BAAL

Eine mythologisch-kabbalistische Reminiszenz

von Frank Cebulla


„Elia aber sprach zu Ihnen: Greift die Propheten Baals, daß keiner von ihnen entrinne! Und sie ergriffen sie. Und Elia führte sie hinab an den Bach Kison und tötete sie daselbst." (1. Könige 18, 40)

„Und er [Josia] ließ vor seinen Augen abbrechen die Altäre der Baale, und die Rauchopfersäulen oben darauf hieb er ab, und die Bilder der Aschera und die geschnitzten und gegossenen Götzenbilder zerbrach er und machte sie zu Staub und streute ihn auf die Gräber derer, die ihnen geopfert hatten ..." (2. Chr. 34, 4)


I. Historisches

Als in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends u. Z. die christlichen Heere begannen, das heidnische Europa mit Feuer und Schwert unter die Doktrin des Kreuzes der vermeintlichen Erlösung und Nächstenliebe zu zwingen, taten sie ein gottgefälliges Werk. Das Territorium, das sie eroberten, war in ihren Augen ein Niemandsland ohne Geschichte, seine Bewohner Barbaren, ihre uralten Kulte nur Teufelsdienst, der durch die einzig wahre Religion ersetzt werden mußte. Wer sich nicht „ersetzen" lassen wollte, wurde schlichtweg ausgelöscht. Ihre Arroganz und ihr blinder Fanatismus erschien nicht zuletzt gerechtfertigt durch die im Alten Testament berichtete, völlig gleichartige Vorgehensweise des „von Gott auserwählten Volkes" bei der Besiedlung des „Gelobten Landes".
Etwa um 1400 v. u. Z. war Moses, wahrscheinlich ein hoher ägyptischer Priester oder gar selbst Pharao, mit seinen Anhängern unter den Semiten, die seit der Hyksos-Zeit in Ägypten siedelten, geflohen. Die Gründe für diesen später glorifizierten „Auszug aus Ägypten" bestanden vermutlich in religiösen Differenzen zwischen dem fanatisch monotheistisch eingestellten Moses[1] und der traditionellen ägyptischen Priesterschaft oder einem Mysterienraub[2] oder einem Königsmord[3] oder in einer Mischung aus alldem. Den semitischen Stamm, den Moses aus Ägypten wegführte, mußte er erst auf den alleinigen Glauben an Jahwe trimmen. Die Menschen lernten jedoch schnell, denn jeder, der nicht „glauben" wollte, wurde getötet. Die Geschichte des Goldenen Kalbes (2. Moses Kap. 32) ist dafür ein beredtes Beispiel: „Als nun Moses sah, daß das Volk zuchtlos geworden war ... trat er in das Tor des Lagers und rief: Her zu mir, wer dem Herrn angehört! ... Und er sprach zu ihnen: So spricht der Herr, der Gott Israels: Ein jeder gürte sein Schwert um die Lenden und gehe durch das Lager hin und her von einem Tor zum andern und erschlage seinen Bruder, Freund und Nächsten. Die Söhne Levi taten, wie ihnen Mose gesagt hatte; und es fielen an dem Tage vom Volk dreitausend Mann."
[4] Nachdem die Machtfrage eindeutig geklärt war, überschritt das neue „Volk" Israel den Jordan und überzog das alte Kanaan mit dem Schrecken der ersten fundamentalistischen Religion der Menschheit. Kanaan war die ursprüngliche Bezeichnung für Palästi-na, Phönikien und das südliche Syrien; seine Bewohner gehörten im überwiegenden Maße der semitischen Sprachfamilie [5] an und lebten zur Zeit der Ankunft der Israeliten wohl noch in matriarchalen Strukturen. Das Land besaß schon seit urältesten Zeiten eine wichtige strategische Rolle, zum einen als Verbindungsstück zwischen Ägypten und dem Zweistromland, zum anderen für die Seefahrt des Mittelmeeres.
Für die auf ihre Auserwähltheit eingeschworenen Hebräer waren die Kanaaniter mit ihrer reichen religiösen Kultur nur Götzendiener, Unzüchtige, Gotteslästerer - kurzum Gojim, eine Bezeichnung, die noch heute von orthodoxen Juden für Nichtjuden gebraucht wird und zwar ganz im gleichen Sinne, wie Christen später von Heiden reden. Die ersten Israeliten waren rein zahlenmäßig noch nicht mächtig genug, um die Macht an sich zu reißen. Wiederum ähnlich den späteren Christen „unterwanderte" man nach und nach das Land, paßte sich an, wo es nützlich erschien und wartete wie der Wolf im Schafspelz auf den richtigen Zeitpunkt. Der kam, als auch andere semitische Nomadenstämme (die zwölf Stämme Israels) aus dem Süden und Norden einwanderten und zunehmend in Konflikt mit der alteingesessenen Bevölkerung gerieten. Die patriarchale, streng monotheistische Religion der Jahwe-Priester übernahm das Ruder für all diese Stämme; unter Saul wurde (um 1000 v. u. Z.) das erste Königreich gegründet - 932 entstand im Norden Israel, im Süden Juda. Nun brauchte man sich - bei Gott - nicht mehr zu verstecken. Kanaan wurde okkupiert, doch damit nicht genug - die alte kanaanitische, natürlich polytheistische Religion stand ebenso im Wege. In seiner einzigartigen Eifersucht duldet Jahwe keine anderen Götter neben sich, religiöse Toleranz ist ein Fremdwort. „Und ich will ein Ende machen mit allen ihren Freuden, Festen, Neumonden, Sabbaten und allen ihren Feiertagen. [...] So will ich heimsuchen an ihr die Tage der Baale, an denen sie Räucheropfer darbringt und sich mit Stirnreifen und Halsbändern schmückt und ihren Liebhabern nachläuft, mich aber vergißt, spricht der Herr. [...] Denn ich will die Namen der Baale von ihrem Munde wegtun, daß man ihrer Namen nicht mehr gedenken soll." (Hos. 2, 13ff)[6]. Ja, der Herr spricht oft und viel, wenn der Tag lang ist, aber seine Anhänger sind schneller mit dem Schwert als mit der Zunge. „Und er [Josia] setzte die Götzenpriester ab ... auch die dem Baal geopfert hatten, der Sonne und dem Mond und den Planeten und allem Heer am Astarte Himmel. [...] Auch die Höhen, die östlich von Jerusalem waren, ... die Salomo, der König von Israel, gebaut hatte der Astarte ... machte der König unrein und zerbrach die Steinmale und hieb die Ascherabilder um und füllte ihre Stätte mit Menschenknochen." (2. Könige. 23, 5ff) In diesem Zusammenhang als besonders schändlich muß noch die hinterhältige Falle des israelitischen Königs Jehu erwähnt werden, der 841 v. u. Z. unter dem Vorwand, für Baal ein Fest zu geben, dessen Priester, Propheten und Verehrer im Tempel des Baals versammelte, um sie dann durch seine Soldateska massakrieren zu lassen. 622 v. u. Z. rottet der erwähnte Josia endgültig alle dem Jahwe fremden Kulte aus. Zu dieser Zeit ging es schon weniger um religiösen Fanatismus als um ökonomische Vorteile in Form von Pflichtabgaben an den Jerusalemer Tempel - die andere, besitzgeile Seite des Patriarchats hatte sich entblättert.
Wie man an der Erwähnung Salomos sieht, waren selbst die Könige der Hebräer nicht davor gefeit, gelegentlich den alten heidnischen Kulten die größere Sympathie entgegenzubringen. Neben Salomo wird dies vor allem von Ahas und Manasse berichtet. Doch auch das jüdische Volk lief in seiner Geschichte noch oft der herrschsüchtigen Priesterkaste des Jerusalemer Tempels davon und schlug sich auf die Seite der „heidnischen" Kulte. Das Alte Testament klagt bis zum Abwinken über vom Herrn abgefallene Landstriche, Stämme, Städte usw.
Wir wollen an dieser Stelle dem Ansinnen der offensichtlich toleranteren jüdischen Könige folgen und am Beispiel Baals etwas Rehabilitation der alten Götter betreiben.

 

II. Mythos und Kult

Neben den unglaublich bedeutsamen Göttinnen wie Aschirat[7], Aschtarat[8] oder Anat[9] nahm vor allem Baal eine zentrale Rolle in der kanaanitischen Religion ein.
Er galt als der Sohn von El, dem höchsten männlichen (Schöpfer)Gott und der Aschirat. Manchmal wird er auch als Sohn des Dagon bezeichnet. Letzteren stellte man aufgrund seiner sprachlichen Verwandtschaft zu hebr. dag = Fisch mit Fischschwanz dar; er dürfte allen Verehrern der Lovecraft’schen Cthulhu-Mythologie bestens bekannt sein.
Die mythologischen Quellen zu Baal und seiner kultischen Verehrung sind sehr dürftig. Neben den Berichten der Bibel, die kaum mehr als Feindpropaganda sind und denen antiker Geschichtsschreiber kommen vor allem die sogenannten Ugarit-Texte in Frage, die in Keilschrift auf 8 Tontafeln und etlichen Fragmenten 1929 in Ras-es-Shamra gefunden wurden und die man erst vor ca. 60 Jahren begonnen hat zu erschließen.
‘Baal’ übersetzt man heute phantasielos mit „Herr". Im vierten Abschnitt dieses Artikels werde ich versuchen, etwas mehr Licht auf das ursprachliche Phänomen ‘Baal’ zu werfen.
In Zeiten, aus denen Abbildungen, Reliefs u.ä. überliefert sind, wurde Baal wohl als Himmels-, Wetter- und Gewittergott verehrt. Er ist dort in Menschengestalt abgebildet, mit einem Bündel Blitze bewaffnet, ganz ähnlich den antiken Donnergöttern Zeus und Jupiter. In Texten beschreibt man ihn als von 7 Blitzen umgeben, mit Tau auf der Stirn und Stierhörnern auf dem Kopf. Als Baal Schamem („Herr des Himmels") ist er einer der phönikischen Hauptgötter und für Regen, Gewitter und die Gestirne zuständig. Auf seleukischen Münzen sieht man Baal Schamem mit einer siebenstrahligen Sonne in der Hand und einer Mondsichel auf der Stirn. Die Zahl 7 scheint wesentlich für Baal zu sein (siehe Abschnitt IV.). Baal trägt auch den Beinamen „der auf den Wolken reitet". Bei den Aramäern wird Baal mit Had, dem dortigen Gewittergott gleichgesetzt, in Syrien mit Hadad, dem Sonnengott. Ein interessanter Fakt, denn dieser Had/Hadad ist natürlich mit dem durch Crowley und das Liber Al vel Legis bekanntgewordenen Hadit verwandt.
Ein weiterer, nicht minder wesentlicher Aspekt Baals ist jedoch seine Beziehung zu Erde, Fruchtbarkeit und Sexualität. Stier Baal tritt dann immer als Stier auf und wird direkt auch als zebul ba’al ‘ass („Fürst, Herr der Erde") angerufen. Namen wie Baal-Biqah („Herr der Ebene"), Baal-Chammon („Herr der Räucheraltäre"), Baal-Qarnaim („Herr der beiden Hörner") usw. stehen ebenfalls in diesem Zusammenhang. Gelegentlich scheint er sogar ein Gott der Unterwelt gewesen zu sein. In der verbreiteten Volksreligion nahm Baal die Rolle eines Vegetationsgottes ein, dessen Auferstehung aus der Unterwelt man im Frühjahr feierte. Hier treten dann auch eindeutige orgiastische und phallische Bezüge in den Vordergrund, z.B. wenn man den Baal-Peor[10] („Herr des Berges Peor") in Gestalt einer Palme zwischen zwei Steinen stehend verehrte oder im Gottesnamen selbst (Baal-Marqod, der Herr des Tanzes) ein Hinweis auf die Art und Weise seiner Verehrung gegeben wird.
Kultorte des Baal waren vor allem heilige Höhen und Berge, aber auch Haine. Tempel errichtete man erst in späteren, antiken Zeiten. Ein gigantischer Tempelplatz, der unter dem Namen Heliopolis bis in die Antike hinein bedeutsam war, hieß Baalbek. Der Bau der Tempelterrasse von Baalbek gibt noch heute Rätsel auf. Im ganzen Land verbreitet standen zu Ehren Baals auch sogenannte Masseben, Malsteine oder phalli-sche Säulen (hammanim), an denen man Opfer darbrachte und die mit Salböl (Balsam) oder dem Blut geopferter Tiere eingerieben wurden. Eine Zeit lang „übernahm" Jahwe diese Masseben, bevor „fromme" Könige sie schließlich überall zerstörten.
Vom Ablauf der Riten ist so gut wie nichts bekannt; Räucherungen und Brandopfer von Tieren scheinen jedoch an der Tagesordnung gewesen zu sein. Zu rituellen Festtagen hielt man ein Heiliges Mahl mit der Gottheit ab. Zu dem Zweck, so wird berichtet, kochte man ein Ziegenlamm in Milch, weswegen dieses sicher sehr schmackhafte Es-sen prompt von der Speisekarte Israels auf Geheiß des Herrn gestrichen wurde. Die Behauptung der Bibel, daß man auch Menschenopfer darbrachte, ist zumindest zweifelhaft. Die Ugarit-Texte als authentischste Quelle erwähnen nichts dergleichen. Der berüchtigte und immer wieder hervorgeholte Opferkult um den Moloch ist nichts wei-ter als Propaganda durch sprachliche Verballhornung (eine alttestamentliche Umbildung aus Melek, König), außerdem heißt hebr. molk einfach nur Opfer, Darbringung. Möglicherweise ist es jedoch in vorsintflutlichen Epochen anders gewesen.
Eine zentrale Institution des Kultes der kanaanitischen Göttinnen und Götter war die Tempelprostitution, die den Jahwe-Priestern allein deswegen schon ein Dorn im Auge war, weil sie ihnen Tempelgelder und Opfergaben vorenthielt[11]. Vom heutigen Standpunkt aus erzeugt das Wort „Prostitution" immer sofort einen moralischen Aufschrei, besonders wenn die eigene Weltanschauung eine Nähe zum kämpferischen Feminismus aufweist. Doch neige ich zu dem Standpunkt, daß wir uns mit Urteilen und Verurteilungen kaum dem Wesen einer so fremden, fernen und vergangenen Kultur nähern können. Meist wird auch vergessen oder verschwiegen, daß es sich dabei - wie im alten Kanaan - um eine von ihren Wurzeln her matriarchale Institution handelte und es in den entsprechenden Tempeln auch männliche Prostituierte[12] gab.
Tempel Allerdings mag es richtig sein, daß es mit der Verbreitung patriarchaler Strukturen zu einem Verfall dieser Riten kam, die dann letztendlich nichts weiter mehr waren als eine lukrative Einnahmequelle verschiedener Priesterkasten. Ähnliches läßt sich auch in der indischen Kultur feststellen.
Über Baal werden in den Überlieferungen von Ugarit drei zentrale Mythen berichtet. Der erste erzählt von Baals Kampf mit seinem Feind Jam, der vergöttlichten Gewalt des Meeres. Hinter dieser Geschichte scheint das Ur-Ringen von Himmel und Erde mit dem Meer auf, das die fruchtbaren Kontinente immer wieder zu verschlingen droht. Baal besiegt den Jam, ein Allegorie für die endgültige Scheidung von Erde und Wasser.
Der zweite Mythos handelt von der Forderung Baals nach einem eigenen Tempel. Im Abschnitt V. kommen wir darauf zurück.
In der dritten mythischen Erzählung, die für Baal absolut wesentlich ist, ringt Baal mit seinem zweiten Erzfeind - Mot, der Tod[13]! Der Tod ist sein ewiger und endgültiger Widersacher und steht diametral den Baal’schen Aspekten von Fruchtbarkeit, Sex und Lebenskraft entgegen. Baal und Mot geraten gelegentlich aneinander, ein Kampf wahrhaft kosmischen Ausmaßes: „M’t war stark, Baal war stark. Sie stießen einander wie Wildrinder. M’t war stark, Baal war stark; sie bissen einander wie Schlangen. M’t war stark, Baal war stark, sie stießen einander wie stürmende Pferde. M’t fiel nieder, Baal fiel über ihn. Es rief aber Sps[14] den Urteilsspruch zugunsten Baals aus."[15] Trotzdem kommt dem Tod eine wichtige Rolle zu, denn er ermahnt den wohl allzu „himmlisch" ausgerichteten Baal „in die Tiefen der Erde hinabzusteigen und einer von denen zu werden, die in die Erde hinuntersteigen". Anat, die Schwester Baals, erscheint hier auch als seine Liebesgefährtin. Sie ist eine großartige, sehr starke Göttin und verbindet in ihrer Symbolik die Attribute einer Jungfrau, der sexuellen Liebe, der Fruchtbarkeit, aber auch des Krieges. Als Baal in Stiergestalt der als jungen Kuh erscheinenden Anat 77mal beiwohnt, ist er so ermattet, daß Mot seine einzige Chance wahrnimmt und sich seiner bemächtigt - Baal stirbt also. „Baal ist niedergesunken zur Erde, tot ist Alijan Baal[16], umgekommen ist der Fürst, der Herr der Erde!"[17] Anat verrichtet zusammen mit El die Trauerriten. El träumt daraufhin die Wiederkunft Baals: „In einem Traum des Freundlichen, El, des Gütigen, in einem Gesicht des Schöpfers der Geschöpfe regnet der Himmel Öl, die Bäche führen Honig ... denn Alijan Baal lebt, der Fürst, der Herr der Erde, existiert!"[18] Anat fleht mehrere Monate den Mot an, ihrem Bruder und Geliebten die Rückkehr aus der Unterwelt zu gestatten; ihre Demut ist groß, aber Mot bleibt hart. Da zeigt Anat ihr anderes Gesicht; mit großem Zorn zieht sie in den Kampf gegen Mot. „Im Blut watend" zerstückelt sie Mot, verteilt die Körperteile auf den Feldern, wo sie von den Vögeln gefressen werden:

Sie packte den Sohn Els Mut,
Sie spaltete ihn mit dem Messer,
Sie worfelte ihn mit der Schaufel,
Sie verbrannte ihn im Feuer,
Sie mahlte ihn in der Mühle,
Sie warf ihn auf das Feld,
Seine Überreste fraßen die Vögel,
Die Überbleibsel die Gefiederten." [19]

Baal kehrt zurück, zieht wieder in seinen Palast ein und die Erde wird wieder fruchtbar. Nach 7 Monaten aber kehrt Mot zurück und alles beginnt von vorn. Wir erfahren auch, daß immer 7 Jahre dem Baal gehören, während weitere 7 Jahre Mot herrscht. Es ist naheliegend und oft so gedeutet worden, daß in diesem Mythos der Ablauf und Wechsel der Jahreszeiten literarisch verschlüsselt bearbeitet wurde, aber ganz so ein-fach ist es nicht. In den Ugarit-Texten gibt es Hinweise darauf, daß Baal Vorbereitungen für seinen Abstieg in die Unterwelt trifft. Das bedeutet, daß er nicht überraschend und unfreiwillig der Gewalt des Todes unterliegt, sondern die Reise freiwillig antritt. Damit würde das Hinabsteigen in die Finsternis einen initiatorischen Charakter annehmen.
Die Rolle Anats bei der Befreiung Baals gleicht einer Shakti, die als weibliche Ergänzung des männlichen Gottes seine ganze Kraft aufnimmt und repräsentiert und ohne die das Männliche in seiner Einseitigkeit verloren ist. Dieses Verständnis eines Gottespaares ist besonders aus dem Hinduismus bekannt, tritt jedoch hier in fast gleicher Weise auf. Es verwundert daher nicht, daß wir unter den kanaanitischen Göttinnen auch Baal’at finden, die Herrin. At bedeutet in den semitischen Sprachen Essenz; demzufolge ist die Göttin Baal’at die unzerstörbare Essenz des Gottes Baal und ihre Geschwisterschaft nicht nur eine normale Verwandtschaft, sondern magische, im Äußeren sexualmagische Verbindung.

 

III. Zusammenhänge

Antiker Baal-Tempel In den Ugarit-Texten taucht Baal erst später in der kanaanitischen Götterversammlung auf und fordert dort ein eigenes „Haus". Er kommt also von außerhalb. In der Tat handelt es sich bei Baal um einen der ältesten bekannten Götter überhaupt, dessen Auftreten nicht auf Kanaan beschränkt bleibt. Schon in Akkad, der uralten und rätselhaften Hochkultur in Mesopotamien [20], gab es ihn als Bel, den Beherrscher all dessen, was zwischen Himmel und Erde ist und Schöpfer von Welt und Mensch. Damit ist er gut weitere 1500 Jahre älter als gemeinhin angegeben. In Nippur, der alten sumerischen Hochkultur, gab es schon 3000 v. u. Z. einen Bel-Kult. In Babylon gehörte er zur Götter-Trinität Anu - Ea - Bel. Aber auch die Verbindungen zu Ägypten sind wesentlich und reichen auch dort in prähistorische Zeiten zurück (siehe Abschnitt IV.). Davor liegt schon das uns weitestgehend unbekannte Paläolithikum. Was in dieser heute nur noch lapidar als „Steinzeit" bezeichneten Epoche wirklich an Kultur und Zivilisation vorhanden war, können wir nur noch ahnen und beileibe nicht den erbärmlichen Maßstab der heutigen expansiv-technischen, rein materialistisch ausgerichteten Konsum-Gesellschaften anlegen. Der Verweis auf die phallischen Steinsäulen als Hauptkultobjekte Baals könnte eine Verbindung zur Megalith-Kultur nahelegen, die vor 6000 Jahren nicht nur in ganz Europa, sondern auch in Nordafrika und im Nahen Osten verbreitet war. Daß das Zweistromland der Ursprung jeglicher Zivilisation, Bildung, Religion, Schrift usw. ist, gilt gemäß unserer Schulweisheit heute als unumstritten. Mit der Christianisierung des europäischen Kontinents durch eine nahöstliche Religion wurde eigenständige europäische Geschichte und Kultur politisch obsolet, von nordisch-germanischer Kultur innerhalb dieses Europas ganz zu schweigen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. So haben denn Generationen von grundehrlichen, nur der Wahrheit verpflichteten und immer nur an logischen und erkenntnistheoretischen Prinzipien ausgerichteten Wissenschaftlern zugunsten ihrer akademischen Laufbahn den Blick von der Tatsache abgewendet, daß auch umgekehrt der Westen den Osten beinflußt haben könnte oder daß wir ganz einfach nicht wissen, wo die wirklichen Wiegen der modernen Menschheit gestanden haben. Das wird auch an unserem The-ma deutlich, wenn man im nordischen Götter-Pantheon ohne Umschweife Baal in wahrlich nur leicht abgewandelter Form wiedertrifft: Baldr oder Baldur! Nordisch ‘Baldr’ bedeutet ebenfalls „Herr", die Attribute eines Himmelsgottes, Licht, Schönheit, Anmut, Glanz finden sich bei Baldr in gleicher Weise wie bei Baal. Ebenso der Tod durch blinde, dunkle Mächte (Hödur), der Abstieg in die Unterwelt und der Gedanke der Auferstehung. Schließlich können wir sogar in Baldr’s Frau Nanna Baals Gattin Anat wiedererkennen. Man muß kein Etymologe sein, um die Zusammenhänge zu sehen! Doch welcher „unparteiische" Akademiker arbeitet heute schon noch über Baldur?
Selbstredend wird man auch über die Bal-ten als Baal-Stämme nichts erfahren können.
Doch die Netze einer alten, uns unbekannten Zivilisation sind viel enger gewebt, als wir uns vorstellen können. Sie stellen jene engstirnigen „wissenschaftlichen" Thesen in Frage, die unter den gegebenen Verhältnissen immer der politischen Tagesmode genügen müssen, um beachtet zu werden. Denn auch die vielgepriesenen (und heute so verkaufsträchtigen) Kelten verehrten ihren Baal: Bel oder Belenos, den Licht-, Feuer- und Fruchtbarkeitsgott [21]. Ein Mythos für diesen Belenos ist nicht bekannt; für die Kelten war er lediglich eine mächtige Gottheit der Vorfahren (!). Er wird aber als Gefährte (oder Sohn) der Danu bezeichnet, der Stamm-Muttergöttin der Tuatha de Danaan, eines legendären Volkes, das in Urzeiten Irland besiedelte (und eigentlich allen „Teutschen" wohlbekannt sein müßte). In dieser Danu (Anu, Anna) kann man ohne Schwierigkeiten Anat wiedererkennen. Eines der wichtigsten Feste des keltischen Jahres - Beltaine - trägt Bel in seinem Namen. Beltaine bedeutet ‘Feuer des Bel’, gefeiert wird die Hochzeit zwischen Himmel und Erde, dem Gehörnten und der Göttin, die sexuelle Urkraft an sich, schöpferische Lebensfreude, die erwachte fruchtbare Natur des Frühlings, der ganz wie Baal aus dem Totenreich des Winters neu aufersteht[22]. Nach allem was wir wissen, waren die Beltaine-Riten alles andere als prüde, sondern ein Fest der unbändigen sexuellen Lust, wohl ganz ähnlich den „unzüchtigen" Baalskulten, gegen die schon die Jahwe-Priester wetterten.
Die Riten des Todes und der Auferstehung eines Gottes, wie sie von Baal berichtet werden, treffen in der Antike vor allem auf Adonis zu. Adonis war der Geliebte der Aphrodite, mußte jedoch jeweils 4 Monate des Jahres in der Unterwelt bei Persephone leben. Adonis wurde von einem wilden Eber getötet und verbrachte danach die Hälfte der Zeit bei Aphrodite auf dem Olymp, die andere Hälfte in der Unterwelt. Wie Anat befreite Aphrodite ihren Geliebten aus den Zwängen des Todes. Wie im Baalskult gehörten Wehklagen um den getöteten Adonis und Jubel über seine Auferstehung zu den mehrtägigen Mysterienspielen. Der Adonis-Kult stammte ursprünglich aus Phönikien und Syrien (Byblos). Adonis ist die griechische Umbildung des phönizischen ‘Adon’, das ebenfalls ‘Herr’ bedeutet.[23] Man kann daher mit gutem Gewissen davon ausgehen, daß das bis heute so verbreitete ‘Herr’ als Epitheton des jüdisch-christlichen Gottes ursprünglich nur einen bezeichnete: Baal!
Außerdem ist in der römischen Mythologie noch der Verweis auf einen merkwürdigen Belos zu finden, der Vater des Aigyptos, eines legendären ägyptischen Königs, und - ganz wie Baal - Sohn des Meeresgottes ist.
Üblicherweise gehen „Siegermächte", gleich wann und wo wir sie in der Geschichte antreffen, immer dazu über, die Kultur und die Götter der Besiegten zu verleumden und zu verteufeln, ihre eigenen Vorstellungen und Leistungen dagegen apotheotisch zu überhöhen (gelinde ausgedrückt). Baal traf dieses Schicksal genauso wie viele der anderen alten Götter. Mit dem patriarchalischen Monotheismus hielt auch die Moral Einzug, jene „Verneinung des Willens zum Leben" (Schopenhauer), von der Nietzsche treffend bemerkte, daß sie nur „das Urteil Verurteilter" ist. Eigenständige, individualistische, kraftvolle und lustfreundliche Göttinnen und Götter haben in den modernen Tugenden bis heute keinen Platz. Sie sinken in den (religiösen) Schatten der Gesell-schaft und fristen dort ein dunkles, verkanntes und oft auch gewalttätiges Dasein - fern ihrer eigenen Wurzeln und Bestimmung. So verwandelte sich Baal Zebul („Baal, der Fürst") schon in den Zeiten des Alten Testaments in den Baal Zebub („Herr der Fliegen")[24], einem angeblich teuflischen Symbol für alles Schlechte, Unzüchtige, Unmoralische, Götzenhafte. Ganz folgerichtig trug Satan in späteren Zeiten auch den Namen Beliar, eine Verballhornung des hebräischen Belija’al, das ‘Bosheit, Nichtigkeit’[25] bedeutet und dessen Endsilbe -al ahnen läßt, daß es sich dabei ursprünglich um einen echten Gott gehandelt hat. Und ob wohl die verruchten höllischen Dämonen Belial und Astaroth den vielen selbsternannten Dämomenbeschwörern verraten haben, wer sie wirklich sind - Baal und Aschtarat???
Selbst diejenigen, die im Geheimen (natürlich etwas Böses) ausbaldowern, wissen wahrscheinlich nicht, daß sie sich dabei auf Baal berufen. Das Wort leitet sich von hebr. ba’al-dawar ab, ein mittelalterlicher Name für den Teufel als „Herrn des Wortes oder einer Sache". Auch in Wörtern wie Balz oder Balsam mag die Natur Baals noch kräftig widerhallen. Hier und da leuchtet jedoch auch der alte Glanz nach, in Vornamen wie Belinda, Bela (ungar.) oder Isabel[26], Balduin[27] oder Balthasar [28] und an anderen verborgenen Plätzen der Sprache, wo belle und bella immer noch ‘schön, glänzend, strahlend’ bedeutet[29].

 

IV. Kabbalistische Spekulationen

Durch die Ursilben-Auswertung des Namens ‘Baal’ kann man weitere interessante Ergebnisse erhalten, die viel zum Verständnis des Gottes beitragen:

Ba Al
das ägypt. Ba, die „Seele" hebr. „Gott"
Basis, Fundament, Erde All(es), Himmel
die Rune Berkano b, 18 die Rune Algiz, z, 15
ab, ba, Zahlwert 3, Binah, die Mutter la, al, Zahlwert 31, 3 + 1 = 4 --> Jupiter
die Umkehrung ba, ab, bedeutet Vater die Umkehrung al, la, bedeutet Nichts
b , Beth, „Haus" l , Lamed, „Ochsentreibstock"

Beim Blick auf die Tabelle und dem Spielen mit den Assoziationen kann man plötzlich sehr viel besser verstehen, warum Baal als eigentlicher Himmels- und Gewittergott auch eine starke Beziehung zum Irdischen und auch zum Weiblichen aufweist und als Herr alldessen, was zwischen Himmel und Erde existiert, verehrt wurde.
Das ägyptische Ba erklärt man häufig mit ‘Seele’, doch geht der komplexe Inhalt dieses Begriffs weit darüber hinaus, was wir heute in typisch zivilisiert-westlicher Manier alles- und nichtssagend so unter Ba in einer ägyptischen Darstellung Seele verstehen. Ba benennt zuallererst und immer ein göttliches Wesen, dann auch die Manifestation oder Erscheinungsform eines göttlichen Wesens, so wie beispielsweise der Pharao das Ba des Gottes Ra war. Den Ägyptern war zudem die Vorstellung vertraut, daß jeder Mensch ein ureigenes Ba besitzt, das sich nach dem Tod vom Körper des Verstorbenen lösen kann. Schließlich stellt das Ba einfach die Kraft der geistigen oder psychischen Existenz dar. Interessant ist die Tatsache, daß auch der sicher vielen magisch interessierten Lesern bekannte Bock von Mendes, widder oder ziegenbocksgestaltiger Fruchtbarkeitsgott, den Namen Ba trug. Bock heißt im Hebräischen zi , oz und hat den Zahlwert 77!
Al ist eine typische Ursilbe, deren Charakter durch das deutsche All und das hebräische la, Gott, gleichermaßen beschrieben wird. Die gut dazu passende Rune Algiz symbolisiert im Nordischen die individuelle Beziehung des Menschen zum Göttlichen. Sie ist die Rune des Schutzgeistes (fylgja) und der weiblichen Entitäten (Walküren), die den männlichen Helden im Kampf beistehen. Die Verbindung zu Baal muß nicht näher erläutert werden. Der Zahlwert der Rune beträgt 15, ein kabbalistisch unmißverständlicher Hinweis, wer das Andere Ich, das Al-ter Ego des Menschen sein kann: Der Teufel, XV. Arkanum des Tarot. Hervorgehoben werden sollte auch die Bedeutung des Anfangsbuchstabens b, Beth als Haus oder Wohnstätte. Zusammen mit der Endsilbe ergibt sich Beth-El, also Gotteshaus oder -stätte. In der Tat gab es ein berühmtes Heiligtum in Kanaan, das Bethel hieß. Durch das Gejammer der alttestamentlichen Propheten wissen wir, daß in Bethel neben El auch Baal verehrt wurde. Selbst nach der Usurpation der Stätte durch die Israeliten betete man dort Jahwe in Gestalt eines Stieres an!
Sehen wir uns noch kurz die gebräuchlichen Schreibweisen des Gottesnamens und die kabbalistischen Korrespondenzen dazu an:

1. lb , bl, Zahlwert 32 32 ist eine Zahl der Vollkommenheit, denn in ihr liegt die gesamte Schöpfung (=10 Sephiroth + 22 Pfade des Lebensbaumes). Aber folgendes ist noch interessanter:

hyha (Ehyeh als Gottesname Kethers) + hvhy (Tetragrammaton) = hvhyha (AHIHVH, die Verbindung der beiden Namen) = 32

Nimmt man an, daß die drei weiblichen h, Heh’s, in der Verbindung die sogenannten „Mütter" des hebräischen Alphabets a, w und m repräsentieren, erhalten wir:

hvhyha (AHIHVH) --> mvaywa (AShIAVM) = 358

eine sehr wichtige Zahl in der Kabbala, die für den Messias (cywm = 358) genauso steht wie für Schlange (wcn = 358)! 358 in der Quersumme ergibt zudem die „Baal-Zahl" 7.
Die 32 kann man auch als „Doppelgänger-Zahl" betrachten, denn sie ist eine höhere Potenz der 2 (32 = 25).
Andere erstaunliche Korrespondenzen [30] zur 32 sind z.B. (bitte den Zusammenhang mit Baal betrachten!): rein, glänzend, frei, makellos, Gewitterwolke, Gewitterregen, Herrlichkeit, Pracht, Mitte, Inneres, Herz, Adel, vernichtet werden, verborgen ...

2. laab, baal (besonders auch im Griechischen), Zahlwert 34
Die Zahl 34 steht in enger Beziehung zu Jupiter: 34 = Summe(1 - (4 x 4)) : 4 und 4 = Chesed im Lebensbaum, Jupiter zugeordnet.ba la , Al Ab, Gott der Vater, ergibt ebenfalls 34.
Korrespondenzen zur 34 sind Behälter, Babylon, erlösen, offenbaren, enthüllen, wegführen, Wellenschlag, elend, gering, Tür, Mund, Herz, Verstand. Es steht jedem frei, eigene Assoziationsketten zu Baal zu konstruieren; die Verbindung liegt oft sehr nah.
Schreibt man die einzelnen Buchstaben von laab voll aus, erhält mandmlplaplatyb und den Zahlwert 708, korrespondierend mit tydbhkalm, dem Engel des Bundes (siehe dazu Abschnitt V.)! Außerdem nicht zu vergessen: 3 + 4 = 7.

3. lib , b’l, Zahlwert 102
Als kabbalistische Korrespondenzen zur 102 findet man u.a. Vertrauen, Wahrheit, Glaube, Friede, Zuverlässigkeit, verwirren, vernichten, verschlingen, heiraten, Herrschaft, Bräutigam, Gemahl, Meister, Liebesgenuß, Herrlichkeit, Pracht, Stolz, Schmuck. Offensichtlich ist auch, daß 102 genau 3 mal 34 ergibt. Außerdem verbirgt sich in der 51 (102 : 2) ein Hinweis auf die verfluchten Könige von Edom (mvda = 51). Einer der Könige heißt übrigens Bela, ilb, Zahlwert 102!

Dies mag als eine erste, eher oberflächliche Analyse genügen. Nichtsdestotrotz sind die Ergebnisse mehr als erstaunlich. Eine tiefergehende kabbalistische Betrachtung zu Baal erfordert mehr Platz und damit eine eigenständige Abhandlung.

 

V. Neuäonisches

Bereits in den ersten Jahrzehnten des Neuen Äons - wenn wir denn von einem solchen ausgehen wollen - wurde deutlich, daß neben der von Aiwass/Crowley eingesetzten ägyptischen Götter-Triade Nuit-Hadit-Horus auch andere der „Großen Alten" aus dem Sumpf des Verdrängten, Vergessenen, Verbotenen und Verfemten aufstanden, um in einer „Zivilisation" des Niedergangs mit wehenden Standarten neue Feldlager einzurichten. Die mittlerweile sehr fortgeschrittene magische Philosophie des Set[31], die Maat-Magick von Fra. Achad und Sr. Nema, aber auch die Loas des Voodoo oder die Cthulhu-Mythen Lovecrafts sind beredte Beispiele für diesen Prozeß, der bis heute anhält und sich weiter verstärkt. An Baal, einem der urältesten Götter der Menschheit und gleichzeitig ein Urahne aller Verdammten überhaupt, ging diese Wiedergeburt bisher mehr oder weniger vorüber. Dieser Artikel wurde nicht zuletzt geschrieben, um an diesem Zustand zu rütteln ...
Es gibt eine Überlieferung, die besagt, daß in alten, ursprünglichen Zeiten alles seinen Baal hatte und erst nach und nach, im Laufe der einander folgenden Epochen daraus ein einziger, übergeordneter Gott Baal wurde. Mit ‘alles’ ist buchstäblich auch alles gemeint - jeder Mensch, jedes Tier, jeder Ort oder Platz, ja jedes heute als ‘tot’ erach-tete Ding, jegliche Sache innerhalb der Schöpfung besaß seinen Ba-Al(l). Einen späteren Nachhall dieser Vorstellung findet man in einer Bezeichnung Baals als „Herr der Sache", in seinen überall in Kanaan verbreiteten Ortsheiligtümern und - nicht zu vergessen in den zahllosen Personennamen, die eine individuell enge Beziehung des Menschen zu seinem Gott verraten: Abibaal[32], Achibaal[33], Ammibaal[34], Jerubbaal[35] u.a..
In einem Mythos aus Ugarit wird berichtet, wie Baal ein eigenes Haus fordert: „Ich will bauen einen Götterpalast, wie ihn die Himmel nicht kennen, etwas, das die Menschen nicht kennen, und nicht versteht das Gewimmel der Erde."[36] Baal kann offenbar ohne eine Wohnstatt seine Königswürde nicht ausüben. Der Palast wird schließlich sechs Tage gebaut und ist am siebenten fertig[37], aber zuerst ohne ein Fenster. Auf Baals Forderung fügt man auch ein Fenster ein. Nun läßt Baal stolz seinen Donner erschallen und schickt eine Botschaft an Mot, daß ihm niemand den Rang als König streitig machen kann. Die akademische Mythenforschung deutet diesen Bericht langweilig als Tempelgründung. Richtig interessant erscheint er aber erst, wenn man den Menschen selbst als Wohnung Baals betrachtet. Begriffe wie ‘Tempel’ oder ‘Wohnstatt’, ‘Königswürde’ und ‘Fenster’ nehmen damit plötzlich eine völlig neue Bedeutungsebene an.
Die ägyptische Abbildung des al ba, des göttlichen Ba, zeigt ein Wesen, das wir heute ohne zu zögern als Engel bezeichnen würden. Zusammen mit dem vorher Gesagten drängt sich der thelemitische Vorstellungskomplex des Heiligen Schutzengels als Träger der göttlichen Substanz des Menschen und Repräsentant des Wahren Willens geradezu auf - Mensch und Ba(al). Ein sehr geläufiger Name des Gottes war Baal Berith, der Herr des Bundes! Die menschliche Erkenntnisfähigkeit erscheint damit ganz richtig als Fenster, durch das das Auge der göttlichen „Absicht" die eigene Schöpfung wahrnimmt. Ob der Name ‘Baal’ von seinem Ursprung her tatsächlich ein solches Konzept bezeichnete, kann heute nicht mehr entschieden werden und ist letztendlich auch nicht so wichtig. Ein Grundmerkmal des Neuen Äons sehe ich darin, daß der Mensch lernt, jegliche Abhängigkeit von Fremdbestimmungen zu überwinden und seiner in ihm angelegten Bestimmung kompromißlos zu folgen. Er wird nun zum Schöpfer seiner Götter und ist nicht mehr ihr Opfer; der Unterschied zwischen Gott und Mensch verwischt sich: Homo est deus! Baal steht für den göttlichen Kern, das einpunktige Zentrum (Hadit) im Menschen, das der Freiheit der unendlichen Möglichkeiten (Nuit) zustrebt, ohne die Freiheit eines anderen Sterns auf dessen persönlicher Bahn einzuschränken - in ständigem Werden, Gehen, Fruchtbarsein, in Entwicklung und Auseinandersetzung mit den selbstgeschaffenen Realitäten[38] (Horus).
Man sollte an dieser Stelle nicht darum herum reden: Es ist der göttliche, kraft- und lustvolle, schöpferische Baal in jedem Mensch, seine unendliche Potenz, seine Königswürde bar jeglicher Abhängigkeit, die von den Machthabern auf diesem Planeten so gefürchtet wird. All der milliardenschwere Aufwand, die mühevolle Kontrolle und Manipulation, all das Unterdrücken, Versklaven, Verdummen, Ablenken, Beschwichtigen, jegliche staatlich geförderte Gewalt haben nur diesen einen Zweck - zu verhindern, daß sich die Menschen an den Baal in ihrem Innern erinnern und seine Wiederauferstehung feiern. Was für ein Fest, wenn dies in einem plötzlichen kollektiven Ausmaß der Fall wäre! Der gewaltige, göttliche Zorn Anats wird all diejenigen treffen, die daran interessiert sind, daß Baal auf ewig in der Finsternis unseres Unterbewußten verbleibt. Denn die allerletzte und schwierigste Fremdbestimmung, die der Mensch überwinden muß, ist der Tod. Im Neuen Äon mehren sich Hinweise, daß auch diese schier uneinnehmbare Festung fallen kann.
Baal nahm die Lehrerschaft des allgegenwärtigen Todes an, in dem er die Reise in die Unterwelt antrat. Er scheute die Tiefe und den Schatten nicht; seine enge Beziehung zur Erde und zum Weiblichen unterstützte ihn dabei und half ihm, Mot zu überwinden. Die Beziehung des Männlichen (Baal) zum Weiblichen (Baal’at oder Anat) ist eine neuäonische, das Geschlecht als energetische Ba-sis und Ausgangspunkt übersteigt den Charakter einer Begrenzung[39].
So möge denn Baal in uns allen gesunden, erstarken und auferstehen aus der Düsternis vergangener Zeitalter und das verloren geglaubte Wort der Freiheit mit neuem Leben erfüllen. Aum!

„Der Gott, den du rettest, kannst du selbst sein".
Anton Szandor LaVey


 
Beltane von Voenix
„Beltane" © Voenix 1995


Anmerkungen:

[1] Moses bezog diese religiöse Vorstellung von dem vermutlich geistesgestörten und mindestens ebenso fanatischen Echnaton (Amarna-Zeit). Es gibt Spekulationen, die darauf hinweisen, daß Moses sogar selbst Echnaton gewesen sein könnte. Siehe A. Osman, Wer war Jesus wirklich? [Zurück zum Text]

[2] Warum hätte die ägyptische Armee wohl ein abgerissenes Nomadenvolk bis in die Wüste verfolgen sollen? Und was war die Bundeslade oder in der Bundeslade?[Zurück zum Text]

[3] Mit dem gewaltsamen Tod Tutanchamuns, der ein Sohn Echnatons gewesen sein soll, endete die Folge initiierter Könige. Wer aber tötete den jungen Pharao, der die monotheistischen Zwangsriten Echnatons wieder abgeschafft hatte? [Zurück zum Text]

[4] 2. Mose 32, 25ff [Zurück zum Text]

[5] Das Semitische wird heute falsch nur mit den Angehörigen der jüdischen Religion in Verbindung gebracht. In Wirklichkeit gehören zur semitischen Sprachfamilie neben dem Hebräischen auch das Babylonische, Assyrische, Aramäische und alle arabischen Sprachen. [Zurück zum Text]

[6] Die Anrede ‘sie’ in diesem Zitat aus dem Buch des Propheten Hosea gilt der „Hure", denn alle Frauen aus dem Volk, das nicht an Jahwe glaubt, sind selbstverständlich „Huren" und treiben „Unzucht". [Zurück zum Text]

[7] Im Alten Testament immer als Aschera bezeichnet. [Zurück zum Text]

[8] Heute besser unter ihrem karthagischen Namen Astarte bekannt. Sie ist natürlich auch mit der babylonischen Ishtar verwandt. [Zurück zum Text]

[9] Die Schwester und Gemahlin Baals, auf die wir noch zurückkommen werden. Siehe auch Inanna, Diana, die Heilige Anna ... [Zurück zum Text]

[10] Als Israel dem Baal-Peor mit sexuellen Riten huldigte, ließ Moses 24000 (!) erschlagen, um sein Volk vor dem „Angesicht des Herrn" von der „Plage" zu reinigen (siehe 4. Mose 25). [Zurück zum Text]

[11] „Deine Bosheit ist schuld, daß du so geschlagen wirst, und dein Ungehorsam, daß du so gestraft wirst ... Denn von jeher hast du dein Joch zerbrochen und deine Bande zerrissen und gesagt: Ich will nicht unterworfen sein! Sondern auf allen hohen Hügeln und unter allen grünen Bäumen triebst du Hurerei." (Jer. 2, 19f) [Zurück zum Text]

[12] Sie hießen kades, Geweihte. [Zurück zum Text]

[13] siehe auch hebr. mawet, Tod [Zurück zum Text]

[14] wohl der Sonnengott [Zurück zum Text]

[15] aus den Ugarit-Mythen, zitiert nach Walter Beltz, Gott und die Götter, S. 103
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[16] Ein Beiname, der allem Anschein nach ‘der Starke ‘ oder ‘der Mächtige’ bedeutet.
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[17] zitiert nach Helmer Ringgren, Die Religionen des Alten Orients, S. 221 [Zurück zum Text]

[18] zitiert nach Ringgren, S. 221 [Zurück zum Text]

[19] zitiert nach Ringgren, S. 233 [Zurück zum Text]

[20] Manche halten die Ak für die ursprünglichen, spirituell hochentwickelten Bewohner dieses Planeten, die durch die außerirdischen Sum (Sumer) in Reiche unter die Erde verdrängt wurden, wo sie noch heute existieren. Tatsächlich gibt es bei LaVey in einem Cthulhu-Ritual einen Verweis auf ‘Ak’ als „Wesen der Tiefe"! Ak und Sum finden sich später als Agarthi und Shambala wieder ... [Zurück zum Text]

[21] siehe auch Belatucadros, kelt. Kriegsgott des nördl. Britannien, der Gehörnte des Nordens, sein Name bedeutet „der schöne Glänzende" [Zurück zum Text]

[22] Der Tod Baals wurde im Sommer (zur Sonnenwende?) gefeiert, wenn die Hitze die Natur verbrannte und alles verdorrte. Auch in der nordischen Mythologie ist der Tod Baldurs der Abschluß der ersten Jahreshälfte. Siehe auch der Tod des Eichenkönigs in Frazers ‘Der Goldene Zweig’. [Zurück zum Text]

[23] siehe auch hebr. Adonai, Herr! [Zurück zum Text]

[24] der Beelzebub des Mittelalters, vor dem noch Luther „teuflische" Angst hatte. LaVey will in seiner „Satanischen Bibel" den „Herr der Fliegen" vom ägyptischen Skarabäus ableiten, was schlichtweg Unsinn ist. Da Baal Zebul auch über die Krankheitsmächte herrschte und Heilung geben konnte, stand Jesus ebenso in Verdacht, mit dem Beelzebub im Bunde zu stehen. Mit Beginn der Arbeit an diesem Artikel tauchte in meiner Umgebung eine Fliege auf - und das mitten im Winter! Sie beobachtete mich be-harrlich. Natürlich ist das dann als „reiner Zufall" zu werten, nicht wahr? [Zurück zum Text]

[25] auch eine der Kellipoth, der verfluchten Hüllen der Kabbala [Zurück zum Text]

[26] Isebel war die Gemahlin des hebr. Königs Ahab und war eine Verehrerin des Baal Sidon. [Zurück zum Text]

[27] altdeutsch baldo = kühn, siehe auch das heutige Wörtchen ‘bald’, das in Anlehnung an Baldur ursprünglich ‘schnell, kühn, mutig’ bedeutete! [Zurück zum Text]

[28] hebr.: Gott schütze sein Leben. [Zurück zum Text]

[29] Baal als Gewittergott ist vielleicht sogar für einige lautmalerische Wörter wie poltern, ballern, Böller usw. verantwortlich. Das ist nicht so weit hergeholt, wenn man bedenkt, daß auch das gewöhnliche ‘donnern’ vom Gott Donar abstammt. [Zurück zum Text]

[30] An dieser Stelle müssen einige Grundkenntnisse über Kabbala und Gematria vorausgesetzt werden. Ansonsten bitte entsprechende Literatur zu Rate ziehen. Besonders eminent ist der in der Kabbala zentrale Gedanke, daß Wörter gleichen Zahlenwerts auch einen geheimen, transzendenten inneren Zusammenhang aufweisen! [Zurück zum Text]

[31] Die semitischen Hyksos, die von 1730 - 1580 v. u. Z. Ägypten beherrschten, setzten ihren höchsten Gott Baal dem Set gleich! Auch Anat spielte in dieser Zeit in Ägypten ein bedeutende Rolle. [Zurück zum Text]

[32] „mein Vater ist Baal" [Zurück zum Text]

[33] „mein Bruder ist Baal"
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[34] „mein Verwandter ist Baal".
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[35] „Baal streitet" [Zurück zum Text]

[36] zitiert nach Ringgren, S. 218 [Zurück zum Text]

[37] Siehe die Zeitangaben im biblischen Schöpfungsbericht [Zurück zum Text]

[38] Realität = Ra-Al, also eine göttliche Manifestation! [Zurück zum Text]

[39] Baal selbst wurde teilweise mit androgynen Wesensmerkmalen verehrt (Baal-Peor). Die im Norden Kanaans ansässigen israelitischen Stämme blieben ebenfalls den Lokalkulten um Baal eng verbunden. Deshalb bezeichneten sie ihren Gott nie als Jahwe, sondern immer als Elohim. Das Wort Elohim als Name für ‘Gott’ ist eine Kunstschöpfung, das beide Geschlechter in sich vereint (es ist der maskuline Plural des weiblichen Substantivs)! Die Elohisten waren auch der Meinung, daß jeder Mensch des Volkes Priester sein kann und sollte.
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Literatur:
G. J. Bellinger, Knaurs Lexikon der Mythologie, München 1993
Lexikon der Bibel, hrsg. v. Chr. Gerritzen, Wiesbaden 1990
H. Ringgren, Die Religionen des Alten Orients, Berlin 1987
W. Beltz, Gott und die Götter, Biblische Mythologie, Berlin u. Weimar 1988
W. Beltz, Tor der Götter, Altorientalische Mythologie, Berlin 1978
J. Aistleitner, Die mythologischen und kultischen Texte aus Ras Schamra, Budapest 1959
Die Bibel, Altenburg 1967
A. Crowley, Liber 777 und andere kabbalistische Schriften, Bergen/D. 1993
P. Monaghan, Lexikon der Göttinnen, München 1997
Kleines Lexikon der griechischen und römischen Mythologie, Leipzig 1989
Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, Berlin 1989
A. Osman, Wer war Jesus wirklich?, München 1994

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