Cover Wolfgang Schmidbauer
Mythos und Psychologie

Obwohl wir den Mythos als Fundament unserer Weltsicht verloren haben, begegnen wir ihm fast jeden Tag im Leben: in den Namen der Sternbilder oder in den Namen von Konsumgütern. Die alten Mythen sind Teil unserer Kultur und unserer Möglichkeit, Probleme und unser Leben zu bewältigen. Hierauf aufbauend, erforscht der Münchener Dr. phil. & dipl. Psychologe Wolfgang Schmidbauer den Mythos aus der Sicht der Psychologie. Was war zuerst da? Der Mythos oder die Religion? Nutzt der Mensch einen Mythos um eine Religion zu erklären, oder ist es so, daß eine Religion nur dazu dient, einen Mythos verständlich zu machen?
Nach der Einführung in die Problematik der Mythenforschung versucht Schmidbauer, den Mythos zu definieren. Eine klare Unterscheidung von Mythos, Märchen, Sage, Legende, Anekdote, realistischer Dichtung u.a. ist nur dann möglich, wenn der Mythos in einer Gesellschaft noch lebt. Und hier fängt schon das erste Problem an. Ein Ethnologe definiert den Mythos anders als ein Historiker, der wiederum eine differenzierte Sichtweise als ein Märchenforscher besitzt. Es ist nur eine Annäherung möglich, denn jeder Zweig der Wissenschaft behauptet von sich, die einzig richtige Definition zu benutzen. Dabei bedeutet Mythos nichts weiter als “Wort“ in griechisch, genauso wie Logos und Epos.
Das Buch versucht die Konzepte einer psychologischen Mythendeutung am Beispiel vom Ödipus-Mythos zu analysieren. Er stellt die Methoden sowie die Geschichte der Mythendeutung vor, und an Beispielen von Wilhelm Wundt, Sigmund Freud, C.G. Jung, Albert Adler und diversen anderen psychologische Koryphäen, erklärt er ihre Vorgehensweise bei dem Versuch einer Deutung, ihre Ansichten, ihre Schlußfolgerungen und übt heftig Kritik daran. Und darin ist er verdammt gut. Fast schon scheint es so, als ob für ihn kein Mensch eine Deutung gegeben hätte, die nur annähernd fehlerfrei für ihn ist. Bis zu jenem Kapitel, in welchem er seinen „Versuch einer Deutung“ von sich gibt. Sinn und Zweck des Buches ist es aber nicht, andere Deutungen als unwahr oder falsch darzustellen, sondern aufzuzeigen, wie die Deutungen sich im Wandel der Zeit und Ansichten geändert haben. Ein rundum gutes Werk für alle Leser, die sich für die Verbindung von Psychologie und Mythos interessieren.
Holger Kliemannel

Erschienen ist das Buch im Königsfurt Verlag, Krummwisch 2001
ISBN 3-89875-016-7
16,90 Euro

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