Cover Robert Anton Wilson
Cosmic Trigger

Bevor ich ohne Umschweife in dieses höchst kurzweilige und mitreißende Buch (sofern man eine gewisse Vorliebe für ‚Denken um ein paar Ecken‘ mit sich bringt) einsteige, muß ich offen zugestehen, daß mir R. A. Wilson sowohl in seiner wissenschaftlichen Arbeit (die eine Synthese aus kulturell- philosophischen, wissenschaftstheoretischen, esoterisch-spirituellen und neurologisch-informationellen Wissensströmungen anstrebt) als auch in seinem souveränen Erzählerton zu einem großen Vorbild geworden ist. Die Bandbreite seines Wissens und auch seiner Thesen, die vor allem eines in sich haben: daß sie nämlich zum Mitdenken anregen, wird auch im Vorwort von Timothy Leary angesprochen: „Dieses Buch, COSMIC TRIGGER, und sein Autor, Robert Anton Wilson, können am ehesten als zeitgenössische Bindeglieder in dieser ungebrochenen Kette von alchimistischen Philosophen und Intelligenz-Agenten verstanden werden, die systematisch gelernt haben, ihre eigenen Nervensysteme durch innere biochemische Selbstversuche zu gebrauchen. Sie verstanden, mittels der RNS mit ihrer eigenen DNS zu konversieren, um so den genetischen ‚Rosetta-Stein‘ zu entziffern und direkt zum empirischen Wissen des Evolutionsprozesses vorzudringen." – S. 13. Nun wäre es aber ein bodenloser Fehler, aus diesen Gründen die interessierten Leseraugen zurückzuziehen. Denn vor allem eines lehrt uns Herr Wilson von Übersee: Man sollte ja nicht einer festgelegten Ebene von Wirklichkeit trauen. Was Leary, Peyote-Pilze und die Verschwörungen um die Zahl 23 (vgl. auch den deutschen Film dazu, der in den späten Neunzigern in die Kinos kam!) miteinander zu tun haben, hängt eng mit der Person Wilsons zusammen, dessen bewegtes Reporter- und Wissenschaftler-Leben allein Grund genug ist, sich dieses Buch anzuschaffen. Es kann auf multiple Weise gelesen werden und gerade darin liegt eine ungeahnte Stärke des Buches: all unsere Wirklichkeit hängt von unserer eigenen Subjektivität ab. Und was ungeheuer fasziniert, sollte man sich erstmal näher damit befaßt haben (Und ich hab‘ mich so tief in den Komplex gefressen, daß ich aus dieser Tiefe gar nicht mehr entkomme!), sind die verschiedenen Interdependenzen zwischen den weit entferntesten Pfeilern unserer Welt. Dieses Buch regt v.a. zu einem an: zu Tiefenreisen in die schon abgefertigten Muster, mit denen wir konditioniert wurden; dieses Buch ist ein heißes Eisen für Leute, die gerne mit Informationen spielen – und somit Realität verändern. Und zu was kann man Infos aller Art weiterbenutzen? Man kann daraus einen besseren Umgang mit anderen Menschen lernen, das Leben in all seiner Komplexität verstehen. Das hört sich nun gewissermaßen recht schwülstig an, aber Wilson beschreibt in Cosmic Trigger recht einfallsreich und mit einem süffisant- schizophrenen Schwips (Er spricht oftmals von seiner perspektivenreichen Art, mit den Dingen umzugehen: einmal als Skeptiker, als Materialist, als Schamane und letztendlich auch als Narr, was ihn wieder sympathisch und auch ehrlich erscheinen läßt, u.e.m.) seine Erfahrungen auf dem Weg der Erleuchtung. Was jedoch dieses Buch so unentbehrlich für Reisende aller Art macht, erkennt man zugleich durch ein flüchtiges Abtasten der ersten paar Seiten. Es ist die Tatsache, daß hier ein Leben der Magie/ Esoterik gewidmet ist, doch dieses Leben selbst nicht in griesgrämiger Wichtigtuerei versinkt: Wilson atmet gleichermaßen den Spirit der Popkultur (Science-Fiction, Undergroundpressse, ‚Rauschzustände’ aller Art!) als auch der Wissenschaft (Quantenphysik, Wissenschaftstheorie, Neurophysiologie, Psychologie) ein und aus, dazu präsentiert er die Kuriosa in einem didaktisch ansprechenden Rahmen. Man betrachte nur seinen universitären Hintergrund und man wird seine breit angelegte Auseinandersetzung mit den „verblüffendsten Mythen und Legenden unseres Zeitalters" (Klappentext) verstehen: Mathematik, Elektrotechnik, Englisch, Pädagogik und schließlich seine Graduation in Psychologie. Was nicht minder beachtenswert ist, sind die beigefügten, äußerst kreativen und bildlich herausfordernden Illustrationen von John Thompson. Ich könnte nun noch einige Seiten voranschreiten – und würde trotzdem die Fülle dieses Buches kaum fassen können. Dieser großen Aufgabe werde ich mich in einem folgenden Artikel widmen. Und genau dies möchte auch das Buch hervorrufen: Kreative Arbeit mit der Energie, die uns umgibt und die vor allem in der Schrift niedergelegt wurde. Daraus können wir neue Welten bauen ... - dieses Buch ist dazu ein bescheidener Anfang. Und in diesem Sinne sehe auch ich – Learys Zitat folgend – Wilson als einen Alchimisten. Eines verstehe ich an diesem Buch jedoch nicht, und dies ist das vorangestellte Motto: »Tis an ill wind that blows no minds« (Malaclypse der Jüngere, Principia Discordia). Aber möglicherweise beginnt auch hier schon die Alchimie: In Gegensätzen zu denken, aus dem Chaos die höhere Ordnung zu gewinnen. Meinen Segen jedenfalls hat er.
Bard Miraclyst

Erschienen ist das Buch im Rowohlt Verlag, Reinbek bei H. 1985
ISBN 3-499-15649-0
12,90 DM

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