Cover Marie Luise von Franz
C.G. Jung - Leben, Werk und Visionen

Die Schülerin und langjährige Mitarbeiterin C.G. Jungs legt eine Biografie über das Lebenswerk ihres Lehrers vor, der nach Freud äußerst wichtige Begriffe und Denkweisen in die psychologische Forschung einbrachte. Zum Beispiel die Konzepte von Anima/Animus, der Persona, dem Schatten und das Selbst.
Auch das Unbewußte bekam eine tiefere Bedeutung, denn Jung betrachtete es als kollektives Energiefeld im Gegensatz zum frühkindlich Verdrängten nach Freuds Triebkonzept. Marie- Louise von Franz sieht Jung als Lehrer und Prophet des New Age, der ihrer Ansicht nach erst in einigen Jahrzehnten in seiner wirklichen Bedeutung verstanden werden wird. Vielleicht überschätzt sie das ein wenig, aber immerhin wird Jung auch von magischen Richtungen her als großer zeitgenössischer Gnostiker eingestuft.
Die Biografie räumt auf mit der verbreiteten Ansicht, daß Jung einer der abtrünnigen Schüler Freuds gewesen sei. Die Autorin macht deutlich, daß die beiden Großen der Psychoanalyse zwar zusammenarbeiteten, aber von Anfang an völlig andere Konzepte hatten. Freud kam von seinen Forschungen über Mesmerismus und Hypnose bei Hysteriefällen zur Psychoanalyse, Jung hingegen aufgrund seines Interesses an den Phänomenen des Spiritismus. Damit fanden sich bei Jung seit jeher starke Parallelen zum Schamanismus, die sehr gut im Kapitel „Jenseitsreise“ dargestellt sind. In seiner Lebensmitte – kurz vor dem 1.Weltkrieg – wurde Jung von prophetischen Träumen heimgesucht. Mythische Gestalten traten in sein Leben mit denen er zu kommunizieren begann. Er entwickelte daraus sein Verfahren, das er „aktive Imagination“ nannte und setzte dieses auch therapeutisch ein. Lange Jahre nutzte er das Orakel des „I Ging“, bis er so hellsichtig dabei wurde, die Antworten schon alleine zu wissen und deswegen damit aufhörte. Er brauchte diesen Umweg nicht mehr.
Das immer tiefere Erforschen des kollektiven Unbewußten brachte ihn zu den Archetypen. Jung, sein Leben lang gespalten durch die verwirrenden Lehren unserer christlichen Kultur, sah sich eher als Faust und den Teufel mehr als Göttin, als Sophia, als weibliche Natur und Weisheit. Sein schockierendes Spätwerk „Antwort auf Hiob“, das den Anti-Christen und die Apokalypse beschreibt, sollte jeder angesichts des neuen Jahrtausends einmal gelesen haben. Mit seiner tiefen Religiösität fand Jung aber keinen Anklang bei den Religiösen. Sowohl die Kirchen, wie die Buddhisten als auch die initiatischen magischen Orden lehnten ihn ab. Er selbst sah sich vor allem in der Linie der gnostischen Mystiker und Alchemisten stehen. Heutzutage wird er oft als Anhänger der Nazis diffamiert, eine Behauptung, die die Autorin widerlegen kann. Er kritisierte Hitler und den Nationalsozialismus und war auch kein Anti-Semit, denn er behandelte viele Juden kostenlos.
Berthold Röth

Erschienen ist das Buch im Königsfurt Verlag, Krummwisch 2001
ISBN 3-89875-011-6
12,90 Euro

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