Cover Robert Anton Wilson
Das Lexikon der Verschwörungstheorien

Kaum ein Autor vermag so wie Robert Anton Wilson mit seinem literarischen Werk ein kultisches Zwielicht zu erschaffen, in dem sich Fiktion und Wirklichkeit, Ernst und Satire, rationales Wissen und magische Psychonautik vermischen. Leser von „Cosmic Trigger", „Schrödingers Katze" oder „Illuminatus" können dies sicher mit einem Schmunzeln auf den Lippen bestätigen.
Sein neues „Lexikon der Verschwörungstheorien" kommt dagegen schon erstmal mit dem Nimbus des dokumentarischen Sachbuchs daher, obwohl es an vielen Stellen auch von den typisch Wilson’schen Sarkasmen wimmelt. Ich habe das Buch mit großem Interesse gelesen. Eine große Anzahl von Stichwörtern in diesem Lexikon wartet mit weitgehend unbekannten, überraschenden, erstaunlichen und oft auch erschreckenden Informationen und Fakten auf. Dies trifft z.B. auf die P2-Verschwörung in Italien, den internationalen Geldmarkt, die Zusammenarbeit von CIA und Mafia, die Octopus-Verschwörung und Inslaw, das Kennedy-Attentat und viele Persönlichkeiten und Biografien (z.B. W. Reich, Noam Chomsky, Alfred Korzybski, Howard Hughes, Buckminster Fuller, Timothy Leary, Terence McKenna u.a.) zu. Wilson weicht dem offensichtlichen Grauen vor Überwachung, Manipulation und politischem Verbrechen oft aus, indem er die Werkzeuge der Ironie und des Humors dagegen einsetzt. Das tut dem Werk keinen Abbruch, sondern hilft dem Leser, Momente des Zorns, der Hilflosigkeit und Angst zu überwinden. Er verweist damit auch auf die Kraft des Einzelnen, sich mit seiner Imagination und dem sprichwörtlichen gesunden Menschenverstand Ideologien und Übergriffen widersetzen zu können. Wilson zielt mit seinen Hoffnungen vor allen Dingen auf das Internet als dezentralisiertem Medium, das - zumindest noch - reale Freiheit nicht nur verspricht, sondern auch bieten kann. Er zeigt sich damit wieder einmal ganz als Nachfolger von Timothy Leary und seinen revolutionären Thesen vom Cyberspace. Oft aber wirkt das Lexikon auch wie ein Sammelsurium von Überbleibseln aus Recherchen des Autors oder wie ein gedruckter Notizzettel-Kasten. Manche wichtigen Stichwörter, von denen ich mir einiges erhoffte - wie Freimaurer, Illuminaten, Golden Dawn, 23, Prieuré de Sion u.a. - sind ausgesprochen dürftig abgehandelt oder gar nichtssagend. Sehr nützlich ist die durchgehende Verweisstruktur des Buches, die zu jedem Stichwort immer auch Quellenliteratur (auch deutsche) und Adressen im Internet angibt. Stichproben meinerseits zu einigen Web-Adressen führten allerdings häufig ins Leere - das Internet zeigt sich hier wieder mal als offensichtlich sehr kurzlebiges Medium. Das Lexikon enthält durch eine zusätzliche Editierung (Mathias Bröckers) auch Hinweise zu Verschwörungsfällen in Deutschland (z.B. Barschel-Affäre), wobei mich beim Lesen der Formulierung „Herausgegeben und bearbeitet von ..." manchmal der Gedanke beschleicht, ob nicht bei dieser „Bearbeitung" anderes vielleicht verändert oder weggelassen wurde!? Soviel zu meiner eigenen Verschwörungs-Paranoia ... Immerhin gibt Wilson z.B. auch ein Statement FÜR Jan van Helsing ab und lehnt den Vorwurf des Anti-Semitismus (mit dieser Begründung wurde Helsings Buch „Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jh. in Deutschland verboten) mehr oder weniger ab. Vielleicht ist ja dann auch Wilson ab sofort ein Rechtsradikaler??? Für Leute, die sich ernsthaft mit den verborgenen Dimensionen der Weltpolitik auseinandersetzen und für ausgesprochene RAW-Fans ist dieses Buch sicherlich ein Muß, wenngleich ich mir persönlich etwas mehr davon versprochen hatte.
FC

Erschienen ist das Buch Eichborn Verlag, Frankfurt/M. 2000
ISBN 3-8218-1595-7
44,- DM

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