KYBERGNOSTIK

von Fra. Nemesis


GeekDer Titel dieses kleinen Artikels vereint in sich gleich mehrere Aspekte der postmodernen Magie. Zum einen den der Kybernetik, der Wissenschaft um die Abläufe von Kommunikation und Kontrolle, zusammen mit dem zum Gemeinwortschatz gewordenen Begriff des "Cyberspace" (den leider immer mehr und mehr Menschen gebrauchen und weniger und weniger Menschen verstehen). Zum anderen umfaßt dieser Titel die Tradition der Gnostik im weitesten Sinne, die wir einfach einmal als ein Erfahrungssystem umschreiben, im Gegensatz zu den auf reinem Glauben aufbauenden Systemen.
Fast alle magischen Operationen können im Lichte der Kontrolle oder der Kommunikation grob zusammengefaßt werden. Meditationstechniken dienen zum Beispiel oft der Kontrolle des eigenen Geistes, wobei das Rufen einer Gottform ohne weitere Probleme als Akt der versuchten Kommunikation angesehen werden kann. Diese Beispiele können beliebig erweitert werden (z.B. Divination als Kommunikation mit dem Selbst; Verzauberung als Akt der Kontrolle usw.).
Wir leben inmitten von spannend gefährlichen Zeiten, so niemand weiß recht genau, wohin uns die digitale Revolution und der damit wohl zwangsläufig einhergehende Globalisierungsprozess bringen wird (bis auf die Illuminaten natürlich.....FNORD!). Viele Menschen fühlen sich bedroht durch die gesellschaftlichen Neuerungen, oft werden insbesondere ungebildete Seelen zur Radikalität verleitet. Zeiten des Umbruchs sind Zeiten der Schwebe, erfüllt mit den schönsten Möglich- und Unmöglichkeiten. Etablierte Glaubenssysteme wie das Christentum buhlen verzweifelt um neue Anhänger, ohne in ihren inneren Strukturen einheitlich leitgebende Ideologien binden zu können. Das Ergebnis für viele Monotheisten, der Ausstieg aus der Kirche und der Einstieg in ein verzweifelt materialistisch-atheistisches Niemandsland. Hat es je eine bessere Zeit gegeben um auf den Fäden des Wyrd zu balancieren, Zaubersprüche zu klopfen und mit alten Göttern durch die Stadt zu ziehen? Ich denke nicht.
Fast jede/r redet darüber, kaum einer versteht es, die Sache mit der Digitalisierung. Bevor auf eventuelle magische Zukunftsperspektiven eingegangen werden kann, sollten wir uns lieber einmal kurz und bündig der tatsächlichen Bedeutung des Begriffes "Digital" zuwenden. Das große Potential des Digitalen wird durch seine binäre Einfachheit bedingt. Das heißt quasi, daß sich im Innersten jedes noch so komplizierten Vorganges immer wieder die Frage ob 1 oder 0, ob an oder aus stellt. Die Vier-Basen-Struktur der menschlichen DNA, eröffnet in vergleichbarer Hinsicht ebenso phantastische Möglichkeiten. Geek2Während der vierten Februarwoche im Jahr 2000, ließ die Deutsche Bank bekanntgeben, daß sie in Zukunft eng mit AOL Europe, SAP (die wiederum mit Daimler-Chrysler zusammenarbeiten) und Yahoo kooperieren würden, um in naher Zukunft gemeinsam neue Arten des Internet-Banking etablieren zu können. In der gleichen Woche kam es für so manchen Broker zu Situationen, die teilweise in Hysterie auszuarten drohten, ausgelöst durch das fast manische Verlangen unzähliger Kunden, die neue Siemens Aktie Infineon so bald wie möglich zu erstehen. Auf der CeBIT in Hannover, der wohl bedeutsamsten Computermesse der Welt, präsentierte Alcatel ihre letzte technische Errungenschaft. Ein neues Gerät, daß Datentransfer über herkömmliche Stromleitungen erlaubt, bis zu einer Rate von 2 Millionen bits pro Sekunde, genannt "Line-Runner PDSL". Diese besagte Woche war in keiner Weise ungewöhnlich für das beginnende Jahrtausend. Natürlich wird sich all dies zum Zeitpunkt der Publikation dieses Textes schon wieder in öde Vergangenheit gewandelt haben.
Digitale Technologie umgibt uns überall, ob bei der Arbeit, in der Küche oder in unseren Schlaf- und Wohnzimmern. Obgleich der Computer wohl das digitale Musterbeispiel par excellence darstellt, können gewöhnliche Mikroprozessoren so in ziemlich allem, vom Toaster bis zur Mikrowelle gefunden werden. Ob man diesen Trend nun tatsächlich als Revolution im klassischen Sinne betrachten kann, hängt wohl von der individuellen Definition dieses Begriffs ab. Die gängigen, in Nachschlagewerken vorzufindenden Definitionen beziehen sich generell auf den Akt des Umsturzes eines bis dahin gültigen Systems/einer Regierung, oder/und auf die drastische oder komplette Veränderung von Bedingungen und/oder Methoden.
Nun könnte man natürlich argumentieren, daß sich der Prozeß der Digitalisierung disqualifiziert, da sich ohne die Gesamtheit der Gesellschaft (und deren Mitwirkung) keinerlei Wirkung entfaltet. Somit könnte der rein technologische Aspekt wohl kaum als Revolution im Karl Marx'schen Sinne betrachtet werden. Als Analogie sei nur kurz die "Pille" genannt, die ohne die Einnahme von Millionen von Frauen jeden Tag wohl auch keinerlei Wirkung entfalten würde. Würde man allerdings nur historische Ereignisse wie die politische Bewegung im Frankreich des Jahres 1789 in Betracht ziehen, fiele wohl auch die industrielle Revolution unter den Tisch. Etwas was nicht sehr angebracht erscheint, angesichts des enormen Unterschiedes zwischen der Gegenwart und dieser relativ nahen Vergangenheit. Nuklearbombentechnologie hat es ja auch geschafft, die Weltordnung (oder wohl eher Unordnung ...) umzustürzen, ohne das jemals mehr als zwei Atombomben im militärischen Ernstfall eingesetzt worden wären. Ja, die bloße Existenz des Wissens um solche Massenvernichtungswaffen, hat die Welt verändert. Die Geschichte des kalten Krieges ist eine Geschichte konkurrierender Technologien, die niemals zum konkreten Einsatz kamen.
Die fortschreitende Digitalisierung innerhalb unserer westlichen Gesellschaft hat bereits einige Bereiche der Unterhaltungs- und Rüstungsindustrie, sowie der Telekommunikation grundlegend erneuert. Thanatos und Eros bilden das Rückgrat und die stärksten Kräfte innerhalb dieses Prozesses. Das ARPA-Net, der direkte Vorläufer des heute so gängigen Internets, wurde vom amerikanischen Militär (Thanatos Aspekt) finanziert, um im Falle eines nuklearen Holocausts auch weiterhin über ausreichend verläßliche Kommunikationsmittel zu verfügen, die über ein dezentralisiertes Netzwerk einer solchen Attacke standhalten könnten. Die Hauptgeldgeber der ersten Stunde in Bezug auf E-commerce und ähnliches waren weitsichtige Investoren aus der Pornobranche (Eros Aspekt). Für viele Menschen nicht gerade die bevorzugten Gründerväter einer Welterneuerung, die uns in vielen Bereichen mehr und mehr vom Atom fort, und zum Bit hinführen wird. Vieles spricht dafür, daß eine neue Informationselite in den nächsten Jahren entstehen wird, die durch ihre Existenz augenblicklich große Teile der Gesellschaft vom relevanten Partizipieren im neuen "Informationszeitalter" indirekt abhalten wird. Es gibt genug Menschen, die bereits große Probleme damit haben, allmonatlich ihre Miete zu bezahlen, geschweige denn sich einen leistungsfähigen Computer zu kaufen, der sich bereits innerhalb von 18 Monaten auf fast magische Weise in Technoschrott verwandeln wird. Auch dürfen wir nicht vergessen, daß es sich bei vielen der neuen "Propheten" der Bits und Bytes schlichtweg um "Geeks" handelt. Diese "Geeks" zeichnen sich in großen Teilen dadurch aus, daß sie eine gewisse Außenseiterposition in der Gesellschaft einnehmen, bedingt durch Unter- bzw. Übergewicht, Pickel, fettiges Haar und ein nicht normal durchschnittliches Sexualleben. Die meisten sind Männer.
Natürlich ist all dies eine schreckliche Verallgemeinerung, aber es gibt nun einmal halt keine empirischen Daten, die belegen, wie oft Computergeeks masturbieren. Gespräche mit einer ganzen Reihe von Menschen, einige davon soziologisch oder anderweitig vorgebildet, haben in mir die Überzeugung wachgerufen, daß die Stereotypen "Geeks" betreffend (oder Otaku im japanischen Kulturkreis) zum größten Teil nicht den Medien, sondern der persönlichen Erfahrung entnommen sind. Selbst bei leichtem Nachgrübeln fallen mir partout um die 6-12 Personen ein, auf die diese Stereotypen perfekt passen.
Was aber hält diese Technologie für den Magier des neuen Äons bereit? Oberflächlich gesehen fallen einem natürlich erst einmal die vielen Vorteile der Datensammlung innerhalb des Internets ein. Obgleich viele Kritiker des Internets immer wieder behaupten, der Großteil der dort zu findenden Information sei einfach Schrott (womit sie zweifellos Recht haben), übersehen sie die Tatsache, daß es sich auch bei den meisten Erzeugnissen der bisher gängigen Printmedien eher um nebensächlich oberflächliche Druckerzeugnisse handelte (Der Bergmagier .... ähhh .... natürlich Bergdoktor zum Beispiel). Wer sich wirklich öfter im Internet aufhält, wird sich auch schnell auf verläßliche Informationsquellen hin orientieren können. Der Magier des neuen Äons wird die Möglichkeit haben, sehr viel Geld in Bezug auf Bücherkauf zu sparen, da insbesondere bei klassischer Magieliteratur oftmals der wichtige Teil der meisten Publikationen auf weniger als fünf Seiten Papier zusammengefaßt werden kann (und in vielen Teilen des Internets bereits wurde).

Die neue Informationstechnologie erlaubt es im besonderen in vielen Teilbereichen der Magie unabhängiger vom Faktor Ort zu agieren. In zehn Jahren wird ein multimedialer Computer wohl seinen festen Platz in fast allen fortschrittlichen Tempeln der Magie gefunden haben. Rituale mit verschiedenen Gruppen, Individuen und/oder Logen lassen sich per Computer aufs genaueste timen. Man stelle sich eine Gruppe von in schwarze Roben gehüllter Magier und Hexen vor, die an der Schwelle zur höchsten Gnosis wie gebannt auf einen großen Flachmonitor starren, darauf wartend, daß der Orient in Melbourne durch das Erscheinen eines grafischen Puzzlestücks das Gelingen einer Sigillenladung bekannt gibt. Unser imaginärer Orient weiß nun genau wann sie das "BLAST OFF" Kommando für ihre speziell vorbereiteten Sigillen geben können. Bei Gelingen dieser Operation könnten sie im Gegenzug durch das Versenden ein paar grafischer Bits allen anderen Bruder/Schwesternschaften um den Globus auf eindrucksvolle visuelle Weise klar machen, wie weit das Ritual fortgeschritten ist. Vorstellbar wäre, somit zukünftig großflächig angelegte Rituale bequem koordinieren zu können. Auch das gemeinsame Konzentrieren auf eine nur im Cyberspace befindliche Sigille wäre durchaus möglich, ja der Cyberspace bietet sich geradezu perfekt an, da er viele Gemeinsamkeiten mit der Astralebene aufweist. Allerdings müssen allzu euphorische Gemüter gleichzeitig gebremst werden, die virtuelle Realität kann im physischen wie im magischen Sinne nie zu einem Ersatz, höchstens zu einer speziell Sinn und Zweck gerichteten wertvollen Ergänzung werden. Wer die physische Ebene und den Weg des häuslichen Herdes nicht meistern kann, wird kein Heil im Cyberspace oder der Astralebene finden. Wir sind glücklicherweise noch einen weiten Weg von der Gibsonschen Utopie des neuronalen Surfens entfernt, vorerst wird der Körper uns begleiten. Das ist meiner Meinung nach auch gut so. Transzendenz ist ein spiritueller, nicht ein physischer Zustand. Selbst wenn das Bewußtsein eines Tages in ein Fiberglaskabel verlegt werden könnte, wird das niemals gleichbedeutend mit wahrer innerer Initiation sein. Jene, für die der Körper eine unüberwindliche Hürde darstellt, mögen sich über solche Zukunftsmusik freuen. Doch viel glücklicher würde es wohl so manchen Pseudo-Spirituellen machen, sich durch harte Disziplin mit ihren Körpern auseinander zu setzen. Keine Niagara-Fälle voll zuckersüßer Cola mehr saufen, ein wenig mehr Sport machen, die Chipstüten rituell verbannen und vielleicht einmal zum Friseur gehen. Das sind harte Lösungswege für so manchen, aber es sind welche, die Veränderungen hervorrufen, darauf kommt es in der praktischen Magie ja letztendlich an. Es gibt innerhalb des großen Werkes kein Freibier, auch nicht im Cyberspace.
Der ausgeglichene Magier, im physikalischen in Einklang mit sich selbst wie im spirituellen, wird sich die neuen Technologien zu Nutze machen um willentlich zu wirken, um den Wahren Willen durch neue Kanäle zur Manifestation zu bringen. Er wird ein Kybergnostiker geworden sein. Ein Meister der Kommunikation und Kontrolle.
Das neue Äon wird ein digitales sein, es liegt an jedem einzelnen Magier selbst, ob er/sie die Welt der Einsen und Nullen beherrschen wird, oder ob sie ihn umgekehrt beherrschen.

CHOYOFAQUE


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