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Titel

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors
© 2001 by Stephen Mace
© für alle Bilder by Tula von Irminsul
Ins Deutsche übersetzt von Tula von Irminsul


1. Worum es geht

"Bestenfalls ist es psychedelisch, schlimmstenfalls Hexerei." So lehnte ein früher Kritiker die Bilder von Tula von Irminsul ab. Er fuhr fort, indem er seine eigene Neigung zum Schlimmsten eingestand, aber hinzufügte, dass dreihundert Jahre zurück die Künstlerin als Hexe verbrannt worden wäre.

Als Ablehnung gemeint, war dies ermutigender als das meiste - mehr wie ein Kreuz, von zitternder Hand gehalten, als eine Form höflicher Abweisung: "Weiche, süßer Dämon! Weiche!"
Wobei auch die weiteren Ausführungen des Herrn belegten, daß er sich über den Ursprung der Wirkung dieser Bilder durchaus im klaren war, obschon er persönlich Bedenken hatte, ihnen zu nahe zu kommen. "Sie sind erotisch, doch ist die Nacktheit nicht pornographisch. Sie ist schön und zieht dich in einen Strudel. Und wenn du herauskommst, kannst du Wirklichkeit nicht mehr von Illusion unterscheiden."

Wie er sagte, Hexerei.
Jedes von ihnen enthält einen psychischen Kaninchenbau, in den ahnungslose Ästheten hinein fallen können, und wer weiß schon, welche Abenteuer sie zu bestehen haben, bevor sie die Rote Königin treffen?
Doch während unser Kritiker in ihnen den Eingang zu Verdammnis oder Wahnsinn sah, ziehe ich es vor, optimistischer zu sein, indem ich sie als eine offene Einladung zu glücklicher Verzauberung sehe. Es hängt ganz von deiner Geisteshaltung ab, wenn du hineingehst.

Die Bilder der Tula von Irminsul sind Talismane, Mandalas, Thankas - Kunst, gemacht, um psychische Wirkungen zu erzeugen.
"Mein Ziel ist es nicht, so originell wie möglich zu sein", erzählte sie mir, "sondern so effektiv wie möglich".
Diese Wirkung ist nicht immer vorsätzlich; die Künstlerin hat ihre Vision und hält sie fest.
Aber ihre Auswahl des Sujets, des Mediums und der Ausführungsmethode sichern, daß ihre Vision sich einem jeden auch als Vision mitgeteilt, der in enge Verbindung mit dem Werk eintritt.
Die Kunst bringt den Betrachter in Kontakt mit einer tiefen Quelle der Kraft - einer, die jeden in sich hineinzieht, der den Mut hat, sich ihr zu stellen.

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Die Bilder von Tula von Irminsul sind Synopsen von Kraftprozessen, die auf Wegen dargestellt werden, welche das Unterbewußte des Betrachters stimulieren, diesen Prozeß in seiner oder ihrer eigenen Psyche in Gang zu setzen.
Die Kraftübertragung vom Bild zum Betrachter geht zunächst auf einem unbewußten Niveau vor sich.
Das bedeutet nicht, daß der Betrachter sich des Prozesses als solchem unbewußt wäre, doch wird er oder sie nichts über sein Fortschreiten sagen können - es sei denn, indem man es vorantreibt oder abbricht. Wenn man entscheidet, sich darauf einzulassen, dann ziehen Sexualität, üppige Farben und die Komplexität der Details den Betrachter in ein psychisches Voranschreiten hinein, welches für das, was er oder sie zu dem Zeitpunkt mit seinem oder ihrem Leben zu tun gedenkt, hilfreich sein kann oder auch nicht.
Die Bilder führen uns zu einem Ort, wo Gedanken unerwartet, aufstörend und gefährlich produktiv sind, und so könnte man zu dem Schluß kommen, daß dies ein Reich ist, das man besser unerforscht läßt.
Zu flüchten bedeutet den Blick abzuwenden - ein Akt der Feigheit, für den sich noch der Konventionellste schämen mag.
Doch wenn wir der Vision erlauben, uns zu ergreifen, dann müssen wir gehen, wohin immer ihre Dynamik uns trägt.

Natürlich sind manche der Bilder hierin anziehender als andere.
Einige stellen direkt symbolische Embleme dar, oft alchimistische, die einen Archetyp in einer speziell fesselnden Form zeigen.
Andere sind mehr wie die Zusammenschau von Einweihungsvorgängen, oder emotionale Erfahrungen, und in die Vision einzutreten bedeutet versucht zu sein, den Prozeß zusammen mit der Künstlerin zu vollenden.
Noch andere sind Wiedergaben physischer Landschaften in den Begriffen feinstofflicher Energien, die in ihnen wirksam sind.
Aber für alle gilt, daß dargestellte Realität in den Begriffen psychischer Energie gesehen werden muß.
Wenn man einmal damit beginnt, in diesen Begriffen zu sehen, dann schaut man mit solchen Augen auf alles und erkennt, wie die flüssige Potenz noch das belebt, was am weltlichsten zu sein schien.
Und wenn man es überall sieht, wird man kaum umhin kommen, es auch in einem selbst zu sehen, und hat dann keine Wahl mehr einzuhalten.

So ist diese Einleitung auf die Kräfte gerichtet, die Tula von Irminsul darstellt sowie auf die Techniken, sie mit der Psyche des Betrachters zu verbinden.
Wie zu erwarten steht, hat diese Technik viel mit Kraft selbst zu tun, weshalb ihre Einzelheiten von der Natur der Kraft und deren Verhalten abhängen, was in der Technik der Künstlerin dementsprechend durch Komposition und Form, Figur und Symbol, Untergrund und Farbe zurück gespiegelt wird.
"Zurückspiegeln" meint hierbei eine essentielle Technik, um das aufzubauen, was in der therapeutischen Hypnose als "Rapport" bekannt ist, ein Zusammenspiel von Wahrnehmungszuständen zwischen dem Therapeuten und dem Klienten, das den Therapeuten direkt befähigt, das Unterbewußte des Klienten auszurichten.
Daß die Rollen hier zwischen Künstler und Ästheten verteilt sind, macht weder hinsichtlich der Technik noch des Ergebnisses einen Unterschied.
Die Kunst richtet das Unterbewußte des Betrachters auf seine eigenen Bedingtheiten aus und prägt ihre Zauberdynamiken auf eine Weise ein, die der Geist nur schwerlich wird abweisen können.
Und wenn das Unterbewußte gewonnen ist, dann wird das Bewußtsein folgen - auf seine eigene Art und Weise, in seinem eigenen Zeitrhythmus - aber auf jeden Fall folgen.

 
II. Untergrund

"Alles ist aus Licht geschaffen worden.
Im Licht ist es, daß die Form erhalten wird.
Durch Licht geschieht es, daß die Form sich selbst erneut hervorbringt.
Die Vibrationen des Lichtes sind das Prinzip der universellen Bewegung.
Durch Licht sind die Sonnen miteinander verbunden, und sie verweben ihre Strahlen miteinander wie Ketten von Elektrizität.
Menschen und Dinge werden durch Licht wie die Sonne magnetisiert, und auf dem Wege elektromagnetischer Ketten, deren Spannung durch Sympathien und Affinitäten verursacht wird, sind sie fähig, miteinander zu kommunizieren, zu liebkosen oder zu schlagen, zu verwunden oder zu heilen, auf zweifellos natürliche, doch unsichtbare und gänzlich wunderbare Weise."

(Eliphas Levi, Der Schlüssel zu den großen Mysterien. S. 144).

Die Sonne scheint hier nicht.
Die Bilder der Tula von Irminsul entfalten psychische Energie, wo immer sie gefunden werden kann, und der Platz, wo es am schwersten ist, sie zu entdecken, ist das direkte Sonnenlicht.
Kraft kann sich in Träumen manifestieren, in Astralreisen, unter den Bildern, die mit dem geistigen Auge wahrgenommen werden oder im Raum ausgedehnt sein, im Schatten der Wälder oder in der Schwärze der Nacht.
Aber das grelle Sonnenlicht ist ein sicheres Mittel, sie zu bannen.
Die Sonne überflutet den gesamten Raum mit Glanz und schwarzem Schatten und kann nur eine Welt aufzeigen, die in Gestalten zerteilt ist, welche durch ihre so offensichtliche Körperlichkeit ineinander verankert sind.

Psychische Energie kann sich entäußern, um Welt zu erfassen, und im Sonnenlicht verfällt sie letztlich Wahrnehmungen, die, insofern sie dazu dienen, das Gebäude der etablierten Dinge zu errichten, als Rückstand hervorbringen, was unmittelbare Wirklichkeit ist.
Psychische Energie erschafft Ergebnisse, die kommende Wirklichkeit formen, aber um diesen Prozeß zu verstehen, müssen wir ihren verstrickten Impulsen bis hinunter auf Ebenen unterhalb der äußeren Welt, wo sich die Ergebnisse manifestieren, folgen.
Das ist etwas, was im grellen Licht der Sonne schwerlich möglich ist.

Es ist der Prozeß hinter der Bildung von Wahrnehmung - Schau, Einblick, Emotion - um den es Tula von Irminsul vorrangig geht, und das helle Licht scheint nicht in den Räumen, wo dies vonstatten geht.
Das Licht hierin ist astrales Licht - Licht, ausgesandt durch Vorhandensein und Agieren psychischer Energie.
Es emaniert aus dem Zwischenspiel der Bewußtheiten, die sie darstellt, und Sonnenschein würde deren wahre Natur und ihr Verhalten nur verschleiern.

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Und so kommen wir zu dem Untergrund, auf dem die Künstlerin ihr Werk aufbaut:
Die vollkommene Schwärze des Hintergrundes.
Daß dieser Hintergrund für ihr Vorhaben wesentlich ist, weiß ich aus Erfahrung - denn als sie mich in den Staaten besuchte, war die Suche nach Karton, der völlig schwarz und nicht reflektierend war, ein wichtiger Punkt in unserer Agenda.
Vollkommen schwarzes Papier erlaubt jeder Figur, Symbol oder Schemen, ihren oder seinen Platz oder Vorsatz mit dem eigenen Licht zu erfüllen, und so widerspiegeln diese die Art und Weise, in der die Wesenheiten in der dem Betrachter eigenen Psyche agieren.
Wenn das Netz der Vorstellung unter bestimmten Aspekten mit dem psychischen Netz korrespondiert, welches den Betrachter trägt, dann ist Rapport nur noch eine Frage gesteigerter Aufmerksamkeit.
Doch wird die anfängliche Anziehung in der Intensität des Lichtes liegen, und das muß, wenn man den Untergrund in Betracht zieht, Aufgabe der Farbe allein sein.

 
III. Farbe

Eine wesentliche Quelle des Irrtums in der Interpretation von Visionen - mögen sie nun herrühren aus Astralprojektionen, Träumen oder Offenbarungen, die unter der Vorstellung erwachen - besteht in der Tendenz, die Intensität der Vision mit ihrer Wahrhaftigkeit zu verwechseln.
Intensität eines Gespinstes - seine Klarheit und die Brillanz seines Lichts - hat nichts mit seiner Gültigkeit zu tun, sondern ist vielmehr ein Indikator dafür, wieviel Energie es hinter sich versammelt. Daher wird der Geist, der eine Art von Bedrängnis hervorbringt, glorreich erscheinen, bis die Angst konfrontiert wird, wonach er schnell in sich zusammenfällt.
Das gleiche geschieht mit Leidenschaften und Enthusiasmus: zuerst brillant, später moderat in dem Maße, wie sie in die Gesamtheit der eigenen psychischen Struktur integriert werden.

So ist es mit jeder psychischen Interaktion.
Die Akteure gewinnen Energie und verlieren sie, manche haben bessere Kraftquellen als andere oder Kraft anderer Art oder nach anderen Methoden gewonnen, und noch der stumpfeste und gedämpfteste Impuls kann großen Effekt erzielen, sofern er Dauerhaftigkeit als Qualität beansprucht.
Die Bedeutung, Natur oder Absicht einer psychischen Wesenheit ist durch die Symbole angezeigt, welche sie repräsentieren - literarisch, traditionell, natürlich oder analogisch - aber ihr energetisches Niveau ist als wechselseitige Funktion ihrer Brillanz zu sehen.

Und die Intensität der Vision wird sich ebenfalls verschieben, je nachdem, wie man sie betrachtet, was man ihr gegenüber fühlt und auf welchem Wege man durch seine vorhergehende Geschichte in sie involviert wird.
Die Vision ist eine Offenbarung der Dynamik psychischer Energie, doch auch du, der du sie wahrnimmst, bist das sinnreiche Zusammenspiel psychischer Energie, und so kann es dem Wesen nach keine Trennung des Wahrnehmenden vom Wahrgenommenen geben.
Wir leben in Verwebungen psychischer Energie, die so dicht sind, daß wir sie ohne weiteres Atmosphäre nennen könnten, und obschon wir sie mit Techniken der Magie manipulieren können, um in Übereinstimmung mit dem Willen Wirkungen zu erzeugen, gibt es doch keine Möglichkeit, daran nicht teilzuhaben - noch nicht einmal im Tod.

Durch ihren Gebrauch von Farbe schafft Tula von Irminsul Vorstellungen, die diese Dynamiken zurückspiegeln.
So führt sie das Unbewußte des Betrachters dahin, die Vision als Eigenes anzunehmen - mit allen Konsequenzen, die dies für die innere psychische Entwicklung oder Dissonanz nach sich zieht.

Am offensichtlichsten ist natürlich die Tatsache, daß alles Licht von den dargestellten Formen ausgeht.
Sie machen so ihre Gegenwart durch das geltend, was sie sind, und es gibt keine äußere Quelle, die sie in einem falschen Licht zeigen könnte.

Und außerdem variiert das, was sie sind, in Abhängigkeit davon, wie wir sie betrachten.

In der Kunst der Tula von Irminsul werden vielfache Wahrnehmungsniveaus durch das Zusammenspiel zwischen dem Reflektierenden und dem Farbigen vergegenwärtigt.
In einem bestimmten Bild legt die Künstlerin ein lineares Design in reflektierender silberner Tinte nieder, so wie es auch Flächen und Bänder fester Farbe gibt.
Und abhängig davon, wie der Betrachter das Bild im Verhältnis zu seiner äußeren Beleuchtung hält, wird der eine oder der andere Ausdruck dominieren.
Manchmal fallen sie zusammen, und das Silber wird zur genauen Außenlinie der Farbe.
Aber genau so oft besteht eine Dialektik zwischen beiden, subtil oder auffällig, deren Wechselspiel der Betrachter wie ein Kaleidoskop selbst ausrichten kann, je nachdem wie er oder sie das Bild hält.
Das bedeutet daß dann, wenn das Silber vorherrscht, die Farbe mit dem Schwarz verschmilzt, und wenn die Farbe überwiegt, das Silber fast nicht wahrgenommen werden kann. In Abhängigkeit von der individuellen Position wird die silberne Außenlinie entweder in eine "konventionelle" symbolische Interpretation der Vision hineinführen, die das Bild darstellt oder aber das Netz der Kraft anzeigen, welches die Aktion auf dem Bild bestimmt.
Die Farbe ist geeigneter, die Gesamtheit der Form und Natur der Kraft, um die es geht, darzustellen.
Ebenso tendieren die aufgesprühten oberen Schichten dahin, dem Bild ein weiteres ontologisches Niveau hinzuzufügen, welches im allgemeinen einen breiten Kraftfluß anzeigt, der die Umgebung ernährt, welcher wiederum die spezifischeren Komponenten entsprechen.
Und dann gibt es letztlich noch die Ränder, die entweder als Ursprung oder Endergebnis der Vision im Zentrum gesehen werden können.

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Für diese Einführung ist wichtig festzuhalten, daß Tula von Irminsul es so erscheinen läßt, als seien ihre Visionen uns für persönliche Einflußnahme zugänglich, und so, als ob sie unsere eigenen wären.
Ihr Stil gibt die visionäre Erfahrung genau wieder, und ihre Technik bietet uns die Option, uns innerhalb der Vision vor und zurück und von einer Interpretationsebene zur anderen zu bewegen - die gleiche Freiheit, die wir hätten, wenn sich die Vision in unseren eigenen Geist begeben würde.
Doch wird jeder Imagination, fähig, einen Kraftstrom darzustellen, die Tendenz innewohnen, diese Art von Kraft aufzurufen, insofern sie in der Lage ist, in Rapport mit einer Quelle einzutreten, die sie ernährt - zum Beispiel einem sympathischen Betrachter dieser Imagination.
Sofern Tula von Irminsul dazu ermutigt, durch direkte Beeinflussung in intime Verbindung einzutreten, kann dieser Rapport leicht erlangt werden.
Und dann kann die Grenze zwischen der Imagination und dem Betrachter durchlässig werden und willkürlich erscheinen.
Womit dann der psychische Akt, der im Bild dargestellt wird, in die Psyche des Betrachters eindringt, so daß die Vision zu dessen eigener wird.
Seine oder ihre spezifische Erfahrung mag der der Künstlerin, so wie sie sie niederlegt, ähneln oder auch nicht; es ist möglich, daß der Betrachter mit all den Implikationen der Symbole, die sie verwendet, nicht vertraut ist, den speziellen Arten von Pflanzen, die sie malt, den persönlichen Geschichten an der Wurzel der ausgebreiteten Handlungen.
Doch der Betrachter wird unabhängig von selbst gelebter Erfahrung hineingezogen - im Sinne karmischer Reaktion, welche psychische Aktivität tendiert zu provozieren.
Daher bietet die Kunst der Tula von Irminsul eine Initiation in die Tiefen ursprünglicher Realität - der Psyche selbst - da, wo sie in ihrer geschmeidigsten Form auftritt: dem Astrallicht.

 
IV. Der feinstoffliche Körper im Astrallicht

"Das universelle Licht ist wie die göttliche Vorstellung, und diese Welt, die sich unaufhörlich verändert, wennschon sie immer die gleiche hinsichtlich der Gesetze ihrer Konfiguration bleibt, ist der ausgedehnte Traum Gottes."
Eliphas Levi, Der Schlüssel zu den großen Mysterien, S. 158

"Eliphas Levi" war der Schriftstellername von Alphonse Louis Constant, einem französischen Okkultisten, der von 1810 bis 1875 lebte.
Von den Okkultisten der unmittelbar nachfolgenden Generation wurde er als Meister betrachtet. H.P. Blavatsky übernahm Levis Begriffe des alles durchdringenden Astrallichtes als ihre eigenen.
S.L. MacGregor Mathers, der erste Kopf hinter der Rosenkreuzerischen Erneuerung und hauptsächliche Theoretiker des Hermetischen Ordens der Goldenen Dämmerung, hielt ihn für einen großen Kabbalisten.
Aleister Crowley - Mathersī zeitweiliger Protege, der Prophet des Neuen Äons, dessen Darlegungen der Magick sicher die schlüssigsten des 20. Jahrhunderts waren, glaubte von sich selbst, Levis Reinkarnation zu sein, wobei er im Kapitel VII seiner Magick in Theorie und Praxis eine detaillierte Begründung für diesen Schluß bietet.
Crowley legte auch die englische Übersetzung des Schlüssels zu den großen Mysterien, dem Hauptwerk Levis, aus dem ich zitiere, vor und veröffentlichte sie als Anhang zur zehnten Nummer seines Equinox im Jahre 1913.

Heutzutage genießt Levi kein so hohes Ansehen.
Seine Kabbalistik wird nunmehr als mit der hebräischen Strömung wenig verbunden betrachtet; der Wissenschaftler Gershom Scholem charakterisierte seine Theorien als "brillante Mißverständnisse".
Natürlich kann man Levi durch die Tatsache entschuldigen, daß sein Interesse mehr hermetischer als hebräischer Natur war, doch werden heutzutage diejenigen, die an den magischen Aspekten der hermetischen Strömung interessiert sind, eher zu dem grundlegenderen Werk von Cornelius Agrippa oder zu dem kohärenteren Werk von Aleister Crowley und Dion Fortune greifen.
Auch bietet Levis Hinneigung zur traditionellen hermetischen Theorie statt zu irgendeiner Form von Praxis denjenigen Vertretern der Moderne wenig Anziehung, für die magicksche Kraft das vorrangige Motiv ist, Arbeit zu betreiben.
Dort, wo man grundsätzlich inspiriert ist von der Praktikabilität Crowleys und dem symbolischen Relativismus Austin Osman Spares, besteht tendenziell wenig Interesse an Levis Analysen der wahren Bedeutung der alten Mysterien.
Doch zweifellos gibt es einen Aspekt in Levis Denken, der völlig über das Symbolische und die Notwendigkeit historischer und theologischer Geläufigkeit erhaben ist, und das ist seine Theorie des Astrallichtes.

Levi zufolge setzt sich jedes Wesen aus "einer geistigen Seele, einem materiellen Körper und einem formbaren Medium - aus Licht gemacht, teils flüchtig und teils fix, zusammen".
Dieses "formbare Medium" ist nichts anderes als was wir Vertreter der Moderne den feinstofflichen Körper nennen, und dieses "Licht" ist die psychische Energie, die ihn belebt.
Den flüchtigen Aspekt dieses Lichts nennt Levi "magnetisches Fluidum", und das Fixierte ist der "fluidische oder aromatische Körper" (Schlüssel..., S. 83).
Levis Arbeit über die Zusammensetzung und das Verhalten dieses "formbaren Mediums" und über das Astrallicht, das es beeinflußt, ist sein dauerhaftestes Vermächtnis und etwas, das außerordentliche Bedeutung für das Verständnis der Kunst von Tula von Irminsul hat.

Das "formbare Medium" oder der feinstoffliche oder Lichtkörper ist im Tantra, im Tao sowie in spiritistischen und theosophischen Kreisen wohlbekannt und steht im Zentrum eines jeden Yogas, das sich nicht nur mit Körperpositionen befaßt.
Levi erklärt, daß das Licht, aus dem es besteht, "teilweise flüchtig und teilweise fix ist", und diese Unterscheidung kann auch auf jedwede andere Wesenheit angewandt werden, die wir im magischen Raum antreffen können.
Das "Fixe" ist die Anatomie des Ätherkörpers, die beim Menschen auf der grundsätzlichen Struktur der Chakren, der Kundalini und der Kraftflüsse, die sie verbinden, beruht - alles in unseren fleischlichen Körpern verankert.
Das Flüchtige ist das "magnetische Fluidum" oder die psychische Energie, die dies belebt, so daß es in den Begriffen des Ätherischen wirkungsvoll agieren kann.
Ich würde ergänzen wollen, daß eine dritte Art von ätherischer Substanz als zusammengehörig mit diesen beiden betrachtet werden sollte - die Lebenskraft, welche Kraft ist, die vom physischen Körper aufgebracht und dann zum feinstofflichen Körper übertragen wird, um ihn auf einer Von-Moment-zu-Moment-Basis zu beleben.
Die drei körperlichen Substanzen, die meistenteils mit Lebenskraft assoziiert werden, sind Atmung, Blut und Samen, was für deren Bedeutung in der praktischen Magie spricht.

In Übereinstimmung mit Levi ist das Astrallicht das Medium des menschlichen Willens, die Verbindung zwischen dem Bewußtsein in der Seele und der Tätigkeit im Körper und auch das Mittel, durch das der Geist auf Entfernung hin arbeiten kann, um magische Wirkungen hervorzubringen.
Im Schlüssel zu den großen Mysterien teilt er uns mit:

"Die Seele kann, indem sie durch ihre Willensentäußerungen mit diesem Licht arbeitet, es auflösen oder gerinnen lassen, es projizieren oder zurückziehen...Sie reagiert auf der Grundlage des Nervensystems und bringt von daher die Bewegungen des Körpers hervor.
Dieses Licht kann sich selbst unendlich ausdehnen und seine Widerspiegelungen über beträchtliche Entfernungen mitteilen; es magnetisiert die Körper, die der Tätigkeit des Menschen unterworfen sind und kann, indem es sich selbst konzentriert, sie wieder zu ihm hinführen."

(ebd. S. 83 - 84)

Hier haben wir die Dynamik hinter der großen Mehrzahl interpersoneller magischer Wirkungen.
Beschwörungen sind Rituale, die entworfen sind, um Licht hervorzubringen, das hinsichtlich einer spezifischen Wirkung produktiv ist.
Talismane sind einfach symbolisch kompatible Objekte, die mit Licht geladen werden, um es zu speichern oder auf ein Ziel hin zu lenken. Bannungsrituale senden Licht aus, das mit reinigender Absicht geladen ist, um seinerseits Rückstände von Licht abzustreifen, das durch vergangene Vorhaben geschaffen worden war.
All dies ist durch den Willen ausgerichtet, und der feinstoffliche Körper ist das Werkzeug des Willens, um Licht zu manipulieren. Im gleichen Werk fährt Levi fort, indem er schreibt:

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"Unser formbares Medium ist ein Magnet, der unter dem Druck des Willens Astrallicht anzieht oder abstößt.
Es ist ein Lichtkörper, der sich entsprechend den Formen reproduziert, die den Ideen am meisten ähneln.
Es ist der Spiegel der Vorstellung.
Der Lichtkörper wird vom Astrallicht ernährt, so wie der organische Körper von den Früchten der Erde ernährt wird."

(ebd. S. 88)

Der Initiant ist die Person, die sich dessen bewußt ist und sein oder ihr Bestes tut, um den Prozeß zu kultivieren.
Beim Nichtinitiierten bleibt das Astrallicht sich selbst überlassen - von landläufigen Vorstellungen hin - und hergeblasen; strikt an seinem Platz gehalten durch religiöse, wissenschaftliche und politische Dogmen, vage gehandhabt von einer rudimentären feinstofflichen Anatomie und unerkannten unterbewußten Verhaltensmustern.
Nur die Schimmer, die in Träumen aufkommen, zeigen an, daß irgendeine Art okkulter Tätigkeit vor sich geht.
Doch gelangen wir erst einmal zur Einsicht, daß unsere feinstofflichen Körper über eine Anatomie verfügen, die wir ebenso betätigen können wie die Muskeln, das Herz oder die Lungen, dann kann deren Entwicklung hin zu einer Initiation rasch voranschreiten.
Hierzu nochmals der Schlüssel zu den großen Mysterien:

"Das formbare Medium ist wie eine Metallstatue immer in einem Zustand der Schmelze begriffen.
Wenn die Gußform fehlerhaft ist, wird es verformt; wenn die Gußform zerbricht, läuft es aus.
Die Gußform des formbaren Mediums ist ausgewogene und polarisierte Lebenskraft.
Unser Körper zieht über die Mittel des Nervensystems diese flüchtige Form des Lichts an und erhält sie, doch örtliche Erschöpfung oder teilweise Überreizung der Apparatur können fluidische Verformungen hervorbringen."

(ebd. S. 98)

Ich würde anmerken wollen, daß durch Übungen, die darauf gerichtet sind, den feinstofflichen Körper oder das formbare Medium zu entwickeln, die Form, die ihn definiert, sowohl hinsichtlich der Stärke als auch der Anpassungsfähigkeit verbessert werden kann. Diese Übungen schließen den Gebrauch der Vorstellung und auch die Lebenskraft ein.
Durch konzentrierte Visualisation, die durch Atmung, muskuläre Kontraktion, sexuelle Disziplinierung und psychoaktive Drogen energetisiert wird, kann der feinstoffliche Körper auf ein hohes Niveau der Stärke und Fähigkeit gebracht werden.
Anleitungen für Übungen wie diese können leicht in der Literatur des Taoistischen und Tantrischen Yogas gefunden werden, sind in ihrer Komplexität aber möglicherweise verwirrend.
Eine vereinfachte und immer noch gültige Behandlung, die für die magische Praxis geeignet ist, kann in meinem eigenen Essay "Der feinstoffliche Körper" gefunden werden, der zu meiner Sammlung von Essays unter dem Titel "Adressing Power - Zielgerichtete Kraft" gehört.
 

V. Das universelle Netz

Ein Problem, das moderne Leser mit Levis Werk haben könnten, liegt in seiner Terminologie, speziell in seinem Gebrauch der Begriffe "Elektrizität", "Magnetismus" und "Elektromagnetismus".
Für uns Heutige gehören sie zu den Maxwellschen Gleichungen, zu Toastern, Elektromotoren und Fernsehzubehör - all dem, was vom regulären Verhalten der Elektronen und Photonen mit ihren verschiedenen Frequenzen und Medien abhängt.
Man kann sagen, sie hätten etwas Materielles - so wie Ziegelsteine, doch haben sie nichts Inneres und Wesentliches zu tun mit der Psyche und dem Okkulten.
Daher ist etwas historische Einsicht und sympathetische Einfühlung erforderlich.
Levis naturwissenschaftliche Bildung war gleich Null - er war Experte in römisch-katholischer Theologie, den Hermetischen Wissenschaften und den Klassikern.
Natürlich war er wohl vertraut mit den Theorien von Anton Mesmer, obschon Levi die Ursprünge seines eigenen Denkens auf Paracelsus zurückführen würde.
Außerdem sollten wir uns vergegenwärtigen, daß die physikalische Theorie der Elektrizität und des Magnetismus noch in den Kinderschuhen steckte, als Levi den Schlüssel 1861 veröffentlichte.
Wennschon die Experimente, die all die Arten von Elektrizität miteinander sowie Elektrizität mit Magnetismus verbanden, durch Michael Faraday in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchgeführt worden waren, hatte Maxwell bis 1864 dem Bereich noch nicht seine mathematische Form verliehen.
Daher sahen die zahlreichen Nachfolger Mesmers wenig Grund, von der Anwendung der Faradyschen Entdeckung elektrischer Felder und "Kraftlinien" auf das Gebiet des Psychischen Abstand zu nehmen, und so ergaben sich eine vermischte Begrifflichkeit und ausgedehnte Verwirrung im populären Gebrauch der Zeit.
Aus diesen Gründen muß Levis Gebrauch solcher wissenschaftlicher Terminologie mehr analogisch denn wörtlich genommen werden.

Und die Analogie ist immer noch gültig.
Der Psyche wohnt ganz sicher die Kraft inne, eine andere Psyche zu sich hin zu ziehen oder sie anderenfalls auch abzustoßen, und magische Operationen können sie sowohl über Distanz übertragen als auch massenträge Objekte mit ihr aufladen, so daß ihr Einfluß in ihnen gespeichert wird - alles in Abhängigkeit von ihrer Intensität, ihrem Charakter und ihrer Verwendung.

Aber wie werden diese Manipulationen ausgeführt, und was haben sie zu tun mit der Kunst von Tula von Irminsul?

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Zu allererst ist da Levis Annahme der Kontinuität und allgemeinen Anwesenheit des Astrallichtes durch das Universum hindurch - so, als wenn das Bewußtsein eine einzige kontinuierliche Interaktion wäre, ganz ähnlich den unendlich miteinander verbundenen Gravitationsfeldern, deren Gesamtheit die Milchstraße ausmacht.
So, wie es in dem Zitat ausgedrückt wird, daß das letzte Kapitel einleitete, ist Realität "der ausgebreitete Traum Gottes", und das Astrallicht ist das Medium, wodurch er sich selbst realisiert.
Es kann gesehen werden als das Medium aller menschlichen Interaktion, die das physikalische Erklärungsmuster übersteigt - von politischem und religiösem Enthusiasmus bis zum Verhalten von Menschenmassen und Jungs kollektivem Unterbewußten und solchen okkulten Phänomenen wie prophetischen Träumen und Telepathie, Energieheilung und effektiver Beschwörung.
Levi sagt dazu:

"Die menschliche Seele ist materiell; der göttliche Geist (mens) ist angehalten, sie unsterblich zu machen und sie spirituell und individuell zu beleben, doch ihre natürliche Substanz ist fluidisch und kollektiv.
Von daher gibt es im Menschen zwei Leben: das individuelle oder vernunftgesteuerte Leben und das gemeinschaftliche oder instinktive Leben.
Mit letzterem hängt es zusammen, daß man in den Körpern anderer leben kann, da die universelle Seele, über die jeder nervengebundene Organismus ein separates Bewußtsein hat, für alle die gleiche ist."

(Schlüssel, S. 155)

Levi fährt fort, indem er uns mitteilt, daß wir in diese universelle Seele eintauchen, wenn wir uns im Leib unserer Mutter befinden, wenn wir schlafen und wann immer wir in einem ekstatischen Zustand sind. Und wir gehen mit dem Tod in sie ein, des Brennpunktes beraubt, den ein physischer Leib bietet.
Daher sind "die Gottlosen",

"das heißt, diejenigen, welche sich selbst von den rohen Instinkten zum Vorurteil menschlicher Vernunft hin beherrschen lassen, im Meer des gewöhnlichen Lebens mit all seiner Seelenpein ewigen Todes ertrunken, während die anderen obenauf schwimmen und sich für immer an den Reichtümern dieses flüssigen Goldes erfreuen, welches sie glücklich beherrschen."

(Schlüssel, S. 155)

Freilich konnte Levi im römisch-katholischen Frankreich des 19. Jahrhunderts schwerlich über Reinkarnation spekulieren, doch wäre die Dynamik meistenteils dieselbe.
Jenen, die dem Verlangen in die Falle gehen und im Strom des Lebens hinunter gezogen werden, die Selbstidentität von der Strömung hinweg gerissen, stehen diejenigen gegenüber, welche, frei von Leidenschaft, die Strömung nach ihrem Willen steuern können.

Doch ist es der Effekt der Gemeinschaftlichkeit des Bewußtseins im Lebendigen, was uns hier vorrangig beschäftigt.
Wir sind verletzlich gegenüber dem Zerren und den Verwicklungen des Netzes der Bewußtheit um uns herum, doch sind wir keineswegs seine unausweichlichen Opfer.
Jeder Mensch mit einer vernünftig integrierten Persönlichkeit kann für einige Zeit den Strömungen psychischer Kraft, die um ihn/ sie herum fließen, einfach durch willentliche Fokussierung seiner oder ihrer Aufmerksamkeit auf etwas anderes hin widerstehen.
Wie Levi hervorhebt, formen wir das Licht mit unseren Vorstellungen, und in dem Maße, in dem wir fähig sind es zu handhaben, wird es seinerseits unfähig sein, unsere Individualität zu überwältigen. Jede Psyche ist in sich selbst eine Kugel von Licht, ihre eigene partikuläre Vernetzung im n-dimensionalen Geist Gottes, zusammengehalten auf der Grundlage des Körpers und der Einheit des Willens.
Natürlich kann persönliche Schwäche zu desintegrierenden Umständen führen, sodaß diese Vernetzungen sich auffasern und ihre Fibern in die verbindenden Fäden hineingezogen werden, die die astrale Umgebung ausmachen.
Wie Levi anmerkt:
"Von daher erzeugt die Nachbarschaft mit Kranken schlechte Träume, und die Seele atmet Unzuträgliches, wenn man sich in Gesellschaft von Narren und Spitzbuben aufhält." (S. 156)
Das heißt nun nicht, daß man Freunde schneiden sollte, die im Krankenhaus liegen oder vermeiden sollte, mit der Metro zu fahren, doch kann man auf längere Sicht dahin tendieren, den psychischen Charakter der eigenen Umwelt zu assimilieren.

Ein ähnlicher, doch weitaus positiverer Einfluß findet sich in dem, was der kreative Künstler in seinem Werk aufruft.
Auch wird das Potential für eine tiefe Verbindung entsprechend größer sein, wenn der Künstler seine Kompositionen entsprechend den Dynamiken des Okkulten entwirft und sie dann im eigenen visionären Zustand ausführt.
Abgesehen von ihrer Darstellung des Erotischen, dem schwarzen Untergrund und dem vielschichtigen Gebrauch von Farbe sind die Symbole, die Tula von Irminsul benutzt, um ihre Auffassungen zu transportieren, für sie selbst alle von intensiver Realität und habe so die Tendenz, eine ähnliche Antwort im Betrachter aufzurufen, auch wenn das Verständnis der Symbolbedeutungen bei diesem Betrachter verschieden von dem der Künstlerin sein sollte.
Obschon von daher das Zusammentreffen jedes Betrachters mit der Kunst für ihn oder für sie einzigartig sein mag, wird er oder sie trotzdem sicher sein können, irgendeine Art von psychischer Erfahrung zu durchlaufen.
Die Kunst wurde ursprünglich ausgeführt als Form psychischer Erfahrung, und so wird diese Dynamik grundlegend sein für jedwede Interpretation, die der Betrachter auch immer darauf anwenden mag. Die Bilder sind als Kraft gemalt, dargestellt in Konfigurationen, die Erinnerungen an Muster wachrufen, welche die Kraft zu bilden pflegt.
Der Betrachter sieht sich von daher ermutigt, sie auf welche Kraftprozesse auch immer anzuwenden, die in seinem oder ihrem Leben am wichtigsten sein mögen.

 
VI. Licht nutzen

Hinter der Frage der Kontrolle der astralen Kraftströme steht die einer wohlgeordneten Technik, die so zu stellen wäre:
Wenn man mit dem Astralen arbeitet, was wären dann dafür die besten Strategien?
Wahrscheinlich besteht das dafür Grundlegendste in der neuplatonischen Annahme, die Levi als ein Axiom aufstellt:
"Der Geist bekleidet sich selbst um hinabzusteigen, und er entblößt sich selbst, um aufzusteigen."
Er fährt fort, indem er sich näher erklärt:

"Warum sind mit Körpern bekleidete Geister erschaffen? Es ist, da sie begrenzt sein müssen, um eine mögliche Existenz haben zu können.
Wären sie alles Körperlichen entblößt und wären sie in Konsequenz grenzenlos, so würden erschaffene Geister sich selbst im Unendlichen verlieren, und wenn sie die Kraft vermissen ließen, sich selbst irgendwo zu konzentrieren, so wären sie überall tot und impotent, verloren wie in der ungeheuren Größe Gottes."
(ebd. S. 158-59)

Jedweder Geist, der auf dich einwirkt muß eine Form haben, einfach weil du eine hast.
Dein Körper hat eine Form, die Gegenstände um dich herum haben Formen, die Meinungen, die deine Gedanken umschließen, treten in Formen auf, und um sie beeinflussen zu können, ist die Intervention von Form nötig. Oder wenn nicht einer Form, so doch die Intervention einer partikulären Art der Tätigkeit oder Energie, einer, die personifiziert und von daher als eine Wesenheit in astralen Begriffen - notgedrungen an Form gebunden - repräsentiert sein muß.

Dies ruft eine der pragmatischeren Neuerungen der modernen Magie ins Gedächtnis - die Auffassung, daß eine jede Art psychischer Kraft, die diskret genug ist, eine Bestimmtheit aufzunehmen, als ein getrennter Geist behandelt werden kann - benannt als ein Geist, adressiert als ein Geist, aufgerufen als ein Geist und als Geist in Gehorsam gebunden, um in Übereinstimmung mit dem Willen besser gehandhabt zu werden.
Solch ein Geist muß keine Verankerung in der Tradition oder Vorgänger haben.
Alles, was er braucht, ist eine spezifische Funktion, und dies ist einfach genug, um künstliche Geister herzustellen, welche die Kraft umformen können, die emotionale Ineffizienzen bewegt hin zu Kraft, um deinen Willen zu energetisieren - zum Beispiel Unwillen über den bürgerlichen Staat in literarische Kreativität.
Das einzige Kriterium, um die Legitimität eines Geistes zu beurteilen, ist seine Effektivität.
Wenn er funktioniert, dann ist er ausreichend real, und es braucht kein anderer Standard auf ihn angewandt zu werden.

Ganz sicher findet sich kein Widerstand auf Seiten der astralen Welt.
Sie ist in höchstem Maße gestaltbar, bereit, jeden symbolischen Umriß aufzunehmen, den du darauf projizierst, und man muß nur bereit sein, die immanent mit diesem Muster verbundenen Konsequenzen zu akzeptieren, um es dort tätig werden zu lassen.
Dann aber hat diese offensichtliche Anpassungsfähigkeit viel damit zu tun, die Standbilder der Gottheiten, die hergebrachter Weise von der Menschheit verehrt werden, zu relativieren, da es dann, wenn wir anfangen, pragmatische Betrachtungen auf das Astrale anzuwenden, keine Alternative gibt, sondern der Prozeß bis zu seinem logischen Schluß fortgeführt werden muß.
So wie Aleister Crowley zu Beginn seines "Liber O" schrieb:

"In diesem Buch geht es um die Sephiroth und um die Pfade, um Geister und Beschwörungen, um Götter, Sphären, Ebenen und viele andere Dinge, die existent sein können oder auch nicht.
Es ist unerheblich, ob sie existieren oder nicht.
Indem man bestimmte Dinge tut, folgen bestimmte Dinge nach; Schüler seien aufs Ernsthafteste davor gewarnt, irgendwelchen von ihnen objektive Realität oder philosophische Gültigkeit zuzuschreiben."

Und wie der englische Chaosmagier Peter J. Carroll in einem jüngst online veröffentlichten Artikel unter dem Titel "Magische Theorie" schrieb:

"Wenn du eine "synthetische" Wesenheit ,Gott oder Dämon evozierst oder invozierst und Ergebnisse erlangst, so gut wie von einer als "real" angenommenen, dann wird die Versuchung überwältigend, alle sogenannten realen Wesenheiten als synthetisch zu betrachten."

Solch offene Mißachtung der wohlgeordnet festgelegten göttlichen Hierarchien war das Anathema für Levi, der seine letzten Jahre in dem Versuch hinbrachte, die Hermetik mit dem römischen Katholizismus zu versöhnen.
Aber letztlich befinden sich hinsichtlich dessen der hermetische und der katholische Standpunkt in voller Übereinstimmung. Beide verharren ganz und gar in der Knechtschaft der himmlischen und göttlichen Hierarchien und zollen Kräften, die von woanders als den Himmeln über uns kommen, keinerlei Respekt.
Die fruchtbare Erde, in gefährlichen Veränderungen zerklüftet, die Pflanzen, die auf ihr wachsen und die Gewässer, die über sie fließen - all dies haben sowohl die hermetische wie auch die katholische Tradition als unter der Würde menschlicher Tätigkeit liegend entweder verdammt, ignoriert, weggelassen oder verbannt.
Levi gibt in seinem letzten Werk, Das Große Geheimnis oder der unverhüllte Okkultismus, ein typisches Beispiel dieses Irrweges:

"Die Delphische Pythia, die auf einem Dreifuß über einer Spalte im Erdboden saß und astrale Flüssigkeit in ihre Geschlechtsteile hineinzog, fiel in einen Zustand der Demenz oder Hellsichtigkeit und stieß unzusammenhängende Sätze hervor, die mitunter auf Orakel hinausliefen.
Alle hochgestimmten Wesenheiten, die für die Verwirrung der Leidenschaften beiseite gelassen wurden, ähnelten der Pythia und atmeten im Python, das heißt, im bösartigen und verhängnisvollen Geist der Erde.
Danach projizieren sie gewaltsam die Flüssigkeit, von der sie durchdrungen sind, indem sie die Lebenskraft anderer Wesenheiten inspirierten und unmittelbar danach absorbierten, und so halten sie den Kreislauf der bösartigen Kräfte aufrecht, zuerst die des bösen Blickes und dann die des Vampirs."

(ebd. S. 47)

Hier finden wir die platonische Tendenz der Hermetik und des Katholizismus in einer besonders negativen Form.
Ihre Prämisse sagt aus, daß alle Kraft aus dem absoluten Einen oder der Drei-in-Einem oben und dem göttlichen Geist (mens), der davon ausstrahlt, kommen muß, und daß Kräfte aus irgend einer anderen Quelle - zum Beispiel von der Erde und der Natur - notwendigerweise niedrig und zerstörerisch sein müssen.
Doch tatsächlich kann die Energie, die jene abgeben, rein und hilfreich sein und frei angezapft werden, wenn man in der Lage ist, die Elementale zu handhaben, die für ihre Produktion zuständig sind. Ironischer Weise können sie mit den gleichen Werkzeugen gehandhabt werden, die Levi und seine Nachfolger auf die zeremonielle Magie anwandten.
Elementale antworten auf Bannen und Binden ebenso gut wie es planetarische Intelligenzen und persönliche Dämonen tun; die psychische Wucht bei der Aufnahme pflanzlicher Alkaloide kann durch die geübte Handhabung des feinstofflichen Körpers kontrolliert werden. Die astralen Strömungen - mögen ihre Quelle nun der Himmel über uns oder die Erde unter uns sein, können dem Willen unterworfen werden, wenn er nur die Kraft und Fertigkeit dazu hat.

Andererseits kann es sein, daß ich nicht ganz fair zu Levi bin. Im Großen Geheimnis stellt er fest, daß

"es keine Pflanze, Insekt oder Stein gibt, die nicht irgend eine magnetische Eigenart in sich bergen würden und in der Lage wären, dem menschlichen Willen im Guten oder Bösen zu dienen."
(ebd. S. 83)

Levi löste den Widerspruch auf, indem er sagt, daß Hohe Magier und Schwarzmagier die gleiche Kraft benutzen

"mit dem Unterschied, daß der Hohe Magier sich am Baum festhält, wenn er den Ast kappt, während der Hexer auf dem Ast sitzt, den abzusägen er im Begriffe steht."
(ebd. S. 84)

Für Levi ist der Baumstamm der Wahre Glaube und der Bürgerliche Staat, dessen Autorität Letzterer sanktioniert.

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Doch müssen wir uns dann daran erinnern, daß Levi diese Worte 1868 schrieb und sich seitdem die Zeiten grundlegend geändert haben.
In Übereinstimmung mit der Offenbarung Aleister Crowleys im Jahre 1904 - dem Liber Al vel Legis - und dem Thelemitischen System, das er daraus herleitete, ist diese Annahme von Levi nicht mehr gültig, da sie im Zuge des Wechsels der Äonen, den das Buch ankündigt, hinfällig geworden ist.
Es kann keine Lösung mehr sein, sich selbst mit den Ketten der Unterwerfung am Baum des Establishments festzubinden, sondern den Baum in sich selbst zu finden, indem man den eigenen Wahren Willen erforscht und ihm dann folgt.
"Jeder Mann und jede Frau sind ein Stern.", erklärt das Buch, und das Ideal ist es, seine eigene Umlaufbahn zu finden und dann in Übereinstimmung mit ihr zu leben.
Diese Unterordnung unter das, was man wirklich ist statt unter eine äußere Autorität (gleich, wie ehrwürdig diese sein mag), macht jede Anrufung gesetzestreu, solange das eigene Zentrum des Sternes massiv genug ist, nicht von den Kräften, die man aufruft, aus dem Orbit gezogen zu werden.

In der Welt um uns gibt es Künste und Disziplinen, deren Praxis diese zentrale Masse erhöhen werden.
Die effektivste, überall anwendbare Methode wird sicher in der vorher erwähnten Entwicklung des feinstofflichen Körpers bestehen.
Doch mag dies zu mehr Erfolg führen, wenn man über eine starke Konzentration verfügt, die durch Übungen des Raja-Yoga unterstützt werden kann, und in dieser Praxis kann man besser voranschreiten, wenn man sich in hartnäckiger Ausdauer geübt hat, zum Beispiel vermittels der Disziplin, die Aleister Crowley in seinem "Liber III vel Jugorum" beschreibt.
Letztlich muß man die Charakterstärke entwickeln, die man benötigt, um von den Konsequenzen der eigenen Beschwörungen nicht hinweggerissen zu werden sowie eine moralische Strategie, die Carlos Castaneda in seinen ersten vier Büchern gut dargelegt hat.
Dann kann man vermittels der Kunst der Astralprojektion und der Unterstützung des eigenen Heiligen Schutzengels daran gehen, überhaupt jeden Geist ausfindig zu machen und zu binden, und zwar ohne auf Kirche oder Staat zurückzugreifen, solange man dem eigenen Willen folgt.

 
VII. Eine neoschamanische Synthese

So haben wir unsere Welt: ein Netz von allseits verbundener psychischer Kraft, die aus Überfülle individueller, sich selbst bewußter Punkte organisiert ist.
Jeder von diesem ist eine Wesenheit, die mit den anderen durch Linien der Bewußtheit und Kraft verbunden ist, alle eingestimmt auf den einen oder anderen der Töne, die entlang eines ganzes Spektrums von Vibrationen vernehmbar sind, Töne, so verschieden wie die physischen Vehikel der Wesenheiten.
Die Steine liegen in Trance, die Pflanzen schlafen, Tiere träumen, Menschen wachen, wie Dion Fortunes Dr. Taverner sagt.
Alles ist Kraft, die genutzt werden kann, auf die eine oder andere Weise, in Abhängigkeit von ihrer Schwingung und unseren Vorsätzen. Alles ist eine Matrix von Information, konsistent mit dem Kontext ihres Agierens, was unserer eigenen Logik widersprechen mag oder auch nicht.
Doch wird alles im Astrallicht seine Manifestation finden. Wenn wir Selbstkontrolle verbinden mit einer Empathie für die involvierten Wesenheiten und der Sensibilität, sie wahrzunehmen, dann sind die Möglichkeiten, die Kraft zu nutzen, unbegrenzt.

Dieses Bedürfnis, in einen Rapport mit den natürlichen Kräften einzutreten, ist typisch für den Schamanismus - geradezu seine grundlegende Charakteristik - , und mit der kulturellen Vermischung, die durch den westlichen Imperialismus unvermeidlich gemacht wurde, ist es nur natürlich, daß die schamanische Geisteshaltung in den okkulten Mainstream eingegangen ist.
Zwei Systeme, die die Erdenergien positiv sehen und in den letzten drei Jahrzehnten Verbreitung gefunden haben, seien hier stellvertretend genannt: das englisch-amerikanische Wicca und der germanische Asatru.
Und für jene, die einen östlichen Bezugspunkt suchen, sei angemerkt, daß die sublime Philosophie, Psychologie und Magie des Taoismus sich nahtlos in eine schamanische Perspektive einfügen und das taoistische Konzept des feinstofflichen Körpers und seiner magischen Praxis jedem, der sich mit den Energien der natürlichen Welt zu verbinden sucht, einen umfassenden Zugang sowie Kontrollmöglichkeiten bietet.
Wer dies mit den rituellen Werkzeugen verbindet, die die Rosenkreuzerische Erneuerung und die Chaosmagie bieten, dem wird es nicht schwer fallen, mit den Wesen um sich herum in eine funktionierende Beziehung einzutreten - wenn du nur über die Beharrlichkeit verfügst, deine Arbeit zu tun und über den Mut, ehrlich mit den wie auch immer erzeugten Ergebnissen umzugehen.

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Die Kunst von Tula von Irminsul steht ganz und gar in der Linie des Eklektizismus, der der neoschamanischen Sichtweise eigentümlich und übrigens auch in ganz anderen Kunstrichtungen unseres transkulturellen Zeitalters häufig zu finden ist.
Sie hält diese Synthese auf hohem Niveau durch - namentlich indem jedes Symbol, das sie in ihre Kunst hinein nimmt, die Kraft hat, sein eigenes Schicksal zu erfüllen.

Unter diesem Kriterium betrachtet kann die Notwendigkeit, zu interpretieren, was die Künstlerin meint, als zweitrangig gesehen werden im Verhältnis zu der Frage, was die Kunst bewirkt, da sie sie in einer Form darstellt, in der sowohl sie als auch der Betrachter Gefahr laufen, die Kontrolle über ihre Wirkung zu verlieren.
Sie malt die Vorstellungen aus einer Haltung heraus, die von ihrer intensiven Einbezogenheit ihnen gegenüber geprägt ist, doch bestimmt dies in keiner Weise, was diese Vorstellungen für irgend jemand anderen bedeuten mögen.
Es ist nur sicher, daß, wie auch immer diese Vorstellungen interpretiert werden, ihre Intensität durchwirken wird, insofern die einzeln dargestellten Dinge Akteure sind, die eine magische Funktion ausführen, welche untrennbar mit dem Werk verbunden ist.
Diese Funktion wird ihre Macht beibehalten, gerade auch wenn der Betrachter den Stellenwert der dargestellten Vorstellungen ausschließlich seiner oder ihrer eigenen Erfahrung zuordnet, da die Basis des Werkes, die grundlegende Dynamik, die es zeigt, die gleiche bleibt.

 
VIII. Symbolik

Mit all dem vor Augen möchte ich sagen, daß die Glyphen in Tula von Irminsuls symbolischem Vokabular für gewöhnlich ziemlich bestimmt sind hinsichtlich ihrer Bedeutung, obschon oft persönlich gebunden, idiosynkratisch, und so einer Erläuterung bedürfen.
Andererseits sind andere von ihnen ihrer Natur nach frei assoziiert und bieten so der individuellen Interpretation weiten Spielraum.

Als ihr Symbol für grundlegende Kraft benutzt Tula von Irminsul den Abraxas als geflügelte Schlange, oft mit einem Menschenkopf, oft auch vielformig und in seiner grundlegenden Spannung in und um sich selbst gewunden, über den die gnostische Überlieferung sagt: Wer auf einen Abraxas meditiert, der vermag in den höchsten der Himmel zu schauen. Ursprünglich also der Prototyp des Schöpferischen - so im Gnostischen System des Basilides -, steht die geflügelte Schlange im Werk von Tula von Irminsul für die ürsprüngliche Kraft der Natur.
Sie kann durch jeden in die Geistesgegenwart gerufen werden, der/die Rapport mit ihr herstellen kann.
Das setzt die Fähigkeit voraus, ihre Gegenwart in der Landschaft zu spüren, da ihre Quelle die rohe Natur ist - zu finden unter allen und jeden Überlagerungen von Intellekt oder Sentiment, die wir auf die Welt projizieren mögen.
Manche Orte sind dafür gut zugänglich, andere nicht, und verschiedene Plätze erfordern verschiedene Zugangswege.
An dem einen mag es eine Quelle sein, an dem anderen herausragendes Felsenwerk auf einer Wiese.
Es kann ein Ort von solcher Macht sein, daß der Strom der alten Pilger eine Stadt hervorbrachte, um ihn herum erbaut, und der Platz selbst vielleicht mit einem Tempel für die Kraft in ihm geehrt wurde - ein Tempel, der später eine Kirche wurde, ein in irgend einer Hinsicht vom Ursprünglichen entferntes Gebäude, doch nichts desto trotz denen als Anhang des Abraxas zu dienen vermag, die über genügend persönliche Kraft verfügen, an solchen Plätzen ihre eigene Symbolik zu setzen.

Jedenfalls bietet die Künstlerin ihre letztendliche Gestaltung dieses Symbols in Bildern wie "Durch die Kronen der Bäume erscheint der Abraxas", der "Hohle Birkenbaum" oder der "Zauberbaum am See" an.
Es erscheint auch in der Randgestaltung von anderen Bildern, wo seine Energie dazu beiträgt, die zentrale Komposition auf eine entsprechend hohe Schwingung zu bringen.

Doch möchte ich ebenso anmerken, daß die Künstlerin häufig Kraft in der Landschaft ohne expliziten Bezug zum Abraxas darstelllt.
"Zwischen See und Wald" zeigt klar die elementare Spannung an dieser Schnittstelle, und es ist offensichtlich, daß die Künstlerin einen Kraftplatz im See gegenüber dem Schloß von Kronprinz Friedrich in Rheinsberg wahrnimmt.

Der Abraxas ist die Triebfeder, welche die ganze Sache belebt, die makrokosmische Schlange, die die Erde mit Bewußtheit und Leben nährt. Das mikrokosmische Äquivalent, das das Individuum energetisiert, ist die Kundalini, und jene erscheint in den Bildern von Tula von Irminsul als gekrönte Schlange.
Ein bemerkenswertes Beispiel dafür ist die "Beschwörung des Haselwurms", welches Praktiken der Volksmagie wachruft, denen zufolge ein Mädchen, indem es, ausgestattet mit einer Artemisia, dem Beifuß, einer Pflanze der traditionellen Frauenmedizin, den Haselwurm zur Erntezeit mit Milch versorgt und so Milch vom Haselwurm im gleichen Winter bekommen wird - Samen vom Penis eines neu gefundenen Ehemannes. Doch erscheint die Kundalini eben so gut auch in konventionelleren Kontexten, zum Beispiel in "Raffinierung des Sonnenlichtes", dem "Liebesakt", "Hexen ums Feuer" und der "Anrufung der Freya".

Eine zusätzliche symbolische Grundlegung bietet Tula von Irminsuls Gebrauch ägyptischer und germanischer Gottheiten, alchimistischer und kabbalistischer Motive und solche Darstellungen wie die der Barke, die vom Fährmann der Toten gestakt wird.
Die Götter tragen durchgehend die herkömmlichen Attribute - von Anubis, der die Toten begrüßt bis zu Odin auf seinem achtbeinigen Pferd, und der Bootsmann ist das Symbol für den Übergang von einem Zustand zum nächsten, sei es vom physischen Tod zur Wiederverkörperung oder von der spirituellen Zerstückelung zur initiierten Reintegration.

Auch zeigt die Anwesenheit der kleinen afrikanischen Totemfiguren im allgemeinen Kraft einer niedrigeren Schwingung an, und ihr Verhalten vermag in Einzelheiten mitzuteilen, wie wohlgeordnet Kraft in einem gegebenen Bild auftritt.
So stehen sie in "Hohler Birkenbaum" alle geordnet in Reihen und widerspiegeln die Dryade im Zentrum als stete Kraftquelle, während sie in der "Göttin des Sees" Sicheln schwingend wild durcheinander rennen und dabei die chaotische Situation einer Initiation - einer schamanischen Zerstückelung - anzeigen.

Ein weiteres durchgehendes Thema ist der symbolische Gebrauch von Pflanzen durch die Künstlerin, immer authentisch hinsichtlich ihrer natürlichen Eigenarten in dem Kontext, in welchem sie erscheinen - am auffälligsten die Mandragora oder Alraune, der Stechapfel, Marihuana oder Giftefeu, doch werden auch andere Pflanzen, Nachschattengewächse, Pflanzen der Volks- und Hexenmedizin, oft psychoaktiv und in höherer Dosis giftig, gezeigt.
Dabei geht es darum, auf das Wirken der Pflanzengeister im zentralen Geschehen des jeweiligen Bildes hinzuweisen.

Giftefeu, das sollte ich anmerken, ist ein Weingewächs, das, stets dreiblättrig, schon auf Berührung hin giftig ist, indem es ein Öl absondert, das die Haut und schließlich das gesamte vitale System angreift und juckende, schlecht verheilende Wunden verursacht. Nicht nur das Öl der Blätter ist toxisch, sondern auch der Saft der im Winter kahlen Stämme und sogar Reste in abgestorbenen Trieben, die noch nicht völlig verwest sind.
Es ist eine durch und durch lästige Pflanze, giftig und ausnehmend überlebensfähig, heimisch in Nordamerika, doch glücklicherweise hierauf begrenzt.
Tula von Irminsul schloß Bekanntschaft mit ihr, als sie mich im Oktober 2000 in Connecticut besuchte.

Von daher hat der Giftefeu als Symbol viele offensichtliche Bedeutungen, und der Besuch der Künstlerin zusammen mit mir an diesen Orten führte sie in eine Glyphe ein, die nicht einfach, sondern eher paradox zu nennen wäre und von daher einen breiten Raum für individuelle Interpretation bietet.
Eine ausführliche Analyse dazu folgt.

 
IX. Der geflügelte Totenkopf

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Als Tula von Irminsul bei mir zu Hause ankam, tauschten wir Geschenke aus, und eines von mir für sie war ein Druck von Ernst Haeckels Kunstformen der Natur.
Manche der Pflanzen und Tierformen, die dort dargestellt werden, haben ihren Weg in ihre Bilder gefunden, die sie nach ihrer Rückkehr nach Deutschland anfertigte.
Doch ist eine andere Glyphe, die sie zuerst in Milford sah, vielleicht wichtiger.
Es ist der geflügelte Totenkopf, ein gebräuchliches Motiv auf den Grabsteinen der englischen Puritaner, die in Milford im 17. und 18. Jahrhundert siedelten.
Sie sah das Symbol zuerst in Form eines Reiberdruckes, den ich an meiner Wand hängen habe.
"Was ist das?", fragte sie mit einer gewissen zurückgehaltenen Eindringlichkeit.
Ich erzählte ihr, daß es ein Reiberdruck von einem örtlichen Friedhof sei, und wer da begraben wurde und wann.
"Wir werden da hingehen?"
Es war mehr eine Feststellung denn eine Frage.

Am nächsten Tag begleitete ich sie zum kolonialen Begräbnisplatz, wo man Dutzende von Exemplaren geflügelter Totenköpfe so wie auch Darstellungen von körperlosen Engeln, die in Form von Basreliefs in die Grabplatten der puritanischen Begründer gemeißelt sind, finden kann - die beide grundlegende Motive sind, die im 18. Jahrhundert benutzt wurden.
Während der zwei Wochen, die sie in Connecticut war, gingen wir mindestens viermal dorthin und hielten auch auf dem Friedhof von Bolton im Zentrum des Staates Connceticut an.
Und obschon Reiberdrucke nicht mehr gestattet sind, kann man sehr wohl fotografieren, was der symbolischen Sprache von Tula von Irminsul recht entgegengesetzte Ergänzungen hervorbringt.

Man kann sich der Interpretation dieser Ikonographie auf zwei Wegen nähern.
Der erste bedeutet zu betrachten, was die englischen Kolonisten des 18. Jahrhunderts mit dem Gebrauch ihrer Vorstellungen beabsichtigten, der zweite würde betrachten, was Tula von Irminsul im Sinn hatte, als sie sie in ihren Bildern malte.
Die erste Betrachtungsweise muß notwendigerweise beschränkt sein, insofern die Stärke der Kunst mehr aus ihrer Ausführung denn aus irgendeiner darunter liegenden Theologie resultiert.
Die zweite Art zu sehen wird uns zur Betrachtung der Rolle des Todes in der Magie führen - speziell seiner engen Verbindung mit Kraft und seiner Beziehung zur Initiation, wobei beide klarer erscheinen, wenn sie im Astrallicht gemalt sind.

Für die englischen Kolonisten, die in Neuengland siedelten, war der geflügelte Schädel ganz klar ein Symbol für die beharrliche Schnelligkeit des Todes, des unausweichlichen Fatums, das auf uns niederstürzen wird, ganz gleich wie schnell unsere Füße und wie kunstfertig unsere Kriegslist auch sei.
Man kann es sehen als einen Reifungsprozeß früherer Themen der Grabgestaltung, die weitgehend das gleiche implizieren, zum Beispiel das Stundenglas, manchmal geflügelt, das die frühesten Grabsteine zierte.
Eine ausführliche Bearbeitung des Themas kann gefunden werden in "Der Bostoner Steinmetz", beachtlich durch die steingemeißelten Arbeiten von John Foster (1681) und Joseph Tapping (1678), beide vielversprechende junge Männer, die starben, bevor sie ihr Potential verwirklichen konnten.
In beiden Fällen meißelte der Steinmetz ein ganzes Totengerippe, das im Begriff steht, eine Kerze auszulöschen, wobei Vater Zeit, offenbar ohne Erfolg, es zurückzuhalten sucht.

Auf dem Begräbnisplatz von Milford findet sich nichts so Unübliches. Die ältesten Steine tragen nur Text.
Geflügelte Schädel tauchen ungefähr ab 1700 auf, gefolgt um die Jahrhundertmitte von körperlosen Köpfen mit Flügeln.
Letztgenannte treten in zwei Formen auf: mit rundlichen Köpfen und abstrakten Gesichtern, die Köpfe bedeckt mit abstrakten Kronen und mit Flügeln, die vom oberen Teil des Kopfes abgehen und dann wieder mit Köpfen und Gesichtern, die schön und jugendlich sind - mit fein ausgearbeitetem gestyltem Haar und Flügeln, die von ihren Nacken aus aufsteigen.
Dies ist keinesfalls ein Totenkopf, sondern entweder die Vorstellung eines Engels oder der Seele des Verstorbenen.
Milford hat eine Reihe von Exemplaren sowohl des abstrakten Kopfes wie auch des schönen Engels.
Eines der ausgefalleneren der zweiten Art ist die Arbeit des Bostoner Kunsthandwerkers John Just Geyer.

Die Steine auf dem Boltoner Begräbnisplatz zeigen das abstrakte Motiv des Kopfes, doch in bizarrem Stil, und die Arbeit wird Joseph Manning zugeschrieben.

Die geflügelten Schädel und die Engelsgesichter müssen als verschiedene Symbole betrachtet werden, und es ist nicht so, wie man annehmen könnte, daß zweitere eine Verfeinerung der ersteren darstellten.
Obschon die Schädel zuerst auftauchten, können schöne Häupter mit Nacken, denen Flügel entspringen, bis zurückgehend auf etwa 1700 gefunden werden, und noch um 1780 wurde der Schädel des öfteren benutzt.
Außerdem kommt es auch vor, daß der Engel und der Schädel auf dem gleichen Stein erscheinen.
Ich meine, daß es am ehesten so zu deuten ist, daß der Schädel ein Symbol für das unvermeidliche Ende unserer physischen Existenz ist, während die gekrönten Häupter mit Flügeln und die schönen Engel Darstellungen der Seele des Verstorbenen sind, die nun gerüstet ist, in den Himmel aufzufliegen, um zu ihrem Schöpfer zurückzukehren. In den Begriffen von Eliphas Levi könnten wir sagen, daß die letzteren Symbole des göttlichen Geistes (mens) seien, welcher mit dem Astralkörper vereint ist, um diese normalerweise "fluidische und kollektive" Wesenheit "spirituell und individuell" leben zu machen. Mit dem Tod wird der Geist aus dem Astralen herausgelöst und wird daher hier dargestellt als bereit, zum Höchsten zurückzukehren. So, wie Samuel Treats Epitaph unter seiner Ausarbeitung des Engels mit strahlendem und schönem Lächeln erklärt:

"Alles, alles auf Erden ist Schatten, alles Jenseitige Substanz, umgekehrt ist es Glauben von Toren; wie beständig alles, wo kein Wechsel mehr ist."

Dies alles steht in innerem Zusammenhang mit dem Gebrauch dieser Symbolik durch die Theoretiker des Okkultismus in der Renaissance, zum Beispiel dem Engländer Robert Fludd, der die höchsten Ränge der Engel - jene, die dem göttlichen Tetragrammaton am nächsten stehen - ebenfalls als schöne Häupter, deren Nacken Flügel entspringen, beschrieb.
Fludd war ein begeisterter Vorkämpfer der Hermetischen Tradition und ein herausragender Propagandist für die rosenkreuzerische Bewegung, die zur Freimaurerei wurde und als solche mit dem calvinistischen Christentum völlig sympathetisch war.

Der Zeitraum der eingemeißelten Köpfe auf den Grabsteinen Neuenglands kann auf die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts und das gesamte 18. Jahrhundert eingegrenzt werden.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verschwanden sowohl Engel als auch Schädel abrupt, um von dem Motiv der "Urne und Trauerweide" abgelöst zu werden.
Inspiriert vom klassizistischen Revival und dem Deismus, klang es noch dreißig Jahre lang aus und wurde durch einfachen Text ersetzt, und so wurde es im protestantischen Gebrauch beibehalten.

So haben wir die Bildwerke des Todes, die von Engeln und der Seele, wie sie auf dem Milforder Friedhof eingemeißelt sind.
In der Kunst von Tula von Irminsul ist diese Symbolik, wie auch immer, frei, um in der Art und Weise entwickelt zu werden, die Künstlerin und Betrachter auf sie projizieren.
Wenn wir das Zauberwerk beiseite lassen wollten, das sich selbst mit dem Tod verbindet, um den Geist der Verstorbenen in die Gewalt zu bekommen, würden mir hier zwei Anwendungen des Todes auf die Magie in den Sinn kommen, die dem Symbol Implikationen verleihen, wie sie einem calvinistischen Theologen nicht einfallen würden.
1) Die Tatsache, daß wir dann, wenn wir uns nahe dem Tod bewegen, parallel zur Kraft laufen und sie uns zu eigen machen können, und
2) Initiation als ein Prozeß, der analog zu Tod und Wiedergeburt verläuft - Tod des alten Bewußtseins und Auferstehung in eine Bewußtheit psychischer Energie als das Medium der wesentlichen Aktion, die unsere wahre Identität in sich beschließt.

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Der Tod ist mit der Kraft verbunden, insofern wir Knoten und Verschlingungen von Kraft sind, und es sind die Knoten, die aufgelöst werden, wenn der Tod eintritt.
Diese Bedingtheit - ein Cluster zu sein - dient sowohl als Grundlage für die Seele wie auch als Barriere gegen den freien Fluß der Kraft. Daher sind wir gegen ihre endlose Bewegung verankert, ausgenommen den konventionellsten Gebrauch derselben, wie er zum Beispiel von den organisierten Religionen vorgeschrieben wird.
Wenn der Tod tatsächlich eintritt, dann entflechten sich die Fasern völlig, und die Seele vergießt das formbare Medium, um zum Geist (mens) zurückzukehren.
Doch eben gerade dann, wenn man sich mit dem Tod konfrontiert, wird die Kraft für das formbare Medium/den feinstofflichen Körper selbst erreichbar, oder auch für den Geist (mens), welcher stets noch weiter entwickelt und von daher in der Lage ist, die Kontrolle auszuüben.
Wann immer der Tod uns streift, kommt der Prozeß der Entflechtung in Gang, um es einfach auszudrücken, und daher haben wir die Chance, mit der Kraft zu verschmelzen, wenn wir uns reintegrieren - und etwas davon mit uns zu ziehen, wenn wir über die Geistesgegenwart verfügen, die Gelegenheit zu ergreifen.
Und wenn wir uns teilweise entflechten, dann bekommt das allgegenwärtige Gehäuse der Objektivität Sprünge, und wir beginnen, dahinter zu sehen.
Das macht es auch möglich, es nach und nach gänzlich zu zerbrechen, was zum Vorteil und nicht zum Schaden des eigenen physischen Vehikels ist.
Wenn das Gehäuse zerbrochen wird, dann kann das Licht anheben, zwischen unserem Bewußtsein und dessen Umgebung frei zu fließen.

Eine weitere Verbindung von Tod und Kraft kann man an den Rändern des sozialen Gewebes finden, an ihre Brandlöcher und Schwachstellen angrenzend.
Dort, wo dieses Gewebe am dünnsten und brüchigsten ist, hat der Tod freies Spiel.
Hier löst sich das Netzwerk auf, und die Fasern trennen sich voneinander und zerstreuen sich hin zu frei flottierenden Strängen elementarer Energie, die sich im größeren Netz der Natur verströmen, welches sich über allem wölbt.
Doch um Kraft aus einer solchen Situation zu ziehen, muß man sich ihrer im Sinne des astralen Lichts bewußt sein - des Chaos der Umstände als Konsequenz der Dissoziierung ihrer Verwebungen und Vernetzungen.
Ein solches Bewußtsein erlaubt dir, an der Entflechtung teilzuhaben, ohne ihr zu erliegen, mit der Auflösung zu spielen wie auch sich selbst zurück zu ziehen, ausgestattet mit einem inneren Wissen um die Kraft -einem Bewußtsein darüber, wie sie sich im Festen und Körperlichen verbirgt und wie uns von daher ihr Flüssigsein erlaubt, sie wiederzuerkennen und anzusammeln.

Initiation ist eine astrale Entflechtung unter einem okkulten Thema, die den Initianten in die Welt als Kraftgefüge auf eine Weise einführt, die die Nutzbarkeit dieser Kraft klarstellt.
Normalerweise wird dies durch die Adepten, denen der Neophyt sich zuordnet, absichtlich vollzogen.

Sie inszenieren eine Prüfung, während der man in eine mindestens symbolische Bedrohung durch Tod involviert wird, gefolgt von einem Zeitraum der Stille in einer vorgestellten Gruft/Leibeshöhle, was darin kulminiert, in ein neues Bewußtsein der Kraft hinein geboren zu werden.
Das symbolische Drum und Dran solch einer Prüfung wird übereinstimmen mit der symbolischen Ausrichtung des Systems - wie auch immer es sein mag -, in das der Kandidat initiiert wird, was es ihm wiederum ermöglicht, mit der Assimilierung der rituellen Werkzeuge zu beginnen, welche dieses System benutzt, um die nunmehr offenbarte Kraft zu handhaben.

Obschon einer Einbeziehung ins Okkulte bestimmt, können Initiationen ebenso spontan auftreten, wobei sie oft den Tod, das Eingeschlossensein und die Auferstehung in Abfolge beinhalten.
Obgleich als weltliche Ereignisse (wenn auch traumatischer Natur) verkleidet, wird es einen okkulten Untertext geben, der es dem Neophyten erlaubt, sich in der Welt der Kraft angemessen zu bewegen, in die er oder sie so abrupt hineingeworfen wurde.
Mein eigener Zugang zu diesem Reich stimmte mit diesem Muster überein ebenso wie der von Tula von Irminsul, obschon der ihrige aus der geistigen Quelle stammt statt aus der äußeren Welt.

In meinem eigenen Fall kam die notwendige Kraft weitgehend aus dem Äußeren.
Eine Tarotlesung zeigte eine unmittelbar bevorstehende Unterdrückung durch die Hand blinder Autorität an.
Drei Tage später schlug die Polizei meine Tür mit einem Vorschlaghammer ein, hielt mir Pistolen vor die Nase und machte Kleinholz aus meiner Wohnung, bis sie das gefunden hatten, was sie als Kontrabande definierten.
Infolgedessen wurde ich in Handschellen gelegt und ins Gefängnis überführt.
Nach dieser nicht nur ausschließlich symbolischen Bedrohung mit dem Tod bestand mein Eingeschlossensein in sechs Wochen der Haft. Als ich freigelassen wurde, ging ich als erstes zu dem Mann zurück, der meine Karten gelesen hatte und fragte ihn, wie er das gemacht habe. Während der nächsten drei Wochen gab er die Information und Orientierung an mich weiter, die ich benötigte, um den magischen Weg aus mir selbst heraus verfolgen zu können.

Für Tula von Irminsul kam der verändernde Impuls nicht durch eine äußere Belastung, sondern durch die Unfähigkeit ihrer eigenen Psyche, die äußerliche Fassade der Welt länger akzeptieren zu können.
Der unmittelbare Anlaß ihres Zusammenbruches war trivial, ein Ereignis ohne besondere Bedeutsamkeit, das einen viel tiefergreifenden Prozeß auslöste - die Desintegration ihrer Wahrnehmung und allen Realitätssinnes.
Dies war begleitet von erschreckenden Visionen - einige klar vorstellungsgebunden, andere von scheinbarer Objektivität, doch alle stets voll von Blut, Fäulnis, Folter, Kampf und Tod.
Sie ging von selbst in ein Krankenhaus, doch waren zwei Wochen östlicher Psychiatrie ausreichend, sie davon zu überzeugen, daß die dortige Behandlung sie ausschließlich in einer unrealen Zwischenwelt hätte festhalten können - dahin dämmerndes Bewußtsein, wo mentale Folgerichtigkeit niemals wieder hätte erlangt werden können, schwerlich besser als der Tod.

Nebenher hatte sie tief innerlich die Geistesgegenwart, eine flüchtige Ahnung über die Grundlegung der Wahrheit auf dem Boden ihrer Visionen zu erlangen - eine Wahrnehmung, die besagte, daß die Feuer, die hinter ihr brannten und die ungeheuren Spinnen, deren Weben ihren Weg blockierten, auf die eine oder andere Art für tatsächliche Wirklichkeit standen.
Sie zu fliehen bedeutete, diese Verbindung zu leugnen, und damit die Realität selbst, und somit eine andauernde Entfremdung zu befestigen.

Daher zog sie sich in die südlichen Bergwälder ihrer Kindheit zurück. Sie suchte sich eine tiefe Höhle, in der sie die nächsten neun Monate über leben sollte - mit Ausnahme des tiefen Winters, den sie in Leipzig verbrachte.
Sie ernährte sich von Beeren und Pilzen, und ihr Schutz war der lebendige Fels. In seine Dunkelheit versenkt, löste sich ihre alte Welt völlig auf, und ihr blieb nur die Energie an ihrer Wurzel, die sie wie auch immer zu organisieren hatte.
Mit der Auflösung kam der Abstand, und mit dem Abstand kam Kontrolle. Die Visionen begannen sich zu organisieren und verloren ihre Aura der Bedrohlichkeit.
Sonne und Regen im Wald belebten und stärkten sie - ein psychisches Tonikum, und sie sah den Wald und die Berge als in Netze der Kraft eingesponnen, aus denen Stränge von Kraft sich verströmten - mit Vernetzungen, die die Brennpunkte von Elementalen bildeten - Geistern der Steine und Wälder.
Feuer wurde zu dem, was aufspringt, wenn polare Energien hohe Spannungen erzeugen, um sodann ineinander zu fallen und in einem dritten Ding aufzugehen.

Der Horror war vorbei.
In der dunklen Höhle reiften die Visionen zu dem heran, was sie immer gewesen waren - eine Innenschau des psychischen Kraftflusses hinter der Fassade der Normalität.
Wenn man damit beginnt diese Energie wahrzunehmen, dann muß man die Fassade als notwendigerweise korrupt, zerrissen und schmerzlich erkennen.
Um den Horror vor diesem Hüter der Schwelle hinter sich zu bringen, mußt du dich auf irgendeine Art stellen, eben wie wenn du dich in die Berge zurückziehen und in einer Höhle ausharren mußt.

Mag es, wie auch immer, freiwillig sein oder eine Sache des Schicksals - der einzige Weg, aus einer Initiation herauszukommen ist, durch sie hindurch zu gehen.
Vorwärts zu gehen führt zur Wiedergeburt in einem Reich des Lichts. Zurückzuweichen bedeutet, in die schrumpfenden Rückstände vergangener Konsequenzen zurückzufallen, was noch deprimierender ist, wenn man das Wissen um die Chance besitzt, die durch einen Moment der Schwäche verlorenging.

 

Bibliographie
Im Nachfolgenden werden die für die Erstellung des Textes verwendeten englischsprachigen Titel angegeben.
Es folgen die Titel, welche auch in deutscher Übersetzung vorliegen. Im Falle der Zitate aus Eliphas Levis Werk wurde direkt aus dem bestehenden Text ins Deutsche übersetzt, ohne auf bereits vorhandene Übersetzungen zurückzugreifen. Zum Vergleich wurde der französische Originaltext in der Ausgabe:

Eliphas, Levi, La Clef des Grands Mysteres: suivant Henoch, Abraham, Hermes Trismegiste et Salomon, La Diffusion Sientifique, Paris, 1976 und
Le grand arcane ou lī occultisme dévoilé, Trédaniel, Paris, 1980 gegengelesen. Im Text angegebene Seitenzahlen entsprechen den verwendeten englischsprachigen Ausgaben.

Verzeichnis des Autors
Carroll, Peter J., "Magical Theory",
http://dspace.dial.pipex.com/specularium/magical.htm,2000
Crowley, Aleister, Liber Al vel Legis, Mahwah, 1998
Magick in Theory and Practice, Castle, New York, no date
(Dieses Werk enthält als Anhänge sowohl "Liber 0" als auch "Liber III vel Jugorum".)
Doresse, Jean, The Secret Books of the Egyptian Gnostics, Inner Traditions, Rochester, 1986
Forbes, Harriet Merrifield, Gravestones of Early New England and the Men who made them:
1653 - 1800, Barre Granite Association, Barre, 1989
Fortune, Dion, "The Scented Poppies", The Secrets of Dr. Taverner, Llewellyn, St. Paul, 1978
Godwin, Joscelyn, Robert Fludd, Phanes Press, Grand Rapids, 1991
Levi, Eliphas, The Great Secret, or Occultism Unveiled (übersetzt durch Transcript, Ltd.),
Samuel Weiser, New York, 1970
The Key of the Mysteries (übersetzt durch Aleister Crowley), Samuel Weiser, New York, 1970
Ludwig, Allan I., "Sermons in Stone", FMR/America, Nummer 6, New York, November, 1984
Mace, Stephen, Adressing Power, Privately Printed, milford, 1996
McIntosh, Christopher, Eliphas Levi and the French Occult Revival, Samuel Weiser, New York, 1974
Rawson, Philip und Legeza, Laszlo, Tao, Thames and Hudson, London, 1973

In deutscher Sprache erschienene Titel:
Crowley, Aleister, Liber Al vel Legis, Kersken-Canbaz, Bergen an der Dumme, 1993
Magick in Theorie und Praxis, Phänomen Lüchow, Lüchow, 1998.
Levi, Eliphas, Der Schlüssel zu den großen Mysterien nach Henoch, Abraham, Hermes Trismegistos und Salomon, Übers. Und Nachwort Fritz Werle, Barth, Weilheim, 1966
Das große Geheimnis, Barth, Muenchen-Planegg, 1925
Mace, Stephen, Zielgerichtete Kraft, Bohmeier Verlag, Lübeck, 1998.

Bilder in diesem Artikel:
© Tula von Irminsul

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