INTERVIEW mit AKRON
Schweizer Buchautor, Magier, Astrologe, Schattenarbeiter ...
 
Das Interview wurde von Holger Kliemannel geführt
F: Du hast schon viel im Leben gemacht, z.B. warst/bist du Musiker, Astrologe, Magier, Schriftsteller, Lebensberater etc. Was ist Akron für ein Individuum? Kann man dich in der Summe all deiner Aktivitäten als Künstler bezeichnen, oder magst du diesen Begriff nicht?
A: Um Himmelswillen - nein! Ein Mensch ist mehr als die Summe seiner Aktivitäten, vor allem, da es sich bei Aufzählungen ja stets nur um die Teile handelt, die auf die eine oder andere Weise ans Licht der Öffentlichkeit gelangt sind. Ich wäre möglicherweise auch ein passabler Autorennfahrer (habe zwei Bergrennen gefahren), denkmüder Selbstmörder oder eine erfolgreiche Domina geworden, hätte mich das Schicksal gezwungen, diese Optionen eingehen zu müssen. Scherz beiseite: Ich sehe mich in der Rolle des Schreibers, der sich in seinem Denken betrachtet und sich über die verschiedenen Ausformungen seiner Betrachtungen wahrnimmt (ein gespiegeltes Bild in einem Spiegel, das versucht, den Rahmen des Gespiegelten zu fühlen). Das heißt: Es geht mir immer weniger darum, was ich denke (oder zu wissen glaube), sondern ich beschäftige mich mit meiner eigenen Haltung, welcher innere Dämon mich zwingt, beständig nach Wissen und Entwicklung zu streben. Irgendwann habe ich herausgefunden, daß die ganzen Wissensgebäude und Glaubensmonumente uns niemals über das hinausführen können, was sie selbst darstellen: die Selbstbetrachtung unserer eigenen Schöpfungskultur.
F: Du betreibst den Orden "Templum Baphomae". Was seid ihr genau?
A: Ein Haufen von Suchenden, die sich unter diesem Label zu einer gemeinsamen Kreativität vereinen, oder bildlich ausgedrückt: eine improvisierende Jazzband unter all den eingeübten Hardrock-Gruppen anderer Ordensstrukturen. Unter dem "Dach" unseres imaginierten Kunstprojektes, dem "Tempel der Baphoma", erforschen wir die Magie des Menschen. Wir übernehmen bekannte Techniken der Magie und Zauberei, oder wir erproben gemeinsam neue Techniken und prüfen, ob sie sich verwirklichen lassen. Wir sind im Alltag alles normale Menschen, aber in der Gruppenenergie sind wir Zauberinnen und Magier, die versuchen, über die Bilder ihrer Vorstellungen in unbekannte Nachtmeere vorzudringen. Unser Ziel ist es, die Grenzen der kollektiven Prägungen zu überwinden. Die Grenzen zu sprengen, die uns im Alltagsleben behindern, ohne aber gleichzeitig die Grundlagen zu verletzen, die uns am Ende im alltäglichen Leben wieder zu tragen haben. Da wir niemandem verpflichtet sind, handeln wir einfach für uns selbst, und auf diesem Weg finden sich immer wieder verwandte Seelen, die ebenso denken, und auf diesem Weg des individuellen Erlebens eine tolerante Gruppenbindung akzeptieren. Dreiviertel der Rituale, die wir feiern, entstehen aus dem Augenblick, und das setzt immer wieder neue Perspektiven auf dem Weg des geistigen Erkennens frei.
F: Was ist "Baphomet" für euch? Steht er in der gleichen Beziehung wie beim "Ordo Baphometis" von Walter Jantschik, oder seht ihr in seinem Wesen etwas anderes?
A: Baphomet wurde aus der christlichen Sicht unter "Teufel" abgelegt, und deshalb wirkt er sich auch so aus, weil die Emanationen, die sich in ihm bündeln, genau die Energien freisetzen, die die
Christen negativ auf ihn projiziert haben. In diesem Sinn ist er die Summe der Manifestationen, die dem kollektiven christlichen Schatten entsprechen. Ich selbst benutze den Begriff in der weiblichen Form eher als ein Symbol der ständigen Umschichtung und Transformation: Als eine Umschreibung der Ur-Emotion im Bewußtsein der Seele, die durch Liebe und Haß, Frieden und Krieg die Voraussetzung der menschlichen Entwicklung überhaupt schafft. Aber wir haben in unserem "Tempel" keine uniformierte Meinung. Andere beziehen sich mehr auf die Präsenz, die von denen evoziert wurde, die dieses Symbol in die Welt setzten (Baphomet ist die eselsköpfige Kultfigur der Tempelritter), dessen Wurzeln wiederum in dem vom Christentum abgespaltenen Schattenteil des griechischen Fruchtbarkeitsgottes Pan ruhen. Jüngere Menschen lieben in diesem Wort oft auch die oppositionelle Kraft, die im alten Begriff durch die christliche "Magie" eingebunden ist (Bock des Sabbats), denn sie schielen nach der Möglichkeit, Baphomet in einer "magischen Operation" umzuformen, um die Energie in einem materiellen Sinne für sich nutzbar machen zu können (Motto: "Ich bin Luzifer").
F: Eure Ordensregel lautet "Ich bin nichts, weil ich alles bin! Denn gerade dadurch, weil ich alles bin, brauche ich nichts mehr zu sein, denn ich bin jetzt das alles umfassende, alles durchdringende sich Selbst." Kannst du uns diese Regel erläutern?
A: Grundsätzlich ist zu sagen, ich bin kein Anhänger von "oben" aufoktroyierter Strukturen, wie sie beispielsweise Crowley in seinem OTO praktizierte. Diese absorbieren nämlich gerade die Energie, die man miteinander evoziert, weil der Magus diese Kraft für sich
beansprucht, um sein Bild vor den Augen der anderen manifestieren zu können. In unserer Gruppenstruktur ist das anders: Jeder von uns ist ohne weiteres bereit, beispielsweise die Rolle des Fackelträgers auszufüllen, wenn ein anderer den Hohepriester besser interpretieren kann. Am besten funktioniert die Gruppenenergie, wenn emotionale und mentale Energien harmonisch miteinander kooperieren. Das ist wie bei kleinen Kindern im Sandkasten: Der beste Energieaustausch herrscht dort, wo die Kinder laut und fröhlich miteinander spielen, jedes in der Rolle der ihm von der Gruppendynamik zugewiesenen Funktion. (Ja, ja, ich weiß, daß viele "sogenannte" Magier vor dem sich Einlassen in einer Gruppe Angst haben. Hier zeigen sich die Rückstände eines verdrängten Eigendünkels). Deshalb versuchen wir hier eine Brücke zu spannen zwischen dem Ego, das sich keine Vorschriften machen lassen will, und der Erkenntnis, daß Gruppenstrukturen nur funktionieren, wenn jemand das Kommando übernimmt. Das Geheimnis liegt darin, daß jeder innerhalb der Gruppe aus freien Stücken die Funktion übernimmt, die ihm aus seiner eigenen Energie zusteht, und deshalb das Steuerrad von der Gruppendynamik selbst geführt wird. Kurz gesagt: Ich unterwerfe mich dem Ganzen, von dem ich ein Teil bin, und damit entscheide ich mich freiwillig für das, was ohnehin angestrebt werden will. Aber nicht aus dem Gefühl, daß ich mich hier jemandem unterwerfen muß, sondern aus dem Gefühl, ein Teil von dem zu sein, was ich selbst anstrebe. Deshalb muß eine gemeinsame Ausrichtung unter den Gruppenmitgliedern vorhanden sein, wenn das Ganze funktionieren soll.
F: Als eure Aufgabe und Ziel nennt ihr u.a. "die Wiederbelebung der inneren Hölle." Für was steht der in der Gesellschaft christlich geprägte Begriff "Hölle" in eurer Arbeit und wieso wollt ihr sie wiederbeleben? Wie sieht das in der Praxis aus?
A: Die Hölle steht für die verdrängten Anteile meiner selbst, die ich nach außen projiziere und im anderen bekämpfe. Diese Anteile wieder zu beleben, heißt sie unter dem Teppich der Verdrängungen hervorzukehren und die Verantwortung selbst zu übernehmen. Mit dem christlichen Begriff hat unsere Definition nichts gemein.
F: Okay, daß der Begriff Hölle nicht aus dem christlichen Spektrum kommt ist ja allgemein bekannt. Aber was mache ich nun mit solchen Verdrängungen? Wie läuft solch eine Wiederbelebung und Integration ab? Welche Methoden kann ich dafür anwenden?
A: Indem ich "Tue was du willst" zum Kürzel "Interagiere" verklausuliere. Der praktizierende Magier/Schamane krempelt sein inneres Bühnenstück um - und mit ihm die Interaktionen zwischen den handelnden Bewußtseinsteilen. Er greift in die Abläufe seiner inneren "Akteure" ein, indem er die verschiedenen Energieströme personifiziert und jedem einen Namen und ein persönliches Profil zuweist. Durch das bewußte Dirigieren der personifizierten Kräfte kann er Situationen verändern und daraus ein neues "Stück" improvisieren. Er kann neue Personen kreieren, von denen er glaubt, daß sie in der einen oder anderen Form mit ihm partizipieren (beispielsweise der verwegene Pirat oder die blutrünstige Kali), und diese in sein "Schauspiel" einbringen, so daß sie seine Persönlichkeit erweitern. Mit diesen zugewonnenen Teilen kann er wiederum interagieren, so daß ihm immer neue Einsichten und Perspektiven zufließen. Wenigstens solange die Kraft für diesen "aus sich selbst heraus schöpfenden Entwicklungsweg" ausreicht.
F: Also dann doch eher Crowleys "Tue was Du willst soll sein das ganze Gesetz" als Schopenhauers "Der Mensch kann zwar tun was er will, aber er kann niemals wollen was er will"?
A: Gut gebrüllt. Nur: Sagen die beiden Herren nicht eigentlich dasselbe?
F: Dein neuestes Werk trägt den Titel "Dantes Inferno" und beschreibt eine Reise durch die verschiedenen Höllen, basierend auf Dante Alighieris Werk "Die göttliche Komödie", was seiner Zeit eine Ansammlung christlicher Jenseitsvorstellungen war. Welcher Dämon hat dich bei dieser gerade nicht leicht lesbaren Ausarbeitung geritten? War es nicht schwer, einen Verlag für dieses umfassende Werk zu finden.
A: Es war nicht nur schwer; es war letztlich unmöglich. Voenix hat über die ganzen juristischen Streitereien zwei ausführliche Interviews in der AHA gegeben (03/00 und 04/00), die man auch über meine Internetseite (www.akron.ch/presse/interviews) abrufen kann. Auf die Idee das Danteische Inferno zu benutzen, brachte mich Peter Orban, ein Psychoanalytiker aus Frankfurt, der das Vorwort zum "Baphomet" verfaßt hatte. Die Struktur der Hölle bot sich jedenfalls an, um meinem Selbst aus der Ich-Form die Fragen in den Mund zu legen, die dieses (wiederum durch mich) beantworten kann. Viele Antworten waren mir anfangs auch nicht klar, aber durch die Auseinandersetzung mit dem Stoff fielen sie mir ein, und heute wundere ich mich über die Tiefe der Auseinandersetzung, die mir durch diesen Kunstgriff möglich wurde.
F: Was ist "Dantes Inferno" für ein Buch? Geschrieben ist es als Roman, aber sind die Handlungen frei erfunden oder offenbarst du dem
Leser deine dunkle Seite? Ich denke, das jede/r sich in einer oder mehreren Höllen als Sünder erkennen kann ...
A: Nehme ich mein eigenes Denken ins Visier (aus dem heraus ich
mich betrachte), wie kann ich mir da sicher sein, welches meiner vielen inneren Gesichter sich in den Bildern betrachtet? Natürlich ist es immer das Ich, das sich ansieht. Aber da sich das Ich den Masken aller Prägungen und anerzogenen Bilder bedient, die es ganz selbstverständlich für sich absorbiert, ist die Beantwortung einer solchen Frage sehr schwierig. Es ist ein Roman, frei erfunden, was immer das heißt (ich glaube nicht, daß das, was ich mir ausdenke, zufällig ist), und er handelt von der dunklen Seite des kollektiven Menschen. Ich glaube zwar nicht, daß es sich um meine dunklen Seiten handelt, zumindest nicht der gelebten, aber irgendwie mußte in mir der Rahmen vorhanden sein, in dem ich diese Höllen inszenieren konnte. Möglicherweise ist es das durch mein Empfinden hindurchgefilterte kollektive Schatten-Wissen der Welt (also die Stimme der kollektiven Verdrängung), und ich stimme mit dir überein, daß sich der Leser in jeder Hölle mehr oder weniger erkennen kann.
F: In deinem Werk gibt es eine deutliche Tendenz zum Schattenreich, Verdrängten, Tabuisierten, Sexuellen. Betrachtest du dich als ein "dunkler" Prophet für eine Gesellschaft, die ihren Schatten nicht sehen will?
A: Eine Art männliche Kassandra - ja! Aber ich bin kein Moralist. Mich stört es auch nicht im geringsten, wenn der Mensch die Welt zerstört, was mich jedoch befremdet ist der Umstand, daß es dem Menschen in seiner Selbstbespiegelung immer noch nicht gelungen ist, dafür wenigstens die Verantwortung zu übernehmen. Um aber auch der anderen Seite den Mund zu reden: Gäbe es überhaupt eine menschliche Entwicklung, wenn wir das Risiko unseres Scheiterns nicht immer wieder bewußt in Kauf nähmen?
F: Welche Verbindung gibt es zwischen Magie und der modernen Psychologie und Psychoanalyse?
A: Für mich ist Magie die praktische Anwendung gewisser Erkenntnisse aus der Psychologie und Psychoanalyse. Um mehr sein zu können, fehlt es der Schulpsychologie an tieferen Erkenntnissen, denn sie kann ja nicht über ihr eigenes Sehfeld blicken und muß den Prämissen wissenschaftlicher Sicht genügen. Das Fazit wäre deshalb: Nur der Magier ist frei! Aber aufgepaßt: Wenn das, was ich zu tun beabsichtige, nur gerade dem entspricht, was ich sowieso tun werde, dann ist das Wollen nur der Trick, mein inneres Streben mit den vorhandenen Energien in Übereinstimmung zu bringen. Damit wäre das Ei auf die Spitze gestellt: "Tu, was du willst" hieße dann nicht mehr, daß ich tun kann, was ich will, sondern daß ich nur beabsichtigen kann, was ich bin! Gleichzeitig aber fiele der Begriff Magie buchstäblich ins Wasser, denn er flöße im bildlichen Sinn vor sich selbst davon.
F: Im Kapitel "Die Suche nach dem Gral" schreibst du "Das einzige, was du nicht findest, ist das, was du suchst". In deiner Selbstdarstellung schreibst du als Fazit "Finden, nicht suchen!". Ist dies deine Lebenseinstellung, daß der Mensch niemals das finden kann, wonach er sucht?
A: Durchaus. Zwar findet er das, was er zu suchen wähnt, aber woher weiß er, ob es das ist, was er sucht? Durch das Ziel, das er für sich zu beanspruchen glaubt, weicht er oft von einem persönlichen Weg ab, denn das eingebildete Suchen ist meist ein Ziel aus zweiter Hand. Meist ist es sein "Bild des Suchens", das er für sich wählt, und damit sitzt er schon in der nächsten Falle, denn jetzt glaubt er, etwas für sich erkannt zu haben, ohne sich überhaupt mit den Hintergründen auseinandergesetzt zu haben, aus welchen Bruchstücken und Fragmenten sich sein aufoktroyiertes Weltbild zusammensetzt. Alles, was wir suchen, kommt aus den kollektiven Mustern, die sich nun, wenn wir sie abrufen, genau in den von uns beabsichtigten Assoziationsfeldern auswirken, in die wir sie selbst eingebunden haben. Wenn ich weiter unterstelle, daß Denken zu jedem möglichen Ziel hinführt, weil sich das Ziel ja aus der Grundlage schöpft, die das Ziel aus seiner eigenen Vorstellung evoziert, glaube ich auch nicht, daß das Ziel des Egos jemals Erkenntnis sein kann, sondern einfach das Erreichen einer irgendwie implizierten Absicht. Wenn wir schon gezwungen sind, zu denken und unsere Ziele über kollektive Werte zu "beabsichtigen", dann brauchen wir sie nicht auch noch zu heiligen.
F: Das Buch wurde exzellent von Voenix illustriert. Zu jedem kleinen Kapitel existiert ein Bild, in welchem der Leser die gesamte Geschichte erkennen kann. Nun bringt ihr eine Comic-Version von Dante heraus. Warum habt ihr euch zu diesem Schritt entschlossen? Ich durfte einen Einblick in die nächsten Ausgaben werfen, und die Art eures Comics unterscheidet sich ja sehr vom üblichen Comic.
A: Bücher haben keine Bilder, das bedeutet, daß verschachtelte Zeitabläufe durch den Duktus der Sprache nur mühsam und sehr verkopft formuliert werden können, und Comics haben keine Sprache (meist nur oberflächliche, flache Storys), deshalb wollten wir die Bilderkraft der Comics und die Dramaturgie der Bücher miteinander verbinden. Der Vorteil der Comic-Reihe ist, daß sich die verschachtelten, mehrdimensionalen Themen dem Vorstellungsvermögen des Lesers leichter einprägen lassen ("eine Falle, die sich selbst fängt" läßt sich beispielsweise auf eine witzige Weise darstellen) und möglicherweise auch Leute anziehen können, die niemals ein Buch in die Hand nehmen würden.
F: In der Löwe-Hölle kämpfst du mit einem Drachen. Mich als Wanderer auf draconischen Pfaden interessiert natürlich, was der Drache bei dir symbolisiert und warum du mit ihm kämpfst. Ich assoziiere eher etwas Positives als Negatives mit dem Drachen und wüßte daher nicht, warum ich ihn bekämpfen sollte?
A: Solange du dir bewußt bist, daß dein Symbol nichts mit meinem Drachen (bei mir ist er ein Symbol der übermächtigen Mutter-Imago), sondern mit der Manifestation deiner geistigen Zielrichtung zu tun hat, die sich an einen Begriff bindet, den du als persönliche Definition akzeptierst, ist dagegen nichts einzuwenden (niemand tut etwas anderes). Falsch wird es aber in dem Augenblick, wenn du glaubst, deiner Perspektive objektive Beweggründe unterschieben zu müssen, ganz egal, ob es sich um einen Drachen, eine Cola oder eine Pizza handelt. Ich kann ein Symbol mit den verschiedensten Inhalten füllen. Habe ich es aber gefüllt, dann dient es nur noch dieser
Füllung und die Menschen haben sich in vielen Kriegen totgeschlagen für die aufoktroyierten Inhalte ihrer Prägungen, ohne sich den Hintergründen ihres Verhaltens auch nur im Mindesten bewußt zu sein. Das ist übrigens auch der Grund, warum ich jegliche Glaubenssymbole und Dogmen ablehne, solange ich nicht weiß, was der Betreffende an Hintergrundinformationen damit verbindet.
Laß mich noch etwas Grundsätzliches zu der Art des menschlichen Denkens sagen, nämlich zu der Art, aus dem Fundus kollektiver Werte Bilder abzurufen und sie mit dem Begriff persönlicher Weltanschauung dann zu etwas zu verknüpfen, das wir als menschliche Wahrheit akzeptieren. Dieser Akt ist eine Vorbedingung des menschlichen Verhaltens, geistige Werte zu erschaffen, auf denen eine Kultur errichtet werden kann. Deshalb will ich sie auch nicht kritisieren. Doch als "Magier" möchte ich mich nicht auf dieser Ebene aufhalten, sondern hinter die Mechanismen schauen, die uns die Welt implizieren. Wenn ich nur die Begriffe austausche, gerate ich in eine uferlose Breite, die mich um keinen Deut weiterbringt. Als Suchender muß ich hinter die Begriffe dringen, wenn ich mich von den Begriffen, die nichts mit Wahrheit, sondern nur mit kollektiven menschlichen Denkinhalten zu tun haben, lösen will. Alles sind Begriffe, die genausoviel oder genausowenig Bedeutung haben, wie wir ihnen zubilligen, und nur, weil einige Begriffe besser vermarktet sind als andere, bedeutet das nicht, daß sie auch nur einen Jot mehr Wahrheit in sich tragen. Auch die Meinung vieler Suchender, daß die Wahrheit in uns selbst liege, ist auch nur wieder ein Ausweichmanöver, die Grundlagen unserer denkerischen Mechanismen zu verdrängen. Denn wenn wir glauben, daß die Wahrheit in uns ist, müßten wir wissen, wer wir sind, und zwar außerhalb der Wahrnehmung, wie wir gelernt haben, uns zu definieren. Weil das aber wiederum nicht möglich ist, müssen wir hier gleichzeitig auf zwei Ebenen agieren. Einerseits auf der Ebene, die uns reflektiert, was wir persönlich aus dem kollektiven Erbe für uns definieren, und andererseits auf der Ebene, die uns zeigt, welche persönlichen Umstände uns zwingen, uns aus den Myriaden von Möglichkeiten gerade an die von uns gewählten Begriffe zu binden.
F: Du meintest mal zu mir, daß bisher noch niemand den verborgenen Sinn des Buches gefunden hat. War jetzt jemand erfolgreich? Würdest du uns diesen verborgenen Sinn nennen?
A: Hab ich das gesagt? Na ja, "verborgener Sinn" tönt mir zu abgehoben (meine Aussage zielt eher in die Richtung, die ich in der letzten Frage angesprochen habe). Die Essenz des Buches mag darin liegen, nicht nur zu reflektieren, sondern sich auch der Grundlage bewußt zu werden, warum wir in dieser oder jener Weise reflektieren, damit wir nicht immer nur in den überlieferten "Speicherplätzen" hängenbleiben. Nur wenn wir uns damit auseinandersetzen, sind wir wirklich "magisch". Bloß das überlieferte Inventar zu zelebrieren, ist im Grunde reaktionär, weil der Verstand hier immer wieder auf die vorgegebenen Formen der kollektiven Überlieferung hereinfällt. Meiner Meinung nach sollten wir uns nicht länger am Inventar aufhalten, das uns die Alten überliefert haben, sondern die Form und die Art der "Speicher" untersuchen, in die sie ihr Material hineingestellt haben (was uns gleichzeitig zeigt, warum sich die Magie scheinbar in den Töpfen befindet, in denen wir sie suchen). Auch auf die Gefahr hin, hier überheblich zu wirken, glaube ich, daß bewußtseinsmäßiges Analysieren und Hinterfragen kaum je so komprimiert zwischen zwei Buchdeckel gepreßt worden ist wie gerade in "Dantes Inferno".
F: Sich nicht am "Inventar der Alten" aufzuhalten, erinnert mich sehr an Austin Spare mit seinen magischen Bemühungen das "Dazwischen" der Begrifflichkeiten und Wahrheiten aufzudecken, aufzusuchen und aufrechtzuerhalten. Inwieweit hat dich Spare inspiriert?
A: Spare hat mich weder interessiert noch inspiriert, auch wenn sein Ansatzpunkt sicher sehr wichtig ist. Das Problem scheint mir das Inventar, mit dem ich das "Dazwischen" aufdecke. Da ich das "Dazwischen" normalerweise nur mit dem Werkzeug des Denkens "aufdecken" kann, kann ich natürlich nur soviel aufdecken, wie das Werkzeug an Erkenntnis zuläßt, und das führt dann zu einem dieser "Schlange beißt sich selbst in den Schwanz"-Schlüsse: "Im Denken erkennen sich immer nur die Denkmodelle." Nur wer das bewußt in seine Schlußfolgerungen einbezieht, ist von diesem Zirkelschluß befreit.
F: Du nennst dich Akron. In dem Buch heißt aber Akron das Wesen, welches dich durch die Ebenen der Hölle führt und dir bei der Wandlung behilflich ist. Ist somit Akron ein Teil deines (gespaltenen) Selbst oder der Name eines geistigen "Führers" oder wie du es immer nennen magst?
A: Wahrscheinlich beides (es sind die verschiedenen Seiten einer gleichen Medaille). Ich habe mich im Vorwort des Buches sehr ausführlich darüber geäußert. Mit Akron bezeichne ich einen Teil meiner Psyche, durch den mir Inhalte zufließen, die mehr sind, als ich mir persönlich bewußt bin, aber die doch mit meinem Ich korrespondieren und keinesfalls Kräfte außerpersönlicher Energien sind. Ich gehe davon aus, daß jeder Mensch einen solchen Kern in sich entwickeln kann, wenn er sich die Zeit nimmt, sich mit seiner Psyche auseinanderzusetzen und nicht über eine voreilige Identifikation mit diesen Kräften in größenwahnähnliche Aufblähungen verfällt.
F: Im Buch beschreibst Du 8 von 12 Höllen die nach den Sternzeichen angeordnet sind. Was ist mit den restlichen 4 Höllen? Wie sieht die Fortsetzung von Dantes Inferno aus, was erlebt der Held deiner Geschichte dort alles?
A: Die nächsten Höllen (Skorpion = Sexualität und Schütze = Verschwörungstheorien) fallen aus dem bisherigen Rahmen, denn der Held agiert jetzt in der Außenwelt und die Höllen sind das Resultat seiner inneren Traumen. Er ist Journalist bei einer Zeitung und wird in der Realität sowie in den Träumen mit den Auswirkungen dieser Paranoia konfrontiert (Interstellare Verschwörung, Geheimorganisation des Roten Drachens etc.). Diese beiden Kapitel erscheinen als eigenständiger Thriller unter dem Namen "Das Auge der Hölle". Ich habe meine Zweifel, ob das in dieser Form für den Verstand des Lesers überhaupt noch nachvollziehbar ist, denn ich habe es aus der Sicht des Unbewußten formuliert. Ich würde sagen: Ein Buch für multiple Persönlichkeiten.
F: Wie sind die gegenwärtigen magischen Verhältnisse in deiner Heimat? Ist die magische Szene in der Schweiz organisiert, oder geht jeder seinen eigenen Weg? Es ist sehr ruhig um die Schweiz in dieser Richtung geworden. Wie stehst du zu magisch arbeitenden Orden in Europa, gibt es welche, die du besonders magst oder ablehnst?
A: Ich muß ehrlich gestehen, ich habe nicht einmal die Zeit, mich um alle meine eigenen Sachen zu kümmern, und da fehlt mir natürlich auch die Kraft und Energie, mich mit anderen "Richtungen" zu beschäftigen. Aber ich werde natürlich von vielen Leuten "auf dem magischen Weg" kontaktiert.
F: Du hast mit Akron Verlags AG Deinen eigenen Verlag gegründet. Was hat Dich zu diesem Schritt bewogen? Gibt es nicht genug Verlage, die auch magische Bücher vertreiben? Auf welche Themen werdet ihr euren Schwerpunkt legen?
A: Der Verlag wurde als Dach für unsere Comic-Reihe ("Dantes Inferno") konzipiert, und zwar als Reaktion auf die vielen Beleidigungen, die Voenix von Verlegern hat einstecken müssen. Da hieß es "...Voenix kann nicht zeichnen ... schlechter Stil... wir machen die Reihe, aber wir wechseln den Zeichner...", rotzfreche und
überhebliche Manifeste sogenannter Insider, die glauben, etwas von sich geben zu müssen, ohne sich überhaupt mit dem literarischen Entwurf und der Architektur unserer Arbeit auseinandergesetzt zu haben. Ich halte Voenix’ Umsetzung der Vorlage für genial und hätte mir niemals einen anderen Zeichner vorstellen können. Der Arun-Verlag hat uns irgendwann unter die Arme gegriffen, leider ging’s beim Drucken schief (die Scans wurden nicht bearbeitet und die Schrift ab den Roh-Scans gedruckt, weshalb der Text beim Fische-Comic zittrig und verschwommen ist: eine Todsünde bei einem so wortlastigen Projekt). Deshalb haben wir uns entschlossen, das Ganze in allen Produktions- und Verteilungsschritten selbst in die Hand zu nehmen.
F: Voenix’ neue Art der Comics weicht ja vom konventionellen Wege ab. So sind die Bilder nicht mehr in Kästchen gezeichnet, sondern der
Leser wird aufgefordert sich tief hinein zu versetzen um den Anfang
und das Ende eines Bildes für sich auszumachen, was dieser Comic-Reihe eine sehr hohes und anspruchsvolles Niveau gibt. Meiner Meinung nach werden sie in ein paar Jahren genau wie das Buch einen Kult-Status besitzen. Aber werdet Ihr nur die Comic-Reihe veröffentlichen, oder sind noch weitere Veröffentlichungen für die Zukunft bei Eurem Verlag geplant? Können jetzt Autoren Euch mit Ihren Manuskripten bombardieren, oder werden sie von vornherein gleich auf fruchtlosen Boden stoßen?
A: In den nächsten Monaten werden nur unsere eigenen Werke publiziert, denn wir müssen uns in das Buchgeschäft gründlich einarbeiten, damit uns in diesem schwierigen Wirtschaftsumfeld nicht der finanzielle "Schnauf" ausgeht. Was in ein paar Jahren sein wird, kann ich nicht sagen, aber ich hoffe natürlich, daß wir dann auch die Arbeiten anderer Künstler präsentieren werden.
Ich danke Dir für das Interview und wünsche Dir die Öffnung der Dir noch verborgenen Höllen.
 
Bilder in diesem Artikel:
© Akron Verlags AG;
aus "Dantes Inferno" gezeichnet von Voenix
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Akrons Internetpräsenz
Die Homepage von Voenix