Stephen Mace Nach den ganz vorzüglichen Essays in „Adressing Power" kann man auf die neuen Arbeiten des amerikanischen Magiers Stephen Mace gespannt sein, die nun in einem weiteren Band erschienen sind. Da die Einleitung („Faktoren, die die magicksche Praxis beeinflussen") im Vergleich zu den älteren Texten nichts Neues bringt und „Christliche Magick" (zumindest bei mir) einen recht widersprüchlichen Eindruck hinterlassen hat, bleiben von den fünf Aufsätzen noch drei, die erneut ausgesprochen lesenwert und originell sind.
Besonders hervorheben möchte ich dabei das Titel-Essay „Nemesis - Unentrinnbare Vergeltung und der Untergang des Abendlandes". Aufbauend auf einer Analyse von Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes" braut Mace einen brisanten und tiefgründigen Cocktail aus Kulturgeschichte, Politik, Soziologie, Mythologie und Magick, der seinesgleichen sucht. Während man hierzulande in der üblichen angstgeschüttelten Manie eher national ausgerichtete Vorkriegs-Autoren wie Spengler ignoriert, weil man es nicht fertigbringt aus irgendwelchen vorgefertigten Ideologien heraus zu einem wirklich freien Geist durchzubrechen, muß uns braven Deutschen ein Amerikaner wie Mace zeigen, wie frisch und fruchtbar man mit einem solchen Stoff umgehen kann. Das gefällt mir, SO muß man schreiben - oder schweigen! Auffallend ist dabei die im magischen Genre sehr seltene Fähigkeit von Mace, eine direkte Verbindung des Gedankenguts effektiver Magick mit gesellschaftlichen und politischen Prozessen herzustellen. So bleibt uns der Elfenbeinturm der eingesponnenen, nur selbstreflektierenden Magie erspart und vor unseren Augen ersteht ein intellektuelles Gewebe aus einer ontologisch-anarchistischen Grundhaltung und einer über Jahre ausgefeilten und immer wieder überprüften magickschen Technik. Beides zusammen eigentlich Sprengstoff, aber da Mace Individualist ist, müssen wir auf die Zündung des Gemisches noch warten (oder selber Hand anle-gen ;-) ...
Historisch interessant, lehrreich und unterhaltsam auch der Text zum römischen Kaiser Julian, der soviel magische Energie anhäufte, daß er sie nicht mehr verarbeiten konnte - mit dem Ergebnis seiner eigenen schicksalhaften Zerstörung. Und auch seine Auseinandersetzung mit Theodore Kaczynski, einst als gefährlichster Mann Amerikas gesucht, heute lebenslang eingesperrt - ein ehemaliger Wissenschaftler, der als Unabomber und Einsiedler-Terrorist Menschen in die Luft sprengte und ein kulturkritisches Manifest verfaßte - demonstriert, daß der Autor von „Nemesis" am Nerv der Zeit sitzt und Stromstöße in ihn hineinschicken kann.
Für jedes Essay hat Stephen Mace akribisch recherchiert; die Sprache ist bild- und facettenreich. Es spricht eindeutig für Mace, daß die Brillanz seiner Gedanken selbst im bedauerlichen Salat von Übersetzungspeinlichkeiten und/oder Druckfehlern (oder dem Ergebnis einer erbärmlichen Korrekturlese) aufscheint.
Kurz und gut und man kann es nicht oft genug wiederholen: Stephen Mace gehört zum Besten, was man derzeit in deutscher Sprache und zum Thema Magick lesen kann und das ist doch was, oder etwa nicht?
FC