Cover Gardenstone
Germanische Magie

Für die meisten Leute ist das Schweifen in die magische Ferne völlig selbstverständlich - das Suchen nach den eigenen Wurzeln hier in unserer alten europäischen Kultur dagegen tabu. In diesem Sinne muß jedes Buch wie das vorliegende begrüßt werden. Das (wie von Arun gewöhnt) repräsentativ verlegte und schön ausgestattete Werk von Gardenstone will einen Überblick über die magische Tradition unserer Vorfahren geben und sieht sich vor die Schwierigkeit gestellt, die doch recht spärlichen historischen Quellen zu diesem Thema auszubeuten, andererseits aber den Sprung in eine moderne, zeitgemäße Magie nicht zu versäumen. Besonders letzteres ist dem Autor, der sich selbst wohl eher einer zeremonialmagischen Tradition verbunden fühlt, gelungen. Eine klare Systematik, Übersichten, Schematas und Zuordnungstabellen erleichtern dem Leser das Verständnis. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt auf dem Thema Runen in all seinen Variationen. Positiv hervorzuheben ist auch die Anbindung des Themas an die Praxis, z.B. durch ein ausführliches Kapitel mit runischen Ritualen. Obwohl Gardenstone nur sehr wegwerfend von „Erberinnerung“ spricht, hat er doch in seiner eigenen magischen Praxis ebenfalls das Fehlen überlieferter Arbeitsanweisungen durch individuelle Kreationen ausgeglichen. In diesem Sinne gehört eine Art Tiefen-Erinnerung sehr wohl zum Instrumentarium des/der Magier(in)s. Als besonders nützlich kann sich auch der runische Lebensbaum mit seinen neun Welten und 24 - jeweils einer Rune zugeordneten - Pfaden erweisen, der sich damit nun auch endlich in einer deutschsprachigen Vorlage findet und für astrales Reisen und individuelle Erkundung zur Verfügung steht. Obwohl (durch die vielen festen Zuordnungen) oft Vorgaben gemacht werden, fordert der Autor ganz richtig den Leser auf, seine eigenen Erfahrungen zu machen und seine persönlichen Korrespondenzen zu entwickeln. Das ist in der Tat wichtig, weil es nur so die Magie aus dem Rezeptbuch-Charakter herausholt und auf die Basis einer Bindung ans eigene Unbewußte stellt. Ein doch recht umfangreicher Anhang „Vorbereitung auf die Praxis der Magie“ weist notwendigerweise darauf hin, daß eine magische Aktion nicht aus dem Nichts heraus erfolgt, sondern auf gewissen Fähigkeiten und Kenntnissen des Agierenden aufbaut. Bestimmte Techniken, allen voran Energiearbeit, Visualisation, Identifikation, Meditation usw. gehören daher zum täglichen Brot auch des Runen-Vitkis.
Wenn ich bis hierher ein doch empfehlenswertes Bild des Buches „Germanische Magie“ gezeichnet habe, so muß ich trotzdem anfügen, daß bestimmte, mehr zwischen den Zeilen durchschimmernde Haltungen des Autors Erstaunen hervorrufen. So blickt er mit Formulierungen wie „primitive germanische Gesellschaft“, „primitive Magie“ (für Seidhr u. Schamanismus) oder „primitiv-magische Rezepte“ (Seidhr betreffend) auf den Gegenstand seiner Abhandlung eher herab. Besonders in den Kapiteln über runische und germanische Geschichte wird auch deutlich, daß der Autor stark bemüht ist, auf keinen Fall mit herkömmlichen, gängigen und staatlich verordneten Auffassungen und Standardmeinungen in Konflikt zu geraten. Stattdessen wird Gardenstone nicht müde, das Wörtchen „seriös“ zum Favoriten seines Wortschatzes hochzustilisieren und „Wunschdenken“, „ungesunde Abschweifungen ins Reich der Phantasie“ oder „phantastische Wahngebilde“ zu verdammen. Und um zu erklären, wie denn die Primitiven zu ihren Kulturerrungenschaften (inclusive der Runen) kamen, wird wieder einmal der Import von außen (die Lieblingstheorie heutiger Akademiker) als „wahrscheinlich“ bevorzugt.
Merkwürdig auch die Tatsache, daß sich sogar der Verleger herabgelassen hat, im Buch gegen seinen Autor zu polemisieren (im Kapitel „Runen und Politik“), was dann doch als einzigartig in der Literaturszene oder vielmehr überflüssig einzuschätzen ist ...
Nicht zuletzt erscheint es mir fragwürdig, wenn in dem Kapitel „Die historischen Germanen“ das doch für Europa so wesentliche Trauma der gewaltsamen Christianisierung (das teilweise mit komplettem Völkermord einherging) und die Rolle Karls des Großen (Schlächters) fast vollständig übergangen wird. An diesem Punkt unterscheidet sich das Buch leider nicht von einem x-beliebigen Produkt von Bertelsmann, Weltbild & Co. und man muß von einem heidnischen Autor mehr erwarten dürfen ...
Doch selbstverständlich pflegen wir die germanische Tugend der Toleranz und überlassen diese Details der Diskussionsfreudigkeit potentieller Leser.
Alles in allem wird das Buch „Germanische Magie“ in seinem praktisch-magischen Wert dadurch nicht geschmälert und steht in seiner Fülle und seinem Reichtum an Vorlagen, Ritualen und praktischen Übungen dem an runischem Wissen Interessierten zur Verfügung. Wem Edred Thorsson zu traditionell und Jan Fries zu „freistil-schamanisch“ ist, der möge einmal sein Auge und sein Herz in die „Germanische Magie“ von Gardenstone hineinversenken.
FC

Erschienen ist das Buch im Arun Verlag, Engerda 2001
ISBN 3-939981-00-9
34,95 Euro

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