Liebe LeserInnen des GOLEM,

in diesen Tagen kann es nützlich sein, zwei nicht mehr ganz taufrische Bücher hervorzukramen, um sie (nocheinmal) zu lesen: „1984" von George Orwell und „Die Zeitmaschine" von H. G. Wells. Im ersteren von beiden beschreibt der Autor, was aus einem Staat wird, der alle seine Bürger als potentielle Terroristen behandelt - ein kontrollversessenes totalitäres Regime. Und bei Wells findet man schön illustriert, was aus einer Gesellschaftsordnung wird, die sich in einer seltenen Art von Wahn für die wahre, richtige, einzig mögliche und damit ewige Art und Weise des menschlichen Zusammenlebens hält - nichts als Sand, Schleim und schmutzige Schaumflocken am Ufer eines grauen Meeres.
Im Editorial der letzten Ausgabe habe ich über jenen erstaunlichen manichäischen Dualismus philosophiert, der nicht auf das Ur-Teilen in Gut und Böse verzichten kann und es kommt einem kosmischen Witz gleich, daß wir seit dem 11. September mit genau diesem Mechanismus bis zum Hirnkrampf überflutet werden. Seitdem ruft man uns unmißverständlich in Erinnerung, daß die „Unschuldigen mit den schmutzigen Händen" (Titel eines alten Chabrol-Films) zu den guten Demokraten, kurz zur „Zivilisation", gehören und der Rest „Barbaren" sind, die nichts weiter als die „Auslöschung" verdie-nen. Leute im Umfeld von Heidentum und Wicca erinnern sich unwillkürlich an eine Zeit vor zweitausend Jahren, als das genauso war.
Du uraltes, armes, verängstigtes, domestiziertes Tier Mensch! Wo ist die heilige Kraft in Dir, wo die göttliche Potenz, wo die Vernunft, vom Bewußtsein Deines Wahren Willens ganz zu schweigen? Wieviele aus dieser merkwürdigen Species haben sich endgültig damit abgefunden, ihr Leben als gehorsame, willige, eingesperrte Konsumenten und Arbeitssklaven zu verbringen? Jeder dritte, jeder zweite - oder 99%?
Die heute sogenannte „Dritte Welt" kann man als einzigen „Kollateralschaden" des Kapitalismus betrachten und so scheint es völlig normal zu sein, daß für tote irakische Kinder, von Kassettenbomben zerfetzte serbische Zivilisten, verhungerte Sudanesen, südamerikanische Folteropfer und massakrierte Maya-Bauern keine Träne fließt, keine Betroffenheitsorgien abgehalten werden und kein Soldat ausrückt.
Wo in diesem Durcheinander verorten sich Menschen mit einer magischen Weltsicht? Menschen, die Bewußtseinserweiterung und Befreiung von inneren und äußeren „Dämonen" auf ihre Fahnen geschrieben haben. Eine Leserin schrieb mir, daß sie auch in der magischen Szene so gut wie nie jemanden getroffen hat, der auf diesem erklärten Pfad wirklich vorangekommen wäre. Schein statt Sein? Wenn dem so ist (und es spricht in der Tat einiges dafür), wenn selbst aus diesen Reihen keine wirkliche Alternative zu erwarten ist, dann mögen uns die alten Götter gnädig sein, denn dann stehen wir trotz Crowley, Spare, Nietzsche, Leary, Wilson und all den anderen noch ganz am Anfang ...
Wirre Zeiten produzieren immer auch eine Menge Chancen und so möge man dies hier nicht mit Pessimismus verwechseln, sondern als eine nötige Bestandsaufnahme ansehen, ein Innehalten vor dem unbeirrten Weitergehen...

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"Es gibt keine gesprochene Wahrheit,
die man danach nicht besser vergißt."
Austin Osman Spare


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