetik bei Evola.”), sondern einen zauberhaften (sic!) Erzählton, der von der ersten bis zur letzten Seite gefangen nimmt. Das Buch unternimmt in zwei Teilen die Einweihung des Lesers. Im ersten Teil wird aus einer Vielzahl von Quellen ein so vielfältiges Bild der Symbole und der damit zusammenhängenden Gedankenwelt geschildert, daß es wirklich mehrere Anläufe benötigt, all die Korrespondenzen zu entwirren. Evola jedoch schildert in verständlicher Sprache und begeht nicht den Kardinalsfehler, selbst ins Schwärmen zu geraten. Besonders im Bereich der Alchemie stößt man oftmals auf Werke, deren Verfasser mit einiger Leidenschaft ihr Feuer nicht zügeln können ... und sich letztlich in Eigeninterpretationen verlieren. Wodurch natürlich die Materie dem interessierten Leser nicht gerade einfacher gestaltet wird.
Erst im zweiten Teil “bleibt [...] noch zu erkennen, welche Einzeloperationen mit Hilfe dieser Kraft auszuführen sind, um jenes wundersame Leben zu erlangen, das die hermetischen Meister, die ‚Erben der Weisheit von Jahrhunderten‘, hinter all den Rätseln und Geheimnissen verheißen.” (S. 119) Die dort geschilderten technischen und spirituellen Stationen des alchemistischen Weges zum ‚Stein der Weisen‘, zur ‚Unsterblichkeit‘ dienen als Grundlage für die Initiation in eine Tradition, die sich nicht nur in philosophischen, zuweilen doch obskuren Abstraktionen verliert, sondern auch eine praktische Anwendung für Bewußtseinserweiterung liefert. Die Vergoldung des Menschen – und dieses edle Metall nimmt der Herr Evola sich doch recht zu Herzen, in seiner “traditionalen Heroisierung” ist die Alchemie zu verstehen als ein Initationsweg der Eingeweihten. Er wendet sich gegen eine “Vulgarisierung, die bei einigen heruntergekommenen Formen der Orphik begann und mit dem Christentum die große Verbreitung erfuhr” (S. 124), die man durchaus auch als ein movens, einen agent provocateur betrachten kann – jedoch zu einem anderen Weg der Besinnung führend. Dies ist natürlich das Berauschende an diesem Buch: Evola weiß, was er von der Alchemie als hermetischer Tradition will, weil er selbst praktische Erfahrungen gemacht hat. Einen Weg zu begehen, der zu einer Bewertung der Welt und des eigenen Lebens führt. Natürlich kann sich der Verfasser nicht gänzlich von seinen andersweitigen Forschungen lösen, doch der Leser besitzt immer noch die Möglichkeit, die umfassende Quellenlage selbst zu studieren. Jedoch bezweifle ich stark, daß sich jemand diese ‚Heidenarbeit‘ nochmals aufbürden möchte. Ein großes Verdienst also, das man dem Autor zweifelsohne anrechnen kann.
Freilich entstammt das Buch in seinem Anspruch und in seinem Material einer Zeit, die von vielen ‚Magiern‘ heute nicht mehr als angemessen bewertet wird, was auch seinen Verfasser tingiert. Doch! Man bedenke die Worte Ernst Stadlers: Still, Seele! Kennst du deine eigene Heimat nicht? / Sieh doch: du bist in dir. Das ungewisse Licht, / [...] Und nichts, was jemals war und wird, das nicht schon immer dein.
Dominik "Geistbarde" Irtenkauf

Erschienen ist das Buch im Ansata Verlag 1990
ISBN 3-7157-0123-4
25,00 Euro

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