Die von Hendrich geschaffenen Welten wirken mit seltener Intensität auf den Betrachter und ermöglichen ein tiefes Eintauchen in die altnordische Sagenwelt. Die Düsternis, die seine Gemälde ausstrahlen, wirkt jedoch niemals bedrohlich, sondern vielmehr vertraut und eigen. Der Betrachter fühlt, daß Hendrich aus dem Fundus der eigenen Vergangenheit geschöpft hat und auch wenn die meisten Menschen mit diesen Mythen nicht mehr vertraut sind, empfinden sie doch die Konfrontation mit eben diesen als eine Rückkehr zur Quelle. „Wotan" thront im gleichnamigen Bild einsam und schweigend auf dem Bergesgipfel, umgeben von düsteren Wäldern und in schicksalsschwerer Erwartung sieht er dem Ende der Götter entgegen. Die stimmungshafte Unruhe des Bildes überträgt sich auf den Betrachter. „Fafner" zeigt den ruhenden Drachen, der mit halbgeschlossenen Augen der Ankunft Siegfrieds harrt; lauernd inmitten einer üppigen und allbeseelten Natur, die Hendrich mit unglaublicher Passion zum malerischen Leben erweckt hat. Im „Drachenkampf" stehen sich beide schließlich gegenüber, die einst blühende Landschaft ist nun karg und schattenhaft, denn im Mittelpunkt stehen allein die Gegner. „Die Nornen" weben im Schatten Yggdrasils das Schicksal der Menschen. Zu ihren Füßen sprudelt die heilige Quelle, sie selbst bleiben schemenhaft, denn im beinah gesamten Werke Hendrichs vermischt sich die Landschaft, die Natur mit den mythischen Protagonisten. Es ist dieses Ineinanderfließen, das Hendrich von seinen Kollegen wie Fahrenkrog oder Stassen unterscheidet.
Nach dem Verlassen der Halle kann der Besucher für einen Augenblick selbst in die Rolle Sigfrieds schlüpfen : Man zwängt sich durch eine enge und dunkle Kunsthöhle und sieht sich nach einigen Metern mit einem steinernen Fafnir konfrontiert. Dieser ist jedoch keine Schöpfung Hendrichs, sondern entstand erst im Jahre 1933 durch den Bildhauer Franz Josef Krings. Dennoch fügt sich diese Erweiterung harmonisch in das Gesamtkunstwerk der Nibelungenhalle ein und vergrößert somit ihre Ausstrahlungskraft.
Der Name des Künstlers, der all dies geschaffen hat, ist in heutiger Zeit beinahe vergessen und lediglich den zahlenmäßig wenigen Anhängern der nordischen Mythologie und einigen Wagnerianern ein Begriff. Die Kunstgeschichte unseres Landes tendiert nur allzu gern dazu, Künstler wie Fidus, Ludwig Fahrenkrog, Franz Stassen oder eben Hermann Hendrich zu vergessen. Wer sich dem nordischen Mythos nähert, macht sich verdächtig. Es ist die Unfähigkeit der Menschen zwischen Politik und Kultur zu differenzieren, die Künstler wie Hendrich an den Rand der Vergessenheit brachte. Werfen wir nun einen kurzen Blick auf das Leben von Hermann Hendrich:
Im Jahre 1854 wird Hermann Hendrich in Heringen im Harz geboren. Im Alter von 16 Jahren beginnt er eine Lehre zum Lithographen, die er, aufgrund außergewöhnlicher Talentierung, verfrüht beendet. Im Jahre 1972 kommt er in Hannover durch den Besuch von Richard Wagners „Tannhäuser" erstmalig in Kontakt mit dem Werk des großen Meisters. Wenig später schließt er sich einer Schauspielgruppe an und tritt unter anderem in Detmold und Düsseldorf auf. Seine Reisen nach Norwegen inspirieren ihn vermehrt dazu sich den nordischen Mythen und Sagen zu widmen, so schafft er 1885 fünf Großgemälde zur Beowulfsage. 1889 erwirbt der Kaiser Hendrichs Bild „Atlantis", was ihm einen großen Popularitätsschub bringt. 1901 wird auf dem Hexentanzplatz in Thale die „Walpurgishalle" eingeweiht, die fünf Großgemälde beherbergt. 1903 wird in Schreiberhau die „Sagenhalle" errichtet, die jedoch im Krieg zerstört wird. 1907 wird u.a. durch Hermann Hendrich der Werdandi-Bund gegründet, der sich zur Aufgabe macht, das Gesunde und Lebensbejahende in der Kunst zu fördern (hier lassen sich starke Parallelen zu dem St.Georgs-Bund um Fidus ziehen). 1913 wird die „Nibelungenhalle" auf dem Drachenfels in Königswinter eröffnet. Am 18. Juli 1931 kommt Hermann Hendrich bei einem Unfall ums Leben.
In seinen späten Jahren äußert Hendrich sich in eigenen Worten zu seinem künstlerischen Werk, seiner Intention und seiner Vision der Nibelungenhalle : „Mein Leben neigt sich dem Ende zu. Als Vermächtnis hinterlasse ich dem deutschen Volke diese Schöpfungen, in denen ich mein künstlerisches Glaubensbekenntnis niedergelegt habe. Mögen sie dazu beitragen, die Erinnerung an die herrlichen Mären und Sagen unserer großen Vorzeit lebendig zu erhalten und neu zu erwecken, so daß die düsteren Nebel, die uns jetzt bedrücken, durch ein glänzendes Morgenrot verscheucht werden. Diese Hoffnung glaube ich mit hinübernehmen zu können, denn schon jetzt sehe ich, daß diese aus dem Volksgeiste geborenen Schöpfungen alljährlich von Tausenden aufgesucht werden; manch herzlicher Dank ist mir in Wort und Schrift zuteil geworden, so daß ich fühle, daß diese Werke wahre Volkstümlichkeit zu erlangen im Begriff sind. Das ist mir der reichste Lohn." (Ernst Geyer – Hermann Hendrich)
Das Gesamtkunstwerk der Nibelungenhalle – die Verschmelzung von sakraler Architektur und Kunst – vermag den Besucher in höhere Ebenen zu befördern und ihn den Hauch der alten Zeit atmen zu lassen. So wie die Intention eines jeden Tempels das Spürbarmachen des Übermenschlichen und Ewigen ist, so erfüllt auch die Nibelungenhalle diesen Zweck. In ihr wird der Geist und Mythos unserer Vorfahren und unserer heidnischen Kultur gehalten und kann jedem Besucher eingehaucht werden. In der Nibelungenhalle ist die von Fidus propagierte Tempelkunst zu Stein geworden und tatsächlich lesen sich die Beschreibungen der Fidus`schen architektonischen Entwürfe wie eine Schilderung der Nibelungenhalle (vergleiche : Dr. Albert Giesecke – Fidus’ Tempelkunst in „Die Schönheit", 1919/20).
„Die Mannen erheben Siegfrieds Leiche auf den Schild und geleiten sie in feierlichem Zug über die Felsenhöhe langsam von dannen. Der Mond bricht durch die Wolken hervor und beleuchtet auf der Höhe den Trauerzug. Wotans großer stolzer Heldengedanke, der letzte Wälsung, wird zum Holzstoß getragen, um im Leichenbrand zu vergehen. Das Ungeheure zeigt sich uns im riesenhaften Schattenzug, den das Mondlicht auf die Felswand über dem Rhein und unter der Gibichungenhalle wirft. Siegfried im Schattenreich, der Götter Geschlecht wie Hauch vergangen – so endet das tragische Heldenspiel, Wotans Traum von Mannes Ehre, ewiger Macht und endlosem Ruhm, wie er durch Walhall und die Wälsungen sich verwirklichte, in mächtig ergreifenden Bildern vor Augen führte." (Wolfgang Golther, Vorwort zu „Hermann Hendrich – Der Ring des Nibelungen")
Ein soeben erschienenes Buch bringt erstmals Licht in das gewaltige Schaffen von Hermann Hendrich und wird hoffentlich dazu beitragen, ihm endlich den Platz in der Ruhmeshalle der Kunst zuzuweisen, den er verdient. Der Großteil der für diesen Artikel verwendeten Informationen entstammt diesem Werk, das ich jedem Interessierten ans Herz legen möchte (Elke Rohling – Hermann Hendrich: Leben und Werk). Das Buch kann über folgende Mail-Adresse bezogen werden: Kunstbücher von H. Hendrich :
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